Mein Frankreich: Thomas Kötting

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Celia Šašić hatte den Auftakt gemacht – seitdem haben viele an meiner ersten Blogpararade mitgemacht. Diesmal stellt Thomas Kötting von France Naturelle, 44-Jahre jung und Vater von zwei Mädels mit dem „schönsten Beruf der Welt“, sein Frankreich vor.


Eigentlich ist mein Vater schuld…

In meiner Schulzeit stand Französisch für mich zunächst überhaupt nicht auf dem Stundenplan. Auf einem humanistischen Gymnasium habe ich mit Latein begonnen und als zweite Fremdsprache folgte Englisch. Und als man dann Anfang der neunten Klasse so ziemlich alles im Kopf hatte außer Schule, kam Französisch als dritte Fremdsprache hinzu. Ich weiß heute auch nicht mehr warum, doch irgendwie mochte ich die Sprache.

Das hatte auch mein Vater mitbekommen und als er eines Abends aus dem Büro nach Hause kam, schlug er mir ganz begeistert vor, doch die nächsten Sommerferien in einer Sprachschule in Frankreich zu verbringen. Er habe da so einen Tipp von einem Kollegen bekommen. Gesagt getan! Ehe ich mich versah, saß ich zu Ferienbeginn auch schon im Zug auf meiner Reise ins Loiretal…

„Kanninnschen“

Und da war ich plötzlich, mittendrin in der „vie française“: Ich wohnte bei einer französischen Familie und lernte tagsüber Französisch an der Universität von Angers, die im Sommer für Sprachschüler ihre Tore öffnet. Et voilà, es war eine fantastische Zeit! Die Sprachschule war wirklich toll, die Loire eine traumhafte Region und es war ein verbindendes Gefühl, gemeinsam mit Schülern aus aller Welt zu Französisch zu lernen und gemeinsam die Gegend zu erkunden.

Der französische Familienalltag war anfangs aufgrund meiner rudimentären Französischkenntnisse jedoch sehr anstrengend. Während ich mich bei der Sprachschule immer mal wieder mit Englisch durchschummeln konnte, sprachen hier alle Familienmitglieder nur Französisch. Aber sie waren herzensgut und sehr bemüht um mich. Schon mittags (!) bekam ich Wein zum Essen eingeschenkt, und Monsieur brachte mir alle Details zur Historie der Tour de France bei.

Madame wollte sogar extra für mich ein paar Worte in einer fremden Sprache lernen. Doch als wir beim ersten Mittagessen zusammen saßen und sie mich fragte, was denn unser Hauptgang („lapin“) auf Deutsch heiße, war es mit ihren Ambitionen schnell wieder vorbei: Das für sie unaussprechliche Wort „Kanninnschen“ hat ihr ein für alle Mal die Lust an der deutschen Sprache genommen…

Bei Socken-Bernard in Paris

Die nächste große Station meiner persönlichen Frankreich-Reise war die wohl schönste Stadt der Welt, Paris! Nach der Schule und vor Beginn meines Studiums wollte ich diese sagenumwobene Metropole endlich kennenlernen. Ich hatte Glück und ergatterte einen zweimonatigen Praktikumsplatz in einem französischen Unternehmen, ganz in der Nähe des Arc de Triomphe, im Herzen von Paris.

Ich weiß es noch wie heute: Ich arbeitete für Bernard, einen für unsere Verhältnisse ziemlich chaotischen französischen Manager, der nur auf Socken durchs Büro lief und von Tag zu Tag seine Pläne und damit auch meine Aufgabengebiete über den Haufen warf. Während ich am ersten Tag noch einen riesigen Stapel mit französischen Wirtschaftszeitschriften zum Durcharbeiten und Analysieren bekam, stürmte Bernard am zweiten Tag in mein Büro, warf sie kurzerhand in die Papiertonne und sagte, dass er jetzt etwas anderes für mich habe.

Diese „kreative“ Arbeitsweise empfand ich anfangs als sehr irritierend, nahm es dann jedoch mit französischer Gelassenheit und war am Ende sogar fasziniert, wie offen er für neue Gedanken und flexibel in deren Umsetzung war. Das war ich von Deutschland nicht gewohnt!

Im Dienstmädchenzimmer

Doch das Highlight meiner Praktikumszeit war mitnichten meine Arbeit bei Bernhard, sondern das Leben in Paris! Nie zuvor habe ich mich irgendwo so lebendig, inspiriert und verzaubert gefühlt wie hier. Das lag nicht zuletzt an meiner Unterkunft. Ein Kollege von Bernhard hatte mir ein Zimmer im Haus seiner gut betuchten Eltern besorgt. Diese wohnten im 5. Stock eines prächtigen Feudalbaus aus dem 19. Jahrhundert, mitten im reichen 17. Arrondissement.

