Mein Frankreich: Ines Sachs

Ines Sachs. Foto: privat
Ines Sachs. Foto: privat

Mein Frankreich ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch?

Heute antwortet Ines Sachs. Die gebürtige Sächsin  lebt mit Unterbrechungen seit mehr als 20 Jahren in Frankreich. Seit 2008 arbeitet sie mit ihrem Mann Christian in und an ihrem gemeinsamen Unternehmen. Daneben ist sie als Autorin, Ghostwriterin und Korrektorin tätig.2022 veröffentlichte sie ihren ersten Roman.


Meine Liebesgeschichte zu Frankreich begann vor mehr als 30 Jahren. Aber es war keine Liebe auf den ersten Blick, eher so auf den dritten oder vierten.

Mein erstes Mal

Ines Sachs: 1991 bei der Ankunft der Tour de France in Paris. Foto: privat
1991 bei der Ankunft der Tour de France in Paris. Foto: Ines Sachs

Mein erstes Mal war ein Sightseeing-Urlaub in Paris. Mein damaliger Freund – heutiger Ehemann – schleppte alle seine Freundinnen früher oder später nach Paris, so auch mich. Die Stadt der Liebe fand ich überwiegend anstrengend.

Wir waren jung und konnten uns kein vernünftiges Hotel leisten, so wohnten wir ganz weit draußen, von Romantik keine Spur. Die letzte Metro am Abend zu verpassen und mit zwielichtigen Gestalten den Nachtbus nehmen zu müssen, trug auch nicht zur Romantik bei. So viel also zum ersten Blick.

Auf den zweiten Blick

Packen für den Urlaub im Luberon 1994. Foto: privat
1994: Packen für den Urlaub im Luberon. Foto: privat

Spätere Urlaube gingen in den Süden. Traumhafte Landschaften im Luberon, Périgord und der Provence. Herrliche Strände im Roussillon… Das konnte mir schon eher gefallen. Und der Trupp Feuerwehrleute, die mir begeistert hinterherpfiffen, als ich (allein und im kurzen Sommerkleidchen) ein Stück die Route Nationale in Apt entlang spazierte, machte mir die Franzosen fast sympathisch. Aber ich verstand ja nicht, was sie da riefen. War vielleicht auch besser so.

Urlaub in Collioure 1998. Foto: privat
Urlaub in Collioure 1998. Foto: privat

Auf den dritten und weiteren Blick

1999 zog ich zum ersten Mal nach Frankreich. Mein Mann hatte einen Job in Angers bekommen. Ich hatte meinen, um ihn begleiten zu können, gekündigt. Sobald die Entscheidung getroffen war, hatte ich mir vorgenommen, Französisch zu lernen, und hatte mir einen dieser Selbstlernkurse, damals noch auf CD gekauft. Über die ersten beiden Lektionen war ich jedoch bis zum Umzug nicht hinausgekommen. Da war der Vollzeitjob, die Umzugsvorbereitungen, usw.

Kurz und gut, als ich in Angers ankam, konnte ich kein Französisch. Mein Wortschatz beschränkte sich auf „Bongschur“, „Orewar“ und „Ün baget siwuplä“. Wenn mich jemand ansprach, ergriff ich die Flucht. Die ersten Tage begleitete mich mein Mann noch zu allen Ämtern, dann musste er seinen Job antreten und ich musste da allein durch.

Ich gebe zu, ich hatte manchmal sogar Schiss, die Haustür zu öffnen, wenn jemand geklingelt hatte. Ich kannte niemanden, Nachbars Katze wollte nicht mit mir reden, in Radio und Fernsehen verstand ich nur Bahnhof. Der CD-Kurs flog mit einem „Das lerne ich nie!“ in die Ecke. Ein Job war nicht in Sicht, so ohne Sprachkenntnisse. Frust auf der ganzen Linie. Ich wäre am liebsten wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Ines Sachs 1999 in Angers im Schlosspark. Foto: privat
Ines Sachs 1999 in Angers im Schlosspark. Foto: privat

Irgendwann hatte der freundliche Monsieur auf dem Arbeitsamt ein Einsehen und verpasste mir einen dieser Integrationskurse. Er schrieb mir eine Adresse und einen Termin auf einen Zettel. Da sollte ich mich also am nächsten Mittwoch einfinden. An dieser Adresse an besagtem Mittwoch eingetroffen, war da nur leider nichts von einem Sprachkurs zu sehen. Ich raffte all meinen Mut zusammen und sprach den erstbesten Passanten an, hielt ihm meinen Zettel vor die Nase und fragte „Ici ?“.

Kopfschütteln und „No-o-o-on !“ und ein Wortschwall, von dem ich mal wieder rein gar nichts verstand, waren das Ergebnis. Mit Englisch kam ich nicht weiter. Meine Hinweise, dass ich kein Französisch konnte, wurden ignoriert.

Im besten Falle sorgten sie dafür, dass man mit mir langsamer und lauter sprach, so als wäre ich gehörgeschädigt oder geistig behindert. So irrte ich noch eine Stunde im Viertel umher, bis ich aufgab und als heulendes Elend wieder nach Hause fuhr. Nicht einmal dazu war ich also in der Lage. Es stellte sich später heraus, dass mir der Arbeitsamt-Mensch eine falsche Adresse aufgeschrieben hatte. Mit der richtigen Adresse, eine Woche später, klappte es besser.

