Mein Frankreich: Jean Caprice & Marseille

Jean Caprice
Jean Caprice

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Celia Šašić hatte den Auftakt gemacht – seitdem haben viele an meiner ersten Blogpararade mitgemacht. Diesmal stellt ein sehr charmanter Mann, unter dem bürgerlichen Namen Jens Launert in Hamburg geborgen, sein Frankreich vor. La France verwandelte ihn – in Jean Caprice, Musiker, Akkordeonist, Sänger und Komponist.

Mein Frankreich hat rückblickend offenbar schon immer gewusst, dass es zu mir gehört. Lange, bevor ich selbst das wusste. Ich wuchs voller Bewunderung mit den Filmen auf, in denen Louis de Funès, Alain Delon, Jean-Paul Belmondo, Gérard Depardieu, Béatrice Dalle, Carole Bouquet, Catherine Deneuve und all die anderen großartigen französischen Schauspielerinnen und Schauspieler auftraten. Paris lernte ich durch den Film Das Mädchen Irma La Douce kennen, mit Shirley MacLane und Jack Lemmon.

Nachdem ich so wunderbare französische Musiker wie Serge Gainsbourg, Jane Birkin, Françoise Hardy, Gilbert Bécaud (und viel später Jean-Jacques Goldman, Julien Clerc, Manu Chao, Yann Tiersen sowie den vor allem musikalisch verführerischen Lolita-Pop von Alizée entdeckt hatte, träumte ich — wie so viele Menschen in ihrer Sturm-und-Drang-Phase — von einer Künstlerwohnung auf dem Montmartre mit Blick auf die Seine (falls das geographisch überhaupt möglich ist), vor dessen Fenster den ganzen Tag lang die Sonne untergeht, natürlich ohne wirklich unterzugehen.

Moin, moin statt bonjour!

Doch wurde es als junger Mann zunächst nur eine kleine sehr bürgerliche Wohnung mit Sitzbadewanne in einer Arztvilla an der Alster in Hamburg, merkwürdigerweise meine Geburtsstadt, in der ich mich jedoch nie daheim gefühlt habe. Das wusste „Mein Frankreich“ selbstverständlich bereits, als ich noch Kind war. „Moin, moin“, statt „Bonjour, Monsieur Caprice“ — das war natürlich bitter.

Ein einziger Schock für meine sensible Künstlerseele, die sich nach Lebenslust, Romantik und Freiheit sehnte, nicht nach wortkargen Wattwanderern.Meine (unbewusst französischen) Lebens- und Liebesträume zerplatzten vielleicht eines Abends vor eben jener Arztvilla im Angesicht einer kalten Backstein-Hauswand im noblen Stadtteil Winterhude. Das klingt ja schon so nach „Winter“.

Aufwachsen mit La Boum

Das prägendste Erlebnis meiner Jugend, deren entscheidende Jahre ich pubertierend mit Pickeln im Gesicht und noch dazu stotternd — folglich sozial eher unergiebig — überstehen musste, war ein sehr Französisches gewesen: der Film La Boum – die Fete mit Sophie Marceau. Eigentlich war es nur Sophie Marceau. Und der Titelsong „Reality“, der allerdings auf Französisch hätte sein müssen, nicht auf Englisch. Denn nicht Amerika hat die deutschen Teenager in den Achtziger Jahren entscheidend geprägt.

Viel subtiler und tiefgehender war es Frankreich, war es dieser Film, war es diese Sophie Marceau (sie war damals Dreizehn!), die das Leben- und Liebenlernen deutscher Teenager mitbestimmte. Und zwar viel dramatischer, als es Dr. Sommer in der Bravo jemals vermocht hätte. Ein Wochenende ohne Fete wäre damals nicht denkbar gewesen. Und ohne Teil 2 hätte ich — wie Millionen anderer Jugendlicher in dieser Zeit — keinesfalls überlebt.

