Mein Frankreich: Gerda Schoch

Gerda Schoch. Foto: privat
Gerda Schoch. Foto: privat

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal berichtet Gerda Schoch von ihrem Frankreich.


Seit letztem Frühling bin ich regelmäßige Leserin in diesem Frankreich-Blog von Hilke. Erst war ich dankbar, wie fast alle von euch, vollumfängliche und klare Informationen über die Corona-Krise in Frankreich zu erhalten. Dieses Thema ist leider immer noch aktuell, muss für mich aber nicht mehr so zentral sein.

In einigen Gastbeiträgen von euch, die ich sehr gerne lese, habe ich mich auch immer wieder gespiegelt gefühlt. Aber ich gehöre nicht zu dehnen, die ihr Herz an Frankreich verloren haben. Ich reise sehr gerne, und ich fühle mich immer noch in vielen Ecken von Europa (vorerst) und auch in Übersee sehr wohl.

Nach einigem Liebäugeln und Abwägen habe ich mich nun entschlossen, meine kleine Geschichte zu Frankreich für euch aufzuschreiben. Wie viele bin ich jung (mit 16 Jahren) zum ersten Mal nach Frankreich gereist. Mit zwei Freundinnen bereisten wir per Interrail ein paar europäische Länder nach unserem Gusto. Die erste Destination war Paris.

Für einen Teenager mit Hang zur Romantik und ein Faible zu der melodischen Sprache war es elektrisierend, durch die malerischen Viertel von Paris zu schlendern und die bekannten Sehenswürdigkeiten aus Filmen und Büchern zu besuchen.

Die Chaîne des Puys in der Auvergne. Foto: Gerda Schoch
Die Chaîne des Puys in der Auvergne. Foto: Gerda Schoch

Mein Höhepunkt des Besuchs war dazumal die Cathédrale Notre-Dame. Ich trat durch die Pforten und wurde umgehend eingehüllt von bombastischen Orgelklängen “aus einer anderen Welt”.

So etwas hatte ich zuvor noch nie so intensiv erlebt! Dieses Erlebnis blieb fest in meiner Erinnerung verankert. Deshalb war ich auch sehr betroffen vom Brand im April 2020.

Per Zug reisten wir danach weiter nach Holland, Dänemark und Schweden. Aber noch einige Male reiste ich mit Menschen immer mal wieder nach Paris, um etwas vom savoir vivre aufzusaugen. Ferien verbrachte ich an der Côte d’Azur, in der Bretagne, in der Provence, in der Ardèche und besuchte das Burgund, die Charente und die Haute-Saône.

Gerda Schoch
In den Calanques. Foto: Peter Rieden

Frankreich zeigte sich mir immer von der schönsten Seite. Ich fühlte mich stets wohl und liess mich von den Landsleuten und ihrer Küche überraschen und saugte die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Landschaften in mir auf. Die meiste Zeit bereiste ich das Land mit dem Auto, aber für lange Strecken bevorzugte ich den TGV.

Einer meiner Ferienerlebnisse waren Fahrten mit dem Hausboot. Zum ersten Mal fuhr ich mit Familienmitglieder zu viert auf der Charente (Fluss) und ein weiteres Mal auf der Saône (Kanal). Diese zweite Reise unternahm ich mit einer Freundin. Unser Wunsch-Schiff war eine große Pénichette.

Mitunter musste auch ein Baum unsere Péniche halten. Foto: Gerda Schoch
Mitunter musste auf der Charente auch ein Baum unsere Péniche halten. Foto: Gerda Schoch

Am Hafen wurden wir herzlich begrüsst und anschliessend mit den Regeln der Schifffahrt vertraut gemacht. Nach kurzer rudimentärer Fahrlektion konnten wir die erste Probefahrt mit einem Instruktor im Hafenbecken von Port-sur-Saône ziehen. Dann hiess es ahoi und los ging’s auf dem Wasser. Das war eine Mutprobe!

Da meine Freundin schon Segelerfahrungen hatte, übernahm sie das An- und Losleinen des Bootes. Ich war mit dem Fahren beauftragt. Sie band die Taue an Schleusen und in Häfen flott an die Pfosten, und ich wurde von Tag zu Tag lockerer mit meinem Fahrstil. Wir waren die einzigen Frauen, welche ohne «Mann an Bord» zu jener Zeit unterwegs waren.

Unterwegs am dem Kanal. Foto: Gerda Schoch
Tierische Begegnung am Kanal. Foto: Gerda Schoch

So profitierten wir oft von komfortablen Situationen in den Schleusen oder erhielten flotte Hilfe, wenn wieder einmal vor lauter Hitze ein Reifen platzte an einem unserer Leih-Fahrräder an Bord. Dieses Hausbooterlebnis war schlussendlich auch Steigbügel zu einem nächsten grossen Abenteuer in Frankreich.

Mein Lebenspartner äußerte vor ein paar Jahren den Wunsch nach Kulturland in Frankreich. Seine Ferien verbrachte er bereits seit einigen Jahren in einem Ferienhaus in der Ardèche, und Land und Leute waren ihm lieb und sehr vertraut.  Jedoch nur Land ohne dazugehöriges Haus erwerben, macht nicht viel Sinn. Deshalb informierte er sich über verschiedene Informationskanäle und besuchte gemeinsam mit einem Makler in verschiedenen Regionen Kulturland und Häuser.