Ich lernte endlich ein bisschen Französisch, wenn auch nur die Basics. Aber viel wichtiger war, ich fand Leidensgenossen und darunter eine neue Freundin. Von da an ging es aufwärts. Ich fand einen weiteren, deutlich besseren Französisch-Kurs, der von der Stadt für ausländische Studenten angeboten wurde. 6 Monate später konnte ich die Sprache recht ordentlich. Und mit zunehmenden Sprachkenntnissen wurden mir Land und Leute, hauptsächlich die Leute, zunehmend sympathischer. Inzwischen bin ich – sprachlich – kaum noch von einer Belgierin oder Schweizerin mit einem irgendwie komischen Akzent zu unterscheiden.

Aus heutiger Sicht

2018 beim Renovieren unseres Hauses in Argelès-sur-Mer
2018 beim Renovieren unseres Hauses in Argelès-sur-Mer. Foto: privat

Heute bin ich dankbar, dass wir den Mut zum Auswandern hatten. All die kleinen Schwierigkeiten und großen Hindernisse zu überwinden, hat unsere Beziehung gefestigt und uns als Menschen stärker gemacht. Klar würde ich aus heutiger Sicht einiges anders machen, zum Beispiel ordentlich Französisch lernen. Aber machen würde ich es wieder.

Seitdem sind mein Mann und ich plus/minus 10-mal von Deutschland nach Frankreich und umgekehrt umgezogen (wir haben aufgehört zu zählen). Wir haben in Frankreich gearbeitet, Wohnungen gemietet, gekündigt und gekauft, Miet-, Versicherungs-, Strom-, Wasserverträge abgeschlossen und gekündigt, Autos umgemeldet, gekauft und verkauft, Gewerbe angemeldet und Firmen gegründet.

Und alles das mehrmals. Und so wie es aussieht, ist das noch lange nicht zu Ende… Inzwischen haben wir mehr Lebenszeit in Frankreich verbracht als anderswo und betrachten Frankreich als unsere Heimat. Wenn wir mal wieder woanders sind, dauert es meist nicht lange und wir bekommen Heimweh … nach Frankreich.

Zurückgeben

Dank der zahllosen Umzüge habe ich einen immensen Erfahrungsschatz, den ich gerne mit allen teile, die ebenfalls nach Frankreich auswandern wollen. Deshalb habe ich vor einigen Jahren eine Facebook-Seite Leben in Frankreich Guide ins Leben gerufen, auf der ich regelmäßig meine Erfahrungen teile und Fragen beantworte. Schaut gerne mal vorbei!

Für alle, die die geballte Ladung Erfahrungsschatz wollen, habe ich ein Buch über unsere Auswanderung nach Südfrankreich veröffentlicht:  Apéro um zwölf: von zweien, die auszogen in Frankreich zu leben*.


Der Beitrag von Ines Sachs ist ein Gastartikel in einer Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran: 

• Keine PDFs.

• Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.

• Fotos: Bitte schickt nur eigene Bilder und jene möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Sendet sie gebündelt mit www.WeTransfer.com (kostenlos & top!)  – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.

• Ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.

Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !

Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.

Merci fürs Teilen!

9 Kommentare

    • Liebe Gitte, vielen Dank. Ganz so lange ist es bei uns ja noch nicht her, aber trotzdem kommt es mir wie eine Ewigkeit vor. Wir haben inzwischen mehr Lebenszeit in Frankreich verbracht als anderswo. Da ist man doch schon halber Franzose. 😉

  1. Vielen Dank für den super Artikel!
    Habe mir spontan „Apero um zwölf“ bestellt.
    Seit über 5 Jahren mit Zweitwohnsitz in Südfrankreich.
    Und wir fahren meist nur im Winter hin.
    Im Sommer ist es uns und unseren Hunden zu heiß.
    Grüße
    Ursula

    • Sehr gerne, liebe Ursula!
      Das kann ich mir gut vorstellen, dass es euch und euren Vierbeinern im Sommer zu heiß ist. Da bräuchte man dann fast einen Drittwohnsitz in der Bretagne. 😉
      Viel Spaß bei der Lektüre und liebe Grüße aus dem heißen Süden!

  2. Bonjour,
    Ich habe mir das Buch bestellt. Die ersten Seiten sind vielversprechend, auch weil wir anfangs ähnliche Überlegungen angestellt haben. Zuerst wollten wir eine Bastide mit Pool in Tourrettes sur Loup und nun sind wir in Antibes in einem Altstadthäuschen mittendrin gelandet. Im Sommer voll, aber die Infrastruktur ist genial ! Flughafen, Bahn, Sportmöglichkeiten, Städte , Berge und Meer , alles vorhanden. Vielen Dank für den Bericht

    • Bonjour liebe Kathrin,
      freut mich, dass ihr euren perfekten Ort gefunden habt. Antibes ist ja wirklich ein Traum. Und so ein Altstadthäuschen mittendrin ist oft noch bezahlbar. Und ihr habt alles in Geh-Entfernung drumherum. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen.

    • Hallo Nachbarin Kathrin,
      ich komme eben vom Pimms, genehmigte mir ein kühles Glas Vin blanc und habe mich an der Touristen-Schau gelabt. Vielleicht sind Sie ja auch öfter mal dort. Ich habe es hier schon 42 Jahre ausgehalten und nicht bereut !
      Bonne chance
      Gitte

    • Vielen Dank, Memo. Ich denke, es gibt viele, die sich am Anfang mit der Sprache schwertun. Irgendwann macht es Klick und von da an geht es wie von allein. Und mit der Sprache erschließen sich dann auch Land und Leute.

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