Mein Frankreich: Bernhard Schmitt

Foto: Bernhard Schmitt
Der Verfasser auf der Anfahrt zum Col d‘Aubisque in den Pyrenäen Sommer 2018. Foto: Bernhard Schmitt

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Bernhard Schmitt sein Frankreich vor.


Mein Frankreich, das ist eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten aus über 50 Jahren, die immer noch fortgeschrieben, erlebt und erweitert wird.

Mein Frankreich ist der Bäcker in der Nachbarschaft des Campingplatzes in Chamonix, der am Morgen seine Estafette-Renault mit seinen Erzeugnissen belädt, dem staunenden Sechsjährigen ein Erdbeertörtchen schenkt und eine unbändige Freude daran hat, dass ich im Schock darüber „Dankeschön!“ sage und nicht „ merci ! “, wie Mama mir das beigebracht hat!

Foto: Bernhard Schmitt
Mit Mutter und jüngerem Bruder an der Küste in der Nähe von St-Malo im Jahr 1967. Foto: Bernhard Schmitt

Es sind ein Jahr später stundenlange Spiele in einer unglaublichen Fülle von Meerestieren, von Seeanemonen, Garnelen, Einsiedlerkrebsen, kleinsten Fischchen, Seepferdchen und anderem Getier in den Wassertümpeln der Gezeitenzone an der Südküste der Bretagne, eine Welt, die es spätestens seit der Amoco Cadiz-Katastrophe von 1978 nicht mehr gibt.

Es ist eine weitere Reise 1975, bei der meine kunsthistorisch interessierte Mutter ihre Familie so durch die Kalvarienberge der Bretagne treibt, dass ich heute noch jede der Steinfiguren mit Vornamen kenne ;-).

Mein Frankreich ist 1977 die Begegnung mit Gilles, einem Franzosen meines Alters, beim Schüleraustausch in Colombes, einer nördlichen Vorstadt von Paris, eine zweiwöchige intensive gemeinsame Erkundung der französischen Hauptstadt und die anschließende Reise mit der Eisenbahn nach La Rochelle zu seinem Onkel, damals ein echtes Abenteuer für uns 17-jährige Burschen.

Foto: Bernhard Schmitt
Lac de Sainte-Croix am Ausgang der Gorges du Verdon im Sommer 1994 auf der
Hochzeitsreise. Foto: Bernhard Schmitt

Es ist die Arbeitsstelle, die ich mit Gilles‘ Hilfe ein paar Jahre später in einer kleinen Provinzstadt im Département Seine-et-Marne fand, wo Gilles seinen ersten Dienstposten in der staatlichen Forstverwaltung angetreten hatte. Hier hatte ich auch die einzige Begegnung mit antideutschem Verhalten, als mich der Sohn des Chefs, jünger als ich, als „Boche“ beschimpfte.

Der alte Kollege „Dede“ Pigeot, der im Krieg als Zwangsarbeiter im Ruhrgebiet war und alle Gründe gehabt hätte, gegen die Deutschen eingestellt zu sein, zog mich daraufhin zur Seite und sagte: „ Bernhard, ich habe in meinem Leben gelernt, dass es überall Idioten gibt, auch und besonders in Frankreich! Dies hier ist ein Beispiel! Mach Dir nichts draus!“

In diese Zeit fällt auch die Begegnung mit Cathy, die mich in den zwei Jahren unseres Zusammenlebens viele Facetten des französischen Lebens, vor allem aber die Sprache gelehrt hat.

Mein Frankreich sind viele Besuche im Landhäuschen von Gilles‘ Eltern irgendwo im Nirgendwo des Bourbonnais, heute noch meine französische Lieblingsgegend, die Erinnerung an laue Sommernächte mit einem Glas Wein in völliger Stille unter einem unglaublichen Sternenhimmel.

Foto: Bernhard Schmitt
Oberhalb von Maury  in den Pyrénées-Orientales im Sommer 2018. Foto: Bernhard Schmitt

Das sind über viele Jahre hinweg Familienfeiern in den Familien von Gilles (seine Schwiegermutter hatte 11 Geschwister!) und seinen Freunden, Hochzeiten, Taufen, Geburtstage, aber auch Beerdigungen und Trauerfeiern, vor allem aber rauschende Feste an Silvester, bei denen ich, mittlerweile wie selbstverständlich Teil der Großfamilie, und später auch meine Frau und meine Kinder immer mit dabei waren.

