Le Panier – zwischen Trend und Tradition

So bunt, vielfarbig und ausdrucksstark wie dieses Wandbild einer Frau ist auch das Viertel Le Planier, wo es eine Fassade ziert. Foto: Hilke Maunder
So bunt, vielfarbig und ausdrucksstark wie dieses Wandbild einer Frau ist auch das Viertel Le Panier, wo es eine Fassade ziert. Foto: Hilke Maunder

Le Panier ist die Wiege von Marseille. Das Altstadtviertel, das hinter dem Vieux-Port den Hügel bedeckt, gilt als ältester besiedelter Ort der Hafenmetropole. Bereits 600 vor Christus gründeten die Griechen dort ihre Kolonie Massalia.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Für viele beginnt der Bummel in Le Panier mit dem Blick auf diese Kirche Notre-Dame-des-Accoules. Foto: Hilke Maunder

Das heutige Altstadtviertel stellt nur einen Bruchteil der einstigen Altstadt dar. Als im 19. Jahrhundert die Rue de la République gebaut wurde, mussten viele Bauten weichen. Im 20. Jahrhundert sprengten deutsche Besatzer im Februar 1943 das quartier Saint-Jean und zerstörten das historische Herz von Marseille.

Die Pfarrkirche Église Notre-Dame-des-Accoules an der place Daviel. Foto: Hilke Maunder

Viertel der Einwanderer

Das volkstümliche Viertel ist traditionell der erste Ort, an dem sich Einwanderer in Marseille niederlassen. Italiener, Korsen und Nordafrikaner zogen bei den verschiedenen Einwanderungswellen des 20. Jahrhunderts in den Panier.

Le Panier, Marseille. Foto: Hilke Maunder
An der Montée des Accoules verkauft diese Boutique Savon de Marseille und andere Souvenirs. Foto: Hilke Maunder

Zum Kulturhauptstadtjahr 2013 sind in Marseille viele Gelder in das Altstadtviertel geflossen. Es wurde investiert, saniert. Nicht wenige Anwohner protestierten damals gegen die Gentrifizierung ihres Viertels.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Spannende Kontraste

So ist Le Panier heute ein Juwel, das nur manche aufpolierte Ecken hat, aber auch noch viel authentischen Charme. Und reichlich viele Orte, an denen Nase und Augen merken, dass Armut und Avantgarde, Zeitgeist-People und kleine Leute aus aller Welt das Viertel gleich stark prägen.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Eine ehemalige Kleiderfabrik. Foto: Hilke Maunder

Brennende Mülltonnen, Ratten, Straßenecken voller Sperrmüll hier, Uringestank und Drogenduft in der einer anderen Gasse. Und um die Ecke: lauschige Plätze, Gassen voller Grün, Szeneboutiquen, charmante Cafés und Souvenirshops mit Marseiller Seife.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Bummelgasse: die Rue du Panier. Foto: Hilke Maunder

Bis heute im Umbruch

Szenelokale, Shabby-Chic-Boutiquen und Provence-Style-Läden säumen Kopfsteinpfasterstraßen. Ein alternatives Kino zeigt wenig bekannte Filme. Open-Air-Cafés haben den Trottoir erobert.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Savoir-vivre mit Street Art. Foto: Hilke Maunder

Und dann wieder: Sonne, die über verblichene Fassaden in gelbgolden Tönen tanzt. Streunende Katzen. Eine verlassene Werkstatt, eine verwaiste Fabrik, stille Plätze.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Besser allein als in schlechter Begleitung, sagt das Wandbild. Foto: Hilke Maunder

So wie die Place de la Lenche, an der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Südseite wegsprengten, um freien Blick auf den Hafen zu haben. Ursprünglich war der Platz von allen vier Seiten umschlossen gewesen. Bei den Griechen fungierte er als Agora, als Marktplatz der Stadt.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Eine Institution: die Bar des 13 Coins. Foto: Hilke Maunder

Und auch im 16. Jahrhundert wurde noch eifrig dort gehandelt, verrät der Name des Platzes. Er erinnert an die korsische Händlerfamilie Linio, die dort mehrere Geschäfte betrieben hatte. Und eine Korallenwerkstatt, in der aus der roten Mittelmeerkoralle Schmuck gefertigt worden war.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
L’Atelier de Clothilde in der Rue du Panier. Foto: Hilke Maunder

2600 Jahre lebendige Geschichte

Wer an diesem Platz seinen Panier-Bummel beginnt, kommt auf der Grande Rue tiefer hinein ins Viertel. Die Straße folgt der antiken Hauptstraße, die die Phokäer bereits angelegt hatten – allerdings drei Meter tiefer als die heutige Straße.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Viele kleine Plätze birgt das Viertel, das seinen Namen einst von einer Herberge namens Le Logis du Panier erhalten haben soll. Sie empfing im 17. Jahrhunderte Reisende zur Nacht. Gastlich ist Le Panier bis heute. Hinter alten Fassaden findet ihr stylische chambres d’hôtes und gîtes.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Ein paar Stühle und Tische auf den Trottoir: Solche Lokale prägen Le Panier. Foto: Hilke Maunder

