Das Institut de Français. Foto: Kerstin Gorges
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Kerstin Gorges: Französisch lernen an der Côte d’Azur

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Kerstin Gorges hat es bereits getan – und berichtet hier nun von ihrem, Intensiv-Sprachkurs an der Côte d’Azur.


Französisch lernen, ist nicht schwer. Französisch sprechen, um so mehr…. Heute bin ich 54 Jahre alt, doch bereits als Kind habe ich in den Siebziger Jahren immer die Sommerferien in Frankreich bei Freunden meiner Eltern verbracht. Da diese Freunde Franzosen waren, konnte ich mir so bereits einen kleinen Wortschatz aneignen. So war es für mich logisch, mich in der 7. Klasse für Französisch als zweite Fremdsprache zu entscheiden.

Dank eines passionierten Frankreichliebhabers als ersten Französischlehrer, der uns nicht nur Vokabeln und Grammatik beibrachte, sondern uns an der Kultur der Grande Nation teilhaben ließ, wurde Französisch schnell zu einem meiner Lieblingsfächer. Zum ersten Mal richtig anwenden konnte ich meine bis anhin moderaten Sprachkenntnisse dann mit 14 Jahren im Rahmen eines Schüleraustauschs mit unserer Partnerstadt im Burgund.

In einer französischen Familie zu leben und sich dort auch an Gesprächen zu beteiligen, stellte für mich nicht nur eine große Herausforderung, sondern auch eine riesige Hemmschwelle dar. Mal fehlte wichtiges Vokabular, um eine Situation richtig zu beschreiben, dann wiederum stimmte die Grammatik hinten und vorne nicht. Und letztendlich kam dann noch der Akzent hinzu, der sofort erkennen ließ, woher man stammte….

Kerstin Gorges. Foto: privat
Kerstin Gorges. Foto: privat

In meinen jungen Erwachsenenjahren Ende der Achtziger und Anfangs der Neunziger Jahre, entdeckte ich die verschiedenen Regionen Frankreichs und lernte dabei auch hier und da charmante junge Franzosen kennen. Diese kleinen Turteleien führten unweigerlich zu einer verbesserten Sprachkompetenz. Ich konnte mich zu dieser Zeit, ohne groß nachzudenken, sehr gut in Französisch ausdrücken.

Doch wie immer im Leben: Wenn man nicht immer trainiert und übt, verlernt und vergisst man schnell vieles wieder. Als ich 1994 meinen Lebenspartner kennenlernte, reisten wir zwar auch hier und da nach Frankreich. Aber als Paar hatte man natürlich wenig Gelegenheit jemanden kennenlernen, mit dem auch mal ein längeres Gespräch führen konnte.

Wie sehr mein Wortschatz im Laufe dieser Jahre gelitten hatte, musste ich feststellen, als ich im Rahmen einer neuen Arbeitsstelle im Jahr 2008 plötzlich auch französischsprachige Mitarbeiter führen und Französisch sprechende Kunden betreuen sollte. Natürlich besuchte ich wieder Aufbaukurse, doch dort kam das Reden eindeutig zu kurz, und meine Hemmungen zu sprechen wurden nicht kleiner.

Schließlich stellte mir meine Firma eine Privatlehrerin zur Seite. Mit Nathalie, einer Französin aus Paris, freundete ich mich schnell an und verlor tatsächlich ein wenig meine Hemmungen zu reden. Nach einem halben Jahr packte mich der Ehrgeiz: Ich entschied mich, auf eigene Kosten einen vierwöchigen Intensiv-Sprachaufenthalt zu absolvieren.

Französisch lernen durch aktives Sprechen ist Programm bei dieser Sprachschule. Foto: Kerstin Gorges
Französisch lernen durch aktives Sprechen ist Programm bei dieser Sprachschule. Foto: Kerstin Gorges

Dank einer Zeitungsreportage fand ich die ideale Schule an Côte d’Azur: das Institut de Français in Villefranche-sur-Mer. An dieser Sprachschule wird der Fokus auf das Sprechen gelegt, und zwar nur auf das Sprechen. Und dies während acht Stunden pro Tag.  Genau das hatte ich gesucht! Meine Freunde, Verwandten und Arbeitskollegen erklärten mich für verrückt, dass ich mir so etwas antun wollte. Aber mein Entschluss stand fest, und kurze Zeit später hatte ich gebucht.

Ich trat den Aufenthalt im März 2009 an, einer Jahreszeit, in der sich noch nicht viele Touristen an der Côte d’Azur tummeln und die kleinen Orte und Städtchen noch den Einheimischen gehören. Da das Wetter in dieser Jahreszeit weder zum Baden im Meer noch zu langen Nächten in Strassencafés einlädt, war der Anteil von jungen Leuten an der Schule entsprechend reduziert.

Das Durchschnittsalter lag bei rund 40 Jahren, was ich, mit meinen damals 42 Jahren, als sehr angenehm empfand. Auch, dass die Schule Appartements an die Schüler vermietete und man nicht in Gastfamilien oder einer Pension wohnen musste, kam mir sehr entgegen.

