Strandperle von Port-Ventre: die Nucht von Paulilles. Foto. Hilke Maunder
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Anse de Paulilles: explosive Strandperle

Bis 1870 verläuft das Leben friedlich in Paulilles, einem kleinen Fischer- und Winzerort an der Côte Vermeille der Pyrénées-Orientales. Doch dann befindet sich Frankreich im Krieg gegen Preußen – und wird die Stadt Toul in Lothringen belagert. Frankreich schlägt daraufhin eine Militärpolitik ein, die zu grundlegenden Reformen der Armeeorganisation und -ausstattung führt.

1870: eine neue Militärpolitik

So weit wie möglich von der deutsch-französischen Ostgrenze entfernt will Léon Gambetta eine Sprengstofffabrik errichten. Der Gründervater der dritten Republik findet seinen Standort kurz vor der spanischen Grenze mit der Bucht von Paulilles.

Paulilles mit dem Cap Béar. Foto: Hilke Maunder
Cap Béar. Foto: Hilke Maunder

Gen Norden begrenzt das Cap Béar die weite Bucht mit ihren drei Stränden. Rund um den Leuchtturm fegen die im Durchschnitt stärksten Winde Frankreichs. Böen von bis zu 191 Kilometer pro Stunde wurden dort im Januar 2009 gemessen – Landesrekord! Gegen Süden reckt sich das Cap d’Oullestrell ins Mittelmeer.

Paulilles. Foto: Hilke Maunder
Die Punta del Mal Cagar auf dem Felsvorsprung vor dem Cap d’Oullestrell (Ullastrell). Foto: Hilke Maunder

Paul Barbe und Alfred Nobel

Den passenden Partner für das Dynamit-Projekt findet Frankreich in Paul Barbe. Die ehrenvolle Kapitulation von Toul hatte zur Freilassung der Offiziere geführt, von denen sich mehrere dem Widerstand anschlossen. Unter ihnen war auch François, genannt Paul Barbe (1836-1890), der die Artillerie der Nationalgarde  kommandierte.

Der aus Nancy stammende polytechnische Ingenieur war der Sohn von Jean-Baptiste, einem Schmiedemeister und Besitzer von Hochöfen in Liverdun (Meurthe). Vater und Sohn waren begeistert von den enormen Möglichkeiten, die der Einsatz von Dynamit vor allem im Bergbau eröffnete, und wurden  1868 die ersten Gesellschafter von Nobel in Frankreich für die Nutzung von Dynamit.

Die Bucht von Paulilles. Rechts seht ihr den Turm der einstigen Dynamitfabrik. Foto: Hilke Maunder
Die Bucht von Paulilles. Rechts seht ihr den Turm der einstigen Dynamitfabrik. Foto: Hilke Maunder

Ein Fachmann … und Filou

Alfred Nobel schätzte Barbe als kompetenten Partner, aber die beiden Männer waren nie enge Freunde. Nobel hatte hohe ethische Maßstäbe. Barbe indes, so Nobel, sei ein Mann, der „über ausgezeichnete Arbeitsfähigkeiten verfügte, dessen Gewissen aber elastischer war als Gummi. Das ist schade, denn diese Kombination aus Intuition und Energie ist so selten.“ Barbe war an illegalen Spekulationsgeschäften beteiligt. Er entkam seinen Gläubigern nur, indem er sich 1890 das Leben nahm.

Frankreichs erste Dynamitfabrik

Am 31. Oktober 1870 beschloss das Innen- und Kriegsministerium die Gründung der Sprengstoff-Fabrik von Paulilles. Der Staat kaufte das Gelände und übertrug Paul Barbe Aufbau und Leitung.

Noch im gleichen Jahr begann die Produktion. Frankreich sicherte sie mit einem Kredit von 10 Millionen Francs ab und zahlte 60.000 Francs für die obligatorische tägliche Lieferung von 500 Kilo Dynamit für die Dauer des Krieges.

Die Dynamitfabrik vom Wasser aus. Foto: Hilke Maunder
Die Dynamitfabrik vom Wasser aus. Foto: Hilke Maunder

Das gefährliche Trio

Frankreichs erste Dynamitfabrik stellte drei Produkte her, die mit Nobels Entdeckungen zusammenhingen: Nitroglyzerin, Sprengkapseln und Dynamit. Diese dreifache Produktion wurde bis zum Ende des Betriebs im Jahr 1984 aufrechterhalten.

