ENTDECKT Die Pays de la Loire!
Südlich der Bretagne liegt die Region Pays de la Loire mit den historischen Provinzen Anjou, Maine, Poitou und Vendée im Westen Frankreichs. Sieerstreckt sich über eine Fläche von rund 32.080 Quadratkilometern und grenzt an die Regionen Bretagne im Nordwesten, Normandie im Norden, Centre-Val de Loire im Osten und Nouvelle-Aquitaine im Süden.
Das administrative Gebilde hat die alte Hauptstadt der Bretonen zur Kapitale erkoren: Nantes. Wer die Stadt heute besucht, sieht eine moderne Metropole voller Lebenslust, doch das war nicht immer so. Um 1980 war Nantes eine Stadt in der Agonie. Der Untergang der Werftindustrie und das Sterben der Schifffahrt hinterließen tiefe Wunden im Stadtbild und in der Seele der Bewohner. Doch Nantes hat sich seit 1990 mit einer Radikalität neu erfunden, die europaweit ihresgleichen sucht.
Mit Kultur als Motor und einer ordentlichen Portion Mut wurden die Industriebrachen am Flussufer in Spielwiesen für die Fantasie verwandelt. Auf der Île de Nantes, wo einst Schiffe vom Stapel liefen, thronen heute die mechanischen Giganten der Machines de l’Île – allen voran der riesige, wasserspeiende Elefant aus Holz und Stahl.

Jedes Jahr im Sommer feiert die Stadt beim Festival Le Voyage à Nantes diesen schöpferischen Geist. Eine grüne Linie auf dem Asphalt führt Besucher zu Kunstinstallationen im öffentlichen Raum, in versteckte Hinterhöfe und auf Dachterrassen mit Blick über die Stadt. Nantes ist heute das Labor einer Zukunft, in der Industrieerbe und Lebensqualität keine Widersprüche sind.
Durch Nantes fließt nicht nur die Loire, sondern auch die Erdre – für Franz I. war es der schönste Fluss des Königreichs. An seinen Ufer erbauten reiche Nantaiser Familie ihre die sogenannten Folies. Diese prachtvollen Ferienhäuser wurden von Adligen oder durch den Überseehandel reich gewordenen Reedern errichtet, prachtvolle Stein, Zeugen eines goldenen Zeitalters, in dem man seinen Reichtum in verspielten Fassaden und weitläufigen Parks zur Schau stellte.

Loireabwärts lockt das glanzvolle Erbe des französischen Adels. Château de Saumur, Château de Brézé, Château de Montgeoffroy, Château de Montsoreau und Château de Brissac – Residenzen der Renaissance, die allesamt einen Besuch wert sind.
Ein Ort von fast sakraler Stille und monumentaler Bedeutung ist die Abbaye Royale de Fontevraud, ein UNESCO-Weltkulturerbe. Die Abtei ist nicht nur architektonisch ein Meisterwerk, sondern auch ein historischer Brennpunkt: Hier ruhen mehrere englische Könige, darunter Richard Löwenherz und Eleonore von Aquitanien. Doch Fontevraud ist kein verstaubtes Museum. Die Anlage beherbergt heute eine erlesene Sammlung zeitgenössischer Kunst und zeigt, wie man jahrhundertealte Mauern mit moderner Ästhetik in Dialog bringt.

Felsbucht oder Sandstrand? Die Küste der Pays de la Loire
Der warme Golfstrom macht die Küste der Pays de la LOire zur riesigen Badewanne mit Inseln, Felsküste, versteckten Buchten und langen Sandstränden. Im Norden lockt La Baule mit einem der längsten und mondänsten Sandstrände Europas. Hier flaniert ihr vor der Kulisse prächtiger Villen aus der Belle Époque, während die Strandsegler über den feinen Sand jagen. Ein völlig anderes Bild bietet das südlichere Pornic. Hier dominieren intime Felsbuchten und steile Klippen, an denen sich die Wellen des Atlantiks brechen. Es ist eine Landschaft für Entdecker, die das Raue und Unverfälschte suchen.
Ein Unikum in den Pays de la Loire ist der regionale Naturpark der Brière. Es ist das zweitgrößte Moorgebiet Frankreichs, eine Welt aus Wasserwegen und Schilf. Wer hier mit einem flachen Kahn, dem Chaland, lautlos durch die Kanäle gleitet, betritt eine andere Zeit. Das Ufer ist gesäumt von weißen Reetdachkaten, deren bunte Türen und Fensterläden in leuchtendem Rot oder Blau Akzente in das satte Grün der Marsch setzen. Es ist ein Bauernland, das sich seine Eigenheit bewahrt hat und in dem die Zeit einen anderen Takt schlägt.

Das feucht-milde Atlantikklima dbegünstigt Landwirtschaft, Garten- und Weinbau: In den Pays de la Loire wachsen die Maiglöckchen, die die Franzosen zum 1. Mai verschenken. Doch die wahre Leidenschaft der Pays de la Loire fließt in Gläsern. Das Anjou ist berühmt für seine Roséweine, allen voran der Rosé d’Anjou, der mit seiner leichten Süße und Fruchtigkeit perfekt zum Savoir-vivre der Region passt. Rund um Saumur wird es prickelnd. In den kilometerlangen Kellern, die tief in den weichen Tuffstein der Loire-Hänge gegraben wurden, reift der Crémant de Loire – ein Schaumwein, der nach der traditionellen Methode hergestellt wird und es in Sachen Finesse mühelos mit der Champagne aufnehmen kann.
Mein Lieblingstropfen aus den Pays de la Loire st der Muscadet-Sèvre et Maine sur lie. Südlich von Nantes, in der Gegend um das pittoreske, fast italienisch anmutende Clisson, findet dieser Wein seine Vollendung. Das Verfahren sur lie – also die Lagerung auf der Feinhefe bis zur Abfüllung – verleiht dem Weißwein eine Frische und Komplexität, die ihn zum idealen Begleiter für die Meeresfrüchte macht, die der nahe Ozean im Überfluss liefert.
Kurzum: Wer Frankreich in seiner ganzen Vielfalt – zwischen königlicher Eleganz und moderner Lebensfreude – erleben will, kommt an den Pays de la Loire nicht vorbei.

