Zu Fuß nach Paris

30 Kilometer täglich, manchmal auch 40. Fünf Jahre lang wanderten Thomas Albrecht, Pauker, Jahrgang 1958, und sein Freund Dietmar Recktenwald, Jahrgang 1952 und IT-Mann  in Rente, von Elmshorn nach Paris. Nicht an einem Stück, sondern immer dann, wenn sie gerade frei hatten: zu Ostern, im Oktober. Nebel und Regen, aber auch blühende Rapsfelder und blauer Himmel begleiteten sie auf ihrem 1033 km langen Fußmarsch, der sich im April 2010 begann – und mit der 37. Etappe am 23.10. 2015 in der Hauptstadt Frankreichs endete, wo sie sich stolz mit der Flagge ihrer Heimatstadt auf den Stufen von Sacré-Cœur de Montmartre fotografieren ließen. Unterwegs waren die Aufgaben klar geteilt: Thomas schrieb Tagebuch, Dietmar fotografierte. Neugierig, was die Zwei erlebt haben? Mein Frankreich durfte einmal in ihren Erinnerungen blättern. ..

Allez! Erst einmal bis Amsterdam…

Am 10. April 2010 hatte ihr großes Abenteuer begonnen. Mit der Fähre hatten sie die Elbe überquert, waren nach Cuxhaven und Bremerhaven gelaufen, hatten mit der Fähre bei Eckwarder die Weser überquert und Wilhelmshaven erreicht. In den Maiferien 2011wandern sie weiter bis Emden, in den Herbstferien 2011 erreichen sie Holland, laufen im März 2012 durch die Niederlande, über den windigen Abschlussdeich – und erreichen, am Karfreitag 2012, Amsterdam.“Heute war Tag der Flaneure“ notiert Thomas fein säuberlich mit seinem schwarzen Kugelschreiber.

Nach einer eiskalten Nacht mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt entwickelte sich aber der schönste Tag dieser Wanderwoche…

In Amsterdam sollte das Wanderprojekt ursprünglich enden. Doch die Männer waren infiziert. „Amsterdam ist Geschichte. Und Männer brauchen neue Ziele. Und Männer, die im Herbst ihres Lebens angekommen sind, brauchen Ziele, die sie mittelfristig erreichen können“, schreibt Thomas am 24.3. 2013 in sein Tagebuch. Da sind sie bereits wieder unterwegs. Von Amsterdam weiter gen Süden – auf nach Belgien, und weiter. Paris ist ihr Ziel.

Bienvenue bei den Schtis

Auf der 29. Etappe erreichen sie von Mons aus die Grenze: Ostersonntag 2014 – bienvenue à Bavay! Die Sonne scheint, als sie die Stadt und ihre 2500 Jahre alten römischen Ruinen erkunden.

Unser Zimmer ist ein liebevoll ausgebauter Speicher. Die jungen Wirte strahlen eine Herzlichkeit aus, die aus dem Herzen kommt. (…)

L’Auberge de Bellevue, Stéphane & Céline Mirabel, 1, rue des Remparts, Tel. 03 27 67 97 94, verrät darunter der Stempel der Herberge, die den beiden ausgesprochen gut gefiel.

Im Wohnzimmer mit komplettem Tresenbereich sprachen Stéphane, seine Eltern, der Schwager von Stéphane, der als Archäologe sein Glück gefunden hatte, und der Gastarbeiter Uwe mit seiner Uta sprachen dem Bier zu und radebrechten in Englisch, Deutsch und Französisch so vor sich hin. Hier waren wir richtig! Angeregt wurde erzählt, getrunken, Spaß gemacht. Auf dem Höhepunkt holte der Hobbybauer Enten- und Hühnerküken aus dem Keller, die dort unter Rotlicht lebten. Bis halb zwölf hielten wir durch!

Weiter durch Nordfrankreich! Auf dem Weg nach Le Cateau-Dambresis läuft ihnen nach einem erst sonnigen, dann schwülen Tag der Starkregen in die Schuhe. Sie sind immer noch nicht trocken, als sie Fresnoy-le-Grand erreichen. „Nächstes Jahr greifen wir Paris an!!“ schreibt Thomas auf der Rückreise nach Elmshorn in sein Tagebuch.

Idylle an der Oise

Von Fresnoy-le-Grand zieht es sie nach Saint-Quentin. Am Canal de Saint-Quentin laufen sie nach Seraucourt-le-Grand auf alten Treidelwegen am Wasserweg entlang.

