Mein Frankreich: Walter Kellner

Walter und Christel (Kiki) Kellner. Foto: privat
Walter und Christel (Kiki) Kellner. Foto: privat

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Walter Kellner sein Frankreich vor.

Ich bin 77 Jahre alt – nicht zu fassen. Wo ist nur die Zeit geblieben? Die goldene Hochzeit mit meiner drei Jahre jüngeren Frau „Kiki“ ist längst passé. Allerdings war die Zeit „in Rente“ bisher auch noch nicht so lange. Ich habe bis zu meinem 70. Lebensjahr mit großem Engagement gearbeitet.

Ich heiße Walter. Meine Wiege stand in Osnabrück, einer blitzsauberen schönen Stadt, die ich allerdings sehr bürgerlich in Erinnerung habe. Studiert habe ich dann in Saarbrücken. Die Nähe zu Frankreich, die sehr viel entspanntere Lebensart, der französische Einfluss, haben mich sogleich fasziniert.

Irgendwie konnte ich hier viel tiefer atmen als in meiner Geburtsstadt, einer von Beamten und vom Handel geprägten alten Stadt. Und dann habe ich noch den „Menschen meines Lebens“, meine Studentenliebe gefunden und geheiratet. So ergab es sich nahezu zwangsläufig, wie vorgezeichnet, dass wir heute ein zweites Zuhause in Frankreich gefunden haben. La France mon amour.


Frankophil – eine Liebeserklärung

Was bedeutet diese besondere Liebe zu Frankreich, zu den Franzosen, zu den Sitten und Gebräuchen, zur Kunst oder zur französischen Küche? Ist es nur das Savoir-vivre, die Leichtigkeit des Seins, die Unbeschwertheit, das Leben anzugehen, in dem unsere französischen Nachbarn sich von uns Deutschen unterscheiden?

Ich fand die Franzosen als junger Bursche, um es in heutiger Terminologie zu formulieren, ziemlich cool. Ich habe sie dafür bewundert, dass sie offenkundig bewusster leben als wir Deutschen und die Gabe haben, das Leben ein wenig leichter zu nehmen.

Wie aber ist es zu erklären, dass einzelne Deutsche verzaubert sind von der französischen Lebensart, wie ist es zu erklären, dass viele Deutsche der Geburtsgenerationen 1940 bis 1950 besonders von diesem Bazillus behaftet sind? Im Folgenden bemühe ich mich um eine Erklärung.

Ich erinnere mich gut, als ich als heranwachsender Bub in den frühen 50er-Jahren Caterina Valente trällern hörte: “Ganz Paris träumt von der Liebe“. Chris Howland: „Das hab ich in Paris gelernt“, Bill Ramsey: „Pigalle“, Manhattan Transfer: “Chanson d’amour“ oder später, Roger Whittaker: „Zu Fuß bis nach Paris“. Unser Gesellschaftsleben im Nachkriegsdeutschland wurde durch Frankreich mitgeprägt, der dominante Einfluss angelsächsischer Musik und Kultur existierte noch nicht. Frankreich und Paris waren als Sehnsuchtsorte definiert.

Im Radio und später im Fernseher konnte man Chansons von Edith Piaf, Juliette Gréco, Charles Aznavour und Gilbert Bécaud, genannt Monsieur 100.000 Volt, sowie Jean Ferrat hören. In großen Fernsehshows waren französische Stars regelmäßig zu Gast. Im Schülerkreis, dem „Zirkel der jungen Philosophen“, wie er etwas hochtrabend hieß, wurde ausführlich über Françoise Sagan mit ihrem Erfolgsroman „Bonjour tristesse“ gesprochen und debattiert.

Einmal nach Paris zu reisen, dem Muff der deutschen Nachkriegszeit zu entkommen, war eine tiefe Sehnsucht der Nachkriegsgeneration. Mein erster Besuch von Paris war überwältigend. Mit Stolz habe ich immer wieder betont, dass ich frankophil bin, ein Liebhaber Frankreichs und der Franzosen. Auch die Erzählungen meines Vaters, der einige traurige und unwürdige Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte, änderten daran nichts.