Das Schreiben weckt jetzt gewisse Erinnerungen, das ist nicht nur gut. Ich schreibe lieber rasch weiter, um zu erfreulicheren Kapiteln meines Lebens zu gelangen.

Über Wien ins Paradies

Meine heimtückische Stotterzunge entspannte sich erstaunlicher Weise, als ich ungefähr Zwanzig war, und so gab es Hoffnung: ich verließ Hamburg mit letzter Kraft Anfang der Neunziger Jahre und ging nach Wien. Von dort aus fuhr ich erstmals mit dem Nachtzug nach Paris, lernte marmorweißen Käse in Pyramiden-Form mit schwarzer Asche darauf kennen und lieben, ließ mir zum Frühstück prickelnden Crémant mit Erdbeeren und Crème double auf der Zunge zergehen und verirrte mich mit meiner damaligen Freundin in einer Unterwäscheabteilung von beinahe bedrohlichem Ausmaß in einem weihnachtlich geschmückten Kaufhaus.

Schließlich fand ich mich in einem Café in der Nähe des berühmten Restaurants Le Fouquet’s wieder, das ich aus den Erinnerungen des von mir verehrten Pianisten Arthur Rubinstein kannte, dessen Biographie (Teil 1) ich im Zug nach Paris mit Hilfe der Notbeleuchtung im Schlafwagenabteil zum Ärger der Mitreisenden häufig kichernd zu Ende gelesen hatte. Ich war offenbar im Paradies angekommen. Doch leider sprach ich nicht Paradiesisch, was Paris nicht weniger schön aber unnahbarer machte, als es ist. Französisch, diese herrliche Sprache, lerne ich bedauerlicherweise erst jetzt. Besser als nie.

Marseille? Besser als Paris!

Heute bin ich nach langen Jahren in Wien und München sowie einiger Zeit in London nunmehr in der Schweiz, in Basel, unmittelbar an der Grenze zu Frankreich ansässig und somit dem Land des allgegenwärtigen Genusses endlich dauerhaft nahe. Von Basel aus begann auch kürzlich (im September 2016) meine Reise in eine französische Stadt, die mich – darf ich ehrlich sein – noch mehr fasziniert als Paris: das südfranzösische Marseille!

Als Musiker habe ich vor einiger Zeit einen Liebesroman veröffentlicht, zu dem ich die Musik komponiert und eingespielt habe. Wo spielt eine Liebesgeschichte mit Akkordeon-Soundtrack? Richtig: in Frankreich. Genauer gesagt, in Paris und Marseille. Allerdings beschreibe ich die Städte in dem Buch aus meiner Phantasie heraus. Paris kenne ich ein wenig, in Marseille war ich noch nicht gewesen, als ich das Buch geschrieben habe. Aber das macht nichts. Marseille war im Stadtplan meines Unterbewusstseins offenbar schon immer fest verankert. Marseille ist die Partnerstadt von Hamburg. Vielleicht hatte sich ein gewisser Storch auch nur im dichten Nebel verflogen vor 47 Jahren. Qui le sait…?

In einem Taxi nach Marseille

Ich mache mich also im Spätsommer 2016 mit meinem Musikerfreund Facio auf den Weg nach Marseille. Wir fahren (natürlich nicht mit dem Taxi) aus Basel durch die Schweiz am Genfer See entlang, um möglichst lange die wenig erbaulichen französischen Autobahngebühren zu umgehen. Die Kommunikation mit den Sprechtasten-Stimmen der Automaten an den Mautstellen erweist sich als erste Hürde, die wir jedoch schweißgebadet meistern. Prochaine sortie: Marseille! Sofort Fenster runter und Meerluft atmen. Das Glitzern dieser unglaublichen Stadt am Meer erinnert mich an Neapel, nur ohne Vulkan. Den braucht Marseille auch nicht, die Menschen hier sind ja mit einem sehr explosiven Temperament gesegnet. Nennen wir es einfach „südfranzösischer Esprit“.

