Briefe aus Saint-Paul: die Katze

Katze, überraschend: Couscous, unser wilder, schnurrender Eindringling. Foto: Hilke Maunder
Wir hatten die Türen verschlossen. Doch die Fenster geöffnet. So zwängte sich Couscous einfach an der Seite durchs Fliegengitter und kam ins Haus. Foto: HIlke Maunder

Kaum größer als meine Hand war die Katze. Ein kleines Bündel Fell, ausgehungert bis auf die Rippen. So kam sie 2014 auf die Terrasse. Wir hatten damals einen Haustausch mit einem US-amerikanischen Ehepaar gemacht.

Sie hatten in Saint-Paul-de-Fenouillet mitten im alten Stadtkern ein kleines, fast 300 Jahre altes Haus erworben, um nach der Pensionierung im Süden von Frankreich den Lebensabend zu beschließen.

Doch sie wollten auch reisen. So tauschten wir Häuser. Zu Ostern saßen sie in Hamburg, wir – meine Tochter, meine Freundin Claudine und ich – im Süden. Und genau am letzten Abend der kurzen Woche kam ein winzig kleines Kätzchen angetapst. Ich nahm es auf die Hand, legte es auf meinen Schoß. Und dachte später in Hamburg oftmals an diese Begegnung zurück.

Die Jahre vergingen. Die US-Amerikaner verkauften ihr Haus, wir wurden neue Eigentümer. Doch das Kätzlein, so sehr ich es auch hoffte, kehrte nicht zurück. Nur manchmal hatte ich das Gefühl, dass eine mitunter nun größere Katze uns aus der Entfernung beobachtete.

Niemals kam sie näher. Lara machte ihr Abibac, ich wählte Saint-Paul zum zweiten Wohnsitz. Und war viel auf Achse, unterwegs in Frankreich. Dann kam der Corona-Virus, das schlechte Wetter, der Lockdown. Und plötzlich stolzierte eine Katze über die Mauer der Terrasse. Legte sich aufs Dach, wagte sich aufs Grundstück. Nur, wenn wir nicht draußen waren.

Kommt die Wildkatze heute? Oder nicht? Das ist das tägliche Ratespiel jetzt geworden. Foto: Hilke Maunder

Doch durch die Terrassentür beobachteten wir die wilde kleine Katze mit dem buschigen Schwanz. Der Frühling kam. Und mit ihm der Mut, sich öfters auf unser Grundstück zu wagen.

Die Katze knabberte an unserer Minze, legte sich auf das Holzdeck, rollte sich im Gartensessel zusammen, schlief auf den Steinplatten. Und kam eine andere Katze, wurde das kleine Tigerchen geradezu wild und vertrieb den Eindringling.

Das alles konnten wir nur durch das Terrassenfenster beobachten. Sobald wir die Tür öffneten, war die Katze verschwunden. Doch eines Tages flüchtete sie nicht. Sondern kam näher. Strich um meine Beine. Und beobachtete mich, während ich las, aus dem Augenwinkel.

Das gleiche Spiel wiederholte sich bei meiner Tochter. Als la canicule, die Sommerhitze, eintraf, stellten wir ein Wasserschälchen hinaus. Die Katze kam, trank. Und miaute.

„Mama, sie hat Hunger!“, sagte meine Tochter. Wir sichteten den Kühlschrank. Käse, Gemüse, Brot… nicht so richtig katzentauglich, ergab die Inspektion. Doch: Lag neben den Blinis zum Abendbrot nicht Lachs?

Ihr ahnt es schon: Den Lachs erhielt die Katze. Wir behalfen uns mit Grünzeug. Am nächsten Morgen saß die Katze miauend vor der Terrassentür. Ich durchwühlte das Internet nach Katzeninfos (ich, die immer einen Hund wieder haben wollte!). Lara kaufte bei Carrefour Katzentrockenfutter. „Nur als Reserve“, sagte sie.

Die Katze wurde mutiger, wagte sich über die Schwelle. Ich griff sie am Hals und setzte sie sanft wieder hinaus. Die Wildkatze miaute, zeigte mir ihren Bauch. Und mein Herz erweichte. Sie durfte hinein.