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer besiegelten am 22. Januar 1963 im Élysée-Vertrag die deutsch-französische Freundschaft. Frankreich und Deutschland waren nicht mehr die „Erbfeinde“. Für mich ist dieser Vertrag ein Jahrhundertwunder. Offenkundig schätzen und lieben Franzosen Deutschland und die Deutschen. In der Bundesrepublik leben und arbeiten derzeit mehr als 123.000 Franzosen, 204.000 Deutsche leben dauerhaft in Frankreich.

In den letzten 40 Jahren, in denen ich viel Zeit in Frankreich verbracht habe, gab es nicht ein einziges Negativerlebnis oder das Gefühl, als Deutscher nicht willkommen zu sein. Die Erinnerung an einen weinseligen Abend mit meinem französischen Nachbarn rührt mich noch immer zu Tränen. Daniel sagte zu mir: “Wir sind wirklich sehr gute Freunde, kannst du dir vorstellen, dass unsere Väter aufeinander geschossen haben?“ Wir haben uns daraufhin still in die Arme genommen…

Villa Nadine

Der Rohbau. Foto: privat
Der Rohbau unserer Villa Nadine. Foto: privat

An einem sonnigen und für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Februartag des Jahres 1980 saßen meine Frau Kiki und ich im Cockpit unseres Seglers, einer stäbigen Ketch, Nadine II, im Hafen von Menton Garavan. Von der Jetée Sud, der Südmole, richtete sich der Blick hügelan. Ein warmes mediterranes Licht ergoss sich über den Südhang von Garavan, als Kiki zu mir sagte: “Es wäre wundervoll hier zu leben, wenn wir alt werden.”

Es sei angemerkt, dass Kiki zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt war und ich 37. Überraschend für mich. Ich hatte die verwegene Vorstellung, in möglichst vorgezogenem Ruhestand an Bord unserer Nadine II zu leben. Eine Immobilie war für mich so etwas wie ein missglücktes Schiff.

Es folgte eine unruhige Nacht in meiner Kabine. Der Gedanke, ein zweites Zuhause für uns in Frankreich zu suchen, war mehr als faszinierend. Meine Ehefrau Kiki ist Saarländerin, der französische Virus war sozusagen vor der Haustür. Ich habe meine Studentenliebe geheiratet, bin Norddeutscher, habe im Saarland studiert, von frankophiler Emotion war ich bereits, das wurde durch meine Frau noch verstärkt. Meine Liebe zu Frankreich, das Savoir-vivre, das ich an den Franzosen so liebe, ja, eine tolle Idee, hier die späteren Jahre, den Lebensabend, zu verbringen hatte mich gefangen.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit dem Studium von Maklerangeboten, Außenbesichtigungen von Häusern und Wohnungen in Menton. Die Angebote, die uns gefallen hätten, waren außerhalb unserer finanziellen Reichweite. Es gab ein klar abgegrenztes Budget für unser Nest in Frankreich. Wir mussten mit dem Verdienten auskommen, eine Finanzierung, Schuldenaufnahme im Ausland war für uns nicht diskutabel. So verabschiedeten wir uns schweren Herzens von unserem französischen Immobilientraum.

Etwa drei Monate später griff „König Zufall“ aktiv in unser Leben ein. Und das ging so. Ich hatte einen geschäftlichen Termin in Hamburg. Ein Foto mit einem mediterranen Landhaus an der Wand des Büros fiel mir ins Auge. Meine Frage an den Gesprächspartner, steht das Haus in Frankreich, wurde begeistert bejaht. Es ist am Golf von Saint-Tropez in der Nähe von Sainte-Maxime.

Ich habe mich sodann als frankophiler Deutscher geoutet und von unserer erfolglosen Immobiliensuche in Menton berichtet. Sind Sie noch interessiert, hieß die Nachfrage meines Gesprächspartners. Der Bauunternehmer, der unsere Villa errichtete, hat ein neues Bauvorhaben in Les Issambres, dem Nachbarort von Sainte-Maxime.

