ViaRhôna: von Bourg Saint-Andéol nach Avignon 1


Auf der Höhe von Pont Saint-Esperit endet bislang noch die ViaRhôna. Weiter im Süden gibt es jedoch weitere ausgebaute Teilstücke, die bis 2020 komplett fertiggestellt werden. Wir sind neugierig und wollen die nächsten Highlights, die künftig die ViaRhôna berühren wird, schon jetzt kennen lernen.

Schließlich gibt es ja die Bahn – im TER der SNCF dürfen unsere Räder mitreisen. Und der Schluss-Sprint ans Meer ist auch schon ausgebaut: Allez hop – unsere Reise auf der ViaRhôna geht weiter. Das nächste Ziel: Avignon!

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Vatikan der Provence: Avignon

Mehr als hundert Jahre lang war Avignon das Machtzentrum des Christentums. Nicht mehr Rom, sondern die reiche Stadt an der Rhône Avignon regierte ab 1309 die Glaubenswelt. Hinter ihrer 4,5 km langen Stadtmauer, die bis heute die Altstadt fast vollständig umschließt, residierten sieben Päpste und zwei Gegenpäpste – Clemens VIII. (1378 – 1394) und Benedikt XIII (1394 – 1423).

Erst mit dem Konzil von Konstanz und der Absetzung bzw. Abdankung dreier Päpste wurde die Spaltung der Kirche beendet und der Italiener Oddo di Colonna als Papst Martin V. von allen als oberster Hirte der Gläubigen anerkannt. Avignon als Epizentrum des Christentums hatte 1417 ausgedient. Doch was haben diese 108 Jahre nicht für ein reiches Erbe hinterlassen!

Wir entdecken die Welterbe-Altstadt

Unsere Räder parken wir an der Porte de l’Oulle. Hinter dem betriebsamen Einfallstor zur Altstadt öffnet sich die Place Crillon mit zahlreichen Straßencafés im Schatten der Ancienne Comédie d’Avignon, die 1732 als erste Bühne der Stadt errichtet worden war – vorher hatte es in Avignon keinen eigenen Theaterbau gegeben.

Warum auch? Theater funktioniert auch open-air. Wie gut, beweist Avignon alljährlich in den drei letzten Juliwochen, wenn sich die Altstadt innerhalb des Mauerrings in eine einzige farbenfrohe Freilichtbühne verwandelt.

Neben dem „In“-Aufführungen des Festival d’Avignon im Palais des Papes, im Karmeliterkloster und anderen Spielorten gibt es hunderte von „Off“-Aufführungen. Private, häufig noch unbekannte Theatergruppen aus Europa und Übersee hoffen so auf gute Kritiken und den Durchbruch ins Theatergeschäft.

Straßentheater, frech, provokativ oder absurd, schräge Happenings, Clownerien oder Ein-Mann-Shows – jeder hat dann seinen Auftritt. Gespielt wird rund um die Uhr, auf Plätzen und Straßen, in Hinterhöfen, Parks, Cafés und an den Ufern der Rhône.

Der Place des Carmes ist das Zentrum des Quartier Balance, des früheren Zigeunerviertels. Sonnabends gastiert der Blumenmarkt, sonntags pilgern Einheimische und Besucher und stöbern nach  „brocante“, Trödel, auf dem Platz des einstigen Karmeliterinnen-Kloster, von dem nur ein kleiner Kreuzgang übrig geblieben ist.

Während des Festivals wird auch dieser Platz zur Bühne; die anderen Monate ist das Cloître des Carmes Bühne für Tanz, Theater und Konzerte. Ein anderer Ort, ebenso „incontournable“: die Place des Corps-Saints, wo bei den ersten Sonnenstrahlen die Terrassencafés bis auf den letzten Platz besetzt sind.

Ausgelassen tobt der Festivaltrubel auch auf der Place de l’Horloge, auf der Cafés und Restaurants ihre Tische und Stühle aufgestellt haben. Eine Tiefgarage schluckt die Autos, ein nostalgisches Karussell dreht seine Runden.

Ein Eis in der Hand, schlendern wir durch eine schmale Gasse vorbei am Hôtel des Papes zur schönsten Freiluftbühne der Stadt: dem großen Rechteckplatz vor dem imposanten Palais des Papes.

Palais des Papes: ein Gottesfestung zum Fürchten

Abweisend, eher einer Festung ähnlich, erhebt sich der riesige Komplex des Papstpalastes hinter der Bühne. Eine Burg mit Türmen und Zinnen, winzigen Fenstern: militärisch-streng der Palais Vieux, kühler Prunk beim Palais Neuf.