Und wie bei vielen dieser Pariser Bauten damals üblich, gehörte auch zu dieser Wohnung oben unter dem Dach ein kleines „chambre de bonne“, in dem früher das Dienstmädchen der jeweiligen Familie untergebracht war. Et voilà, dort durfte ich wohnen! Das acht Quadratmeter große Zimmer besaß ein Bett, einen Schrank, ein Waschbecken und eine kleine Kochplatte – c’était tout!

Das Stehklo am Ende des Ganges teilte man sich mit den Bewohnern der übrigen Dienstmädchenzimmer. Eine Dusche gab es nicht, doch ich durfte zweimal die Woche die „salle de bain“ meiner Vermieterfamilie benutzen. Die übrigen Bewohner meines Ganges waren Kellner, Hotelangestellte, Auszubildende oder Studenten, die sich über ein günstiges Zimmer von „nur“ 600 DM im Monat (was für 1995 für deutsche Verhältnisse sehr viel war) freuten.

Rechts neben mir wohnte Renaud, ein junger Kochlehrling eines Pariser Bistros. Er zeigte mir den für mich bis heute schönsten Platz von ganz Paris. Über die Feuerleiter am Ende des Gangs kletterten wir hinauf, durch die Dachluke hindurch und befanden uns plötzlich in einer komplett anderen Welt. Oben auf dem flachen Dach des sechsstöckigen Gebäudes gehörte „tout Paris“ uns!

Von hier aus konnten wir über die Dächer der anderen Häuser laufen und hatten die herrlichsten Ausblicke auf die Stadt. Montmartre, Arc de Triomphe, Eiffelturm, Champs-Élysées – alles war zum Greifen nah. Besonders nachts, wenn wir mit einer Flasche Wein hier oben lagen – die festlich beleuchtete Stadt unter uns – hätte ich mir keinen schöneren Platz auf der Welt vorstellen können. Wer weiß, vielleicht keimte genau dort der Wunsch in mir auf, solch magische Orte fernab der üblichen Touristenattraktionen zu entdecken…

Weinprobe an der Uni

Nachdem Land und Leute mich so in ihren Bann gezogen hatten, ging ich auch zum Studieren nach Frankreich. Ich wählte ein deutsch-französisches Studium der Betriebswirtschaftslehre, in dessen Verlauf ich einige Semester in der hübschen Stadt Metz in Lothringen verbrachte. Dort wohnte ich, zusammen mit anderen französischen Studenten, mitten in der Haupteinkaufsstraße von Metz. Die vielen tollen Momente während meiner Studienzeit in Frankreich hier aufzuführen, würde wohl den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Doch nicht unerwähnt lassen möchte ich zwei Erlebnisse der besonderen Art an unserer Universität. Die erste Geschichte rankt sich um ein Erlebnis mit unserem Studienleiter und Mathematikprofessor. Als wir in einer Stunde über deutsch-französische Kulturunterschiede sprachen und beim Thema Wein landeten, fragte unser Prof einen meiner deutschen Kommilitonen, ob er überhaupt wisse, wie man eine Flasche Wein richtig öffne. Sichtlich unzufrieden mit dessen Antwort schlug er Folgendes vor: „In der nächsten Stunde bringt jeder eine gute Flasche Wein mit. Es wird Zeit, dass auch unsere deutschen Freunde in dieses wichtige Thema fachkundig eingeführt werden!“

Und tatsächlich: was ich in der nächsten Stunde alles über das Öffnen einer Flasche Wein, den richtigen Gebrauch von Nase und Augen bei der Weinverkostung oder die Bedeutung guter Jahrgänge erfahren habe, ist mir bis heute noch lebhaft in Erinnerung – ebenso, wie trinkfest französische Professoren sein können.

Majestätsbeleidigung

Die zweite Erfahrung war eine wichtige Lehrstunde über das französische Autoritätsdenken und Schulsystem: Wir hatten eine Arbeit in Buchführung geschrieben und die korrigierten Tests zurückerhalten. Ich hatte null Fehler und die Note 17 (von 20 möglichen Punkten). Daraufhin fragte ich den Professor vor versammelter Klasse, warum ich keine 20 Punkte bekommen hätte, schließlich hätte ich alles richtig beantwortet.

Als ich die Blicke meiner französischen Kommilitonen sah und ein Raunen durch den Raum ging, wurde mir klar, dass ich diese an Majestätsbeleidigung grenzende Frage nicht hätte stellen dürfen. Während es in Deutschland üblich ist, auch kontrovers mit seinen Dozenten zu diskutieren, war so etwas in Frankreich undenkbar!

Langsam kam Monsieur D. auf mich zu, bäumte sich von mir auf und startete seine Tirade: „Mon cher Thomas, jetzt werde ich Ihnen mal etwas über das französische Notensystem erzählen. Eine 17 ist das Maximum für jemanden wie Sie. Eine 18 steht nur jemandem wie Amélie zu (die Streberin unseres Kurses). Eine 19 wäre angemessen für mich und eine 20, c’est pour Dieu (für Gott)! Haben wir uns verstanden?“ Oh ja, das haben wir!

