Mein Frankreich: Manfred Lauffs

Manfred und Cornelia Lauffs. Foto: privat
Manfred und Cornelia Lauffs. Foto: privat

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal verrät es Manfred Lauffs.

Lauffs, 1949 in Bochum geboren, studierte Germanistik und Romanistik in Bochum, Freiburg und Münster. 1970/71 war er Lehrassistent am Lycée Lamartine in Mâcon (Beaujolais). 1977 kam er als junger Lehrer an das Ratsgymnasium in Gladbeck (Ruhrgebiet), das er von 1996 bis 2012 leitete.

Der Oberstudiendirektor i.R. ist Autor zahlreicher Bücher, Aufsätze und Rezensionen, u.a. über Voltaire, Ionesco und Eric-Emmanuel Schmitt. Sein jüngstes Buch Nicht nur Latein und Lügen. Lehrer und Schüler in 100 Büchern und Filmen* erschien 2019 im united p.c.-Verlag.

Mit seiner Frau Cornelia bereist er intensiv das Land – und genießt französische Kultur und Lebensart daheim. Seine Liebe zum Land begann 1963.


Dicke Nordwinde

Der Schüleraustausch

„Wer steht noch aufrecht in Europa? Zwei Nationen nur, Frankreich und Deutschland. (…) Frankreich und Deutschland sind im Grunde Europa. Deutschland ist das Herz, Frankreich der Kopf. Deutschland und Frankreich sind wesentlich die Zivilisation, Deutschland fühlt, Frankreich denkt. Gefühl und Gedanke, das ist der ganze zivilisierte Mensch. Es gibt zwischen den beiden Völkern eine enge Verbindung, eine unbestreitbare Blutsverwandtschaft. Sie entstammen denselben Quellen, sie haben gemeinsam gegen die Römer gekämpft, sie sind Brüder in der Vergangenheit, Brüder in der Gegenwart, Brüder in der Zukunft. Fassen wir zusammen. Die Einheit von Deutschland und Frankreich, das wäre das Heil Europas, der Frieden der Welt.“

Wer hat das geschrieben? Victor Hugo, der Autor von Notre-Dame de Paris und Les Misérables, und zwar im Jahre 1842! Selbst wenn man ein bisschen die Übertreibung Hugos korrigieren muss, indem man sagt, dass es Frankreich so wenig an Gefühl mangelt wie Deutschland an Verstand, so stellt man doch wieder einmal fest, dass oft die visionären Dichter die wahren Realisten sind.

Vor fast sechzig Jahren formten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle jene Achse Paris-Bonn, von der man noch heute spricht. Berlin hat Bonn ersetzt, aber die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern dauert an und befindet sich in voller Blüte.

Im deutsch-französischen Kooperationsvertrag von 1963 kann man insbesondere lesen, dass „die Jugend aufgerufen ist, eine entscheidende Rolle in der Befestigung der deutsch-französischen Freundschaft zu spielen.“

Mein erster Besuch in Paris! (1968) Das Karussell im Jardin du Luxembourg hat Rilke in einem Gedicht verewigt. Foto: privat
Mein erster Besuch in Paris! (1968) Das Karussell im Jardin du Luxembourg hat Rilke in einem Gedicht verewigt. Foto: privat

Seitdem gibt es auch den deutsch-französischen Schüleraustausch, den ich als Französischlehrer und Schulleiter jahrelang begleitet habe.

Man darf nicht vergessen, dass es in Frankreich eines gewissen Mutes bedurfte, sich in den 1960er-Jahren zugunsten der deutsch-französischen Freundschaft auszusprechen, denn die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und an die deutsche Besatzung war noch sehr lebendig.

Ich erinnere mich an den Schauer, den ich beim erstmaligen Hören des Liedes „Göttingen“ der französischen Sängerin Barbara empfand, bei den anrührenden Versen:

“Oh faites que jamais ne revienne / Le temps du sang et de la haine / Car il y a des gens que j’aime / à Göttingen, à Göttingen.”
„Oh sorgt dafür, dass die Zeit des Blutes und des Hasses niemals wiederkehrt, denn es gibt Leute, die ich liebe, in Göttingen, in Göttingen.“

Göttingen, die kleine romantische Universitätsstadt, wird hier zum Symbol eines mit Frankreich versöhnten Deutschlands.

