Villeréal: kleine Bastide, großer Genuss
Im Norden des Départements Lot-et-Garonne liegt eine der schönsten Bastides Frankreichs: Villeréal. Das Dorf aus dem 13. Jahrhundert hat sich zu einem Hotspot der gehobenen Gastronomie entwickelt.
Der Marktplatz von Villeréal erwacht jeden Samstagmorgen zu neuem Leben. Unter den mächtigen Eichenbalken der jahrhundertealten Markthalle aus wuchtigem Holz breiten einheimische Erzeuger aus dem Département Lot-et-Garonne ihre Schätze aus: Tomaten in den erstaunlichsten Farben und Formen, winzige Perlen und pfundsschwere cœurs de bœuf, würzigen Ziegenkäse, saucissons (Hartwürste) vom Lamm, Rind oder Schwein, pur oder mit Nuss, Piment oder Pilzen, herzhafte Landbrote und kleine, gehaltvolle Vollkornküchlein mit Pflaumen, Schokolade und Nuss.

Keine zwanzig Meter vom Markttrubel entfernt, der auch die umliegenden Gassen und den Kirchplatz erobert, öffnet Nicolas Vaillant (*12/1983) die rote Tür eines ganz besonderen Restaurants. Der Mitinhaber des Hôtel-Restaurant de l’Europe braucht nur wenige Schritte, um seine Einkäufe zu erledigen.
„Frischer kann die Verbindung zwischen Produzent und Teller kaum sein“, sagt der gebürtige Pariser, während er von der Treppenstufe zum Restaurant seinen Blick über das bunte Treiben von seiner Haustür schweifen lässt. „Der Markt in Villeréal ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für unsere Küche; es ist ein echtes Privileg, direkt mit den lokalen Erzeugern zusammenarbeiten zu können. Dieser Markt ist unser größter Trumpf.“

Eine Bastide als Bühne für große Küche
Villeréal ist keine gewöhnliche Adresse. Die Bastide, im Jahre 1265 (manche Quellen nennen auch 1267 oder 1269) von Alphonse de Poitiers, dem Bruder des „heiligen“ Königs Ludwig IX. (Saint-Louis), gegründet, gehört zu den schönsten Dörfern Frankreichs – und das nicht ohne Grund. Zwischen den Fachwerkhäusern mit ihren überhängenden Obergeschossen und den mittelalterlichen Arkaden (Cornières) des Marktplatzes scheint die Zeit stillzustehen. Hier, wo einst französische Könige und englische Eroberer um die Vorherrschaft kämpften, haben drei junge Gastronomen im Jahr 2018 ihren Traum verwirklicht.
Das Trio – Anaïs Teynié als Chef de cuisine, Nicolas Vaillant als Gastgeber und Hotelier und sein Ehepartner Julien Auroux als Pâtissier – wagte den Sprung aus Paris mitten hinein ins tiefste französische Bauernland. „Wir wollten authentisch kochen, mit Produkten, deren Herkunft wir kennen“, erklärt Vaillant, der ursprünglich aus Brive-la-Gaillarde stammt.
Bevor Nicolas Vaillant nach Villeréal kam, sammelte er neun Jahre lang Führungserfahrung in der Pariser Spitzengastronomie, managte Restaurants und organisierte exklusive Events. Diese Zeit prägte sein Gespür für anspruchsvolle Gastlichkeit und die Entwicklung innovativer kulinarischer Konzepte – Kompetenzen, die er heute bei La Table de l’Europe einbringt.