Aber nicht aufs Sofa oder die Tische. Die Katze wählte ein Tablett. Schaute von dort uns einen Abend lang zu. Und verschwand wieder.

Seit jenem Abend heißt unser Wildtier Couscous. Und kommt jeden Morgen und jeden Abend für frisches Wasser, ein ganz klein wenig zu futtern und viel kraulen. Dann zieht sie wieder ab. Hinaus in die Garrigue. Oder strolcht ums Haus. Stolz legte Couscous gestern uns die erste erlegte Maus vor die Terrassentür.

Hintergrund

Gerade im Süden von Frankreich gehören frei herumlaufende Katzen zum Straßenbild. Und zum Alltag. „Unser“ Couscous ist eine europäische Wildkatze. Dass es sich bei der Katze um ein Weibchen handelt, verraten auch ihre Körpermaße.

Die Weibchen sind mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 47 bis 57,5 cm, einer Schwanzlänge von 25 bis 32 cm langen und einem Gewicht von 2,35 bis 4,68 kg deutlich kleiner als die Männchen.

In Österreich und der Schweiz ist diese gestreifte markant gestreifte Katze nahezu ausgerottet. Die größten Populationen gibt es in Spanien und im Pyrenäenraum. Saint-Paul-de-Fenouillet befindet sich dort.

Couscous scheint ein Hybrid von Haus- und Wildkatze zu sein. Da Wildkatzen nicht zähmbar sind, geben wir der Katze nur eine kleine Nascherei, um den Jagdtrieb zu erhalten.

Info

Die Situation von Wild- und Hauskatzen in Frankreich

www.oncfs.gouv.fr/IMG/file/mammiferes/carnivores/petits/FS%20292_ruette_chat_forestier_genetique.pdf

Das erste Mal: Die Katze wagte sich ins Haus. Foto: Hilke Maunder

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14 Kommentare

  1. Hallo Hilke,
    ich schätze, Couscous fühlt sich überaus wohl. Meine Empfehlung: den Einkaufszettel umschreiben. Denn demnächst schwenkt Deine Wildkatze komplett auf Dolce Vita um. Dann fragt sie statt nach Trockenfutter und kaltem Wasser nach Foie Gras und ’nem Gläschen Semillon. Santé und LG,
    Thomas

  2. Nach einer wunderbaren Zwischenstation in Tournus sind wir nun unterwegs nach Leucate. Was für eine wunderschöne Geschichte, die mir die Fahrt (auf dem Beifahrersitz natürlich!) verkürzt. Mein Mann bezeichnet mich ja immer als „Tierflüsterin“ und so haben wir ähnliche Geschichten gerade auch in L. mehrfach erlebt. Ich hatte auch die Sorge, dass sie sich zu sehr gewöhnen. Aber bisher ging alles gut, wie uns Freunde berichteten! Zu Hause hatten wir auch viele Jahre Billy und Lolle.
    Nun sind wir aber „haustierlos“ und freuen uns über diese Urlaubsfeundschaften. Viel Freude weiterhin mit Couscous!

  3. Eine Freundschaft mit einer Halbwilden ist doch was Wunderbares! Grüßen Sie Couscous von mir, Nimuë, der Hauskatze und Noira, der kohlpechrabenschwarzen Halbwilden, die immer zum Frühstück kommt. Herzliche Grüße: Ulla

      • Als wir vor Jahren in Coaraze, in der Nähe von Nizza, Urlaub machten, beglückte uns vom ersten Tag an ein Kater. Wir nannten ihn spontan Jacques, irgendwie schien dieser Name zu ihm zu passen. Jacques verbrachte mit uns gemeinsam den Urlaub dort und wir waren traurig, ihn am Ende zurücklassen zu müssen.

      • Oh, wie süß, wenn es ein Männchen gewesen wären, hätte wir vielleicht auch Jacques genommen… Couscous gefällt uns, weil es auf Deutsch wie KussKuss klingt.

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