Schon bald arbeiteten 400 Menschen hier, fünf Generationen lang. Die Frauen waren nahezu allesamt bei der Patronenherstellung beschäftigt. 1879 wurden in Paulilles 1000 Tonnen Dynamit hergestellt, 1975 mehr als 4000 Tonnen im Jahr.

Zum Einsatz kam das Dynamit von Paulilles nicht nur im Bergbau, sondern auch beim Bau des Panamakanals, beim Bau des Weltraumbahnhofs Kourou und für den Hafen von Fos-sur-Mer. Als Testgelände diente das Atoll von Moruroa in Französisch-Polynesien.

Das Dynamit-Dorf

Die Arbeiter – Männer und Frauen und ihre Familien – wohnten direkt auf dem Gelände. Mit eigener Kirche, Schule und landwirtschaftlicher Kooperative war Paulilles nahezu autark und  abgeschottet vom Umland.

In den 1960er-Jahren wurde ein Teil der Produktion nach Tautavel verlegt. 1984 schloss die Société nationale des poudres et des explosifs (SNPE) die Produktion in Paulilles.

Sprayer entdeckten die verwaisten Ruinen für ihre Kunst. Investoren träumten von touristischen Projekten in XXL. Jean-Claude Méry wollte eine Marina mit 500 Ankerplätzen und ebenso vielen Ferienwohnungen errichten. Die Einheimischen protestierten gegen die Immobilienhaie – und mobilisierten sich.

Und das erfolgreich. Auf den Druck von Umweltschützern verkaufte Vivendi 1998 für sieben Millionen französische Francs das Gelände an das Conservatoire du littoral. 2005 begann der Conseil Général mit den Aufräumarbeiten auf dem 32 Hektar großen Areal.

70 Gebäude wurden abgerissen, neun Häuser bewahrt und restauriert. Die Sanierung der Industriebrache, zum Teil Überschwemmungsgebiet, erweist sich komplizierter als gedacht.

Oberhalb von Paulilles wird an steilen Hängen Wein angebaut. Foto: Hilke Maunder
Oberhalb von Paulilles wird an steilen Hängen Wein angebaut. Foto: Hilke Maunder

Paulilles: Zukunft für die Erinnerung

„Die Zukunft einer Erinnerung“ ist das Motto der Revitalisierung. Ein Parkplatz mit 260 Stellplätzen beendete das wilde und gefährliche Parken entlang der D914 zwischen Port-Vendres und Banyuls-sur-Mer.

Die terrassierten Weinhänge von Banyuls-Collioure und die Bergspitzen der Albères im Rücken, erreicht ihr auf einem kurzen Sandweg die ehemalige Villa des Fabrikbesitzers, die sich zur Maison du Site gewandelt hat.

Der Museumskomplex

Das Besucherzentrum birgt neben einer Ausstellung, die auf großen Schwarzweißfotografien die besondere Geschichte der Bucht erzählt, auch ein Café sowie Toiletten. Hier beginnen von Mai bis Oktober auch die Führungen.

Im Garten des Fabrikdirektors könnt ihr exotische Pflanzen aus vier Kontinenten entdecken. Sie verraten als grüne Symbole, wo überall das Dynamit aus Paulilles zum Einsatz kam.

Von dort leitet euch ein Platanenweg vorbei an Weingärten und den anderen landwirtschaftlichen Bereichen von Paulilles hin zum Freilichtmuseum im Herzen der Sprengstofffabrik. Ihr einstiger Wasserturm ist heute ein wunderschöner Ausguck!

Paulilles: Street Art an der Strandmauer. Foto: Hilke Maunder
Street Art an der Strandmauer. Foto: Hilke Maunder

Paulilles: meine Infos

Hinkommen

• 1-Euro-Bus: Linie 400 Cerbère < > Perpignan, Linie 410 Cerbère < > Saint Cyprien

• Auto: RD 914; 260 kostenlose Parkplätze

• Zu Fuß: Sentier du littoral (Teilstück des Küstenweges von Argelès-sur-mer nach Cerbère), gelbe Wegmarkierung. Achtung: Das Cap Sud darf nur auf Führungen betreten werden. Gefahr durch Altlasten!

Essen und trinken

Sole Mio

Das Strandlokal der Plage Bernardi lockt mit drei Terrassen, Cocktailbar und katalanisch-mediterraner Küche. Auf der Karte: Tapas, Anchoïade, Morue aioli, Fideua, Zarzuela und all das an frischem lokalen Fisch, was gerade im Netz war.

