Briefe aus Saint-Paul: Mon Dieu !

Die Pfarrkirche von Saint-Paul-de-Fenouillet erhebt sich vor der Chaîne de Lesquerde. Foto: Hilke Maunder
Die Pfarrkirche von Saint-Paul-de-Fenouillet erhebt sich vor der Chaîne de Lesquerde. Foto: Hilke Maunder

Alle 15 Minuten geschieht es. Morgen, mittags, abends, nachts, rund um die Uhr, 24/7 an 365 Tagen im Jahr. Ding-dong mit 90 bis 120 Dezibel. Nicht mehr am langen Seil per Hand, sondern per Computerprogramm, so lässt die katholische Kirche zentral gesteuert die Glocken läuten.

Im Viertelstundentakt ordnen sie die Zeit und den Rhythmus des Tages. Um sechs Uhr weckt ein großes Geläut die Schlafenden. Um acht Uhr mahnen die Glocken zehn Minuten lang mit ihrer Melodie, das Tageswerk zu beginnen. Es endet, auch dies verrät das große Geläut, abends um 19 Uhr.

Banyuls: Chapelle de la Rectorie
Die Chapelle de la Rectorie am Friedhof. Foto: Hilke Maunder

Staatlicher Stundenschlag

Dieses regelmäßige Läuten gab es nicht immer. Und das aus einfachen, rein menschlichen Gründen. Denn es brauchte einen Glöckner. Doch niemand wäre bereit gewesen, die ganze Nacht über zum Glockenturm geht, um die Viertel-, Halb- und Stundenschläge zu läuten?

So begann man ab dem 16. Jahrhundert, mechanische Gebäudeuhren zu entwickeln. Komplexe Mechanismen und ein diffiziles Gestänge automatisierten das Stundenschlagwerk.

Seitdem wird für den Stundenschlag die Glocke mit einem Hammer angeschlagen, der sich fast immer außerhalb des Instruments befindet. Manchmal wird die Stunde auch nur in zwei Intervallen geschlagen.

Der Mauerglockenturm der Dorfkirche von La Roque-Gageac. Foto: Hilke Maunder
Der Mauerglockenturm der Dorfkirche von La Roque-Gageac. Foto: Hilke Maunder

Im Rhythmus der Glocken

Morgens um acht sitze ich mit meinem Becher Tee auf der Fensterbank und freue mich über die himmlischen Klänge. Im Tagesverlauf bin ich so in die Arbeit vertieft, dass ich die Glocken nicht höre. Für eine stille Nacht habe ich die ursprüngliche Einfachverglasung ausgetauscht gegen Dreifachglas – das spart auch Energie.

Die meisten Einheimischen stört das Glockengeläut nicht. Für sie gehört es zum Leben im Fenouillèdes einfach dazu – wie die Tramontane, die 200 Tage lang um die Häuser weht, der winterliche Schnee zu Ostern und die Hitze des Sommers. Im laizistischen Frankreich sind die kirchlichen Traditionen Teil des Alltags, und digitale Infotafeln der Gemeindeverwaltungen verraten in den Dörfern, welcher kirchliche Namenstag gerade ist.

Die Glocken der Stadtkirche von Mirepoix (Ariège). Foto: Hilke Maunder
Die Glocken der Stadtkirche von Mirepoix (Ariège). Foto: Hilke Maunder

Erbe des Konkordats

Das stündliche Bimmeln ist ein Erbe aus der Zeit des Konkordats (1802-1813). Damals wurde den Glocken ihre ausschließlich religiöse Bestimmung genommen.

Neben dem Ruf zum Kirchgang und zum Beten erhielten Frankreichs Glocken damals auch zivile Aufgaben – darunter auch jene, die Stunden zu markieren. Vor dem Konkordatsregime wurden in der Kirche keine oder nur sehr wenige Stunden geschlagen.

Das Angelusläuten

Einzig das Angelusläuten bestimmte den Tagesrhythmus. In der Vergangenheit wurde der Angelus um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr geläutet. Es gab jedoch schon damals geografische Unterschiede. In Südfrankreich wird meist um  7 oder 8 Uhr, 12 Uhr und 19 Uhr geläutet.

