Villefranche-sur-Mer: das Exil der Rolling Stones
Wie ein geschütztes Amphitheater liegt die Bucht von Villefranche-sur-Mer zwischen den Hügeln der Côte d’Azur. Bahnhof und Bucht trennen nur wenige Schritte. Und schon beginnt das Staunen. Tief und dunkelblau schimmert das Wasser, so tief, dass Kreuzfahrtschiffe direkt am Quai festmachen können, ohne erst draußen auf Reede zu gehen.
Auch bunte pointus, die traditionellen Holzboote mit Lateinersegel oder Außenborder, sind hier am Kai noch vertäut. Wie einst fahren noch einige Fischer im Dunkel der Nacht hinaus und kehren morgens zurück, um frisch vom Kutter direkt an der Hafenmole ihren Fang zu verkaufen. Dann mischt sich die salzige Brise des Mittelmeers mit Diesel, wird der Fisch von flinken Fingern entweidet und auf Wunsch auch filetiert. Doraden (dorades) und Meerbarben (rougets), Seebarsch (bar) und Tintenfisch (calamar). Seit Jahrhunderten lebt dieser Ort vom und mit dem Mittelmeer.

Villefranche-sur-Mer. Ein Name, der Freiheit verspricht. 1295 hatte Karl II. von Anjou im Jahr 1295 hier an der Ostgrenze seiner Grafschaft Provence einen sicheren Naturhafen angelegt und alle Einwohner von Steuern und Abgaben befreit, um neue Bewohner anzulocken.
Damals war die Küsten nahezu entvölkert – und die Einheimischen hatten sich angesichts der ständigen Piratenüberfälle ins Hinterland verschanzt. Eine „Charta der Freiheit“ sichert die Privilegen der Villa Franca. Den Zusatz sur-Mer trägt Villefranche erst seit 1988.
1388 übernahmen die Herzöge von Savoyen hier die Herrschaft und betrieben hier bis zum Bau des Hafens von Nizza im 18. Jahrhundert ihren einzigen Seehafen Heute schmiegen sich pastellfarbene Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert an die steilen Hänge: ockerfarbene, lachsfarbene, zartgelbe Fassaden, die im Licht der südfranzösischen Sonne wie Aquarellfarben leuchten.

1971 – der Sommer der Stones an der Côte d’Azur
Exile heißt der Arbeitstitel der Scheibe, die die Rolling Stones im Sommer 1971 aufnehmen wollen. Ihr Titel beschreibt treffend ihre eigene Situation: Die berühmteste Rockband der Welt ist im Exil. Auf der Flucht vor der britischen Steuer verkriechen sich die Musiker in Frankreich. Mick Jagger zieht mit seiner späteren Frau Bianca nach Saint-Tropez; die restlichen Bandmitglieder in andere Orte der südfranzösischen Küste. Keith Richards mietet sich in eine Villa hoch über Villefranche-sur-Mer ein, die im Krieg Gestapo-Hauptquartier gewesen sein soll. Noch in den 1970er-Jahren zierten Hakenkreuze die Heizkörper der Villa Nellcôte.
Berauscht vom Land und Leben, von Koks, Heroin und Co., von schnellen Booten und Frauen in Leoparden-Bikinis, spielen die Stones im schwül-warmen Klima des Sommers 1971 im fensterlosen Keller der Villa Welthits ein: Tumbling Dice, Happy und andere Klassiker. Der Strom für das Equipment wurde illegal von einer Stromleitung, die durch den Villenpark führte, abgezapft.