Mein Lebenspartner Peter. Foto: privat
Mein Lebenspartner Peter. Foto: privat

Wenn er Interesse an einem Objekt hatte, besuchte ich mit ihm das entsprechende Anwesen. Wir diskutierten Vor- und Nachteile und es benötigte zusätzliche Anläufe zu weiteren Besichtigungen. Ich machte ihn auf die Region Haute-Saône aufmerksam und erzählte ihm von der wunderschönen grünen und saftigen Landschaft, die mir so gut gefallen hat, als ich mit dem Hausboot unterwegs war.

Eine nicht sehr touristische und unspektakuläre Gegend mit kleinen Weilern und Dörfern in wilder und oft naturbelassener Landschaft. So kam es zu der letzten Hausbesichtigung in Fresse in der Franche-Comté.

In dieses Grundstück haben wir uns verliebt. Foto: Gera Schoch
In dieses Grundstück haben wir uns verliebt. Foto: Gera Schoch

Da es ein zeitliches Missverständnis mit dem Besuchstermin gab, waren wir zu früh dort und gewannen dadurch mehr Zeit zur Erkundigung des Umschwungs und der nahen Umgebung. Als ich für einen Moment auf einer kleinen Anhöhe unter einem Baum sass und über das Land auf den Kirchturm schaute, empfand ich ein wohliges Gefühl der Geborgenheit.

Meinem Partner Peter erging es ähnlich. So kam es nach ein paar Wochen zum Kauf von Haus und Land von Le Sauvillery. Ab jenem Zeitpunkt begann unsere Geschichte mit dem gemeinsamen Leben in Frankreich. Als pensionierter Biologielehrer war Peter eine Bewirtschaftung von Land und Wald im Sinne der Biodiversität sehr wichtig. Der ursprünglich gepflegte und gemähte Rasen wurde zur Wildblumenwiese.

Unser Haus in Fresse. Foto: Gerda Schoch
Unser Haus in Fresse. Foto: Gerda Schoch

Brombeersträucher und Neophyten wurden ausgerissen und Grünflächen mit Blumensamen für Bienen und Schmetterlinge besäht. Seit der «Umgestaltung» von Wiesen, Hecken und Garten gibt es heute viel mehr Vögel und Schmetterlinge als zuvor. Den riesigen Swimmingpool baute Peter zu einem wunderschönen Naturschwimmteich um. Frösche und Libellen beleben den Teich. Seerosen und Blutweiderich blühen um die Wette.

Winter in Fresse. Foto: Gerda Schoch
Winter in Fresse. Foto: Gerda Schoch

Rasch interessierte sich Peter für Kühe und redete mit Bauern und Agronomen über diverse Kuhrassen und -haltungen. Schlussendlich kauften wir drei tragende Vogesenrinder (einheimische lokale Rasse). Bald weidete eine kleine Kuhfamilie auf dem Land rund ums Haus. Da diese regionale Rasse sehr robust ist, brauchte es keinen Stall, lediglich Unterstände für extreme Witterung. Unsere Tiere lebten somit das ganze Jahr draußen, und alle unsere Kälber kamen im Sommerhalbjahr auf der Weide zur Welt.

Nachwuchs: ein jungen Kälbchen für unsere Kühe! Foto: Gerda Schoch
Nachwuchs: ein junges Kälbchen für unsere Kühe! Foto: Gerda Schoch

Als ich mich vor drei Jahren pensionieren liess, bauten wir im Haus noch eine Ferienwohnung und ein Studio ein, welche wir nun seit über zwei Jahren vermieten.  Wir freuen uns, Menschen, mit Freude an der Natur ein paar erholsame Ferientage bieten zu können.

Fresse liegt am Rande der 1000 étangs. Hier kann man schöne Rundwanderungen unternehmen, und die Gegend ist auch sehr beliebt bei vielen Fahrradsportlern, ob E-Bike oder Rennrad.

2017 war Fresse Station der Tour de France. Foto: Gerda Schoch
2017 war Fresse Station der Tour de France. Foto: Gerda Schoch

Die bekannte Kirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp von Le Corbusier (Unesco Weltkulturerbe seit 2016) befindet sich rund 25 Autominuten von unserem Haus. Vielleicht besucht uns einmal ein Leser? Das würde uns freuen.

Die Corbusier-Kirche in Ronchamp. Foto: Gerda Schoch
Die Corbusier-Kirche in Ronchamp. Foto: Gerda Schoch

Letztes Jahr haben wir uns aus diversen Gründen entschieden, die Vogesenrinder zu verkaufen. Inzwischen weiden im Sommerhalbjahr bei uns die Kühe vom Dorfbauer.

Wir haben unseren Hauptwohnsitz immer noch in der Schweiz, wohnen mittlerweile das ganze Jahr hindurch in längeren Intervallen und zum grösseren Teil in Fresse, unserem zweiten Zuhause. Die Anreise von der Schweiz dauert lediglich 2,5 Autostunden.