Nur drei Tage später hatten wir den Prospekt in unserem Briefkasten in München. Ein Titelfoto mit herrlichem Blick auf den Golf von Saint-Tropez und der Überschrift: St-Tropez en face, pieds dans l’eau. Im Prospekt fanden wir sechs verschiedene Hausentwürfe für 15 verschiedene Grundstücke in unterschiedlichen Größen. Kiki und ich waren fasziniert und begeistert zugleich. Und das Beste, diese provenzalischen Landhäuser waren für uns bezahlbar. Wenn es nur halb so schön ist wie in diesem Prospekt dargestellt, wird das unsere zweite Heimat.

Bereits vier Tage später hatten wir einen Termin bei dem entrepreneur en bâtiment für unseren Hauswunsch in der Domaine Masligour. Wir hatten „unsere Villa“ bereits ausgesucht, ein charmantes französisches Landhaus im provenzalischen Stil. Gott sei Dank war der Angestellte des Objektträgers ein Elsässer. Mit meinem Schulfranzösisch und dem etwas besseren Sprachwissen meiner „Saarländerin“ wären wir nicht sehr weit gekommen. Monsieur Hopp war ein sehr kultivierter, netter, hilfswilliger älterer Herr, der mit uns lustigerweise immer von „den Franzosen“ sprach, offenbar eine elsässische Eigenart, wir haben das auch später immer wieder erlebt.

Ein staubiger Weg führte etwa 3,5 km hügelan durch wunderbaren duftenden mediterranen Bewuchs. Zikaden spielten eine herrliche sommergetränkte Melodie. Die Aussicht auf St. Tropez, den Golf und auf das offene Meer waren atemberaubend. Der Prospekt hatte nicht zu viel versprochen – eher etwas weniger. Meine Frau und ich waren total verzaubert. So hatten wir uns das als Segler vorgestellt. Vue mer.

Die verschiedenen Grundstücke waren gut markiert und anhand der Nummern im Prospekt bestens zu erkennen. Wir hatten die Vorstellung von einem nicht zu großen pflegeleichten Grundstück und einem Haus mit schönen Terrassenflächen, ich wollte gern Segler bleiben und nicht Gärtner werden. Bei der Besichtigung mit Monsieur Hopp fragten wir nach einem Grundstück im oberen Teil der Urbanisation am Ende einer Sackgasse.

Hier war bereits mit dem Bau begonnen worden, das Terrassement war bereits abgeschlossen, die Bodenplatte gelegt. Das wird unser Musterhaus, so Monsieur Hopp, das ist ebenfalls noch zu verkaufen. Wir wurden uns einig. Noch am gleichen Tagen unterschrieben Kiki und ich den Kauf- und Bauvertrag. So schnell, das ist sicherlich unserer „Jugend“ mit einem Alter von inzwischen 35 und 38 Jahren geschuldet. Im übrigen eine Entscheidung, die wir nie bereut haben.

Es begann eine spannende Zeit. Zunächst haben wir die Grundrisse geändert, die Küche hatte Meerblick, das Wohnzimmer nicht. Nach Süden fehlte eine Fenstertür, ein schöner großer Raum, heute zweites Bad und Esszimmer, war unberücksichtigt geblieben, einfach zugemauert. Fliesen, Bodenplatten, Badausstattung aussuchen. Möbel kaufen für ein ganzes Haus. Wundervoll und anstrengend zugleich.

Zum Richtfest blühten die Mimosen. Foto: privat
Zum Richtfest blühten die Mimosen. Foto: privat

Meine liebe Frau und ich waren sehr glücklich, wie ein Aufbruch in ein gemeinsames neues Leben. Und dann kam die große Stunde unseres elsässischen Verkäufers, den wir mittlerweile als Freund empfanden. “Verzögern Sie die Bezahlung der höchsten Baurate um mindestens zwei Wochen. Mein Bankberater hat mir gesagt, dass der französische Francs abgewertet wird”. Wir haben verzögert und gewonnen.