Das Doppelalbum Exile on Main St., das 1972 erscheint, gilt heute als eines der besten Rockalben aller Zeiten. Der raue, dreckige Sound – eine Mischung aus Blues, Country, Gospel und Rock’n’Roll – atmet die Atmosphäre jener wilden Sommermonate. Die Villa Nellcôte, ein neoklassizistisches Anwesen mit weitem Blick über die Bucht, wurde zur Legende. Heute ist sie in Privatbesitz. Die Fans pilgern dennoch zum Tor und fotografieren die ockerfarbene Fassade, hinter der Rockgeschichte geschrieben wurde.
Cocteau im Opium-Rausch
Keith Richards war nicht der erste Künstler, der in Villefranche sein Exil fand. Lange vor den Stones entdeckte Jean Cocteau den Ort für sich – Dichter, Maler, Filmemacher, Universalgenie der französischen Moderne. 1924 kam er zum ersten Mal, erschöpft von einer Entziehungskur, süchtig nach Opium, auf der Suche nach Ruhe und Licht. Er fand beides im Hôtel Welcome. Das schlichte Haus steht bis heute direkt am Kai, keine fünfzig Schritte vom Wasser entfernt.
Morgens weckten ihn die Rufe der Fischer. Abends wehte der Geruch gegrillter Sardinen durchs offene Fenster. Cocteau liebte dieses Zimmer, liebte den Blick auf das Meer, auf die Kapelle Saint-Pierre, die sich ans Ufer duckte wie ein gestrandeter Stein. Jahr für Jahr kehrte er zurück. Der Wirt erkannte rasch den Wert seines prominenten Gastes. Cocteaus Name lockte Besucher an, sein Charisma füllte die Tische auf der Terrasse.

Cocteau und die Fischer
Als Dank bekam der Künstler sein Zimmer kostenlos – und ein zweites dazu. Dort konnte er ungestört rauchen, schreiben, träumen. Briefe entstanden in diesem Raum, Gedichte und Pläne für Filme. Und eine Idee, die Villefranche-sur-Mer bis heute prägt. Vom Fenster aus sah Cocteau jeden Tag auf die Kapelle der Fischer. Saint-Pierre, dem Schutzpatron der Seeleute geweiht, gehörte seit Jahrhunderten der Bruderschaft. Sie nutzten das kleine Gebäude als Lager, stapelten dort ihre Netze, ihre Körbe, ihre Bojen und andere Utensilien ihres Berufs.
Die Feuchtigkeit nagte am Gemäuer, der Putz bröckelte, das Dach leckte. In den 1950er-Jahren machte Cocteau dem Fischerverein ein Angebot: Er wolle die Kapelle restaurieren und bemalen. Die Fischer stimmten zu. Was folgte, war eine künstlerische Verwandlung. Cocteau bedeckte die Wände mit Fresken in leuchtenden Farben. Er malte Szenen aus dem Leben des heiligen Petrus, malte die Fischer und ihre Boote – und malte Engel mit den Gesichtszügen der Frauen von Villefranche-sur-Mer.
Augen allerorten
Augen, überall Augen – Cocteaus Markenzeichen. Sie blicken von der Decke, aus den Ecken, folgen dem Besucher durch den kleinen Raum. Die Kapelle gehört bis heute den Fischern. Nur sie und ihre Kinder dürfen hier heiraten. Einmal im Jahr, am Fest des heiligen Petrus, findet eine Messe statt. Dann drängen sich die Menschen in dem winzigen Raum, der kaum dreißig Personen fasst. Kerzen flackern vor den Fresken. Draußen liegt das Meer, ruhig und blau.
Das Hôtel Welcome existiert noch immer. Drei Sterne schmücken heute die Fassade, der Charme ist geblieben. Cocteaus Zimmer wurde zum Gedenkraum. An der Wand über dem Bett steht in geschwungenen Lettern sein Satz: „Manchmal muss man sich vom Nichtstun ausruhen.“
Die Altstadt: ein mittelalterliches Labyrinth

Wer vom Hafen in die Altstadt von Villefranche-sur-Mer hinaufsteigt, taucht in ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen ein. Die Rue Obscure, die dunkle Straße, entpuppt sich als eine überwölbte Passage aus dem 13. Jahrhundert, die einst die Bewohner bei Angriffen schützte. Heute lauft ihr hier zwischen dicken Steinmauern hindurch, das Licht fällt nur spärlich durch schmale Öffnungen. 130 Meter lang zieht sich der düstere Gang durch die Altstadt – kühl selbst im Hochsommer, ein wenig unheimlich und absolut faszinierend.
Oberhalb der Rue Obscure öffnen sich kleine Plätze, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Wäsche hängt zwischen den Häusern, Katzen dösen auf Treppenstufen. In winzigen Restaurants schmausen die Einheimischen socca, den Kichererbsenpfannkuchen aus Nizza, und pissaladière, eine Art Pizza mit Zwiebeln, Sardellen und Oliven.