Mein Frankreich, das sind viele Urlaube mit meiner Frau und den Kindern in allen Teilen des Hexagone, immer verbunden mit kleinen Abenteuern und wunderbaren Begegnungen. Leider konnte ich meinen Kindern keinen Zugang zur französischen Sprache vermitteln, vielleicht haben sie das Sprachtalent von ihrer Mutter geerbt 😉

Die Monts d’Ardèche im Sommer 2018. Foto: Bernhard Schmitt

Aber Gottseidank sind im Computerzeitalter auch die jungen Franzosen des Englischen mächtig, so dass die Sprachbarriere nicht mehr so hoch ist wie in unserer Generation.

Mein Frankreich, das sind in den letzten Jahren immer mehr Motorradreisen, auch mit meiner Frau, Reisen zu Motorradtreffen zu allen Jahreszeiten, sei es in der sommerlichen Hitze des Midi oder zum Zelten im Schneesturm auf den Passhöhen der Auvergne.

Und so gibt es mittlerweile ein Netzwerk von Motorradfreunden, über ganz Frankreich verteilt, so dass ich auf meinen Reisen kaum noch einen Campingplatz brauche, denn oft genügt ein Anruf und ein kleiner Umweg, und ich bin Gast bei einem der Kumpels.

Dann erkunden wir auch gerne mit den Freunden ihre Heimatregionen, wie im letzten Herbst die Schotterstraßen in der Umgebung von Saint-Paul-de-Fenouillet ganz im Südosten.

Foto: Bernhard Schmitt
Die Monts d‘Ardèche im Winter – Anfahrt zu einem Motorradtreffen am Lac d‘Issarlès. Foto: Bernhard Schmitt

Mein Frankreich, das ist heute ein tiefes Heimatgefühl beim Überfahren des Rheins, und ein Zuhausesein in beiden Ländern. Das sind viele Treffen und gemeinsame Weihnachtsfeiern mit Gilles und seiner Frau im Zweijahresrhythmus wechselweise bei uns im Chiemgau und bei ihnen in der Beauce, die dann auch in so beeindruckenden Erlebnissen wie einer Christmette in der Kathedrale von Chartres gipfeln können.

Nur ein Hauskauf in Frankreich wird nicht mehr passieren. Denn einerseits haben wir mittlerweile ein Enkelkind hier in Deutschland. Zum anderen würde uns ein fester Standort der Möglichkeit berauben, immer wieder neue Ecken von Frankreich kennenzulernen. Zudem habe ich als Maurer in meinem Leben so viele Häuser gebaut und hergerichtet, dass ich mir das auf meine alten Tage nur nochmal antun werde, wenn eines meiner Kinder meine Hilfe braucht.

Und zu guter Letzt gehört zu meinem Frankreich auch der Dank an die großen Staatsmänner de Gaulle und Adenauer, die durch ihre Politik die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ beendet und mir mein Frankreich überhaupt erst ermöglicht haben.


Der Beitrag von Bernhard Schmitt ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.

Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik: Schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in ORIGINALGRÖSSE und möglichst im QUERFORMAT.

Sind es viele, sendet die Bilder bitte kostenfrei und zuverlässig per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht. Derzeit gibt es rund sechs Wochen Vorlauf.

Merci fürs Teilen!