Tradierte Wurzeln, neue Wege
Küchenchefin Anaïs Teynié (*2/1985) hat französisch-indische Wurzeln und wuchs im Baskenland auf. Ihre Laufbahn startete 2005 als Pâtissière bei Sternekoch Michel Rostang in Paris, führte über das Restaurant The Butler (2007-2009) zu Julien Ducôté, einem Bocuse-Schüler, wo sie vier Jahre lang Desserts entwickelte und Nachwuchs ausbildete.
Nach Stationen im Restaurant Masa (2012-2014) in Boulogne-Billancourt wechselte sie 2015 ins Pariser Designhotel Kube – zunächst als Chef-Pâtissière, später als Küchenchefin. Dort sammelte sie all jene Erfahrungen, die heute in jedem Teller von La Table de l’Europe mitschwingen.
Ihr Partner in der Küche, Julien Auroux, entstammt einer alteingesessenen Pâtissier-Dynastie aus Agen. Als Sohn von Michel Auroux und Großneffe der legendären Monique und Jean Floissac bringt er das süße Handwerk quasi in den Genen mit. Seine Ausbildung als Pâtissier, Chocolatier und Confiseur bei der renommierten Pâtisserie Feyt in Agen war nur der Anfang einer Laufbahn, die ihn über Paris zurück in seine Heimat führte.
Per Zufall erfuhr das Trio, dass das Hotel-Restaurant L’Europe in Villeréal 2018 zum Verkauf stand. Am 7. September 2018 gründeten daraufhin die SAS (Société par actions simplifiée) La Table de l’Europe und übernahmen das Haus mit Unterstützung ihrer Familien. Am 12. April 2019 folgte die feierliche Eröffnung.
Klassiker neu gedacht

Was in La Table de l’Europe auf die Teller kommt, ist moderne französische Küche mit starkem regionalem Einschlag. Zur Signatur des Hauses geworden ist das Œuf parfait d’Anaïs – ein seidig gegartes Ei, perfekt zubereitet, zwischen Auberginenkaviar und knusprigen Kräutern platziert.

Das knusprige Kalbsbries zeigt, wie klassische französische Küche ohne Schwere neu interpretiert werden kann. Jedes Detail ist durchdacht: Der grüne Spargel liegt wie ein Gemälde neben dem zarten Fleisch, frische Kräuter setzen aromatische Akzente, und eine samtige Sauce verbindet alles mit Eleganz.

Besonders stolz ist das Trio auf seine Foie-gras-Zubereitung. „Wir kaufen direkt beim Produzenten, keine zehn Kilometer von hier“, verrät Teynié. „Wir kennen die Gänse persönlich.“ Diese Nähe zum Produkt schmeckt man.

Bei den Desserts zeigt Auroux seine ganze Klasse: Die Noisette de Castillonès – eine Komposition aus Haselnussmousse, Praliné und Salzkaramell – ist eine Hommage an die lokalen Haselnüsse aus Castillonès, interpretiert mit der Raffinesse eines Pariser Pâtissiers.

Zum genussvollen Schlemmen laden mehrere kleine Speisesäle, die ineinander übergehen und doch intime Räume für sich sind – von kleinen, viereckigen Tischen im Barbereich bis zu größeren runden Tischen für einen gemeinsamen Abend mit der Familie oder Freunden.
Die tiefblauen und anthrazitfarbenen Wände der Speisesäle harmonieren mit messinggoldenen Akzenten der modernen Leuchten, Samtstühle in Orangerot und hölzerne Dielen sorgen für ein warmes, gemütliches Ambiente.


Mehr als nur ein Restaurant
Das Hotel-Restaurant ist weit mehr als eine gastronomische Adresse geworden – hier treffen sich nicht nur Feinschmecker, sondern auch die Einheimischen zum Klönschnack am Morgen und nach dem Marktbesuch. Dass das Trio während und nach der Pandemie trotz aller schwierigen Zeiten geblieben ist, hat dafür gesorgt, dass die Pariser heute längst fest zur Dorfgeschmeinschaft gehören. „Wir sind angekommen“, ist ein Gefühl, das alle drei empfinden – und bei ihrer täglichen Arbeit auch ausstrahlen.

Wer bleiben möchte, kann in einem zweiten Gebäude mit Zugang vom Patio, des sommerlich begrünten Innenhofs, logieren. Die sechs kleinen Zimmer in den Kategorien Standard und Supérieure sind so geschmackvoll wie praktisch eingerichtet nach den Vorstellungen der drei Eigentümer, die jeden Raum persönlich gestaltet haben. Moderner Komfort trifft auf historischen Charme.