Damit blieb uns noch Geld übrig für ein kleines Schwimmbad. Wunderbar, wir fühlten uns mit unserem Minipool wie in einem Hollywoodfilm. Das Richtfest feierten meine Kiki und ich ganz allein auf dem Dach unserer Villa Nadine mit einem Mimosenstrauß und einer Flasche Champagner. Die Fertigstellung erfolgte im Zeitplan. Bei der Abnahme keine Beanstandungen – nur die Terrasse war wesentlich zu klein geraten. Ein Hoch auf die französische Handwerkskunst.

So war das Bauen im Ausland nur ein kleines Abenteuer. Wir haben weiter im Sommer das Mittelmeer besegelt, in der Zeit konnten wir unsere Villa Nadine an Freunde vermieten. Etwas Geld für kleine Verbesserungen und Reparaturen. Jetzt nutzen wir unseren Sehnsuchtsort viele Monate im Jahr. Unser Schiff steht zum Verkauf, das Alter hat uns erreicht. Endlich haben wir Zeit, unsere Freundschaften mit unseren französischen Nachbarn und deutschen Freunden in Frankreich zu pflegen.

La vie est belle

Sainte Maxime – Die schöne Schwester von St. Tropez

Eine Fahrt durch Sainte-Maxime über die Küstenstraße lässt das Herz höher schlagen, auf der Südseite der tiefblaue Golf und St. Tropez, das fröhlich zur schönen Schwester hinüber winkt. Der elegante Jachthafen, das Spielkasino die wunderschönen Sandstrände quasi mitten im Ort. Auf der Nordseite exquisite Ladenzeilen, Restaurants und Villen aus der Belle Époque.

Große Palmen wedeln im Wind. Die großzügige Allee ist tatsächlich einzigartig an der Côte d’Azur und höchst sehenswert. Ein kleiner Park mit Bouleplätzen lockt zu jeder Jahreszeit mit weitflächigen, leuchtenden bunten Blumenbeeten.

Bereits die Griechen und Römer waren hier ansässig. Die Phokäer betrieben hier Handel mit Wein, Öl und Oliven. Im 7. Jahrhundert fielen die Sarazenen ein und beendeten das beschauliche Leben der Bewohner. Anno 972 befreite Guillaume de Provence die Einheimischen, die inzwischen in den umliegenden Hügeln sesshaft geworden waren. Um das Jahr 1000 wurde Sainte-Maxime gegründet.

Fischerei und Landwirtschaft und Olivenhandel prägten das Leben, bis im 20. Jahrhundert Reisende und Künstler aus der ganzen Welt diesen wundervollen Platz entdeckten. Heute leben hier etwa 14.500 Einwohner. Der Tourismus beherrscht die Wirtschaft.

Sainte-Maxime: die tour carrée
Die Tour Carrée von Sainte-Maxime. Foto: Walter Kellner

Den Spaziergang durch das Zentrum von Sainte-Maxime startet man am besten vom Parkplatz im Jachthafen. Unmittelbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich die trutzige Tour Carrée. Dieser Wachturm wurde 1520 zum Schutz gegen die Sarazenen gebaut, genutzt hat er leider nichts. Heute beherbergt er das Musée de la Tour Carrée mit interessanten Exponaten über lokale Traditionen.

Auf zwei Etagen kann der interessierte Besucher allerlei Kuriositäten und Wissenswertes über die lokale Geschichte entdecken. Interessant und oftmals zum Schmunzeln. Ein Besuch lohnt sich.

Nur wenige Meter weiter in Richtung Westen führt eine kleine Gasse Richtung Marktplatz. Zuvor aber auf der rechten Seite. Das Café de France, ein nicht mehr ganz geheimer Tipp für Jazzfreunde. Nach dem Ende der Hauptsaison finden hier drei Mal pro Woche Jazz-Dîners und Jazzwochen statt. Bands aus ganz Europa, vornehmlich aus dem klassischen Dixie-Oldtimerjazz Genre, erleben einen Ohrenschmaus.