9 Kommentare

  1. Bien merci und – Respekt Bernhard!
    Auch vor Deiner Mutter, die euch nach Frankreich mitgetrieben hatte :-))
    Zu dem „Boche“ – hm, na ja, manchmal meinen Franzosen heute auch was anderes dabei. Für mich war und ist das F immer noch ein Herz der Hochkultur, gut – meistens.
    Und den Rutsch ins immer mehr Englische im F, besonders bei Musik und Werbung beobachte ich eher mit einer Sorge.
    Meine F-Besuche sind leider nicht so lang wie Deine… vielleicht muß ich das ändern, mal sehen 🙂
    Und stimmt, wenn ich die F-D Grenze auf dem Rückweg passiere – freuen sich alle meinen französischen 160 PS unter der Motorhaube auf endlich mal richtig Losrennen! :-))

  2. Lieber Bernhard, auch mich hat Dein Bericht sehr berührt und 45 Jahre Frankreicherinnerungen geweckt! Z.B. an La Rochelle, denn ich war ein Jahr vor Dir dort und damals auch 17 Jahre jung … Ich hatte enorme Mühe, mich “ordentlich” zu unterhalten, obwohl ich bereits zwei Jahre Schulfranzösisch absolviert hatte. Aber, wie alle Frankreichliebhaberinnen und Liebhaber ja wissen, ist das kein Hindernis, um sich näher zu kommen! Meine Frankreichliebe währt seitdem ungebrochen und ich bin überglücklich, seit Freitag endlich wieder hier zu sein. Hier das ist Nizza: Stadt, Land und Meer gleichermaßen, Italien in Frankreich, Kunst und Kultur, Kultur und Natur.
    Pünktlich um 19 Uhr bin ich jetzt jeden Tag in der Ferienwohnung – ein völlig neues und befremdliches Frankreichgefühl, welches hoffentlich bald vorbei sein wird. Die Franzosen nehmen diese Einschränkung erstaunlich gelassen hin – ich, die “Allemande” bin diejenige, die sich am meisten aufregt!
    Die Anreise war übrigens unproblematisch. Der PCR-Test muss eine englische Übersetzung beinhalten, der Alltag läuft weitgehend ab wie bei uns, abgesehen davon, dass um 19 Uhr alle Läden (im doppelten Sinn) zugeklappt und gespenstisch wenige Leute unterwegs sind.
    Passt alle gut auf euch auf, lasst euch bitte impfen und kommt bald wieder nach Frankreich!

  3. Toller Bericht. Er bestätigt meine Einstellung: Als Biker und als Handwerker sowieso, findest du immer schnell Kontakt und gewinnst Freunde. Das mit dem eigenen Haus in Frankreich würde ich mir nochmal überlegen, denn auch wenn man in Deutschland verschiedenen Regionen kennen lernen möchte, muß man einfach hin fahren. Wir machen von unserem französischen Haus durchaus Reisen in ganz Frankreich. Natürlich ist da noch das tolle Enkelchen: Es wird gar nicht lange dauern und der Enkel wird sich auch auf französische Spielkameraden freuen. Danke für den Bericht !

  4. Yvonne,Du sprichst mir aus der Seele. Genau das waren meine Gedanken beim Lesen von Berhards Zeilen. Aus jedem Satz spürt man die große Liebe zu diesem Land. Und auch die Ehrlichkeit! Bernhard, es war eine Freude Deine Zeilen zu lesen. Vive la France!

  5. vielen Dank, Bernhard, für die herrlichen kleinen Geschichten, die mich das “Frankreichgefühl” auch wieder erleben lassen. War das letzte Mal 2018 dort (seit 2004 jedes Jahr mind. 1x) und die Sehnsucht ist bei mir mittlerweile schon sehr groß 🙂 Vielleicht ist es im Herbst wieder möglich … Vielen Dank und weiterhin viele schöne Erlebnisse en France !

  6. Vielen Dank für diese wunderbar unkompliziert geschriebenen Zeilen. Mir geht das Herz auf, wenn ich lese, zu welch großer Zuneigung zu Frankreich ein Schüleraustausch führen kann 🙂

    • Da möchte ich mich anschließen!
      Tatsächlich ein so schöner Beitrag von jemandem, der schon als Kind und damit über 20 Jahre länger als ich (über mein demnächst halbes Jahrhundert) la douce France nach allen Richtungen durchstreifen kann.
      Es ist immer wieder ein besonderes Gefühl, besonders richtig spürbar, wenn ich in noch autorouteloser Zeit nach langer Anreise aus S-H bei Mulhouse den Rhein überquerte, auf dem Weg nach Süden bald die Wasserscheide Nordsee-Mittelmeer erreichte und dann nur noch rollen lassen durfte…

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