Cafés und Bars haben ihre Stühle auf das Pflaster gestellt. Dann wieder versprühen die Plätze eine fast dörfliche Idylle, die unwirklich wirkt im Trubel der Großstadt.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Vom Hafen führt die steile Gasse Montée des Accoules tiefer hinein nach Le Panier. Stadtführer um Stadtführerin kommen hier mit ihren Gruppen hinauf: Le Panier als Kulisse.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Le Panier d’Épices an der Rue du Panier. Foto: Hilke Maunder

Lasst euch lieber von eurer Neugier leiten im Gewirr der Gassen und lauschigen Plätze, der steilen Straßen und Treppenwege, die hier und da Ausblicke auf den alten Hafen und das Mittelmeer eröffnen.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Viele Kreative hat es ins Viertel gezogen. Foto: Hilke Maunder

Was die Fassaden erzählen

Über dem Viertel wacht die Église Notre-Dame- des-Accoucles. So, wie das Viertel wuchs, veränderte sich auch das Gotteshaus und wurde mit jedem Bau größer. Die kleine Kapelle aus dem 11. Jahrhundert machte im 13. Jahrhundert Platz für eine Kirche mit Glockenturm.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Der Uhrturm von Notre-Dame-des-Accoules. Foto: Hilke Maunder

Als Tour Sauveterre warnten die Glocken einst bei Gefahr. Und riefen mit dem Geläut den Stadtrat zusammen für eine Sitzung. Während der Französischen Revolution 1794 abgerissen, entschloss man sich um 1830 zu einem neuen Sakralbau. Er sollte auch politisch ein deutliches Zeichen setzen – als „Sühne aller während der Revolution begangenen Sünden“.

Die Verwandlung des Hôtel-Dieu

Marseille, Le Panier, Hôtel-Dieu. Foto: Hilke Maunder
Vor dem einstigen Hôtel-Dieu erinnert eine Büste an Honoré Daumier. Foto: Hilke Maunder

Wie weit die Gentrifizierung von Le Panier fortgeschritten ist, seht ihr beim Hôtel-Dieu. Sein Bau lässt heute nur wenig ahnen, dass seine Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückreifen.

Vorzeigebau der Krankenpflege

Das damalige Hôpital du Saint-Esprit wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut, vergrößert, mit dem Hôpital Saint-Jacques de Galice zusammengelegt, und mehr als 100 Jahre später erneut umgebaut zu einem Vorzeigebau des Klinikwesens im 18. Jahrhundert.

Nach allen vier Seiten schottete er sich sich ab, um keine Keime in die Stadt zu lassen. An die frische Luft durften die Patienten nur in den beiden Innenhöfen, und das säuberlich nach Geschlechtern getrennt.

Das ehemalige Hôtel-Dieu birgt heute das Luxushotel Intercontinental. Foto: Hilke Maunder
Das Hôtel-Dieu birgt heute das Luxushotel Intercontinental. Foto: Hilke Maunder

Erst in jenen Jahren erhielt das Hôtel-Dieu auch seine Galerien. Zum Kulturhauptstadtjahr wandelte sich das Krankenhaus zum Luxushotel. Die größte Herausforderung war für die Architekten, den Komplex wieder zur Stadt zu öffnen.

Das Team aus Anthony Béchu, Tangram Architects und dem Innenarchitekten Jean-Philippe Nuel gelang das Kunststück.

Das einstige Krankenhaus und die Pfarrkirche trennen nur wenige Schritte. Foto: Hilke Maunder

Sie öffneten das Hôtel-Dieu gen Süden und machten es zum architektonischen Juwel am Hang des Panier-Viertels. Besonders zur blauen Stunde ist der Blick mit dem geschickt illuminierten Fünfsternehotel Intercontinental wunderschön!

Vor dem Hotel erinnert eine Bronzebüste an Jacques Daviel. Er hatte 1745 im Hôtel-Dieu zum ersten Mal erfolgreich grauen Star operiert und war daraufhin zum Augenarzt von Ludwig XV. ernannt worden.

Die Maison Diamantée am Abend, Foto: Hilke Maunder

Unterhalb des Hotels findet ihr ein zweites ungewöhnliches Haus: La Maison Diamantée. Im Diamantenhaus lebten einst einflussreiche Marseiller Patrizier, ehe der Prunkbau aus dem Jahr 1570 während der Revolution in Wohnungen aufgeteilt wurde.

Seine Fassade ist bis heute ein Juwel des provenzalischen Manierismus. Natursteine, wie Diamanten geschliffen, schmücken sie.  Auch hier gilt: zur blauen Stunde besonders schön!