Die Zitadelle und das Meer
Über allem thront die Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, die Herzog Emanuel Philibert von Savoyen errichten ließ. Die mächtigen Mauern sollten die strategisch wichtige Bucht vor Angriffen schützen. Heute beherbergt das Bauwerk drei Museen. Eine Sammlung zeigt Skulpturen von Antoniucci Voltigero, genannt Volti, einem französischen Bildhauer italienischer Abstammung, der die weibliche Form verehrte. Das Musée Goetz-Boumeester präsentiert die private Kollektion von Henri Goetz und Christine Boumeester mit Arbeiten von Picasso, Picabia, Miró und Hartung. Eine dritte Ausstellung zeigt mittelalterliche Skulpturen.
Von den Bastionen der Zitadelle schweift der Blick über die gesamte Bucht. Das Wasser schimmert in allen Blautönen, von Türkis bis Ultramarin. An klaren Tagen reicht die Sicht bis Cap Ferrat, der exklusiven Halbinsel, auf der einst König Leopold II. von Belgien seine Villa baute. Unten am Kai reihen sich die Restaurants aneinander, die Terrassen so nah am Wasser, dass man die Wellen fast berühren könnte.

Zwischen bodenständig und exklusiv
Villefranche-sur-Mer ist trotz seiner Schönheit nie so mondän geworden wie das benachbarte Monaco oder Cannes. Der Ort hat sich eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt. Ja, es gibt teure Jachten in der Bucht. Ja, die Immobilienpreise sind schwindelerregend. Aber es gibt auch noch das Café de la Paix, wo Fischer ihren pastis trinken. Es gibt den Wochenmarkt, auf dem Bauern aus dem Hinterland Ziegenkäse, Honig und Gemüse verkaufen. Es gibt die alten pointus, die traditionellen Fischerboote, die immer noch aufs Meer hinausfahren.
Die Bucht selbst ist ein Naturhafen der Superlative. Mit 150 Metern Tiefe gehört sie zu den tiefsten des Mittelmeers. Kreuzfahrtschiffe nutzen sie als Anlegestelle, dann strömen für ein paar Stunden Tausende Besucher durch die engen Gassen, bevor die schwimmenden Hotels wieder ablegen und die Stille zurückkehrt.

Unter der Oberfläche
Das tiefe Wasser lockt nicht nur Schiffe, sondern auch Taucher. Vor der Küste liegt das Wrack der Ville de Grasse, eines Dampfschiffs, das 1851 sank. In 45 Metern Tiefe ruht das Schiff auf dem Meeresgrund, überzogen mit Algen und Korallen, bewohnt von Barschen, Muränen und Oktopussen. Tauchschulen bieten Expeditionen zum Wrack an – ein gespenstisches, aber faszinierendes Erlebnis.
Auch ohne Tauchausrüstung lohnt das Meer. An der Plage des Marinières liegen im Sommer die Menschen dicht an dicht am Stadtstrand. Das Wasser ist glasklar, der Blick auf die bunten Häuserzeilen perfekt. Ein paar Schritte weiter liegt die kleinere Plage de la Darse, ruhiger, versteckter, bei Einheimischen beliebt.

Zwischen den Welten
Villefranche-sur-Mer liegt eingeklemmt zwischen Monaco im Osten und Nizza im Westen. Beaulieu-sur-Mer und Saint-Jean-Cap-Ferrat sind nur Minuten entfernt. Wer mit dem Zug an der Côte d’Azur entlangfährt, erreicht den kleinen Bahnhof nach wenigen Kilometern. Von dort sind es nur wenige Gehminuten hinunter zum Hafen.
Die Lage macht Villefranche-sur-Mer zum idealen Ausgangspunkt für Erkundungen. Nizza mit seiner Promenade des Anglais, seinen Museen und Märkten liegt nur sieben Kilometer entfernt. Monaco, das Fürstentum der Superlative, keine zehn Kilometer. Wer das Hinterland erkunden will, fährt in die Berge, wo mittelalterliche Dörfer wie Èze oder Peillon an Felshängen kleben.