Der Straßenverkehr in der Stadt ist so vereinnahmend wie die Menschen selbst. Plötzlich fahren wir in einen schmalen dunklen Tunnel, biegen überraschend scharf rechts ab und kommen über eine eher optisch gelungene als fahrgerecht konstruierte Stadtbrücke wieder an den Platz, von dem ich vor zehn Minuten rechts abgebogen war, um die restlichen hundert Meter zum Hotel zu fahren…

Günstige, saubere und freundliche Übernachtungsmöglichkeit finden wir in einem Hotel direkt an der Straße La Canebière. Wir haben sogar einen eigenen Kühlschrank in unserem Zimmer. Sehr hilfreich, vor allem im Sommer. Das Hotel liegt gleich beim Hafen. Das Auto ist im bewachten Parkhaus verstaut. Ob es in ein paar Tagen noch dort steht?

Im Bann der Mittelmeermetropole

Wir sind in Marseille, um ein paar Fotos und Videos zu machen, als Vorgeschmack zu einem professionellen Videodreh im nächsten Sommer. Doch unsere konkreten Vorhaben geraten im Trubel der Stadt schlagartig in Vergessenheit. Wir sind plötzlich unglaublich langsam und fühlen uns sehr wohl dabei. Schon der morgendliche „Café au lait“ in der Brasserie vor dem Hotel dehnt sich bis zum Mittag, die charmante weibliche Bedienung macht es uns schwer, nach der Rechnung fragen zu wollen.

Zunächst laufen wir ewig lange durch das Noailles-Viertel neben unserem Hotel, lassen uns treiben und sind gleichzeitig endlich keine Getriebenen mehr. Durchatmen bei jedem Schritt. Die Sprachbarriere ist hier keine solche. Die Menschen sprechen ein wunderbares Französisch, kraftvoll-melodisch, mit eigenwilligen Zischlauten. Nicht so ein Hochgeschwindigkeits-Genuschel, wie man es oft in Paris erlebt.

Pralles Leben

In Marseille wird gallischer Klartext gesprochen. Bei unseren Begegnungen immer mit einem Lächeln. Oder zumindest mit einem tiefen Blick aus lebendigen Augen. Liegt das an der guten Meeresluft an der Côte Bleue? Das Klima hier ist phantastisch und intensiv, und so sind auch die Charaktere. Individualisten durch und durch. Marseille ist eine „Asterix“-Stadt. Man sieht Männer, die wie gezeichnet dasitzen und abends ihr Glas Bandol Rosé, in dem sich die Straßenbeleuchtung spiegelt, an einem winzigen Tisch sitzend genießen. Greise, die in kleinen Autos mit glühenden Augen wild gestikulieren und laut fluchen, obwohl kein Mensch sie in dem Lärm verstehen kann.

Junge, wuschelköpfige Kerle, die nach Mitternacht ihre kleinen Kinder herzen, während die üppig tätowierten Mütter nur wenige Meter entfernt mit ihren Schwiegereltern streiten, bis alle der Appetit übermannt und sie bei ein paar frittierten wohlriechenden Babyfischen auf Alufolie serviert und frischen Oliven urplötzlich ihren Frieden finden. Impulsiv fällt man hier auch in die Schweigsamkeit — beim Genuss des Essens. Ein Ritual. Ich muss ständig an Asterix auf Korsika denken. Frauen wie Marmelada gibt es hier viele. Allerdings nicht gerade schweigsame. Stille wäre hier unangebracht. Dafür ist in Marseille zu viel Leben.

Bei den Kreativen des Südens

Dann entdecken wir unweit unseres Hotels ein großartiges Viertel, das sich Cours Julien nennt, nach der gleichnamigen Straße benannt. In Marseille als „Cours Ju“ bekannt. Die Stadt ist sehr hügelig. Am Musikkonservatorium vorbei schlängelt sich der „Cours Julien“ nach oben. Man kann dann noch von einem Pastis beschwingt weiter lustwandeln bis zur Notre-Dame de la Garde.

