Foto: Hilke Maunder

Die Mauer: Bollwerk des Privaten

Le mur – die Mauer. Sie ist der Inbegriff Frankreichs. Und wurde nahezu überall im Land in den letzten Jahren erhöht. Sie ist das Bollwerk nach außen und schützt das Eigene, das Intime. Denn draußen ist potenziell jeder ein Feind.

Der Nachbar wie der Staat. Und so wurde nicht nur während der Pandemie in meinem Dorf eifrig gemauert. Ein paar Ziegelblöcke auf die alten Steinreihen, ein paar Natursteine mit Mörtel schnell zusammengeklebt. Gut weit über zwei Meter umfrieden solche Mauern jetzt Grundstücke und Gärten.

Während der Corona-Pandemie wurde die Mauer aufgestockt. Foto: Hilke Maunder
Während der Corona-Pandemie wurde die Mauer aufgestockt. Foto: Hilke Maunder

Die Maße der Mauer

Wie hoch gemauert wird, hat der Gesetzgeber bis ins Detail geregelt. An die gesetzlichen Maße halten sich akribisch auch all jene, die ihre Mauer illegal im Dunkel der Nacht hochziehen. Baugenehmigung? Bah! Il faut se protéger! 

2,60 Meter hoch muss die Grundstücksmauer in allen Orten mit bis zu 50.000 Einwohnern mindestens sein. Bei mehr als 50.000 Einwohnern beträgt die Mindesthöhe sogar 3,20 Meter.

un mur bien chez moi

Ausdruck im Département Yonne für das eigene Heim

Die Rekord-Mauer

Die Mauer – nirgendwo ist sie so präsent wie im Hexagon. Unerreichte Rekorde sind auch die Mauerlängen. Stolze 32 Kilometer lang ist die Umfassungsmauer des Château de Chambord im Loiretal: Europarekord! 1542 begann ihr Bau. Durchschnittlich 3,50 Meter hoch, ruht sie auf einem 70 Zentimeter tiefen Fundament. Errichtet wurde sie aus kleinen, hellen Beauce-Kalksteinen.

Die Mauer hatte von Anfang an eine sehr praktische Funktion als Jagdrevier und Eigentumsgrenze und wurde mit einer hohen symbolischen Funktion ausgestattet. Sie sollte die Grenzen der idealen Stadt, des Territoriums der Utopie, festlegen. Von Anfang an war der Schlosspark hinter der Mauer als ein von Franz I. gewollter Garten Eden konzipiert. Heute ist Chambord die einzige Nationaldomäne Frankreichs, die noch ihre ursprünglichen Ausmaße besitzt.

Umso größer ist das Staunen, wenn man durch Aquitanien reist: keine Mauern, keine blickdichten Hecken. Sondern Rasen, der am Trottoir endet. Und wenn ein Zaun, dann offen, mit Gitter oder Latten. In solchen Details zeigt sich das englische Erbe dieser französischen Region.

Das kleine Glück

Doch im restlichen Land signalisiert die Mauer: Hier beginnt das Private, das Heiligtum des Intimen, in das nur Freunde eindringen dürfen. Als Bollwerk schützt die Mauer das private Glück. Und jenes ist in Frankreich genau umrissen: guter Ehepartner, liebe Kinder, die eigene Familie, Gesundheit und Geld genug zum Leben.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Abweisend nach außen, intim im Innern. Die Fensterläden auch im kühlen Winter am helllichten Tage verschlossen. Und während ich in Hamburg von der Hochbahn aus tiefe Einblicke in die norddeutsche Wohnkultur gewinnen konnte, bleibt in Paris der Blick am schweren Vorhang vor den Fenstern hängen. An vielen Klingelschildern fehlen Namen.

Und wie groß war das Erstaunen, als ich mich – frisch ins Dorf gezogen – ordentlich in der mairie anmelden wollte. „Wir wissen doch schon längst, dass Sie jetzt auch hier leben“, lachte die Sachbearbeiterin. „Eine Meldebescheinigung benötigen Sie nicht. Da genügt der Nachweis von der EDF.“

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der Clash am Berg

Propriété privé (Privateigentum): Inmitten der Wildnis der Pyrenäen am Col de Jau hängt dieses Schild plötzlich im Bergwald und stoppt den Wanderer. Groupama besitzt mit der Domaine de Cobazet seit 1992 rund 1.900 Hektar Land auf dem Madrès-Massiv der katalanischen Pyrenäen.

Alte Buchen prägen den Bergwald – und dienen als „Sicherheit“ im Portfolio der französischen Versicherungsgruppe. Champignons zu sammeln ist dort untersagt. Umso lieber veranstaltet Groupama dort private Jagden.

Im Bergwald des Col de Jau, der heute Groupama gehört. Foto: Hilke Maunder
Im Bergwald des Col de Jau, der heute Groupama gehört. Foto: Hilke Maunder

Jahrhunderte altes Gewohnheitsrecht versus Eigentumsrechte: Am Fuße des Gipfels des Pic des Madrès prallen zwei Vorstellungen aufeinander. An der Küste hat der französische Staat diesen Konflikt gelöst. Das Gesetz Nr. 1285 vom 31. Dezember 1976 legt eine Mindestdienstbarkeit von drei Metern entlang jeder Küstenlinie im öffentlichen Seegebiet fest.

Dies bedeutet: Jede private Bebauung  – Häuser, Hotels, private Anlegestellen – muss in diesem Bereich den freien Zugang der Bürger zur Küste ermöglichen. Das Prinzip wurde 1986 im Gesetz über die Entwicklung, den Schutz und die Aufwertung der Küste bestätigt.

verläuft der Sentier Littoral am Cap Martin der Côte d’Azur. Foto: Hilke Maunder
Fast bis ans Meer reicht das Privatgrundstück der Luxusvilla. Aber eben nur: fast. Zwischen Meer und Grundstück verläuft der Sentier Littoral am Cap Martin der Côte d’Azur. Foto: Hilke Maunder

Die Mauer im Kopf

Die Mauer. Nicht nur konkret und hoch gebaut. Sondern auch in den Köpfen. Sie hat den franco-algerischen Sänger Patrick Bruel zu einem seiner erfolgreichsten Chansons inspiriert: Combien de Murs*.

D’abord une pierre qui vole en éclats
Une drôle de poussière, puis un fracas
Sortez de chez vous, réveillez tous les gens
Qui ont rendez-vous depuis si longtemps

Un mur est tombé, un homme se retourne
Est-ce qu’il a rêve ? Est-ce une page qu’on tourne ?
Déjà la rumeur qui court de ville en ville
On s’embrasse, on pleure, il reste immobile

Est-ce que c’est lui qui perd la tête, qui devient fou…
Même si son cœur est à la fête ses yeux sont flous
Combien d’armures, combien de masques, combien de tombes?…

Das Chanson könnt ihr hier anhören in der Live-Version von 1994: www.dailymotion.com/video/x1tk8z8.

Hohe Mauern umgeben auch die Kleingärten von Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder
Hohe Mauern umgeben auch die Kleingärten von Saint-Paul-de-Fenouillet. Foto: Hilke Maunder

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