Unser Frankreich: Kathrin und Norbert

Die Ente von Norbert und Kathrin. Foto: privat
Die Ente von Norbert und Kathrin. Foto: privat

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellen Kathrin und Norbert ihr Frankreich vor. Sie möchten unerkannt bleiben. Daher gibt es diesmal ihre Ente statt eines Portraits. Mir sind ihre vollen Namen bekannt.


Wir schreiben das Jahr 1993. Unser mittlerweile zweiter Campingurlaub an der Ardèche. Genauer gesagt auf dem ‚Camping des Tunnels’ am Ortsrand von Vallon Pont d’Arc. Zwei Sterne, einfache und saubere sanitäre Einrichtungen, aber vor allem mit einer herzlichen Atmosphäre der internationalen Kurzzeitbewohner ausgestattet.

Und genau dort entstand im winzigen Vorraum unseres Zeltes eines Abends im Mai die Idee, ein kleines Haus in der Umgebung zu kaufen. Nach anfänglichen Zweifeln und vielen Stunden des Abwägens waren wir beide letztlich davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Die Liebe zu Land und Leuten war fest in unseren Herzen verankert, Sprachkenntnisse seinerzeit in ausreichendem (Norbert mit vier Jahren Schulfranzösisch) und sehr gutem Umfang (Kathrin mit Französisch als Leistungskurs fürs Abi und einem anschließenden Jahr Au Pair in der Bretagne) vorhanden.

Im August 1996 saßen wir beide schließlich nach insgesamt dreijähriger Suche in einem etwas altbacken eingerichteten Büro eines Notars und übernahmen rechtswirksam ein kleines, aber nach unserer festen Überzeugung feines, Haus aus dem Besitz einer älteren Dame.

Nach anfänglichem Zögern überließ uns Madame für einen überschaubaren Geldbetrag auch noch das gesamte Inventar ihrer Ex-Immobilie. Das Haus befindet sich im Quartier einer kleinen Gemeinde unweit unseres seinerzeit heiß geliebten Campingplatzes.

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Der rosenumsäumte Eingang zu unserem Gemüsegarten. Bild Kathrin und Norbert

Wenn wir heute, ungefähr ein Vierteljahrhundert später, das bislang in dieser wunderbaren Gegend Frankreichs Erlebte resümieren, bleibt eine Erkenntnis stellvertretend für viele andere ähnliche übrig: Unsere damalige Entscheidung war goldrichtig. Wir träfen sie auch heute noch genauso. Und zwar insbesondere deshalb, weil wir zwischenzeitlich eine Reihe von intensiven Freundschaften knüpfen durften und unseren anfänglichen Touristenstatus gänzlich verloren haben.

Das mag natürlich ein wenig mit unserer gemeinsamen Eigenschaft zusammen hängen, offen und unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen sowie uns als Gäste in einem anderen Land den Sitten und Gebräuchen anzupassen. Sie zu akzeptieren und respektieren. Tolerant zu sein. Gerade das ist ja die unserer Auffassung nach einzigartige und unschätzbare Bereicherung, um ein gemeinsames Miteinander über Staatsgrenzen hinweg zu erleben.

Und nein, niemand braucht aufgrund dessen seine Individualität aufgeben. Andererseits haben es uns die überaus liebenswerten und gastfreundlichen Français bei unserem ‚Integrationsprozess’ sehr leicht gemacht. Wann immer wir Hilfe brauchten, war jemand zur Stelle oder kannte jemand, der uns beriet oder unterstützte. Ressentiments wegen unsäglicher Kriegsverbrechen der Deutschen – auch – Franzosen gegenüber: FEHLANZEIGE !

Nun, unser ländlich gelegenes Haus, von dem uns mal jemand sagte, es sei wahrscheinlich in der Zeit der französischen Revolution entstanden, war in den letzten 25 Jahren regelmäßig ein Ort geselligen Beisammenseins. Gelegentlich anlässlich des Besuches von Familie und Freunden aus Deutschland, weitaus überwiegend aber natürlich, weil wir lieb gewonnene Gäste aus der Nachbarschaft oder dem nahegelegenen Dorf begrüßen durften.

Manchmal ist es nur eine einzige Person, dann und wann müssen im Garten mit herrlichem Blick in die Cevennen aber auch alle verfügbaren Tische aneinander gestellt werden, damit jede und jeder einen Platz findet. Unser jüngster Gast war der vier Wochen alte Clément. Juliette mit ihren 92 Jahren die Älteste.