Am „Cours Ju“ findet man viele einladende Cafés, äthiopische oder algerische Delis, Restaurants, wonnige Weinstuben und Musikclubs. Gelangt man nachts über eine der steilen Treppen in das Viertel hinauf, wird man von einer großen Leuchtschrift empfangen, die zwischen den Häusern zu schweben scheint: Le quartier des artistes. Mein Lieblingsplatz in Marseille im Stadtinnern ist die Place Paul Cézanne. An einer Häuserwand auf dem Platz steht „Les Créateurs du Sud“. Das gefällt mir.

In einem Restaurant namens Bistrot du Peuple in einer Nebenstraße des „Cours Ju“ lernen wir sehr nette Menschen kennen, die sich seltsamer Weise mit uns verständigen können trotz unserer dünnen Sprachdecke, derer ich mich angesichts der Herzlichkeit hier beinahe schäme. Wir werden nach Feierabend noch in eine Bar um’s Eck mitgenommen und es wird spät. Man serviert gekühlten Rotwein aus Flaschen ohne Etikett.Vor dem Bistrot du Peuple entsteht dieses Video von mir meines Stückes Zumbabachacha.

Am folgenden Tag wandern wir begeistert wieder in das Cours Julien-Viertel. In einem Fast Food-Bistrot nehmen wir nachmittags einen überraschend schmackhaften Imbiss. Wie alles in Marseille nicht teuer. Neben uns sitzen zwei sehr hübsche Schülerinnen. Keine Sechzehn. Ob sie beide Sophie heißen? Die Hausaufgaben erledigen sie grinsend und mit einem großen Joint, den sie sich nonchalant direkt vor dem Lokal wie ein Eis teilen, offenbar eine Art Pausenbrot-Ersatz.

Stillsitzen scheint nicht ihre Stärke zu sein. Dafür reden sie auch viel zu viel mit ihren Händen, Armen und manchmal springen sie auf, um sich in einer Ganzkörper-Pose auszudrücken. Faszinierend. In Deutschland würde man ADHS diagnostizieren, hier ist das ein gesundes Kind. Zwischendurch schreiben sie mädchenhaft bekifft auch mal etwas in ihr Schulheft. Doch so natürlich, wie sie dabei lachen, da muss man doch auch als strenger Papa nicht wirklich böse sein, oder? Die beiden sind ja schließlich fleißig…

Wir geben ihnen Feuer und wären gerne noch einmal Siebzehn für einen Tag. Der Gedanke verstärkt sich später, als wir auf einem Filmplakat tatsächlich Sophie Marceau entdecken, die beruhigender Weise auch nicht mehr Dreizehn ist. „La Boum“ war gar nicht nur ein Film. Sondern die Realität in Frankreich.

Musik am Meer

Frauen in Marseille haben tatsächlich etwas sehr Anziehendes. Sie sind exotischere Französinnen als die Damen in Paris. Und oftmals gehen sie im Sommer offenbar mit so viel Parfum auf der zu siebzig Prozent sichtbaren Haut aus dem Haus, dass die halbe Straße noch Minuten später nach ihnen duftet. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

Auf der anderen Seite des Hügels am „Cours Julien“ kommen wir nach einiger Zeit zur Küste ans Meer. Der idyllische kleine Fischerhafen Vallons des Auffes bietet uns eine wunderbare Kulisse. Das Video meines Valse Musette ou Mazurka habe ich mit Fotos von dort unterlegt. Natürlich springe ich an der Plage des Catalans in die funkelnden Fluten, nachdem ich mich im Bistrot Plage direkt am Meer mit südfranzösischem Octopus gelabt hatte. Schmeckt magnifique! Das Bistrot Plage ist mein Lieblingsort in Marseille am Meer.