Im Jahre 1963 begann auch meine Liebe zu Frankreich. Ich war Schüler in Herford, und wir hatten Französisch bei unserem Schulleiter, Herrn Oberstudiendirektor Möhring. Wir nannten ihn Monsieur Circonflexe wegen seines Schnurrbartes, und fünf Jahre lang übertrug er auf uns seine romanistische Begeisterung.

Wir haben die unregelmäßigen Verben konjugiert, und wir sind in die französische Literatur eingetaucht, von den Fabeln La Fontaines bis zu den Romanen von Sartre und Camus. Leider gab es damals noch keinen Austausch an unserer Schule.

Aber nach dem Abitur verbrachte ich zum ersten Mal eine Woche in Frankreich, bei meinem Brieffreund Jean-Michel in Pont-Sainte-Maxence, nördlich von Paris. Die Familie holte mich mit dem Auto vom Bahnhof ab.

Erster faux pas: Ich wollte der Mutter, die am Steuer saß, ein Kompliment aussprechen und sagte: „ Madame, vous êtes une bonne chauffeuse ! “ Allgemeines Amüsement. „Chauffeuse” bedeutet „Verführerin“, ich hätte conductrice sagen müssen!

Aber dann: Welch ein Vergnügen, von Tag zu Tag besser zu sprechen und zu verstehen! Welches Abenteuer damals zu erfahren, dass man auch Hammel-, Kaninchen- und sogar Pferdefleisch essen kann! Welche Freude, zum ersten Mal „Asterix der Gallier“ zu lesen und den ganzen Tag zu zitieren: „ Ils sont fous, ces Romains!“ („Die spinnen, die Römer!“) .

Unser Hausboot auf der Charente. Foto: privat

Ich habe seither viele Reisen nach Frankreich gemacht, aber der erste Aufenthalt bleibt einfach unvergesslich. Was mich übrigens besonders beeindruckte, waren die vielen Abkürzungen. Statt le professeur sympathique de géographie konnte man sagen: le prof sympa de géo.

Der Satz: „Der nette Erdkundelehrer nahm an der Demonstration auf dem Boulevard Saint-Michel teil, er trug einen tadellosen Regenmantel“ hieß dann auf Französisch: „Le prof sympa de géo a participé à la manif au Boul’Mich. Il portait un imper impec.“

Ich sagte mir: Wenn die Franzosen so weitermachen, werden sie in einigen Jahren 50 Prozent der Sprache eingespart haben, und die wird dann für die Deutschen leichter zu lernen sein.

Diese persönlichen Anekdoten belegen: Man muss nach Frankreich fahren, um die Franzosen, und nach Deutschland, um die Deutschen kennen zu lernen.

Deutsch-französischer Chansonabend in Marcq - Schulleiter Paul Jung, Französischlehrer Hans Rüther und Manfred Lauffs (1989). Foto: ?
Deutsch-französischer Chansonabend in Marcq. Drei Französischlehrer: der damalige Schulleiter Paul Jung, Hans Rüther und ich (1989). Foto: privat

Aber was denken eigentlich die jungen Deutschen und die jungen Franzosen übereinander? Eine Umfrage des Deutsch-Französischen Jugendwerks brachte folgende Ergebnisse:

Für die meisten jungen Deutschen glänzt Frankreich besonders durch seine touristische Seite. Die schönsten Strände Europas, die schönen Städte, die Museen, die Kathedralen. Die Frauen sind braunhaarig, hübsch und schlank, die Männer eher klein und rundlich, sie tragen Schnurrbart und Baskenmütze.

