Ein echtes Mysterium: das Türschloss
Mysterium Türschloss: Das erlebte ich schon oft in Frankreich. Jeder, der schon einmal dort gelebt oder Urlaub gemacht hat, kann wahrscheinlich eine Anekdote über seine ganz persönliche Begegnung mit dem Türschloss erzählen.
Auch ich habe im Laufe der Jahre viele solcher Erfahrungen gemacht. Das erste Mal lange vor der Zeit, als ich in Saint-Paul-de-Fenouillet ein zweites Zuhause fand. Und nicht nur dort, sondern auch immer wieder in anderen Teilen Frankreichs. Türen zu verriegeln und abzuschließen, war oft mit Überraschungen verbunden.
Meine erste Begegnung mit dem typischen französischen Türschloss hatte ich bei einem Haustausch. Ich war gut ins Haus hineingekommen, doch als ich wieder hinaus wollte, um meinen Tag zu beginnen, stand ich plötzlich vor einem Problem. Der Schlüssel steckte, doch er ließ sich nicht drehen. Ich drückte die Klinke nach unten, rüttelte am Türschloss – mal mit, mal ohne Schlüssel – doch nichts tat sich. Der Schlüssel saß unbeweglich im Türschloss fest.
Schließlich kam ein Einheimischer die Gasse hinauf und sah mein Dilemma. „Klemmt der Schlüssel?“ fragte er und nahm mir das Schließen der Tür ab. Mit einem geübten Handgriff hob er die Klinke nach oben, drehte den Schlüssel, und die Tür war verschlossen. Voilà! Monsieur strahlte und gab mir den Schlüssel. Ich war verblüfft über diese einfache, aber effektive Türschloss-Technik.
Der Kniff mit dem Griff
Nach all den Jahren in Großbritannien, wo ich mich daran gewöhnt hatte, vor dem Verlassen des Hauses von innen einen Knopf zu drücken, um die Tür abzuschließen, stellte die französische Technik eine echte Offenbarung dar. Der Kniff, den Griff nach oben zu drücken, um die Mehrfachverriegelung zu aktivieren, hat sich als äußerst praktisch erwiesen.
Zum einen verhindert es, dass man den Schlüssel drinnen vergisst und sich aussperrt. Zum anderen bietet diese Technik den Vorteil, dass selbst verzogene Türen leichter zu verriegeln sind. Denn der Türgriff besitzt viel mehr Hebelkraft als ein Schlüssel im Türschloss. In Frankreich, wo alte Türen oft ein wenig schief hängen, ist das eine wahre Erleichterung.
Gegen den Uhrzeigersinn
Die Mehrfachverriegelungssysteme, die in vielen französischen Türen eingebaut sind, haben eine lange Tradition. Einer der führenden Hersteller dieser Schlösser ist die Firma Ferco aus Réding bei Sarrebourg. Die bereits 1934 gegründete ostfranzösische Firma gehört zur Stuttgarter Gretsch + Unitas-Gruppe. Traditionsreich ist auch Bricard, das einst in Paris sogar ein Musée de la Serrure betrieb. Dort konnte man die Entwicklung von Schlössern durch die Jahrhunderte hinweg bestaunen, von einfachen Bolzenverschlüssen bis hin zu hochmodernen Sicherheitsvorrichtungen.
Trotz all dieser Erlebnisse mit den eher traditionellen französischen Schlössern war ich nicht auf das vorbereitet, was mich wenige Wochen später erwartete. Dieses Mal stand ich vor einem System, bei dem weder das Hochziehen des Griffs noch das klassische Abschließen half. Die Lösung: Der Schlüssel musste im Türschloss gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden, um die Tür zu verriegeln. Eine kleine, aber entscheidende Variation, die mich erneut überraschte.

Türschloss-Trauma am Morgen
Eine weitere denkwürdige Erfahrung hatte ich in den Corbières, wo ich nach einem Apéro mit Wein bei einer Freundin übernachtete. Patricia wohnte in einem uralten Haus. Und genau dies war das Problem. Ich bekam die Tür nicht auf. Vier Schlösser und zwei große Riegel starrten mich an.
Was war wie zu bewegen? Patricia schlief tief und fest. Sie war bereits Rentnerin. Ich musste zur Arbeit. Doch ich musste sie geweckt haben bei meinem Versuchen, die Tür zu öffnen. Schlaftrunken kam sie die Treppe hinunter. Mit einem Druck auf den Summer öffnete sich die Tür wie von Geisterhand.
Die antik aussehenden Schlösser und Riegel waren nichts weiter als Dekoration auf der vermeintlich alten Holztür gewesen. Diese jedoch war hochmodern und mit einem Mehrfachverriegelungssystem und Fingersensor ausgestattet. Das hatte ich im Halbdunkel nicht gesehen.

Symbol französischer Kultur
Türschlösser sind in Frankreich nicht nur funktional, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte. Von den traditionellen, manuell bedienten Schlössern in alten Häusern bis hin zu den hoch entwickelten Mehrfachverriegelungssystemen, die in modernen Wohnungen zu finden sind, spiegeln sie die französische Liebe zum Detail und zur Sicherheit wider. Sie erzählen Geschichten von Handwerkskunst, technischem Fortschritt und manchmal auch von der Eigenwilligkeit alter französischer Häuser.
So bleibt das französische Türschloss für mich ein kleines Mysterium, das immer wieder für Überraschungen sorgt – und ein Symbol für die charmante Eigenart des französischen Alltags
Wie ist es euch ergangen? Habt auch ihr in Frankreich mitunter vor einem Türschloss gestanden und gestaunt? Dann schreibt es auf – als Kommentar unter dem Beitrag. Merci!
Faszinierende Schlösser: mein Museums-Tipp
Musée Le Secq des Tournelles
Die entweihte gotische Saint-Laurent-Kirche birgt heute eine der bedeutendsten europäischen Sammlungen zur Schmiedekunst von den Römern bis heute. Ihren Ursprung legte die Sammelleidenschaft von Henri Le Secq des Tournelles, der seine Privatsammlung 1921 der Stadt Rouen vermachte. Neben Stühlen, Scheren und Treppen ist auch das Türschloss in zig Varianten ausgestellt.
• rue Jacques-Villon, Eingang für Menschen mit Handicap: rue Deshays, Rouen, Tel. 02 35 88 42 92, https://museelesecqdestournelles.fr
Reinhören
Mein Frankreich fürs Ohr: Der Polizist Hans-Jürgen Seevers, der sich in seiner Freizeit zum Sprecher ausbilden lässt, hat diesen Beitrag für euch eingesprochen. Merci, Hans-Jürgen!
Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.