Flammen zerstörten fast die gesamte Inneneinrichtung, die sich nicht an christlicher Askese, sondern höfischer Prachtentfaltung orientierte. Ungeheuer prunkvoll erhalten ist jedoch die benachbarte Kathedrale mit Wand- und Deckenmalereien, korinthischen Kapitellen, gedrehten Säulen und einer vergoldeten Madonna, die auf dem Turm im Sonnenlicht funkelt.

Zwischen Papstpalast und Place de l’Horloge eröffnet am 20. April 2017 im Palais Calvet de la Palun, zuletzt herrschaftliches Domizil der Banque de France, das Carré du Palais als Schaufenster der Côtes-du-Rhône-Weine. Ihr könnt dort eine Weinschule besuchen, die Tropfen an der Weinbar verkosten, bei kulinarischen Workshops die Harmonie von Wein und Speisen entdecken – und, falls ihr zu tief ins Glas geschaut hab, auch gleich hier übernachten. Denn zum Komplex gehören auch sechs Suiten, nobel wie die Weine.

Pont Bénézet: eine Brücke in 3D

Nördlich an die Kathedrale schiebt sich der Kalkkegel des Rochers des Doms als Aussichtskanzel an das Ufer der Rhône. Aus dieser Höhe gelingt es uns besser, sich die Pont St-Bénézet mit ihren 22 Bögen vorzustellen, die einst die Rhône überspannten.

Seit 2016 verrät auch eine 3-D-Rekonstruktion in der Ausstellung „Le Pont retrouvé“ auf der berühmten Brücke, wie sie um 1550 ausgesehen hat. Heute sind von der einst 900 m langen Passage nur noch vier Bögen und eine Kapelle, die dem Heiligen Nicolas gewidmet ist, erhalten.

Flanieren mit Flair

Nach dem „Pflichtprogramm“ lassen wir uns treiben, bummeln durch Kopfsteingassen, die stattliche Patrizierhäuser säumen, und blicken staunend auf einen Innenhof: Lauter dünne Plastikstreifen, bunt beklebt, flattern in der einen Seite dicht an dicht im Wind.

Neben einer alten Platane erteilt ein übergroßer schwarzer Mann einem anderen Mann einen Schlag mit dem Kopf: „Coup de Tête“ nannte Adel Abdessemed seine Plastik, die anlässlich des Festivals 2016 aufgestellt und bis Januar 2018 vor dem Eingang der Collection Lambert verbleiben wird. Die Sammlung von Yves Lambert, der Avignon 559 zeitgenössische Kunstwerke vermachte, ist dank des Zusammenschlusses von zwei 300 Jahre alten Stadtpalästen seit 2016 auf verdoppelter Fläche zu sehen.

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Im Hôtel de Caumont werden aktuelle Ausstellungen gezeigt, Auditorium, Empfangssaal und „Project Room“ als Event-Fläche. Die Dauerausstellung im Hôtel de Montfaucon lädt zur Zeitreise von den Sechzigern bis heute. Zu den Schätzen des Pariser Avantgarde-Galeristen gehören Arbeiten von Robert Ryman, Cy Twombly, Nan Goldin oder Bruce Nauman. PJean-Michel Basquiat und Julian Schnabel stehen für die Achtziger. Die 2000er Jahre werden von Künstlern wie  Douglas Gordon, Louis Jammes und Idriss Kahn dokumentiert. Beide Palais sind für mich zudem eine wunderschöne Verbindung zwischen alter Architektur und moderner Kunst!

Wir laufen durch die kleine, ruhige Grünanlage Square Agricol Perdiguier am Temple St-Martial – und stehen dann plötzlich, etwas verdutzt, wieder im Trubel der Rue de la République. Das Shopping auf der betriebsamen Einkaufsmeile von Avignon zwischen Bahnhof und Rathaus dominieren Filialen landesweiter Ketten.

Kleine, individuelle Geschäfte, hippe Boutiquen und alteingesessene Fachgeschäfte wie Mouret, wo seit 1860 tout Avignon seine Hüte kauft, findet ihr eher in den Altstadtgassen. Die Rue Bonneterie bringt euch direkt zu den Markthallen von Avignon. Und da trinken wir jetzt erst einmal einen Café! Unsere Füße brennen…. Claudias Health App auf dem Handy verrät: 14.000 Schritte. 13 Stockwerke. Sightseeing ist eindeutig anstrengender als Radeln!