Es war diesig, ohne jeden Hauch. In wunderschöner herbstliche Stimmung. Ohne Verkehr. Ab und zu fiel ein Blatt zur Erde… Über Artemps kamen wir bis nach Saint-Simon auf schmalen Wegen. De zeitweise absolute Stille war unglaublich. Ich fühlte mich wie in Watte gepackt…

Noyon, Guiscard, Compiègne, herbstliche Wälder, Ruhe, und zum Abschluss jedes Wandertages ein Feierabend-Bier. Nach einer erholsamen Sie folgen sie den Mäandern der Oise, laufen durch buntes Herbstlaub, charmante Dörfer, immer auf der Flucht vor dem Verkehr, der jetzt deutlich zunimmt. Und die Qualität der Unterkunft abnimmt.

Je näher wir nach Paris kommen, umso mehr müssen wir beklagen, dass das Niveau der Ibis-Hotels im Sinkflug begriffen ist: Gab es zunächst in Saint-Quentin zum Frühstück noch Porzellanteller, wurden in Noyon nur noch Pappteller gereicht, so mussten wir in Senlis mit einer Papierserviette auf dem Tablett einen Tiefpunkt der französischen Esskultur beklagen!!

Auf nach Paris!

Immer wieder jedoch notiert Thomas mit Erstaunen die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Franzosen, die ihnen unterwegs begegnen, Medikamente besorgen, das Duo zu einem Bahnhof fahren, immer wieder Tipps geben, oder die Routenbeschreibung von Google Earth ausdrucken. Zwölf Seiten lang ist sie am 23. Oktober 2015, an dem die beiden Männer ihre letzte Tagesetappe in Angriff nehmen: von Gonesse nach Paris-Montmartre. Zwei Stunden lang laufen sie am Zaun des Flughafens von Le Bourget entlang, kommen dann in die Banlieus.

Die Außenbereiche waren geprägt von Müll, bescheidenen Wohnverhältnissen und Migranten unterschiedlicher Herkunft. Ein sich anschließender Markt zog sich bestimmt über zwei Kilometer hin, ließ uns kaum durchkommen. Das Angebot und die Anbieter zeigten deutlich die prekären Verhältnisse, in denen die Menschen dort lebten. Einige boten nur Knoblauch aus ihren Händen an. Dagegen zeigten die Maiskolbenverkäufer schon richtige Geschäftsmodelle. Ihre (geklauten?) Einkaufswagen waren bestückt mit einem Metalleimer, der ausgestattet mit Grillrost, Holzkohle und und Kaminzug die Kolben in kurzer Zeit gar grillten.

Um 16 Uhr erreichen sie die Basilika auf dem höchsten Hügel von Paris. „In voller Montur konnten wir endlich unsere Elmshorn-Flagge der Welt zeigen und ins rechte Licht rücken“, schreibt Thomas ins Tagebuch. Und endet nach einige Erkundungstagen an der Seine sein Tagebuch mit einem Zitat von der Rezeptionisten im Kyriad-Hotel. Kopfschüttelnd hatte er mit leichter Bewunderung in der Stimme gesagt:

Strong old men with a strong head and strong legs!

5 Kommentare

  1. Hallo Thomas, es freut mich, auf diese Weise etwas von Dir zu hören …. lebe seit Zeiten in Portugal …. kommt ‚ihr‘ noch weiter …. Kathrin Sommer (Catharina do Monte)

  2. Liebe Hilke, Dietmar und ich haben uns sehr gefreut über den liebevoll gestalteten Bericht unserer Wanderung. Wir hoffen, dass es für andere Leser deines Blogs Anregungen sind, ebenfalls den Rucksack zu packen und sich auf den Weg zu machen. Moin, moin und salut sagen Dietmar und Thomas.

  3. Es ist immer klasse, wenn ein gemeinsames Ziel erreicht wird. In diesem Falle die Wanderung nach Paris. Vielen Dank für den interessanten und individuellen Reisebericht. Das Lesen dieses Reiseberichts hat mir viel Spaß gemacht und ich freu mich schon diese Woche, allerdings ist die Anreise mit dem Flugzeug, Paris wieder erleben zu können!
    Mein Motto: Wenn Du das Glück hast, Dir einen Traum erfüllen zu können, stelle sicher, dass Du noch einen anderen hast. Und Paris zu erleben, ist immer wieder ein kleiner Traum für mich.

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