Französischer Champagner und deutsche Autos

Viele Jahre nach meinem Studium, ich arbeitete inzwischen bei einem französischen Konzern in Deutschland, wurde ich für drei Monate in Paris für ein Projekt eingesetzt. Während dieser Zeit durfte ich mehrere Geschäftsreisen zu französischen Kunden ins Burgund und ins Elsass unternehmen.

Eines Tages wurde ich von einem der „Patrons“, den ich schon von Deutschland aus kannte, zum Mittagessen eingeladen. Interessiert fragte er mich, was mir an Besonderheiten im französischen Berufsalltag und während meiner Reisen in die Provinz aufgefallen sei. Ich sagte spontan, dass mir immer wieder positiv aufgefallen sei, dass die französischen Kollegen keine Grenzen in ihrer Spesenrechnung hätten, wenn sie einen Kunden zum Essen ausführen.

Da wird Champagner bestellt, der beste Wein und üppige Fünf-Gänge-Menüs in edlen Restaurants – und die Firma zahlt alles! Wir in Deutschland hingegen müssten stets aufpassen, unsere eng vorgegebenen Spesengrenzen nicht zu überschreiten. „Ganz schön ungerecht, oder?“, fragte er mich mit einem süffisanten Lächeln. Aber ob mir denn auch aufgefallen sei, mit was für Autos die Franzosen zu ihren Kunden führen? Und ob die einfachen Renaults und Citroëns mit den teuren Dienstwagen der deutschen Kollegen vergleichbar wären?

Was er mir dann erklärte, fand ich äußerst lehrreich und nachvollziehbar: In der Tat hätte man im ganzen Konzern das gleiche Spesenbudget pro Mitarbeiter – ganz gleich, ob dieser in Frankreich oder in Deutschland arbeitet. Nur werde das Budget so an die jeweilige Landeskultur angepasst, dass die maximale Zufriedenheit der Mitarbeiter und Kunden gewährleistet sei. Und in Frankreich sei das wichtigste nun mal „la bouffe“ (das Essen) und in Deutschland „la bagnole“ (das Auto)!

Frankreich-Urlaub als Hauptberuf

Immer wieder zieht es mich nach Frankreich und meine zahlreichen Reisen haben mich nachhaltig geprägt. Ich habe die französische Kultur und die herzlichen Menschen kennen und lieben gelernt. Eine Prise vieler Eigenschaften, die unseren Nachbarn zugesprochen werden, täten auch uns Deutschen gut – allen voran Humor, Gelassenheit und die Freude am Genuss. Andererseits sind die Mentalitäten zwar verschieden, aber oft auch gar nicht so weit voneinander entfernt wie wir denken.

In dieser Hinsicht war meine spätere Berufswahl als Reiseveranstalter kein missionarischer Akt. Doch aus dem Wunsch „mein Frankreich“ meinen deutschen Kunden auf ganz individuelle Art und Weise zugänglich zu machen, wurde France Naturelle geboren. Über persönliche Begegnungen, offenherzige Gastgeberfamilien und „Wohnen wie bei Freunden“ werden Deutsche und Franzosen vielleicht doch noch „ziemlich beste Freunde“.


Der Beitrag von Thomas Kötting ist der 15. Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

7 Kommentare

  1. Toller Artikel, der die ganz persönliche Leidenschaft des Autors für Frankreich wiedergibt, die ich ebenfalls für dieses Land teile. Bei mir hat es in der Auvergne begonnen, und jetzt bin ich in der Bretagne geladet und möchte diese Zeit nicht missen.

  2. Hallo Thomas, meine Leidenschaft für Frankreich fing mit Baguette und Wein und Käse auf einem Felsen in der Normandie an. Mit einer Freundin fuhr ich 10 Tage ohne Pläne ohne besonderes Ziel von einem schönen Platz zum nächsten. So fuhren wir in diesem gemeinsamen Urlaub 3500 km. Immer der Nase nach.
    Ich bin Fotografin, und kann mich an den Farben, den Formen, dem Licht nicht satt sehen. Wenn Du Lust zum Fotos durchstöbern hast, dann bitte hier: Facebook: Die Fotofabrikantin. Viele Grüße, Andrea

  3. Magnifique, lieber Thomas! Ein wunderschöner Artikel, der zeigt, wie unsere französischen Nachbarn unser Herz erobern können ! Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie ihr als Studenten mit offenen Augen und Mündern euren Professor angesehen habt, als ihr diese unkonventionelle Einführung in die französische Weintradition erleben durftet! Das sind wirklich Erinnerungen, die bleiben… Danke für diesen tollen Artikel! Da würde ich am liebsten gleich meine Koffer packen und nach Frankreich düsen 

  4. Cher Thomas, das ist ein wunderbarer Artikel, voller Herzenswärme und Humor, vielen Dank! Ich arbeite als conférencière nationale in Frankreich, für eine deutsche Agentur für Studienreisen. Merci et salutations cordiales!

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