Wer lieber picknickt, erhält Getränke und Snacks auch zum Mitnehmen.
•Plage Bernardi, Paulilles, 66660 Port-Vendres, Tel. 04 68 82 35 62, www.solemio-restaurant.com, April bis Oktober

Les Clos de Paulilles

Bio-Wein: Die Winzer von Cazes aus Rivesaltes bauen seit 2012 auf den Schieferböden der Anse de Paulilles auf 65 Hektar nach Rudolf Steiners Biodynamik Syrah, Grenache sowie Mourvèdre für Les Clos de Paulilles an – die Weine können an der Kellertür verkostet werden. Im Sommer könnt ihr eine Ferienwohnung auf dem Weingut mieten und im Restaurant schlemmen.
• Paulilles, 66660 Port-Vendres, Tel. 04 68 81 49 79, www.cazes-rivesaltes.com/Les-Clos-de-Paulilles, 1. Mai – 11. Okt. Mi. – So. 12 – 15, 19.30 – 22.30 Uhr, Juli/Aug. tgl.

Paulilles: die Werkstatt der Bootsbauer. Foto: Hilke Maunder
In der Werkstatt der Bootsbauer könnt ihr zusehen, wie nach traditioneller Art die katalanischen Holzboote gebaut werden. Foto: Hilke Maunder

Entdecken und erleben

Dynamiterie de l’Anse de Paulilles

• D 914, 66660 Port-Vendres, Tel. 04 68 95 23 40, www.tourisme-pyreneesorientales.com/site-classe-de-lanse-de-paulilles. Ganzjährig geöffnet, November bis März 9 – 17, April, Mai, September und Oktober 9  – 19, Juni bis August: 9 Uhr – 20 Uhr

Atelier des barques

Vor Ort werden typisch katalanische Boote vor Ort restauriert – die knapp elf Meter lange Barke Notre-Dame-de-Consolation (1913) und die acht Meter lange Barke Charlotte von 1921 sind bereits fertig gestellt. Im Sommer werden Aktivitäten für die ganze Familie angeboten.
• Tel. 04 68 95 23 47;

Strände

Gleich drei Strände zum Sonnen und Baden findet ihr in der Bucht. Schöner als die Plage Bernardi mit ihrem Kieselstrand ist die Plage del Forat. Wer gerne taucht oder schnorchelt, findet am Cap Béar klare Fluten. Wandert auf dem Küstenpfad (sentier littoral) dorthin!

Am Fels kleben Seesterne und Seeigel. Zwischen Neptungras – einer Seegrasart, die nur im Mittelmeer vorkommt – huschen mittelgroße Fische wie der Serran aus der Familie der Sägebarsche umher. Auch Schnecken leben im Seegras. Weiter von der Küste entfernte tummeln sich Zackenbarsche und Stachelrochen im Mittelmeer.

Cap Béar. Foto: Hilke Maunder
Sommerfluten am Cap Béar. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Domaine de Valcros

200 Meter vom Strand von Paulille entfernt laden Véronique und Louis zur ruhigen Nacht auf ihrem alten katalanischen Weingut, das aus Syrah, Grenache und Mourvèdre vor Ort Rotweine herstellt, die ab Hof erhältlich sind. Neben drei einfachen Doppelzimmern gehören auch ein Studio und eine Ferienwohnung für drei bis acht Personen zum Urlaubsangebot des Hofes.
• Domaine de valcros, Paulilles, 66660 Port-Vendres, Tel. 04 68 82 04, 27, www.domainedevalcros.com

Noch mehr Betten*

 

Weiterlesen

Im Web

Eine sehr genaue Historie zur Sprengstofffabrik finden ihr  hier: www.apc66.fr.

Im Blog

Mehr zu den Weinbergen, die die Bucht einrahmen, erfahrt ihr hier.

Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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2 Kommentare

  1. Georg Henker hat mir diesen Kommentar per Mail geschickt – merci für den Tipp!

  2. Bonjour, ich bin gerade in unserem Häuschen ins Cosprons (Port Vendres). Seit über 30 Jahren sind wir regelmäßig hier. Ein Tipp: Seit September 2015 ist Mme Mercer Önologin in Paulilles für die Firma Cazes. Frauen gibt es ja wenig in diesem Metier. Vielleicht besuchen Sie sie mal. Gerne lese ich Ihre Mails. Vielleicht schaffen wir es mal nach Riberach.
    Viele Grüße von Georg Henker

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