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Natürlich mit Pastis: Apéro in Le Panier. Foto: Hilke Maunder

Street Art aller Stile

Seit dem Kulturhauptstadtjahr hat sich Le Panier neben dem Cours Julien zum Hotspots der Street Art wandelt. Die vergängliche Kunst des 21. Jahrhunderts hat viele Fassaden erobert. Mal mit XXL-Schrift als tag oder bubble, dann wieder mit stencils und fantasievollen Wandbildern.

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Mensch, King Kong! Madame ist erschreckt, dass sich das Monster an la bonne mère vergreift. Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
An der Place de la Lorette. Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Stufen, Wände, Tore: Urban Art entsteht in Le Panier auf nahezu jeder Fläche. Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Diesen Löwenkopf könnt ihr in Le Panier gleich mehrmals. Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Männer beim Kartenspielen an einer Treppe. Foto: Hilke Maunder
Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Gemalte Geschichte. Foto: Hilke Maunder

Le Panier: meine Tipps

Zum Stöbern, Schauen, Shoppen

• Le Makadam, 25, rue de l’Évêché, Tel. 06 18 43 66 32, Boutique mit Mode, Deko, Vintage.

Zum Genießen

Chez Étienne

Der Klassiker der unter den Einheimischen ungeheuer beliebten, einfachen Pizzeria heißt moitié-moitié, eine halbe Pizza, die zur Hälfte mit Tomaten und Oliven, auf dem zweiten Viertel mit Käse dick bedeckt wird.
• 43, rue de Lorette, Tel. 04 91 54 76 33, kein www.

Le Manolo

Kleine Tapas-Bar im Shabby-Chick mit ein paar Stühlen in der Gasse.
• 12, rue du Panier, Tel. 04 96 17 59 20

Picante

Hot & spicy!
• 17, rue de l’Evêché, Tel.06 35 21 73 69, www.facebook.com/douceurpiquante13,

Les Navettes des Accoules

Besser allein als in schlechter Begleitung, sagt das Wandbild. Foto: Hilke Maunder
José Orsoni mit seinen hausgemachten navettes. Köstlich! Foto: Hilke Maunder

José Orsoni gehört zu den beiden Bäckern, die den Gebäckklassiker aus Marseille noch ganz handwerklich herstellen. Zu den Stammgästen gehörte Charb, der bei den Anschlägen getötete Zeichner bei Charlie Hebdo.

Begeistert hat er sich mit flotten Strichen auf einem Bild verewigt, das José stolz in seinem Laden aufgehängt hat. Ihr dürft probieren! Mehr zu den Navettes aus Marseille erfahrt ihr hier.
• 68, rue Caisserie, Tel. 04 91 90 99 42, www.les-navettes-des-accoules.com

Hier könnt ihr schlafen*
Booking.com

Marseille, Le Panier. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

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Le Panier, Marseille. Foto: Hilek Maunder
In der Fisherman’s Street sind Fischer das Motiv. Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

Noailles ist Marseille pur! Noch. Auch im Blog – klickt mal hier!

Cours Julien ist das Zentrum der Street Art in Marseille. Hier gibt es Infos und Impressionen!

Mit der Cité Radieuse verwirklichte Le Corbusier seinen Traum einer Wohnmaschine. Klickt mal hier!

Aus Marseille kommt eine weltberühmte Seife. Wie die Savon de Marseille heute noch ganz handwerklich hergestellt wird, könnt ihr hier sehen.

Savon de Marseille im Souvenirshop. Nur der Name erinnert an die echte Seife. Foto: Hilke Maunder
Savon de Marseille im Souvenirshop. Nur der Name erinnert an die echte Seife. Foto: Hilke Maunder

Sogar gesegnete Kekse kommen aus Marseille. Was die Navettes besonders macht, erfahrt ihr hier – samt Rezept!

Der schönste Ausflug in Marseille? Die Calanques! Infos und Impressionen zu den Fjorden am Mittelmeer gibt es hier.

Und falls ihr ein ganzes Wochenende in der Metropole am Mittelmeer verbringen wollt, dann klickt hier für euren Reiseplan!

"Marseille,

Im Buch

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4 Kommentare

  1. Schöne Bilder, schöne Erinnerungen an unseren Spaziergang durchs Le Panier in 2019!

    Hier noch eine Ergänzung: Für uns als Boulespieler ein ‘Muss’: direkt vis-a-vis zur Bar des 13 Coins befindet sich das ‘Maison de la Boule’, getragen von der kleinen feinen Boule-Manufaktur ‘La Boule Bleue’. Neben dem kleinen Lädchen mit Boulebahn für Probewürfe gibt es ein Museum.
    2 Fotolinks: https://imgur.com/3YvxT0chttps://imgur.com/3RnubVM

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