Hunde und Katzen des benachbarten Hofes springen umher, und oft wird bis in die tiefe Nacht hinein gelacht. Geselligkeit und Gastfreundschaft sind für die Menschen hier ein hohes Gut.

 Wir werden verrückt. Ein Nachbarhund findet Trüffel in unserem Garten. Bild Kathrin und Norbert
Wir werden verrückt. Ein Nachbarhund findet Trüffel in unserem Garten. Bild Kathrin und Norbert

Apropos Lachen

Es war dem männlichen Autor dieses kleinen Betrages vorbehalten, für den absoluten Kracher bei einem abendlichen Apéro zu sorgen. Zu diesem Apéro sollten auch unsere Freunde Chantal und Philippe eingeladen werden. Als Norbert deren ebenfalls wunderschönes maison en pierre (altes Steinhaus) zu Fuß aufsuchte, um die Einladung auszusprechen, fragte ihn Philippe:

„Salut Norbert, est-ce que tu veux avoir quelques fraises?“

„Hallo Norbert, möchtest Du ein paar Erdbeeren haben?“

Norbert (in Gedanken):

Philippe will dir etwas geben, das ist klar. Aber was in Gottes Namen ist oder sind fraises?

Wahrscheinlich ist damit eine Fräse gemeint. Eine Holzfräse. Die brauche ich aber nicht, denn ich habe schon eine. Trotzdem sehr freundlich von Philippe.

Antwort Norbert:

„Merci Philippe, mais j’ai déjà une Fräse.“

„Danke Phillipe, aber ich habe schon eine Fräse.“

Phillipe in Gedanken:

Aha, er hat schon eine Erdbeere. Eine einzige Erdbeere. Spinnt Norbert vielleicht ein bißchen?

Antwort Phillipe:

„ Une fraise? Mais c’est très peu Norbert. J’ai beaucoup des fraises dans le jardin. Je vais te les montrer.“

„Eine Erdbeere? Das ist aber sehr wenig Norbert. Im Garten habe ich sehr viele Erdbeeren. Komm, ich zeige sie dir.“

Norbert (in Gedanken):

Er hat sehr viele Holzfräsen und bewahrt sie im Garten auf?

Wahrscheinlich hat der liebe Phillipe in der sehr heißen Sonne des Nachmittages einen kleinen Dachschaden davon getragen.

Im Garten angekommen klärte sich dann alles sehr schnell auf und Norbert kehrte mit einer großen Schüssel Erdbeeren wieder zurück. Zugegeben, das ist lange her und würde heute so nicht mehr passieren, weil Norberts Sprachkenntnisse mittlerweile überaus passabel sind.

Aber, er hatte an besagtem Abend immerhin den Mut, alles so zu erzählen, wie es sich zugetragen hatte. Alle, wirklich alle, lachten sich kringelig und bekundeten zum Schluss ihr Mitleid mit Norbert, dessen Gesichtsröte einfach nicht abklingen wollte.

 Kajaktour auf der Ardèche kurz vor einer ihrer größten Sehenswürdigkeiten. Der Pont d’Arc. Bild Kathrin
Kajaktour auf der Ardèche kurz vor einer ihrer größten Sehenswürdigkeiten. Der Pont d’Arc. Bild Kathrin

Doch zurück zum Sinn des Apéro. Im Mittelpunkt stehen kurzweilige interessante Gespräche über die Dinge, die alle Anwesenden in irgendeiner Form gerade beschäftigen. Sei es Kunst, Kultur, Politik, Familienereignisse, Kräuter des Gartens oder sonst ein Thema, das erwähnenswert erscheint. Vielleicht braucht jemand gerade Hilfe beim Hausbau oder der Weinlese, oder ein anderer will sich von einem alten Möbelstück trennen. Die Themenpalette ist schier unendlich.

Alles ist natürlich eingerahmt von schmackhaften Gerichten der regionalen Küche und auch einem guten Tropfen eines örtlichen Winzers. Das alles arrangiert Kathrin auf besonders liebevolle Art und Weise. Die Gäste sollen sich rundum wohlfühlen.

Apéros sind uns deshalb so sehr wichtig, weil eben nicht nur gegessen und getrunken wird, sondern bei dieser Art des Beisammenseins neue soziale Kontakte geknüpft werden können oder bereits Vorhandene eine Verfestigung erfahren.

Es ist uns einfach außerordentlich wichtig, Anteil am Leben der Menschen unserer kleinen Gemeinde zu nehmen, ohne dabei das notwendige Maß an Zurückhaltung außer Acht zu lassen.

Der Dank ist freundliche Zuneigung und in Einzelfällen sicherlich auch eine herzliche Verbundenheit, die es uns immer wieder schwerfallen lässt, nach Deutschland zurück zu fahren.

