Foto: Bernhard Schmitt

Mein Frankreich: Bernhard Schmitt

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Bernhard Schmitt sein Frankreich vor.


Mein Frankreich, das ist eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten aus über 50 Jahren, die immer noch fortgeschrieben, erlebt und erweitert wird.

Mein Frankreich ist der Bäcker in der Nachbarschaft des Campingplatzes in Chamonix, der am Morgen seine Estafette-Renault mit seinen Erzeugnissen belädt, dem staunenden Sechsjährigen ein Erdbeertörtchen schenkt und eine unbändige Freude daran hat, dass ich im Schock darüber „Dankeschön!“ sage und nicht „ merci ! “, wie Mama mir das beigebracht hat!

Foto: Bernhard Schmitt
Mit Mutter und jüngerem Bruder an der Küste in der Nähe von St-Malo im Jahr 1967. Foto: Bernhard Schmitt

Es sind ein Jahr später stundenlange Spiele in einer unglaublichen Fülle von Meerestieren, von Seeanemonen, Garnelen, Einsiedlerkrebsen, kleinsten Fischchen, Seepferdchen und anderem Getier in den Wassertümpeln der Gezeitenzone an der Südküste der Bretagne, eine Welt, die es spätestens seit der Amoco Cadiz-Katastrophe von 1978 nicht mehr gibt.

Es ist eine weitere Reise 1975, bei der meine kunsthistorisch interessierte Mutter ihre Familie so durch die Kalvarienberge der Bretagne treibt, dass ich heute noch jede der Steinfiguren mit Vornamen kenne ;-).

Mein Frankreich ist 1977 die Begegnung mit Gilles, einem Franzosen meines Alters, beim Schüleraustausch in Colombes, einer nördlichen Vorstadt von Paris, eine zweiwöchige intensive gemeinsame Erkundung der französischen Hauptstadt und die anschließende Reise mit der Eisenbahn nach La Rochelle zu seinem Onkel, damals ein echtes Abenteuer für uns 17-jährige Burschen.

Foto: Bernhard Schmitt
Lac de Sainte-Croix am Ausgang der Gorges du Verdon im Sommer 1994 auf der
Hochzeitsreise. Foto: Bernhard Schmitt

Es ist die Arbeitsstelle, die ich mit Gilles‘ Hilfe ein paar Jahre später in einer kleinen Provinzstadt im Département Seine-et-Marne fand, wo Gilles seinen ersten Dienstposten in der staatlichen Forstverwaltung angetreten hatte. Hier hatte ich auch die einzige Begegnung mit antideutschem Verhalten, als mich der Sohn des Chefs, jünger als ich, als „Boche“ beschimpfte.

Der alte Kollege „Dede“ Pigeot, der im Krieg als Zwangsarbeiter im Ruhrgebiet war und alle Gründe gehabt hätte, gegen die Deutschen eingestellt zu sein, zog mich daraufhin zur Seite und sagte: „ Bernhard, ich habe in meinem Leben gelernt, dass es überall Idioten gibt, auch und besonders in Frankreich! Dies hier ist ein Beispiel! Mach Dir nichts draus!“

In diese Zeit fällt auch die Begegnung mit Cathy, die mich in den zwei Jahren unseres Zusammenlebens viele Facetten des französischen Lebens, vor allem aber die Sprache gelehrt hat.

Mein Frankreich sind viele Besuche im Landhäuschen von Gilles‘ Eltern irgendwo im Nirgendwo des Bourbonnais, heute noch meine französische Lieblingsgegend, die Erinnerung an laue Sommernächte mit einem Glas Wein in völliger Stille unter einem unglaublichen Sternenhimmel.

Foto: Bernhard Schmitt
Oberhalb von Maury  in den Pyrénées-Orientales im Sommer 2018. Foto: Bernhard Schmitt

Das sind über viele Jahre hinweg Familienfeiern in den Familien von Gilles (seine Schwiegermutter hatte 11 Geschwister!) und seinen Freunden, Hochzeiten, Taufen, Geburtstage, aber auch Beerdigungen und Trauerfeiern, vor allem aber rauschende Feste an Silvester, bei denen ich, mittlerweile wie selbstverständlich Teil der Großfamilie, und später auch meine Frau und meine Kinder immer mit dabei waren.

Mein Frankreich, das sind viele Urlaube mit meiner Frau und den Kindern in allen Teilen des Hexagone, immer verbunden mit kleinen Abenteuern und wunderbaren Begegnungen. Leider konnte ich meinen Kindern keinen Zugang zur französischen Sprache vermitteln, vielleicht haben sie das Sprachtalent von ihrer Mutter geerbt 😉

Die Monts d’Ardèche im Sommer 2018. Foto: Bernhard Schmitt

Aber Gottseidank sind im Computerzeitalter auch die jungen Franzosen des Englischen mächtig, so dass die Sprachbarriere nicht mehr so hoch ist wie in unserer Generation.

Mein Frankreich, das sind in den letzten Jahren immer mehr Motorradreisen, auch mit meiner Frau, Reisen zu Motorradtreffen zu allen Jahreszeiten, sei es in der sommerlichen Hitze des Midi oder zum Zelten im Schneesturm auf den Passhöhen der Auvergne.

Und so gibt es mittlerweile ein Netzwerk von Motorradfreunden, über ganz Frankreich verteilt, so dass ich auf meinen Reisen kaum noch einen Campingplatz brauche, denn oft genügt ein Anruf und ein kleiner Umweg, und ich bin Gast bei einem der Kumpels.

Dann erkunden wir auch gerne mit den Freunden ihre Heimatregionen, wie im letzten Herbst die Schotterstraßen in der Umgebung von Saint-Paul-de-Fenouillet ganz im Südosten.

Foto: Bernhard Schmitt
Die Monts d‘Ardèche im Winter – Anfahrt zu einem Motorradtreffen am Lac d‘Issarlès. Foto: Bernhard Schmitt

Mein Frankreich, das ist heute ein tiefes Heimatgefühl beim Überfahren des Rheins, und ein Zuhausesein in beiden Ländern. Das sind viele Treffen und gemeinsame Weihnachtsfeiern mit Gilles und seiner Frau im Zweijahresrhythmus wechselweise bei uns im Chiemgau und bei ihnen in der Beauce, die dann auch in so beeindruckenden Erlebnissen wie einer Christmette in der Kathedrale von Chartres gipfeln können.

Nur ein Hauskauf in Frankreich wird nicht mehr passieren. Denn einerseits haben wir mittlerweile ein Enkelkind hier in Deutschland. Zum anderen würde uns ein fester Standort der Möglichkeit berauben, immer wieder neue Ecken von Frankreich kennenzulernen. Zudem habe ich als Maurer in meinem Leben so viele Häuser gebaut und hergerichtet, dass ich mir das auf meine alten Tage nur nochmal antun werde, wenn eines meiner Kinder meine Hilfe braucht.

Und zu guter Letzt gehört zu meinem Frankreich auch der Dank an die großen Staatsmänner de Gaulle und Adenauer, die durch ihre Politik die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ beendet und mir mein Frankreich überhaupt erst ermöglicht haben.


Der Beitrag von Bernhard Schmitt ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran: 

• Keine PDFs.

• Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.

• Fotos: Bitte schickt nur eigene Bilder und jene möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Sendet sie gebündelt mit www.WeTransfer.com (kostenlos & top!)  – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.

• Ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.

Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !

Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.