Stürmisches Paradies: die Westküste der Bretagne

Camaret auf der Crozon-Halbinsel
Schiffsfriedhof am Strand: Camaret auf der Crozon-Halbinsel. Foto: Hilke Maunder

Lange Sandstrände im Süden, kleine Badebuchten im Norden, und im Westen eine wilde, schroffe Felsenküste mit sanften Heidelandschaften: So abwechslungsreich das Finistère, der westlichste Zipfel der Bretagne. Für die Römer war diese abgeschiedene Region das „Ende der Welt“, eben finis terrae – für die Bretonen indes das ›Penn ar Bed‹ – das Haupt der Welt.

Ihre Hauptstadt ist die westlichste Stadt Frankreichs, Brest. Die strategische Lage war ihr Schicksal. Brest erstreckt sich auf einem Hochplateau, die eine 150 qkm große Reede mit einer nur zwei Kilometer breiten Zufahrt. Schon die Römer erkannten, dass sich solch ein Hafen leicht verteidigen ließ und bauten erste Befestigungsanlagen. 1631 begann unter dem Marineminster Ludwig XIV., Jean-Baptiste Colbert (1614 – 1681), der Ausbau zum königlichen Kriegshafen. Bis heute bildet die Base Navale, die zwischen 1740 und 1790 von Antoine Choquet de Lindu für die französische Marine angelegt wurde, die Lebensader von Brest.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Flottenbasis, bekannt aus dem Film Das Boot, kurz vor Kriegsende 43 Tage lang bombardiert. Das alte Brest versank in Schutt und Asche. Beim Wiederaufbau folgte die Stadt den Visionen der Moderne: breite Straßen, weite Plätze, Hochhäuser. Panorama-Promenade des neuen Brest ist der 600 m lange Cours Dajot: Vom Handelshafen und der Rade de Brest reicht der Blick über die Mündung des Elorn bis zur Halbinsel Plougastel.

Von der Werft zur Kreativschmiede

Die einstigen Werkstätten des königlichen Arsenals bergen heute Les Capucins. Unter dem größten überdachten öffentlichen Raum Europas vibriert das neue Kultur- und Innovationszentrum von Brest mit urbaner Vitalität. Hin kommt ihr nicht nur zu Fuß, per Rad oder der Tram, sondern sogar mit der Seilbahn!

Ein zweiter technischer Hingucker ist der Pont de Recouvrance. Er ermöglicht selbst riesigen Containerfrachtern die Durchfahrt: In nur anderthalb Minuten schiebt  die 1954 erbaute Brücke 88 m lange Fahrbahn 26 m höher. Bis zur Eröffnung der Pont Gustave-Flaubert von Rouen war sie Europas größte Hebebrücke.

Das Schloss, heute Sitz der Hafenpräfektur, zeigt das Musée National de la Marine Schiffsmodelle und Navigationshilfen. Die Geschichte der Hafenstadt erzählt mit Dioramen des Malers Jim E. Sévellec das Musée du Vieux-Brest in der  Tour Tanguy (16. Jh) am anderen Ufer des Penfeld.

Eindrucksvolle Werke von Gauguin, Lacombe, Sérusier und andere Maler der Schule von Pont-Aven sind im Musée des Beaux-Arts zu sehen. Die Geschichte des Finistère während des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzung dokumentiert das Musée Mémorial Fort Montbarey an der Allée Bir-Hakeim,

Fun & Forschung

Und verpasst auf keinen Fall L’Océanopolis! Der Themenpark der Ozeane, dessen Architektur  an den Panzer einer Krabbe erinnert, ist in Europa einmalig. Drei unterschiedliche Bereiche warten darauf, entdeckt zu werden: Polargebiete, Tropen und gemäßigte Breiten. 42 Aquarien, 50 bis 1 Million Liter groß, präsentieren 10.000 Tiere aus 1.000 Arten; multimedial ergänzt mit Filmen, Vorführungen, Ausstellungen und Shows. Im Polar-Pavillon wird der Besucher seit 2003 mittels eines 20 m großen Panoramabildschirms in die Eiswelt der Antarktis versetzt, mitten in die mit 40 Tieren größte Pinguinkolonie Europas.