Angelus hat bis heute eine höhere Lautstärke als ein Glockenschlag und eine längere Dauer. Denn ein Angelus ist auch eine Gebetserinnerung. Katholiken sollten zu diesem Zeitpunkt drei Versikel, ein Repons und ein Ave Maria beten. Doch kaum jemand in Frankreich praktiziert noch diesen Brauch.

Von der einstigen Burg ist der Kirchturm der <em>église Saint-Étienne</em> zu sehen. Foto: Hilke Maunder
Von der einstigen Burg ist der Kirchturm der église Saint-Étienne zu sehen. Foto: Hilke Maunder

La Volée

Neben dem Angelus und den Viertelstundenschlägen wird in Frankreich noch la volée geläutet. Die Aufforderung zum Messgang ist ein religiöser Brauch. Bei der volée wird die Glocke in eine schwingende Bewegung versetzt, sodass ein Klöppel im Inneren der Glocke an den Rand schlägt.

Der Glockenklang unterscheidet sich deutlich vom Angelus – und ist vor dem Gottesdienst zu hören.  Wann, wie und in welcher Lautstärke la volée geläutet werden kann, legen die Präfekten der Départements fest.

Die Église Pantaléon von Cases-de-Pène. Foto: Hilke Maunder
Die église Pantaléon von Cases-de-Pène. Foto: Hilke Maunder

Gestörte Nachtruhe

In der zentralfranzösischen Kleinstadt Ceyrat ärgert dieses häufige Läuten der Kirchenglocken den Familienvater Gaël Drillon. Er fühlte sich massiv gestört – und beschwerte sich im Rathaus.

Gegenüber der Regionalzeitung Le Dauphiné betonte er, er sei aus der Region und kein Pariser, der mit den Geräuschen auf dem Land nicht zurechtkomme.

Monsieur Drillon initiierte eine Petition. Sein Wunsch: die Glocken zwischen 22 und 8 Uhr schweigen zu lassen. 17 Bürger der 6500-Einwohner-Gemeinde unterstützten den Vorstoß.

Doch auch die Befürworter mobilisierten sich. Für sie sei die Kirche mit ihrem Geläut „die Seele des Ortes“. Die Bürgermeisterin verwies die Frage in eine Gemeinderatssitzung. Sie ließ die Beschwerde abblitzen.

Der Glockenturm der Kathedrale überragt die Place de la Cité. Foto: Hilke Maunder
Der Glockenturm der Kathedrale überragt die Place de la Cité von Rodez. Foto: Hilke Maunder

Protest vom Priester

Bereits 2005 hatte ein Pariser Priester, der als Rentner ins ostfranzösische Örtchen Clessé gezogen war, auf ungestörte Nachtruhe bestanden. Seine Forderung: Kein Glockengeläut zwischen 22 Uhr und 7 Uhr sowie um 11.30 Uhr.

Da die Glocken der Dorfkirche aus dem 11. Jahrhundert nachts nicht verstummen wollten, hatte der Geistliche beim Verwaltungsgericht auf Schadenersatz geklagt. Der Kleriker forderte 60.000 Euro – und damit die Hälfte der kommunalen Steuereinnahmen eines Jahres.

Der Priester aus Paris, der 1985 die alte Pfarrei von Clessé als Ferienwohnung und Alterssitz erworben hatte, verlor. Denn der Gemeinde war es gelungen, genügend Unterschriften für die Beibehaltung des Glockenläutens zu erhalten.

Von all diesen Beschwerden erfuhr ich von meiner gebürtig normannischen Nachbarin Patricia. Sie ärgert sich wie Drillon und der Priester aus Clessé am Glockengeläut. Und hat beschlossen, in ein glockenfreies Dorf zu ziehen. Bislang sucht sie es vergeblich.

Honfleur: Sainte-Catherine. Foto: Hilke Maunder
Der Glockenturm église Sainte-Catherine in Honfleur. Foto: Hilke Maunder

Frankreich und der Katholiszismus

Im Jahr 496 n. Chr. begeht der heilige Remigius eine Amtshandlung, deren Tragweite wohl niemand damals erahnt hat. Er tauft Chlodwig I. Die Annahme des Glaubens markiert die Geburtsstunde des christlichen Abendlandes und ermöglicht dem Frankenkönig, Gallien zu einen. Politik und Religion verschmelzen.