Sainte-Maxime: Marktplatz. Foto: Walter Kellner
Der Marktplatz von Sainte-Maxime. Foto: Walter Kellner

Der pittoreske Marktplatz mit einem schönen plätschernden Brunnen, Feinkost, Bäckerei, Lebensmitteln, Fisch, Mode und Souvenirs erfreuen das Auge. Natürlich auch ein Restaurant. In Sainte-Maxime warten sage und schreibe etwa 160 Restaurants jeglicher Couleur auf hungrige Mägen. Zur Weihnachtszeit wird hier eine winterliche Märchenlandschaft aufgebaut.

Man sieht glückliche Augen von Kindern und Erwachsenen. Nach der Querung des Marktplatzes steht man vor dem Marché couvert. Eine Markthalle mit dem Motto: frisch, frischer am frischesten. Hier Einkaufen ist ein (nicht ganz preiswertes) Vergnügen. Kenner treffen sich in der Markthalle zum Sonntagsfrühstück. Zunächst die Frage: Fisch oder Aufschnitt und Käse. Dann sucht man sich einen urigen alten Tisch mit Bierbänken und wackeligen Stühlen. Wein und Mineralwasser werden gebracht.

Sainte-Maxime: Markthalle. Foto: Walter Kellner
Die Markthalle. Foto: Walter Kellner

Die Frage nach Café au lait wird mit erstauntem Augenaufschlag beantwortet, aber erfüllt. Sodann holt man sich an einem der Markstände Baguette und bestellt Aufschnitt und Käse oder Langusten und Austern. Miteinander reden, trinken, essen, Menschen zuschauen, leckere Gerüche wahrnehmen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Man kann es kaum glauben, wenn der Maître mit der Rechnung kommt und man feststellt, es ist bereits 15.30 Uhr. Der Marktschluss am Sonntag ist bereits überzogen.

Von der Markthalle betrachtet, geht es wenige hundert Meter bergan, dann steht man vor einem kleinen Palast mit einem weiten Blick über Sainte-Maxime und den Golf von Saint-Tropez.

Sainte-Maxime: La Tourette. Foto: Walter Kellner
La Tourette. Foto: Walter Kellner

Man muss es gesehen haben, das weiße Riviera-Schlösschen Les Tourelles (Die Türmchen). Es war im Jahre 1965, als der Boss der deutschen Gewerkschaft BSE (Bau-Steine-Erden) Georg Leber dieses Schlösschen eines verstorbenen marokkanischen Emirs kaufte mit einem Park von 36.000 Quadratmetern. Der Gewerkschaftschef hatte die Maxime: „Die Zeit des Klassenkampfes ist vorbei“.

Im Schlosspark wurden 80 moderne Bungalows gebaut. Seine Bauarbeiter den bürgerlichen Wonnen des Wohlstands-Tourismus auszusetzen, macht dem vierschrötigen Gewerkschafts-Chef und SPD-Bundestagsabgeordneten nichts aus. Denn er ist unter Westdeutschlands Arbeiterführern der bürgerlichste, so schrieb damals der „Spiegel“.

Interessant festzustellen, dass diese Ferienoase mit Unternehmergeld gebaut wurde. Es gab eine einmalige Spende von 45 Millionen D-Mark. Hier findet man zwei Restaurants, eine Bar, Schwimmbad, Appartements und Hotelzimmer. Den einzigartigen Blick sollte man – am besten bei Sonnenuntergang – genießen. Das ist Capri-feeling.

Weil wir gerade beim „blauen Blut“ des Emirs sind. In Sainte-Maxime urlaubt auch das schwedische Königshaus. Seit Jahrzehnten besitzen die Bernadottes hier eine Urlaubsvilla direkt am Strand. Die Einheimischen sagen, sie sind volksnah, sehr nett und nicht abgehoben, Menschen wie „du und ich“. Die Liste der Prominenten, die hier ein zweites Zuhause besitzen ist lang. Das hat natürlich Tradition. Hier urlaubten bereits Königin Victoria, Zar Alexander II, König Edward VII, Familie Rothschild, Pablo Picasso, Henri Matisse, Somerset Maugham u.v.m.