Seit 2023 betreibt Vaillant zusätzlich Le Lounge Villeréal – eine stilvolle Bar im Haus, die abends mit Cocktails, Tapas und regelmäßigen Events lockt. Hier, zwischen goldenen Pendelleuchten und einer gut sortierten Spirituosen-Auswahl, zeigt sich das zweite Gesicht des Hauses: entspannter, aber nicht weniger durchdacht. „Wir wollen, dass Villeréal lebt“, sagt er. „Eine Bastide darf kein Museum sein.“

Anerkennung, die sich schmecken lässt
Die Mühe zahlt sich aus: Der Titel maître restaurateur, eine staatliche Auszeichnung für handwerkliche Qualität und den Einsatz frischer Produkte beim Kochen, unterstreicht das Niveau. Der Travellers‘ Choice Award 2023 von Tripadvisor katapultierte das Restaurant unter die beliebtesten zehn Prozent weltweit. Auch Frankreichs Gastro-Bibeln Gault&Millau und Guide Michelin sind inzwischen auf das Trio aufmerksam geworden und haben La Table de l’Europe lobend mit aufgenommen.
„Wir wollten beweisen, dass große Küche nicht nur in Großstädten funktioniert“, sagt Nicolas, während er im Patio, wo abends Kerzen zwischen Weinreben flackern, die Gäste zum Apéro begrüßt. „Hier haben wir alles: beste Produkte, eine einzigartige Kulisse und die Ruhe, um wirklich zu kochen.“
Eine Reise, die sich lohnt

Wer den Weg nach Villeréal findet – die Bastide liegt im Norden des Départements Lot-et-Garonne, zwischen Bergerac und Villeneuve-sur-Lot, wird mit mehr als nur einem außergewöhnlichen Dîner belohnt. Die befestigte Kirche Notre-Dame erzählt mit ihren beiden Türmen, schlanken Schießscharten und ihrem Wehrgang von bewegten Zeiten. Die halle ist bis heute der betriebsame Mittelpunktes des Ortes. Ihre 15 Meter langen Eichenbalken, erzählt eine Legende, seien jahrzehntelang im Fluss Dropt gewässert worden, um sie haltbar zu machen!
Und mittendrin: drei junge Menschen, die bewiesen haben, dass Träume und harte Arbeit etwas auf die Beine stellen können, das Menschen begeistert. „Paris war unsere Schule“, sagt Vaillant, während er den letzten Gast des Abends verabschiedet. „Aber hier ist unser Zuhause.“
In einer Zeit, in der Authentizität oft nur Marketingbegriff ist, haben Anaïs Teynié, Nicolas Vaillant und Julien Auroux das Echte gefunden: eine Küche, die aus der Region kommt und in die Region zurückkehrt. Ein Ort, der Geschichte atmet und Zukunft schreibt. Eine Adresse, die man sich merken sollte – auch wenn der Weg dorthin über Landstraßen führt, die verführen, allerorten anzuhalten und zu verweilen.