Seitdem ist die katholische Kirche in der französischen Gesellschaft allgegenwärtig – trotz der offiziellen Trennung von Staat und Kirche.

Église Notre-Dame de Vals. Foto: Hilke Maunder
Der Glockenturm der église Notre-Dame de Vals. Foto: Hilke Maunder

Mit der Herrschaft der Karolinger beginnt die Monarchie nach göttlichem Recht. Papst Leo III. krönt Karl den Großen zu Weihnachten in Rom zum Kaiser und kann im Gegenzug auf militärische wie finanzielle Unterstützung bauen. Dieser Kompromiss zwischen der königlichen und der religiösen Macht sollte trotz zahlreicher Konflikte zwischen Päpsten und Herrschern viele Jahrhunderte lang Bestand haben in Frankreich.

Als nach dem Tod Karls des Großen im Jahr 814 die Zentralmacht zerbricht, herrschen örtliche Herren über „ihr“ Volk. In dieser Zeit des Feudalismus ist die katholische Kirche die einzige zentrale Kraft. Daher fördern Frankreichs Monarchen die Autonomie der französischen Kirche gegenüber dem Papst.

Dinan. Foto: Hilke Maunder
Der Glockenturm von Dinan. Foto: Hilke Maunder

Die Päpste von Avignon

1309 setzt Philipp der Schöne Clemens V. als ersten französischen Papst in Avignon ein. Neun weitere sollten folgen. Die Französische Revolution erschüttert das römisch-katholische Frankreich und beendet die Monarchie des göttlichen Rechts mit der Guillotine. Der Katholizismus stirbt als Staatsreligion.

Am 26. August 1789 verkündet die Erklärung der Menschenrechte die Religionsfreiheit und erklärt den Glauben zur Gewissensfrage. Frankreich erkennt die Bürgerrechte von Juden und Protestanten an, und katholische Geistliche leisten einen Eid auf die Zivilverfassung.

Die Église St-Saturnin (Església de Sant Saturní) von Montesquieu-des-Albères. Foto: Hilke Maunder
Die Église St-Saturnin (Església de Sant Saturní) von Montesquieu-des-Albères. Foto: Hilke Maunder

Die zivile Scheidung wird eingeführt. Religiöse Straftaten wie Blasphemie, Hexerei und Ketzerei werden abgeschafft. Geburt, Heirat und Tod erfassen nicht mehr Priester in Kirchenbüchern, sondern Beamte. 1795 verkündet das Direktorium zum ersten Mal die Trennung von Kirche und Staat.

Trennung von Staat und Kirche

Doch erst 1905 wird der Grundsatz der Laizität in der Verfassung der Fünften Republik vom 4. Oktober 1958 in Artikel 1 verankert. Die Säkularisierung der Schule hatte Jules Ferry bereits 1882  vollzogen. Sein Gesetz vom 28. März ersetzt den Religionsunterricht durch Moral- und Staatsbürgerkunde.

Seitdem haben französische Schüler einen Tag pro Woche frei. Er soll den Eltern ermöglichen, ihren Kindern außerhalb der Schulgebäude Religionsunterricht erteilen zu lassen, wenn sie dies wünschen.

Das Tragen von Kreuz, Kippa oder Kopftuch ist auf dem Schulgelände seit 2004 per Gesetz untersagt. 2010 folgt ein Burkaverbot. Auch das Verschleiern des Gesichts im öffentlichen Raum ist seitdem untersagt. Doch der wachsende Islam im Land stellt Frankreichs Laizismus auf eine harte Bewährungsprobe.

Info

Klagen, Urteile und einen Gesetzesentwurf, der 2021 dem Senat zu den sonneries des cloches vorgelegt wurde, findest Du hier.

Opulent mit himmlischen Bläsern geschmückt: die Spitze der Église Saint-Croix. Foto: Hilke Maunder
Opulent mit himmlischen Bläsern geschmückt: die Spitze der église Saint-Croix von Nantes Foto: Hilke Maunder

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