Die Mille Étangs. Foto: Gerda Schoch
Die Mille Étangs. Foto: Gerda Schoch

Wir sind hier im Dorf sehr gut aufgehoben. Die Menschen sind sehr freundlich und äusserst hilfsbereit. Aber man bleibt der Holländer, der Deutsche oder der Schweizer, obwohl wir uns gut auf Französisch verständigen können.

In den Vogesen. Foto: Gerda Schoch
In den Vogesen. Foto: Gerda Schoch

Der Beitrag von Gerda Schoch ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, Schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße (!!). Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci fürs Teilen!

10 Kommentare

  1. Liebe Gerda,

    ja, wir wohnen fest dort, ich zumindest. Mein Mann arbeitet noch hin und wieder in Deutschland, sehr zu seinem Leidwesen. Aber ich muß mich um die sechs Pferde kümmern, mit denen im Gepäck ist man nicht sehr flexibel.
    Wenn Ihr uns besuchen wollt, schreibt doch einfach über unser Kontaktformular auf der Seite, ich freue mich immer über einen Erfahrungsaustausch.
    Und ja, wir haben wirklich ein Traumhaus erwischt !
    Viele Grüße, Bianca

  2. Liebe Gerda,
    dein Bericht über dein Frankreich und euer Anker-Werfen in der Haute-Saône hat meinen Kopf mit Erinnerungen geflutet: vor fast 50 Jahren habe ich ein Schuljahr lang als Sprachassistentin am Lycée Gérôme in Vesoul gearbeitet und am Wochenende mit meiner “Clémentine” die Landstraßen unsicher gemacht. Natürlich war ich auch in Lure, wo es eine Bäckerei mit annehmbarem Brot gab, und in Ronchamp, wo wir mit dem Schulchor ein Konzert hatten. Ich bin viel spazieren gegangen in dieser etwas spröden Landschaft und habe sie lieben gelernt, und ich habe Ausflüge ins Elsass, in den Jura, in den Schwarzwald und in die Schweiz (!) gemacht, Ziele, die von Hamburg aus viel zu weit sind.
    Es könnte schon sein, dass ich noch einmal auf den alten Pfaden wandeln möchte; dann weiß ich schon, wo ich unterkommen möchte: eure Adresse ist notiert!
    Viele Grüße
    Katrin

    • Liebe Katrin
      Danke für deine Schilderungen von “unserer” Gegend, der Haute Saône vor fast 50 Jahren.
      Du wärst nicht unsere erste Besucherin aus Hamburg. Es ist also möglich.
      Zurzeit muss man immer etwas vorsichtig sein beim Reisen.
      Ich häkle mich auch immer wieder durch.
      Bis vielleicht bald einmal?
      Herzliche Grüsse
      Gerda

  3. Ich bin dabei ! Auch wir haben ein großes Anwesen in der Nähe von Gerardmer, der Perle der Vogesen. Seit sieben Jahren wohnen wir hier mit Pferden, Hunden und den gefundenen Katzen. Ebenfalls mit Vermietung, ebenfalls an einem wunderschönen Platz. Wir haben uns nirgendwo besser aufgehoben gefühlt als in Frankreich und verbringen auch den Urlaub am liebsten in den verschiedenen Regionen.

    Liebe Grüße, Bianca

    • Liebe Bianca

      Melde dich, wenn du an einem Treffen interessiert bist. Das würde mich freuen.
      Wohnt ihr nun “fest” in Frankreich?

      Bis dann und liebe Grüsse
      Gerda

    • Liebe Bianca

      Ich habe euere Site besucht und bin begeistert. Sehr schön alles!
      Es ist eine Autostunde von Fresse entfernt.
      Herzliche Grüsse
      Gerda

  4. Hallo Gerda,
    ich habe mich heute sehr gefreut, von jemand zu lesen, der sein französisches Herzens-Zuhause in Frankreich ganz in unserer Nähe hat. Mein Mann und ich haben seit einigen Jahren eine alte Ferme in den Vogesen, in Saulxures sur Moselotte, und sind sozusagen beinahe Nachbarn von euch und kennen die Gegend rund um die Mille Étangs recht gut. Wir verbringen dort ebenfalls viel Zeit, und wir genießen die Ruhe, das ländliche Leben, den morbiden Charme der Dörfer und kleinen Städtchen dort. Wir hoffen sehr, dass die Zeit irgendwann wiederkehrt, in der man sich nicht mehr um Quarantänezeiten nach der Rückkehr und um Tests etc. kümmern muss… Vielleicht können wir uns ja mal zu einem kleinen Austausch in Frankreich treffen! Und, jetzt mache ich es dann hoffentlich wahr, ein wenig über “Mein” Frankreich auf Hilkes Seite zu berichten. Liebe Grüße, Sabine

    • Liebe Sabine

      Das ist toll, wenn man Leute mit ähnlichen Geschichten in der Nähe kennen lernen und Erfahrungen austauschen kann.
      Wenn es Corona-mässig wieder offen ist können wir uns gerne einmal treffen.
      Liebe Grüsse
      Gerda

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