Briefe aus Saint-Paul
In der Reihe „Briefe aus Saint–Paul“ stelle ich in loser Folge Momentaufnahmen aus Saint-Paul-de-Fenouillet im Herzen der Ostpyrenäen vor. Das Dorf, das ich jahrelang auch als gewählte Stadtverordnete vertreten durfte, ist für mich mehr als als ein Büro im Süden – esist ein Refugium und Quelle der Inspiration. Weitab von Zeitgeist-Trends, Großstadt-Hektik und anderen urbanen Ablenkungen verläuft hier das Leben noch in Bahnen, die tief verwurzelt sind im Terroir, seinen Menschen, seiner Natur, lebendigen Traditionen und überlieferten Lebensformen, die sich nur wenig verändert haben.
Kurzum: Solar auf dem Dach, Internet per Glasfaser – und zu Saint-Jean der Sprung übers Feuer und das Grillen von Merguez. Das Staunen über das andere Leben hier im Süden hatte mich einst inspiriert zur Reihe Briefe aus Saint-Paul. Inzwischen haben die Beobachtungen größere Kreise gezogen – doch stets blicke ich vom Kleinen aufs Große, von Beobachtungen im Alltag auf das typische Französische.
Briefeschreiben: eine französische Tradition seit 9 Jahrhunderten
Das Briefeschreiben hat in Frankreich eine glanzvolle und tief verwurzelte Tradition. Das Land kennt viele berühmte Briefeschreiber, die durch ihre Korrespondenz Weltgeschichte schrieben und Einblicke in die menschliche Seele gewährten. Indem ich meine Erlebnisse in Form von Briefen festhalte, knüpfe ich an diese literarische Form an, die es erlaubt, das Große im Kleinen zu entdecken..
Die Geschichte der französischen Epistel ist reich an Emotionen und Intellekt. Abélard und Héloïse waren das tragische Liebespaar des 12. Jahrhunderts. Ihre verbotene Liebe mündete in eine leidenschaftliche Korrespondenz, die heute zu den berühmtesten Liebesbriefen der Welt gehört und den Grundstein für die literarische Auseinandersetzung mit dem Ich legte.
Jahrhunderte später prägte Marie de Rabutin-Chantal als Marquise de Sévigné das Genre auf ganz andere Weise. Sie ist weltweit bekannt für ihre geistreichen und unterhaltsamen Briefe an ihre Tochter, die Gräfin von Grignan. Ihre Texte bieten einen einzigartigen, fast voyeuristischen Einblick in das höfische Leben im Frankreich des 17. Jahrhunderts und sind heute eine unverzichtbare Quelle für Historiker.

Epistel für die Ideale der Aufklärung
Im 18. Jahrhundert wurde der Brief zum Instrument der Veränderung. Der Philosoph und Schriftsteller Voltaire unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz mit Intellektuellen und Politikern aus ganz Europa, in der er die Ideale der Aufklärung verbreitete und den geistigen Austausch über alle Grenzen hinweg förderte. Im 19. Jahrhundert verfasste der Dichter Victor Hugo zahlreiche Briefe, sowohl private als auch öffentliche, die seine tiefgreifenden Gedanken zu Politik, Literatur und Gesellschaft offenbaren. Sie zeigen einen Mann, der mit seiner Feder ebenso leidenschaftlich kämpfte wie mit seinen Romanen.
Nur wenige Kilometer von meiner Herzensheimat im Süden entfernt fand ein weiterer großer Autor sein Sujet: Alphonse Daudet. Der Pfarrer von Cucugnan inspirierten ihn zu seinen unvergesslichen Erzählungen. In seiner Sammlung Lettres de mon moulin (Briefe aus meiner Mühle) verewigte der Schriftsteller das ländliche Leben. In diesen Briefen, die er fiktiv von einer provenzalischen Mühle aus an einen Freund in Paris schrieb, schildert Daudet mit viel Charme und Humor das Leben auf dem Land, die raue Schönheit der Natur und die Eigenheiten der Menschen im Süden.

Meine Hommage an den Alltag im Fenouillèdes
Meine Briefe aus Saint-Paul sind eine moderne Hommage an Daudet und die große Kunst der subjektiven Beobachtung. Saint-Paul-de-Fenouillet, umgeben von den schroffen Kalkfelsen der Galamus-Schlucht und den weiten Weinbergen des Agly-Tals, bietet dafür die perfekte Kulisse. Hier, im Schatten der Katharerburgen, ticken die Uhren anders. Das Ziel dieser Briefe ist es, ein wenig vom echten Leben und dem ungeschminkten Alltag auf dem Lande widerzuspiegeln.
In einer Welt, die immer schneller wird, ist der Brief ein bewusstes Innehalten. Er erlaubt es, französische Besonderheiten aufzuzeigen, die in keinem klassischen Reiseführer stehen. Es geht um die Begegnung beim Bäcker, einen tierisch überraschenden Besuch, das cocorico vor dem Morgengrauen, das Geheimnis einer erfolgreichen Spargelsuche oder um diese verd… Türschlösser meiner Nachbarin, an denen ich auch nach Jahren immer noch verzweifle.

Land und Leute aus ganz persönlicher Sicht
Die Reihe „Briefe aus Saint-Paul“ stellt euch Land und Leute auf eine ganz persönliche, subjektive Weise vor. Es sind Berichte ohne den Filter der Objektivität, dafür voller Empathie für einen Landstrich, derabseits der großen Touristenströme liegt. In der Reihe „Briefe aus Saint-Paul“ erfahrt ihr, was das Leben im Süden Frankreichs wirklich ausmacht – mit all seinen Ecken, Kanten und seinem unwiderstehlichen Zauber.
Meine Briefe aus Saint-Paul sind eine moderne hommage an Daudet. Ihr Ziel ist es, ein wenig Leben und Alltag auf dem Lande widerzuspiegeln, französische Besonderheiten zu zeigen und Land und Leute auf eine ganz persönliche, subjektive Weise vorzustellen. Bonne lecture !




