Sie lieben das leichte Leben und arbeiten nur, um nicht an der reichhaltigen und vielfältigen Nahrung sparen zu müssen. Während Baguette, Käse und Rotwein in Deutschland durchaus geschätzt werden, bleiben Schnecken, Austern, Froschschenkel und Artischocken ein bisschen verdächtig. Und was für eine merkwürdige Manie, gebuttertes Brot oder Croissants in den Kaffee zu tauchen!

Man lebt gefährlich auf Frankreichs Straßen, wo nur verrostete Autos herumfahren. Ihre Chauffeure fahren wie die Wahnsinnigen. In Frankreich gehören die Streiks zum täglichen Leben, was nicht erstaunlich ist, da das Land ja von Kommunisten bevölkert wird. Die französische Sprache ist sehr schön, aber was für eine Grammatik!

Die Franzosen sprechen durch die Nase und mit Gesten, aber sie haben wenig Talent für die Fremdsprachen und können nicht mal richtig „Streichholzschächtelchen“ aussprechen. Das ist übrigens dasselbe, wenn die Deutschen auf Französisch sagen wollen: „Was sucht der liebe Serge? – Que cherche ce cher Serge ?“

La Maison du Cognac in Cognac an der Charente. Foto: privat

Und die jungen Franzosen, was denken sie? Ein Junge antwortete: „Ich glaube, die Franzosen arbeiten gerade so viel, wie es zum Leben nötig ist. Die Deutschen hingegen streben aktiv nach Reichtum und Wohlstand.“

Eine junge Französin sagte in derselben Umfrage: „Wenn ich an Deutschland denke, ist das vor allem ein romantisches Deutschland … Ich stelle mir die Ufer des Rheins vor, die großen dunklen Wälder, ein Land, in dem man viele Spaziergänge machen kann. Durch seine Gedichte, Sagen und Romane liebe ich Deutschland“.

Ein 15-jähriges Mädchen: „Ihr trinkt zu viel Bier, das macht dick!“ Eine junge Pariserin: „Der deutsche Humor ist eher schwerfällig. Bei den europäischen Kongressen lachen die Franzosen und die Engländer als erste, die Deutschen und die Belgier eine Viertelstunde später.“ Ein 16-jähriges Mädchen: „Kein Fußgänger geht bei Rot über die Ampel, niemand fährt in eine Einbahnstraße, ich glaube, die sind leicht zu manipulieren.“

Ein 15-jähriges Mädchen: „Die deutschen Frauen sind sehr hübsch, aber in einem gewissen Alter werden sie dick… Die deutschen Männer hingegen sind wunderbar, im Allgemeinen groß, blond, blaue Augen, mein Traum!“

Es wäre sehr interessant zu wissen, woher diese Ideen der jungen Leute kommen, auf welche Weise die Klischees und Vorurteile entstanden sind. Deutschland ist also das romantische Land par excellence ? Zur Zeit der Romantik, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, gab es schon dieselben Klischees, die Völker betreffend. Richard Holmes schrieb:

„Die Romantik beschwört das Bild des stattlichen, langhaarigen Dichters herauf, der, in einen schwarzen Umhang gehüllt, auf einem kahlen Berggipfel oder einem Felsen am Meer sitzt, um seine verlorene Liebe (ist er in Frankreich), um seine verlorene Jugend (ist er in England) oder um seine verlorene Seele (ist er in Deutschland) trauert, das Ganze bei abnehmendem Mond (Deutschland), bei Sonnenuntergang (Frankreich) oder unter einem Regenschirm (England). In der Tasche des Dichters befindet sich ein geladener Revolver (Deutschland), ein nicht abgesandter Liebesbrief (Frankreich) beziehungsweise ein Käsesandwich (England)“.

Aber der Austausch ist ein ganz besonders bereicherndes Erlebnis und zugleich eine Art lebender Reklame für die jeweilige Partnersprache. Viele kennen das Buch „Der kleine Prinz“ und wissen, dass der Fuchs zum kleinen Prinzen sagt, dass es keine Freundeshändler gibt, dass man Freundschaft nicht kaufen kann.