Ich bin hier natürlich ständig auf der Suche nach Plätzen, die mit denen vergleichbar sind, die ich in meinem Roman beschreibe. In meinem Buch gibt es eine „Tintenfisch-Taverne“ in Marseille, die „Los chipirónes maniaticos“ (die verrückten Tintenfische) heißt, auf Spanisch, weil die Besitzer aus den Pyrenäen nach Marseille eingewandert sind.

Drehort für Musikvideos

Am alten Hafen in Marseille, dem Vieux Port, entsteht dann in der großartigen Kulisse vor der Notre-Dame de la Garde in der filmhaften Unwirklichkeit der Abendsonne Südfrankreichs das Video meiner Komposition Arrivederci Marseille.

Auch die Altstadt von Marseille, auf einem anderen Hügel als das „Cours Ju“ gelegen, ist sehr eindrucksvoll. Hier, im Quartier Le Panier, ist es mangels Straßenverkehr für Marseilleser Verhältnisse erstaunlich ruhig. In den verwinkelten Gässchen findet man vor allem Wohnhäuser, Galerien, kleine Lebensmittelgeschäfte und einige Cafés. Vor einem orientalischen Bistrot kann ich endlich einmal wirklich in Ruhe Akkordeon spielen. Hier entsteht das Video von meiner Mazurka Tragica.

Die Menschen sind auch in diesem Viertel sehr freundlich und offen. Die allgegenwärtigen Graffitis an den Wänden wirken wie ein Stilbruch zu der eher klassizistischen Architektur, die sich nachsichtig an karge Neubausünden zu schmiegen scheint. Die grellen Schriftzüge und Figuren beißen sich wie anarchistische Aufschreie der von Armut und Verzweiflung animierten Gegenwartskunst in die Fassaden der nicht selten abbruchreifen Häuser.

Unverdorben und authentisch

Marseille ist das Hip Hop-Mekka Frankreichs. Und der afrikanisch-orientalische Einfluss in der Stadt ist (angenehm) groß. Die Zwischentöne aus fremden Ländern in dieser vom Tourismus noch weitgehend unverdorbenen Stadt in Südfrankreich sind unüberhörbar. Und auch deshalb fühlt sich Marseille für uns echt an. Manchmal bedeutet „echt“ hier allerdings auch dreckig. Aber „dreckig“ hat ja auch etwas.

Das Bild des Akkordeonspielers mit Baskenmütze am Seine-Ufer, dem Rotwein trinkende ältere Franzosen und ein eng umschlungenes junges Liebespaar in Trenchcoats zuhören, die doppelbödige Nostalgie von Woody Allens Midnight in Paris, das alles ist hier weit weg. Als Akkordeon-Spieler fühle ich mich in Marseille herausgefordert, wahrhaftig zu sein und auch so zu spielen. Dieses Gefühl nehme ich mit und bin froh und dankbar, hier so unverfälscht inspiriert zu werden.

Abschied nach fünf Tagen

Leider müssen wir nach fünf Tagen schon wieder abreisen. Ein schmerzhafter Gedanke. Wir gehen vorsichtshalber nicht davon aus, dass der Wagen noch im Parkhaus stehen wird. Dann würden wir eben den einfach TGV nehmen und ein neues Auto kaufen…

Am letzten Morgen hängt vor unserem Hotelfenster am Balkon gegenüber frische Wäsche, die nach dem Sommerregen der vergangenen Nacht gerade von der Sonne getrocknet wird. Ein Baby-Strampler, ein schwarzer BH, eine leuchtend grüne Jogginghose und ein Lionel Messie-FC Barcelona-Trikot in Kindergröße haben den Regen an der Leine nicht überstanden.