Die Aussicht von meinem Appartement auf Villefranche-sur-Mer- Foto: Kerstin Gorges.
Die Aussicht von meinem Appartement auf Villefranche-sur-Mer- Foto: Kerstin Gorges.

Die Klasseneinteilung erfolgte am ersten Tag anhand eines schriftlichen Tests und eines Einzelgesprächs mit einem der Lehrer. Die Klassengröße lag bei maximal zehn Personen. So fanden sich in meiner Klasse noch eine weitere Deutsche, zwei Schweizerinnen, eine Kanadierin, eine Australierin, zwei Amerikanerinnen, ein Amerikaner und ein Brite ein.

Die jüngste Schülerin war die Australierin mit ihren gerade mal achtzehn Jahren, die älteste die Kanadierin mit über achtzig Jahren. Dazwischen aus jedem Jahrzehnt ein oder zwei Vertreter. Eine spannende Truppe also, und noch heute habe ich Kontakt zu dem einen oder anderen meiner damaligen Mitstreiter.

Winter an der Côte d'Azur: Die Orangenbäume sind voller Früchte. Foto: Kerstin Gorges
Winter an der Côte d’Azur: Die Orangenbäume sind voller Früchte. Foto: Kerstin Gorges

Der Tag im Institut de Français begann um 7.30 Uhr mit der freiwilligen Teilnahme an einer Hörstunde: eine Radiosendung mit faits divers wurde abgespielt. Anschließend stellte der anwesende Lehrer Fragen dazu und testete so unser Hörverständnis. Das war selbst für uns avancés eine ziemliche Herausforderung, doch wie heißt es so schön? Man wächst an seinen Aufgaben.

Um 8.30 Uhr gab es ein gemeinsames Frühstück, an dem natürlich auch nur Französisch geredet werden durfte. Auf die Einhaltung dieser Schulregel wurde sehr gepocht. Und alle, egal auf welchem Level sie Französisch sprachen, hielten sich daran.

Nach dem Frühstück ging es in die Klassen. Unser Lehrer Bruno – nebenbei bemerkt, der hübscheste Lehrer der Schule – begann den Tag immer mit einem französischen Chanson. Erst hörten wir das Lied, dann lasen wir den Text und schließlich diskutierten wir darüber. Ich lernte auf diese Art französische Interpreten kennen, von denen ich noch nie gehört hatte und die im deutschsprachigen Raum nicht bekannt waren.

Pausen-Spaß im Institut de France. Foto: Kerstin Gorges
Pausen-Spaß im Institut de France. Foto: Kerstin Gorges

Den zweiten Teil des Vormittags verbrachten wir im Sprachlabor, und wir lernten die verschiedenen Pronomen zu benutzen und die unterschiedlichen Zeitformen richtig einzusetzen. Und dies, wohl bemerkt, alles nur mündlich und nicht schriftlich. Zuhören, Verstehen und dann Anwenden war für mich, als visueller Lerntyp, echt schwierig.

Doch Bruno, der ein wirklich fantastischer Lehrer war, machte mir immer wieder Mut und motivierte mich zum Durchhalten. Es hat sich gelohnt: Seither benutze ich die verschiedensten Pronomen und Zeiten ohne groß nachzudenken und zudem meistens auch richtig.

Der Humor im Unterricht kam übrigens auch nie zu kurz, und so lachten wir während des Unterrichts sehr viel und zum Teil auch sehr laut. Dies zum Unmut unserer Nachbarklasse, deren Lehrer sich doch ab und an genötigt sah, bei uns hereinzuschauen und uns zu ermahnen, etwas ruhiger zu sein.

Am Mittag ging es in den Speisesaal, wo nicht nur ein reichhaltiges Mittagessen, sondern auch das gesamte Lehrerkollegium auf uns wartete. Ja, tatsächlich: Die Lehrer aßen mit uns und hatten den Auftrag, die Konversation am Tisch zu führen und so die Schüler zum Reden zu animieren. Jeder musste sich am Gespräch beteiligen und ein vollgestopfter Mund galt nicht aus Ausrede.

Eine Käseverkostung gehörte auch zur séance pratique. Foto: Kerstin Gorges.
Eine Käseverkostung gehörte auch zur séance pratique. Foto: Kerstin Gorges.

Der Nachmittag begann jeweils mit der séance pratique. Zwei Stunden lang übten wir anhand von Rollenspielen Alltagssituationen, oder wir lernten das politische System Frankreichs kennen.

Aber auch Unterricht in Crêpesbacken oder auch mal eine Käsedegustation, natürlich inklusive Weinbegleitung, gehörten zur séance pratique. Im letzten Teil des Nachmittags übten wir uns im Referatehalten oder in Diskussionrunden. Zum Abschluss des Tages gegen 16.30 Uhr trafen sich alle nochmals zu Tee und Gebäck, ehe wir uns auf den Weg „nach Hause“ machten.