Daneben robben Seehunde über echtes Packeis. Im Tropen-Pavillon füttern Taucher die farbenprächtigen Fische  des 13 m langen Korallenriffs.  Im Pavillon der gemäßigten Zonen beginnt die Begegnung mit der Unterwasserwelt der Bretagne in einem U-Boot, das eine Reise zum Kontinentalsockel simuliert. Im Berührbecken gibt es Seegurken, Anemonen, Seesterne, Schwämme, Einsiedlerkrebse zum Anfassen.

Doch L’Océanopolis ist mehr als ein Mega-Aquarium. Es ist eines der 60 Forschungszentren und Labors von  IFREMER. Das staatliche Institut widmet sich seit 1984 der Erforschung der Ozeane. In Brest experimentieren seine Mitarbeitern im Strömungskanal und tiefstem Versuchsbecken Europas die Macht der Wellen – mit bis zu fünf Metern pro Sekunde rollen sie heran.

Bei Untiefen einsame Spitze

Die Seegebiete im Westen der Bretagne gehören zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Einst entzündeten Mönche daher offene Feuer, um den einfachen Booten den Weg durch die schroffen Klippen, Riffs, Untiefen und anderen Gefahren der bretonischen Küste zu weisen. Daraus entstanden 111 Leuchttürme, technische Wunderwerke, die oftmals ein erstaunliches Interieur bieten.Zu den schönsten Leuchttürmen in der Bretagne führt die Route des Phares et Balises, die in Brest beginnt. An diesem Küstenabschnitt konzentrieren sich die meisten Wegweiser der Seefahrt: 23 Leuchttürme, 63 Seezeichen, 14 Radarnavigationsstationen und 258 Bojen.

Dass es die Westküste in sich hat, liegt an den Meeresströmungen. Mit bis zu 16 Stundenkilometern zwängt sich der Atlantik an Inseln vorbei, brandet gegen die Felsen, nagt Höhlen und Grotten in den harten Granit und sprüht als feinste Gischt meterhoch die Klippen hinauf. Nebel, Sturm und steter Westwind jagen über Land und Meer.

Filmreife Insel

Wild  und ursprünglich wie das Meer ringsum sind auch die Inseln im Naturpark Armorika (Parc Naturel Régional d’Armorique).Eine Stunde dauert die Schifffahrt hinüber zur Granitinsel Île d’Ouessant, auf der Philippe Lioret 2004 seine dramatische Liebesgeschichte L’Équipier“ (Die Frau des Leuchtturmwärters) drehte. Eingebettet in die Rahmenhandlung – Camille (Anne Consigny) kommt nach Jahren an ihren Geburtsort zurück und will nach dem Tod der Mutter das Haus verkaufen – ist eine Retrospektive: Im Haus entdeckt Camille das Tagebuch der Mutter, das die Ereignisse des Jahres 1963 wieder aufleben lässt. Damals war Antoine (Grégori Derangère) aus dem Algerienkrieg auf die Insel gekommen, um das Team der Leuchtturmwärter zu verstärken. Und eine dramatische Liebesgeschichte versetzte die Insel in Aufruhr.

In winzigen Hauptort Lampaul sind die Fensterläden noch traditionell grün oder blau gestrichen.“Wer Ouessant sieht, sieht sein Blut“, lautet eine altes Sprichwort der Matrosen. Für sie ist das Felsplateau im äußersten Westen Frankreichs bis heute eine „Insel des Schreckens“. Gefährliche Riffe, Untiefen und starke Strömungen sorgen immer wieder für Todesopfer. Das Friedhof-Mausoleum birgt statt ihrer Gebeine kleine Proëlla-Kreuze. Sie wurden nach der Totenwache anstelle des Verstorbenen dort aufgestellt.

Fünf Leuchttürme sichern die gefahrvolle Küste der Insel. Der Phare de la Jument und der Phare de Nividic erheben sich an den Enden der Landspitzen, der Phare Kéréon schützt die Passage du Fromeur. Der Phare du Stiff, seit 1669 in Betrieb, ist Frankreichs ältester Leuchtturm. Der Phare de Créac’h, mit 16 Millionen Candelas und 61 km Reichweite Europas stärkster Leuchtturm, markiert den Eingang zum Ärmelkanal.