Unser Spaziergang führt uns zurück in Richtung Marktplatz, 50 Meter von dort entfernt gibt es etwas sehr Feines für die verwöhnte Zunge. Hier residiert der Chocolatier Marc Steyaert. Er wurde in Gent (Belgien) geboren. Sein Großvater war Konditor, sein Vater war bis 1983 Schokoladenhersteller. Ich habe den Senior im Hafen kennen gelernt.

Er lebte nicht in einem Wohnhaus, sondern an Bord einer schönen kleinen Motorjacht. Marc ist leidenschaftlich in seinen Beruf als Chocolatier und seit seiner Kindheit in Frankreich verliebt. Er beschloss 1984, sich im Herzen der Altstadt von Sainte-Maxime niederzulassen. Seine Geschäftsräume wurden zu einem Mekka für Schokoladenspezialitäten. Man kann ihm sogar in seinem gläsernen Atelier bei der künstlerischen Arbeit zuschauen.

Wieder einige Schritte hügelan, und man steht vor dem prächtigen Rathaus, es sieht aus wie ein kleines Schloss, zumindest jedoch wie ein großes Herrenhaus. Bei Dunkelheit ist es in den französischen Nationalfarben blau-weiß-rot angeleuchtet. Eine deutsche Touristin mit eingerosteten Französischkentnissen hörte ich vor dem Rathaus (Hôtel de Ville) zu ihrem Mann sagen: Schau, das ist das Stadthotel, wie praktisch mitten in der Altstadt im Hotel zu wohnen.

Damit möchte ich unseren kleinen “City-Spaziergang“ beenden. „Fußlahme“ haben übrigens auch die Möglichkeit, le petit train zu benutzen und sich mit fröhlichem Gebimmel durch den Ort und die nähere Umgebung fahren zu lassen.

Der Stadtstrand von Sainte-Maxime. Foto: Walter Kellner
Der Stadtstrand von Sainte-Maxime. Foto: Walter Kellner

Für weitere Expeditionen empfehle ich die Pointe des Sardinaux. Hier kann man Reste einer römischen Brücke und einen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg ansehen. Sie finden ruhige Bademöglichkeiten am Steinufer (Badeschuhe) und schöne Grillplätze.

Nebendran, am Strand von La Nartelle mit feinstem Sandstrand, geht es sehr viel lebhafter zu. Hier gibt es wunderbare Möglichkeiten für den Badetag mit Kindern. Ein starker Sturm legte 2011 einen amerikanischen Sherman Panzer frei, den die Amerikaner bei der Invasion 1944 hier offensichtlich „vergessen“ haben. Zwischenzeitlich wurde dieser Panzer teilweise restauriert. Insgesamt kann man in der Commune Sainte-Maxime ca. 10 km Strand erobern.

Ein Ausflug in das Massif des Maures, das Maurengebirge, bietet „Natur pur“. Bewundern Sie das mittelalterliche Kloster Chartreuse de la Verne.

Das Kloster Le Thoronet mit seiner strengen romanischen Architektur bietet ungewöhnliche Kulturerlebnisse. Hier, quasi in der richtigen Umgebung, konnten wir zu Herzen gehenden gregorianischen Gesängen lauschen. Einfach wunderbar.

Und, last but not least, gönnen Sie sich einen Ausflug zum Grand Canyon du Verdon. Ich habe viel von der Welt gesehen, der Grand Canyon du Verdon und der Lac Saint-Croix gehören zu den schönsten Plätzen, die ich bisher erleben durfte.

Sainte Maxime ist eine Reise – oder einen Urlaub – wert.

Sonnenaufgang mit Vollmond. Foto: Walter Kellner
Sonnenaufgang mit Vollmond. Foto: Walter Kellner

Der Beitrag von Kiki und Walter Kellner ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, Schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße (!!). Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci fürs Teilen!