Meine Reisetipps: Avignon

Schlafen

Hôtel Horloge

Topzentral gelegenes Dreisternehaus, das internationale Gäste – vor allem Engländer – anlockt. Gefrühstückt wird bei üppigem Büffet im Nebengebäude.
• 1, Rue Félicien David, 84000 Avignon, Tel. 04 90 16 42 00www.hotel-avignon-horloge.com

Cloître Saint-Louis

Erst Jesuitenseminar, später Armeehospital und Altersheim, heute Kulturzentrum und Viersternehotel: Der Cloître Saint-Louis hat wechselvolle Zeiten erlebt. Seine 85 Hotelzimmer befinden sich sowohl im alten Kloster wie im Neubau von Jean Nouvel.
• 20, rue du Portail Boquie, Tel. 04 90 27 55 55, www.cloitre-saint-louis.com

Hôtel Médiéval

Eine monumentale Treppe führt im Altstadthotel zu den 35 nostalgisch-komfortablen Zimmern.
• 15, rue Petite Saunerie, Tel. 04 90 86 11 06, www.hotelmedieval.eu

Hôtel Saint-George

800 Meter außerhalb der Altstadt punktet das Hôtel Saint-George mit modernen sauberen Zimmer, gutem Frühstück und privatem Parkplatz.
• 12, Traverse de l’Etoile, Tel. 04 90 88 54 34, web.siteexpresspro.fr/113763326.

Schlemmen

Agape

Sehr angesagt ist derzeit das Restaurant Agape im Faucon-Viertel. Im Sommer ist gegrillte Dorade der Hauptgang des Abendmenüs, im Winter krosses Schwein vom Mont-Ventoux.

• 21, place des Corps Saints, 8400 Avignon, Tel. 04 90 85 04 06, www.restaurant-agape-avignon.com

Le Goût du Jour

Traditionelle französische Hausmannskost interpretiert Richard Corre modern, frisch und leicht.
• 20, rue Saint-Étienne, Tel. 04 32 76 32 16, www.legoutdujour84.com

Maison Ripert

Im nostalgischen Dekor der einstigen Patisserie begeistert Cedric Preud’homme mit moderner Bistroküche.
•28, rue Bonneterie, Tel. 04 90 27 37 97, www.facebook.com/maisonripert

Ein kostenloser Bootsshuttle bringt euch vom Rocher des Doms zum Ausflugslokal Le Bercail, das auf der Île de la Barthelasse zum Paradeblick auf Avignon kreative Provenceküche serviert, seitdem die jungen Patrons für neuen Schwung in der Küche gesorgt haben.
• 162, chemin des Canotiers, Tel. 04 90 82 20 22, www.restaurant-lebercail.fr

Shopping

Les Halles

An der Fassade eine grüne Wand, drinnen ein Schlaraffenland der Genüsse. In der Markthalle von Avignon bieten 40 Händler regionale Erzeugnisse anbieten: Papalines aus Schokolade, Zucker und Oreganolikör, Kutteln und Würste, Oliven, Trüffel, Gemüse und Kräuter. Wie sie verarbeitet werden, zeigen Hobby- und Profiköche in der Petite Cuisine des Halles samstags um elf Uhr (außer August).
• Place Pie, avignon-leshalles.com, Di. – Fr. 6.00 – 13.30 , Sa./So 6.00 – 14.00 Uhr

Kreative Mitbringsel

Einen guten Überblick über die Design- und Kunstszene von Avignon bietet das Online-Portal Les Fabricateurs, deren Mitglieder auch beim jährlichen Festival Parcours des Arts im Oktober teilnehmen. Ein Faltblatt, beim Office de Tourisme erhältlich, lädt ein, die Künstler auf einem Spaziergang zu entdecken.

Erleben

Spannender als eine Stadtrundfahrt mit dem Petit Train ist es, Avignon mit den Leihrädern von Vélopop zu entdecken – an 18 Stationen warten 200 Stadträder. Geführte Fahrradtouren mit Audio-GPS, Familienradfahrten mit Schatzsuche und kulinarische Biketouren bietet Daytour an – dieser Anbieter verleiht auch Fahrräder!

Wer schon immer einmal mit einem Gyropode, wie die Franzosen das Segway nennen, unterwegs sein wollte, kann mit Mobilboard durch die Altstadt oder hin zur Île de Barthelasse rollern.

Die schönsten Veranstaltungen

Erste Großveranstaltung des Jahres ist Cheval Passion mit Messe, Galashows, Wettbewerben und 1200 Pferden im Januar. Zu Himmelfahrt erobern in geraden Jahren bei der ALTERAROSA Rosen die ganze Stadt – sie schmücken den Kreuzgang des Papstpalast, das „Pink Nique“ in den Gärten, den Rosenpfad durch die Stadt und die Kreationen von 60 Künstlern.

70 Jahre alt, aber bis heute erfrischend jung, ist das 1947 gegründete Festival d’Avignon, das im Juli drei Wochen lang die gesamte Stadt zur Bühne macht. Zeitgleich präsentiert das Festival OFF d’Avignon 1300 Kulturevents an 132 Orten: Straßentheater, Zirkus, Tanz, Lesungen.

Von Mitte August bis Anfang Oktober inszeniert die Tonlichtschau Les Luminessences d’Avignon eine Zeitreise in 3D auf den Mauern des Papstpalastes.



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