Aber warum in die Ferne schweifen? In Villefranche-sur-Mer selbst lässt es sich wunderbar aushalten. Am Abend, wenn die Kreuzfahrtschiffe abgelegt haben und die Tagestouristen verschwunden sind, kehrt Ruhe ein. Die Lichter der Restaurants spiegeln sich im dunklen Wasser. Von irgendwoher klingt Musik. Eine Gitarre vielleicht. Man denkt an Keith Richards in seinem Keller, an Jean Cocteau in seinem Zimmer mit Blick aufs Meer, an all die Künstler, Exilanten und Träumer, die dieser Ort magisch anzog.
„Manchmal muss man sich vom Nichtstun ausruhen.“ Das Zitat von Jean Cocteaus trifft den Geist von Villefranche-sur-Mer perfekt. Hier muss man nichts. Hier darf man einfach sein. Am Hafen sitzen. Den Fischern zusehen. Das Licht studieren. Sich treiben lassen zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Glamour und Alltag, zwischen den Farben des Südens und dem endlosen Blau des Mittelmeers.

Die Rolling Stones in Villefranche-sur-Mer
Hören
Exile on Main Street*
Polydor (Universal Music)
Ansehen
Stones In Exile*
Einblicke in das ausschweifende Leben mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll gewähren die Fotos, die Dominique Tarlé 1971 gemacht hat. Und die 145-Minuten-Doku-DVD der Edel Germany GmbH (2010), die heute Universal Music vertreibt. Hier* könnt ihr sie direkt bestellen.
Lesen
Robert Greenfield: Exile on Main St. – A season in hell with the Rolling Stones*
• Deutsche Ausgabe: Exile on Main St. – Ein höllischer Sommer mit den Rolling Stones, Verlag Rogner & Bernhard, 2007. Hier* könnt ihr das Buch direkt bestellen.

Villefranche-sur-Mer: meine Reisetipps
Hinkommen
Flug nach Nizza, von dort mit dem Zug (zehn Minuten) oder Bus (20 Minuten) nach Villefranche-sur-Mer. In Villefranche-sur-Mer halten TER-Lokalzüge mit Fahrradmitnahme.

Schlemmen und genießen
La Mère Germaine
1938 gründete Germaine Brau ihr Restaurant, servierte fangfrischen Fisch und Meeresküche und machte ihr Restaurant zu einer Institution. Auch Jean Cocteau war hier Stammkunde – der französische Schriftsteller speiste hier regelmäßig
• 7, quai de l’Amiral Courbet, 06230 Villefranche-sur-Mer, Tel. 04 93 01 71 39, www.meregermaine.fr
La Belle Étoile
Manuel Dupont ist als maître restaurateur ausgezeichnet und serviert in seinem provenzalischen Altstadt-Haus im kleinen Speisesaal und auf der Terrasse gehobene mediterrane Küche. Achtung: Es liegt am Ende einer Treppe, ist nicht mit dem Auto zu erreichen und daher nicht rollstuhlgerecht.
• 1, rue Baron de Brès, 06230 Villefranche-sur-Mer, Tel. 04 97 08 09 41
La Grande Cave
2017 eröffnete Leslie Geniès ihre gesellige Weinhandlung, wo ihr am comptoir à dégustation Weine glasweise probieren und dazu Tapas und andere kleine Gerichte genießen könnt – gelegentlich auch zu Livemusik.
• 4, rue de l’Église, 06230 Villefranche-sur-Mer, Tel. mobil 06 58 24 75 26
Hier könnt ihr schlafen
Hôtel Welcome*
Direkt am Hafen liegt Jean Cocteaus ehemaliges Stammhotel.
• 3, quai de l’Amiral Courbet, 06230 Villefranche-sur-Mer, Tel. 04 93 76 27 62, www.welcomehotel.com
Noch mehr Betten*
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