Im alten Generatorenhaus des Phare de Créac’h illustriert das Musée des Phares et des Balises die Geschichte von Leuchttürmen und Seezeichen. In zwei 100 Jahre alten Inselhäusern lässt das Ecomusée Niou-Huella mit Trachten, Gemälde und Möbel aus Treibholz den Alltag von einst aufleben

Die schwarze Tide

Trotz unzähliger Leuchttürme, Radar, GPS und Echolot gerät die tückische Küste immer wieder mit spektakulären Schiffsunglücken in die Schlagzeilen. Am 16. März 1978 zerbrach der Supertanker Amoco Cadiz an einem unbekannten unterirdischen Fels zwei Kilometer vor Portsall.

223 000 Tonnen Rohöl liefen ins Meer. Die bis zu 30 km breite „Marée noire“ (schwarze Tide) verseuchte 375 km Küste von der Île de Bréhat bis zur Bucht von Douarnenez. 15 000 Seevögel verendeten, Fremdenverkehr und Fischerei erlebten einen Kollaps. 14 Jahre dauerte der Prozess um Schadenersatz. Heute sind die Spuren der Ölpest beseitigt. Strenge Vorschriften sollen für mehr Sicherheit sorgen. Frachter oder Tanker von mehr als 70 m Länge müssen einen 13 km-Sicherheitsabstand zur Küste einhalten, den Radarstationen kontrollieren.

Fast wie Fjorde: die Abers

Nördlich von Brest beginnt an der Pointe de Pontusval beim kleinen Seebad Brignogan-Plage die Legendenküste, die sich bis zur Pointe de St-Mathieu bei Le Conquet erstreckt. Ihren Beinamen „Côte des Abers“ erhielt sie von einstigen Flussläufen, die das Meer erobert hat. Als gezeitenabhängige Meeresarme reichen die „Abers“ Fjorden gleich ins Land.

Größtes überflutetes Flusstal ist die zwei Kilometer breite breite „Hexenmündung“ Aber Wrac’h (Wrac’h – bret. Hexe). Zehn Kilometer weit reicht sie ins Land.  Am Nordufer erstreckt sich Plouguerneau, mit 5500 Einwohnern größte Gemeinden im Finistère und Standort der sagenhafte Hauptstadt Tolente des Königreichs Judicael, die 875 von den Normannen zerstört wurde.

Im nahen Lilia setzen während der Saison die Vedettes des Abers, zu anderen Zeiten die Fischer zur Île Vierge mit dem höchsten Leuchtturm Europas (82,50 m) über. Die Dünen- und Felsenküste bis zum Aber-Benoît säumen kleine Badeorte wie Landéda. Am anderen Ufer der Bucht erhebt sich malerisch die Ruine des Château de Trémazan. Nicht zu besichtigen ist das Renaissance-Schloss Château de Kergroades, das im Juli ein Mittelalterfest für die ganze Familie feiert. Letztes großes Flusstal im Südwesten ist der Aber Ildut.

Eine gedachte Linie zur Île d’Ouessant bildet die Grenze zwischen Ärmelkanal und Atlantik. Die 40 m hohe Steilküste der Corson-Landspitze markiert den westlichsten Punkt des französischen Festlandes. Finis terrae – Ende der Welt – nannten die Römer das Kap, das damit Namensgeber des westlichsten Departements Finistère wurde. Erstes Seebad am Atlantik ist der Fischerei- und Fährhafen Le Conquet. Von der Pointe de St-Marie reicht der Blick bis nach Brest und zur Île d’Ouessant.

Die Kraft der Algen

Von Mai bis Oktober ziehen an den Küsten des Finistère und der Côte des Abers die „Goémoniers“ wie einst ins Watt hinaus und sammeln Algen. Mehr als 800 Algenarten gedeihen in der Bretagne: grün-dünne Ulva, gelblich-zähe Fucus mit Schwimmkörperblasen und meterlanges, bärtiges Sargassum. Gesammelt wird nur die Rotalge „chondrus crispu“. Während einer Ebbe erntet eine gute Pflückerin rund 150 Kilogramm Rotalgen. Die ölig-glänzende Laminaria wird mit einem rotierenden „scobidou“ auf hoher See eingesammelt, in dem sich die Algenlappen verfangen.