Ratsschüler mit Lehrer Hans Rüther vor dem Collège in Marcq. Foto: privat

Aber man kann Freundschaft finden, formen und schaffen, und der Philosoph und Schriftsteller Voltaire hatte Recht, als er erklärte: Alle Größen dieser Welt sind nicht so viel wert wie ein guter Freund.“

Durch den Schüleraustausch können die deutschen und die französischen Partnerschulen weiterhin zusammenarbeiten, sich kennen lernen, Vorurteile und übernommene Klischees bekämpfen und gute Freunde bleiben.

Ich bin seit ein paar Jahren pensioniert, aber der Schüleraustausch zwischen dem Ratsgymnasium in Gladbeck und dem Collège de Marcq bei Lille besteht nach wie vor.

Mein Frankreich: Das ist natürlich nicht nur der Schüleraustausch. Mein – oder besser: unser Frankreich, das sind die zahlreichen Reisen mit meiner Frau (Paris, Elsass, Normandie, Bretagne, Provence, Côte d’Azur, Bootsfahrt auf der Charente…). Das sind die Romane von Michel Houellebecq, die Filme von Claude Sautet und die Chansons von Georges Moustaki.

Das sind TV5, arte und écoute. Das sind croissants, coq au vin und crème brûlée. Das sind Beaujolais und Calvados. Und das ist die wunderbare Freundschaft mit Hans Rüther, dem deutschen Französischlehrer, und Dominique Saint-Machin, dem französischen Deutschlehrer. Sein Vater war Franzose und seine Mutter Deutsche.

Dominique Saint-Machin. Foto: privat
Dominique Saint-Machin. Foto: privat

Unsere beiden Freunde haben den Austausch jahrzehntelang organisiert. Sie wurden für ihren nachhaltigen Einsatz für die deutsch-französische Freundschaft ausgezeichnet: Der eine hat die Ehrenplakette der Stadt Gladbeck erhalten, der andere das Bundesverdienstkreuz.

Ach ja, ich muss noch den Titel meines Textes erklären. Natürlich kommt es bei einem Austausch immer wieder zu lustigen Situationen. Ein französischer Schüler schrieb einen Brief an seinen deutschen Partner. Er wollte den Brief beenden mit „grosses bises !“ auf deutsch, schaute im Dictionnaire nach, fand dort: „la bise – 1. Nordwind, 2. Kuss“ und schrieb: „Dicke Nordwinde, Dein Pierre!“


Der Beitrag von Manfred Lauffs ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße (!!). Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

 

Merci fürs Teilen!

4 Kommentare

  1. Ich kann dem nur zu stimmen, man muss nach Frankreich fahren………. Auch ich pflege eine 40 jährige Freundschaft. Wir haben zusammen die Jugendausstausche in unseren jeweiligen Ländern/Städten organisiert. Nun tauschen wir Fotos von unseren Enkelkindern aus und warten, dass wir uns endlich wieder zu einem schönen Glas Beaujolais sehen können nach diesem blöden Corona.

  2. Mit Freude und großem Interesse habe ich den Artikel von Herrn Lauffs gelesen. Auch ich habe Frankreich im Jahr 1966 durch eine Schüleraustauschreise nach Montivilliers bei Le Havre kennengelernt. Später folgten etliche Cabrio-Reisen in alle möglichen Regionen von Frankreich. Nur mit der Sprache haperts bis heute.

  3. Diese persönlichen Anekdoten belegen: Man muss nach Frankreich fahren, um die Franzosen, und nach Deutschland, um die Deutschen kennen zu lernen.
    Danke Familie Lauffs… dem kann ich nur beipflichten nach 40 Jahren Antiberin.
    Merci aussi für den schönen Artikel mal wieder.

  4. Eine ganz andere Geschichte einer Liebe zu Frankreich. Ähnlich haben viele der Nachkriegsgeneration ihre ganz besondere Beziehung zu Frankreich begonnen und is heute gepflegt. Ein ganz besonderer Beitrag, sehr wahr, sehr wichtig und schön.

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