Übrigens sind wir in etwas mehr als zwei Stunden mit dem Auto am Mittelmeer, wo wir uns gerne in der Nähe von Saint-Cyr-sur-Mer drei oder vier Tage aufhalten.

Die Traumbucht von Port D’Alon, Bild Kathrin und Norbert
Die Traumbucht von Port D’Alon, Bild Kathrin und Norbert

Tipp Nummer 1

Calanques-Wanderung vom Ausgangspunkt Port d’Alon (Bucht) nach Bandol und retour. Anschließend Schwimmen im glasklaren Wasser der Bucht. Das Ganze wird dann noch getoppt mit frischen Austern im Restaurant ‚Tonton Ju’, welches sich unweit des Strandes befindet. Sofern man nicht gerade im Juli/August vor Ort ist, hält sich die Anzahl der Menschen in absolut erträglichen Grenzen.

Unseren ursprünglichen Plan, ganz nach Frankreich überzusiedeln, haben wir mittlerweile verworfen, weil wir dann auch unsere Familien und Freunde im Rheinland vermissen würden.

Insofern ist es in der Vergangenheit doch recht gut gelungen, zwischen beiden Ländern ‚ausgewogen’ zu pendeln. 2020 war in dieser Beziehung aufgrund der Coronakrise eine bitter empfundene Ausnahme, da es auch aufgrund der sich stetig ändernden und mitunter komplizierten Rechtslage leider nur kurze Aufenthalte in La France gab. Das wird sich in diesem Jahr hoffentlich wieder ändern!

 Schmusiger Gast neben dem Brot- und Pizzaofen im Garten. Bild Kathrin und Norbert
Schmusiger Gast neben dem Brot- und Pizzaofen im Garten. Bild Kathrin und Norbert

Zum Schluss noch Tipp Nummer 2

Die Grotte Chauvet 2 in der Nähe von Vallon Pont d’Arc. In ihr befindet sich unter anderem ein Nachbau der mittlerweile weltweit bekannten Chauvet-Höhle, die Ende 1994 von den Speläologen Christian Hillaire, Èliette Brunel Deschamps sowie Jean-Marie Chauvet entdeckt worden war.

Die Forscher fanden später 30000 Jahre alte Wandbilder, eingeritzte Zeichnungen sowie Knochen und Schädel von Tieren. Ein einzigartiges Betätigungsfeld für Wissenschaftler, weshalb die Originalgrotte für die Allgemeinheit nicht zugänglich ist.

Wegen des großen öffentlichen Interesses hat der französische Staat nach neunjähriger Planungs- und Bauphase und unter allergrößtem Aufwand die Höhle originalgetreu in einem riesigen Betonbau von zahlreichen Fachleuten und speziellen Handwerkern nachbilden lassen.


Der Beitrag von Kathrin und Norbert ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, Schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße (!!). Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci fürs Teilen!

5 Kommentare

  1. Bonsoir Dana,
    wir möchten Ihren Dank sehr gerne und uneingeschränkt an die im Hintergrund scheinbar unermüdlich werkelnde ‘Macherin’ dieser so großartigen Internetseite weiterreichen.
    Hilke Maunder.
    Ihr Frankreich-Blog ist eine einzigartige Bereicherung für all diejenigen, die Frankreich, seinen Bewohnern und seiner Kultur besonders aufgeschlossen gegenüber stehen.
    Insofern ist es auch ihr zu verdanken, dass wir diesen kleinen Beitrag formulieren durften.
    Nach unserem Weihnachtsaufenthalt an der Ardèche sind wir derzeit recht zuversichtlich, in fünf Wochen (Pâques) wieder die Reise gen Süden antreten zu dürfen.
    Kathrin und Norbert

    • Ja da pflichte ich euch bei, Ich bin ein grosser Fan von “mein Frankreich” Hilkes Seite lädt sooo schön zum träumen und verweilen ein, einfach grossartig! Das klappt bestimmt an Ostern 🙂 Wir packen nächste Woche unsere Koffer und fahren zu unserem Bijou in der Dordogne… *freu*

      Alles Gute!

  2. Was für ein herrlicher Bericht. Danke Kathrin und Norbert für den gelungenen Beitrag, ihr habt mir ein breites Lächeln aufs Gesicht gezaubert! Ich hoffe ihr und wir alle France-Verrückten, können 2021 wieder unzählige wundervolle Tage in unserem Herzensland verbringen und daraus entstehen weitere, heitere Berichte wie dieser!!

    je vous embrasse…

    Dana

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