Nach dem anstrengenden Schultag waren alle natürlich müde und wollten sich ausruhen, doch schon bald kam das erste SMS: „Treffen wir uns nachher zum Apéro bei Betty?“. „Chez Betty“ war eine Bar in Villefranche und unter den Schülern des Institut de Français sehr beliebt. Nicht selten dehnte sich der Apéro bis in den späten Abend aus und das Nachtessen fiel aus. War aber nicht schlimm, denn die reichhaltige Küche in der Schule ließ die eine oder andere ausgefallene Mahlzeit gut verkraften.

Die Schule organisierte immer wieder Events, bei der denen das soziale Zusammensein im Vordergrund stand. Es gab z.B. in der ersten Woche den Begrüßungsabend mit Buffet und Tanz, am ersten Samstag eine Stadtführung durch Villefranche, dann einmal einen Abend in einem typischen südfranzösischen Restaurant oder einen ganztägigen Ausflug ins Hinterland der Côte d’Azur, wo wir die Fondation Maeght besuchten und einen Abstecher nach Saint Paul-de Vence-und Grasse machten.

Der Eingang zur Fondation Maeght. Foto: Kerstin Gorges
L’Arc von Joan Miró im Jardin Miró der Fondation Maeght. Foto: Kerstin Gorges

Auch die wöchentlichen Kinoabende in der Schule gehörten zum festen Programm. Natürlich gab es immer nur französische Filme ohne Untertitel zu sehen, aber es war immer ein Lehrer anwesend, der den Film von Zeit zu Zeit stoppte, um sicherzustellen, dass all die Handlung verstanden.

An den Wochenenden war die Schule geschlossen. So waren wir jeweils in Gruppen und auf eigene Faust unterwegs. Dann standen selbstverständlich Ziele wie Nizza, Monte Carlo, Menton, Cannes oder Antibes auf dem Programm.

Der Eingang zur Fondation Maeght. Foto: Kerstin Gorges
Auch Skulpturen von Giacomett sind im Garten der Fondation Maeght ausgestellt. Foto: Kerstin Gorges

Der letzte Tag dieser vier intensiven Wochen stand im Zeichen des bilan personnel de compétences, der persönlichen Standortbestimmung. Konkret bedeutete dies, dass die Lernerfolge überprüft wurden.

So absolvierte jeder Schüler nochmals einen schriftlichen Test und durfte danach mit seinem Klassenlehrer im Abschlussgespräch über seine Lernfortschritte diskutieren. Die Abschlusszertifikate wurden selbstverständlich in einem feierlichen Rahmen übergeben. Dass darauf mit einem Glas Champagner angestoßen wurde, versteht sich von selbst…

Saint-Jean-Cap-Ferrat. Foto: Kerstin Gorges.
Saint-Jean-Cap-Ferrat. Foto: Kerstin Gorges.

Der Abschied von Villefrance-sur-Mer und dem Institut de Français fiel mir sehr schwer. Noch heute, zwölf Jahre später, denke ich immer gerne an diese lustige und aufregende Zeit zurück und möchte keine Sekunde davon missen. Ja, es waren keine typischen Ferien, aber es waren wunderbare Wochen, in denen ich neue Leute kennenlernen durfte und viel vom französischen Savoir-vivre erfahren durfte.

Wovon ich am meisten profitiert habe? Ich habe meine Hemmungen, Französisch zu sprechen, komplett verloren. Bruno hatte uns von Anfang an gepredigt: „Es kommt nicht darauf an, welchen Akzent ihr habt oder ob ihr die Grammatik vollumfänglich beherrscht. Es kommt darauf an, dass ihr authentisch bleibt und ohne Angst und Hemmungen redet. So werdet ihr am besten verstanden werden.“

Das Kasino von Monte Carlo. Foto: Hilke Maunder
Das Kasino von Monte Carlo. Foto: Hilke Maunder

Diesen Leitspruch habe ich mir zu Herzen genommen und der hat mich seitdem sowohl beruflich als auch privat begleitet. Im Jahr 2017 haben mein Lebenspartner und ich unseren Traum verwirklicht und uns ein Haus im Périgord gekauft. Ich bin nach wie vor nicht perfekt in Französisch, aber ich kann mich ausdrücken und verständlich machen.

Im Périgord haben wir so französische Freunde gefunden, mit denen wir schon so manch lange Nacht mit Essen, Diskutieren, Singen und Tanzen verbracht haben. Mir ist es vollkommen egal, dass man anhand meines Akzentes meine Herkunft errät und dass ich immer noch hier und da auf sprachliche faux amis reinfalle. Für mich ist Französisch einfach eine der schönsten Sprachen der Welt, und es macht Spass sie zu sprechen.

Das Institut de Français gibt es immer noch. Im Moment ist die Schule coronabedingt geschlossen, aber sie wird hoffentlich im Sommer wieder öffnen.

Der Jachhafen von Monte Carlo. Foto: Hilke Maunder
Der Jachthafen von Monte Carlo. Foto: Kerstin Gorges

Der Beitrag von Kerstin Gorges ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran: 

• Keine PDFs.

• Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.

• Fotos: Bitte schickt nur eigene Bilder und jene möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Sendet sie gebündelt mit www.WeTransfer.com (kostenlos & top!)  – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.

• Ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.

Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !

Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.