Villeréal: meine Reisetipps
Hinkommen
Mit der Bahn
Es gibt keinen eigenen Bahnhof in Villeréal. Die nächstgelegenen Bahnhöfe sind Bergerac und Agen. Von dort aus fahren Regionalbusse weiter nach Villeréal.
Mit dem Bus
- Ab Bergerac: Linie 4A (Bergerac – Issigeac – Villeneuve-sur-Lot) hält in Villeréal.
- Ab Villeneuve-sur-Lot: Ebenfalls Linie 4A Richtung Bergerac.
Schlemmen und genießen
Villeréal bietet eine überraschend vielfältige Auswahl an Restaurants, Bars und Feinkostadressen, die sowohl regionale Spezialitäten als auch internationale Küche abdecken.
La Table de l’Europe
Das Restaurant ist von September bis Juni von Mittwochabend bis Sonntagmittag geöffnet, im Juli und August gelten leicht erweiterte Öffnungszeiten. Die Mittagszeiten sind recht kurz – und zwar von 12 bis 13.15 Uhr.
• 1, place Jean Moulin, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 36 00 35, https://europe-villereal.com
L’Alvéole
„Die Wabe“ haben Pauline Bories und Clément Dupuy ihr junges, ambitioniertes Restaurant im Herzen von Villeréal genannt – der Name ist eine Hommage an die Bienenzucht von Paulines Großvaters, der vor 20 Jahren die Familienimkerei begründet hat. Die Leidenschaft für Bienen und Honig zieht sich wie ein roter Faden durch das kulinarische Angebot und die Philosophie des Hauses.
Clément hat als Koch in der gehobenen Gastronomie unter anderem in Sternerestaurants wie der berühmten Auberge du Vieux Puits von Dreisternchef Gilles Goujon in Fontjoncouse gearbeitet. Gemeinsam verwirklichen sie seit 2022 ihre Vision von regionaler, saisonaler und nachhaltiger Küche in Villeréal.
• 31, rue du Dropt, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 71 64 02, www.restaurant-alveole.fr
L’Hippocampe
Im Seepferdchen von Kristine und Stéphane, ebenfalls ein anerkannter maître restaurateur, gibt es eine moderne Traditionsküche, die ihren Schwerpunkt auf Fisch legt, aber auch vegetarische und vegane Speisen stehen auf der Karte. Ausgezeichnet wie die Küche – und die Dessertauswahl – ist die Weinkarte.
• 32, rue Saint-Roch, 47210 Villeréal, Tel. 05 47 99 05 36, www.hippocampe-villereal.fr
Restaurant NordSud
NordSud ist besonders beliebt für seine raffinierte Bistroküche im leger-schicken Ambiente und seine große Auswahl an Bieren und Cocktails. Das Lokal bietet regelmäßig Live-Musik und eine entspannte, trendige Atmosphäre – drinnen wie draußen auf der Terrasse.
• 5, place de la Libération, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 01 35 40, https://nordsud-villereal.com
Zio Enzo

Auf süditalienische Gerichte wie hausgemachte Gnocchi und Pizza nach neapolitanischer Art, die in einem eigens aus Italien importierten und vor Ort aufgebauten Forni Valoriani-Ofen gebacken werden, hat sich Enzo spezialiert. Auch alle Zutaten bezieht Enzo direkt aus Italien. Gekocht wird so authentisch wie traditionell –und die Carbonara gibt es natürlich ohne Sahne.
• 16, place de la Halle, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 72 19 63, https://zio-enzo.eu
La Cale
La Cale ist eine kleine, charmante Adresse mit kreativer Saisonküche, gemütlichem Interieur mit Holz und familiär-persönlichem Ambiente.
• 1, place de la Libération, 47210 Villeréal, Tel. mobil 06 80 03 14 27, auf Instagram zu finden
Au Fer et Cheval
Die gemütliche Bar direkt an der Markthalle lockt mit einer großen Auswahl an Bieren, Cocktails und Weinen sowie einer entspannten, trendigen Atmosphäre.
• 13, place de la Halle, 47210 Villeréal, Tel. 09 62 65 66 31, auf Facebook zu finden
Fromages et Plus
Marie ist von Haus aus Önologin und hat sich mit Fromages et Plus ihren Lebenstraum erfüllt. Ihr Feinkost- und Käsegeschäft ist weit mehr als eine Boutique für regionale Spezialitäten, ausgesuchte Käsesorten und begleitende Delikatessen – es ist ein herzlicher, familiärer Treffpunkt mit regelmäßigen Veranstaltungen. Während der brocante am zweiten Sonntag des Monats könnt ihr dort beispielsweise Austern kosten.
• 3, place de la Halle, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 41 85 84, auf Facebook zu finden

Hier könnt ihr schlafen
Hôtel de l’Europe*
Das charmante Drei-Sterne-Hotel im Herzen der Bastide Villeréal bietet neben der erstklassigen französischen Küche unter der Leitung von Chefin Anaïs Teynié auch sechs klimatisierte, kuschlig moderne Kammern für die Nacht.
• 1, place Jean Moulin, 47210 Villeréal, Tel. 05 53 36 00 35, https://europe-villereal.com
Wer mag, bucht es hier*.
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