8 Kommentare

  1. Lieber Herr Kellner mit Kiki,
    ich (JG 36) muß einfach spontan antworten für Ihren Super-Artikel, aus dem so viel Begeisterung für France, für Saint Maxime, für die “Entwicklung”, wie Sie zu einem frankophilen Typ geworden sind. Und dies eben, weil es mir genau so erging – mit einer gewissen Sprachfaulheit für unseren Nachbarn verbunden. Aber das Savoir vivre ist es eben, die Menschen “da rüber” zieht. Mein Sohn hat vor kurzem sich in Croix la Valmer was erworben…

    • Bonjour Herr Kiessling,
      danke für Ihre netten Worte, das hat mich sehr gefreut. Sie haben das richtig erkannt, meine Frau Kiki und ich sind in der Tat “begeisterte Franzosen”. Wir wünsceh Ihnen alles Liebe und Gute. Geniessen Sie die Zeit mit Ihrem Sohn in La Croix Valmer.
      Herzliche Grüße aus München
      Kiki und Walter A. Kellner

  2. Ein sehr informativer und gleichzeitig persönlicher Bericht: Ein Vergnügen zu lesen und auch dann mit der Wirkung wieder erwachender Reiselust! Großartig, wenn man schon früh so wundervolle Entscheidungen treffen konnte!Hoffen wir, die französischen Markthallen alle bald wieder besuchen und unbeschwert genießen zu können!

    • Bonjour liebe Frau Neufeldt-Neher,
      vielen Dank. Es war mir ein grosses Vergnügen für den wunderbaren blog von Hilke Maunder “mein persönliches Frankreich” zu beschreiben. Ihre Worte sind Antrieb und Ansporn dafür des Öfteren “zur Feder” zu greifen.
      Herzliche Grüße aus München, nächste Woche geht’s wieder zur “Villa Nadien” in Les Issambres.
      Herzlichst
      Walter A. Kellner mit Frau Kiki

  3. Ein sehr, sehr schöner Bericht. Glückwunsch!
    Ich kann es nachvollziehen, die Schulzeit, die Stimmung,… ja es war eine von Aufbruch und Neuanfang geprägte Zeit nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages.
    Und ich bedauere (ein bisschen), dass diese Aufbruchstimmung erloschen scheint!
    Französisch in der Schule? Man muss schon fast nach entsprechenden Angeboten suchen. Sehr schade!
    Umso erfrischender sind solche „Geschichten“.

    • Lieber Herr Kellner,
      Ein schöner Bericht über unser geliebtes Saint Maxime, welches wir hoffentlich ab dem 15. Mai für 3 Wochen wieder genießen dürfen.
      Ähnlich wie Sie besuchen wir seit 40 Jahren unser geliebtes Frankreich. Wie Sie aus Osnabrück kommen wir aus dem benachbarten Oldenburg.
      Viele Grüße und Danke auch an Hilke für „Mein Frankreich“
      Ludwig Eiben

      • Lieber Herr Ludwig Eiben,
        ich freue mich sehr, dass Ihnen meine kleine Beschreibung “unseres” Ste. Maxime gefallen hat. Ich wünsche Ihnen wunderbare Urlaubswochen im Mai. Das ist eine besonders schöne Zeit an der Côte. Vielleicht begegnen wir uns an Nachbartischen in der Markthalle oder an der Promenade. Das Leben ist bekanntlich voller Überraschungen. Ihnen alles Liebe. Bleiben Sie gesund.
        Herzlichst
        Ihr
        Walter A. Kellner

    • Lieber Alfred,
      ich freue mich sehr darüber, dass Ihnen mein Beitrag gefallen hat. Ja, Sie haben recht. Es ist in der Tat sehr schade, dass der französiche Einfluß, der unsere Geschichte und Kultur erheblich geprägt hat, offensichtlich weitgehend erloschen ist. Wir werden auch in Zukunft unsere frankophile “Ader” pflegen.
      Herzliche Grüße Ihr
      Walter A. Kellner

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