Das „Goémon“,  das bretonische Bauern einst als Dung auf den Feldern ausgebreiteten, ist seit dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Bei Brest produziert Sanofi das Rotalgenextrakt Carraggenan, das als Binde- und Geliermittel in Pudding und Joghurt zu finden ist. Algenmehl verbessert in Frankreich die Konsistenz von Brot und die Haltbarkeit von Wurst. Das Braunalgenextrakt Alginat macht die Lippen rot und strafft das Gesicht.

An weiteren Anwendungen forscht das Centre Nationale de la Recherche Scientifique in Roscoff. Schon jetzt sind Algen très en vogue: Als Thalasso bringen sie Wellness aus dem Meer, als Gemüse und Getränk laden sie zu kulinarischen Entdeckungen. Erste Einführungen in das Kochen mit dem vielseitigen Meeresgemüse gibt das Museum der Tangsammler von Plouguerneau.

Traditionelles Handwerk

1889 hielt Paul Gauguin die Arbeit der Goémoniers in seinem Gemälde „Die Tangsammler“ fest. Noch heute hat sich ihre Arbeit kaum geändert: Mit Messern und Sicheln trennen gebückte Gestalten Seetang und Algen ab, türmen beides zu Haufen, laden die dunkelbraune, nassglatte Masse auf Kipplaster und breiten sie später zum Trocknen aus. In Lanilut, einem kleiner Weiler am Nordufer des Aber Ildut, wird der Rohstoff aus dem Meer weltweit verschifft. Der Hafen ist Frankreichs wichtigster Umschlagplatz für Algen. Mehrmals pro Woche erschüttern laute Detonationen das Dorf: Es wird wieder Granit gebrochen. Der harte Stein aus Lanilut ist wegen seiner rosaroten Färbung seit Jahrhunderten gefragt. In Paris wurde daraus der 100 Tonnen schwere Sockel des Obelisken auf der Place de la Concorde errichtet.

Die Halbinsel von Crozon

Südlich  der Rade von Brest und der Bucht von Douarnenez schiebt sich eine  Halbzunge mit sechs stürmischen Landzungen weit in den Atlantik. Hauport und Namensgeber der Halbinsel ist Crozon. Die feinen Strände in der Halbmondbucht von Morgat umgeben bizarre Felsen und Höhlen. Am eindrucksvollsten ist die 90m tiefe Grotte de l’Autel. Das malerische Camaret-sur-Mer an der Westspitze war einst Europas wichtigster Langustenhafen. Das lockt ab 1900 auch die Künstler an. Ihr Treffpunkt war die Villa Coecilian des Dichter St-Pol-Roux (1861 – 1940).

Vier Kilometer südlich erhebt sich die spektakulärste Landzunge aus der tosenden Brandung: die 70m hohe Pointe de Pen-Hir. Die drei gewaltigen „Tas de Pois“ (Erbsenhaufen) gehörten einst auch zum Kap. Die Pointe des Espagnols im äußersten Norden war 1594 Schauplatz eines blutigen Gemetzels. 400 Spanier unterlagen dort der Übermacht von 10000 Protestanten unter Führung von Heinrich IV. Doch beim ungleichen Kampf ging es nicht um den Glauben, sondern um Geld und Macht: die Kontrolle der Reede von Brest.

Fluoreszierende Gesteine, Fossilien und Kristalle des Finistère zeigt die Maison des Minéraux an der Route du Cap de la Chèvre. Das karolingische Kloster von Landévennec ist noch als Ruine eindrucksvoll. Im neuen Kloster (1950) leben 40 Benediktinermönche, die eine köstliche Fruchtpaste herstellen. Wenige Kilometer weiter überspannt 272 m langen Hängebrücke von Térénez das Tal der Aulne.  Besonders schön ist ihr idyllischer Unterlauf, der  bei Châteaulin beginnt. Dicht an dicht stehen die Angler am Ufer und fischen. Der längste Fluss der Bretagne (145 km) ist ein beliebtes Revier zum Lachsangeln. Im Osten endet die Halbinsel am Ménez-Hom, mit 330 m zweithöchster Berg der Bretagne.

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