Sie werden – wie die zahlreichen Kleidungsstücke neben ihnen — in der Regenrinne unter dem Balkon den Rest ihres Daseins fristen, bis diese irgendwann wahrscheinlich unter der Wäsche-Last einfach abbricht. So wie die geborstene Regenrinne schräg gegenüber, die wie ein erhobener Zeigefinger in den Morgenhimmel ragt, als wolle sie sagen: „Attention, mon ami, eines Tages wachst Du hier auf und wirst für immer hierbleiben, Caprice…“

Marseille – ein bewohnbarer Zaubertrank

Ich seufze leise und merke, dass ich mich an die Stadt gewöhnt habe. An den halbgeöffneten Fensterläden ist die Farbe abgeblättert oder verblichen. Jedes Haus hat außen mehrere „Blechschäden“, wie man bei Autos sagen würde. Es riecht nach mir unbekannten Gewürzen. Leise klingt aus einer Wohnung über uns heraus afrikanische Musik in den Innenhof. Ein Paar streitet kurz auf Französisch in arabischer Intensität, dann hört man von ihnen eher versöhnliche Töne.

Schmunzelnd und mit einem Schluck eiskaltem Orangensaft aus meinem luxuriösen Hotelzimmerkühlschrank beginne ich meinen Abreisetag in Marseille sehr erfrischt. Nach einer Dusche in der winzigen Plastik-Duschkabine, die bei meiner Körpergröße eher ein Neoprenanzug mit Duschkopf darüber ist, fühle ich mich unbesiegbar. Marseille ist ein bewohnbarer Zaubertrank. Auf jeden Fall ist diese großartige Stadt „Mein Frankreich“. Und die Antwort darauf, warum ich einen französischen Künstlernamen habe: Jean Caprice.


Wer jetzt weiterlesen und hören möchte

Den in Frankreich spielende Liebesroman Zuckerbrod & Peytsche von Jean Caprice könnt ihr bei Amazon hier direkt bestellten. Wovon die „Liebesgeschichte mit Akkordeonmusik“ handelt?

Zuckerbrod, Musiker aus Marseille, spielt in einer Taverne Akkordeon. Peytsche, Schriftsteller aus Berlin, isst in der Taverne den besten Tintenfisch seines Lebens und entwickelt ein Faible für die Dekolletés von Südfranzösinnen. Die beiden werden Freunde, doch Peytsche muss zurück nach Berlin. Schon bald vermisst er die Sonne und das Meer…

Dann erbt Zuckerbrod ein skurriles Restaurant in Paris, in dem der „Chef de la cuisine“ ein Koch mit dem Spitznamen „Schlemingway“ ist. Zuckerbrod weiß, dass das eine Chance für sie beide sein könnte und überredet Peytsche, mit ihm nach Paris zu gehen. Alles, was sie noch brauchen in dem Restaurant, ist eine hübsche Bedienung. Es stellt sich eine in Paris lebende Russin vor: Olivka…

Den Soundtrack zum Buch gibt es auf iTunes. Die Illustrationen für Buch,CD und Noten) stammen aus der Feder der in Frankreich lebenden Illustratorin Wiebke Petersen, die unter dem Künstlerinamen „Zelba“ einen Blog betreibt. Akkordeon-Stücke von Jean Caprice sind bei dem amerikanischen Verlag Alfred Music als Notenbuch erschienen (dreisprachig Engl./Fr./Dt.), inkl. CD).


Der Beitrag von Jean Caprice ist der 13. Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Dans une autre vie

2018 brachte Jens Launert aka Jean Caprice seine für mich bislang schönste CD heraus: Dans une autre vie – in einem anderen Leben hat er sie genannt. Was ihr dort hören könnt?

Akkordeonmusik, die zum Träumen verführt. Neben dem Titelsong und dem Chanson „Les beaux yeux“ präsentiert Jean Caprice noch einen Valse Musette und drei ukrainische Tänze. Wer mag, kann die CD hier * bei Amazon bestellen.

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