In den Calanques von Cassis
Klares, türkisfarbenes Wasser in der Bucht. Und steil ins Meer abfallende Kalksteinklippen, die kleine Fjorde bilden: die Calanques von Cassis, die sich bis nach Marseille erstrecken.
Vom malerischen Hafen von Cassis starten stündlich Ausflugsboote zu einem Törn in einen faszinierenden Nationalpark, der Land- und Meereszonen schützt! Er gehört fast vollständig zum Stadtgebiet von Marseille: sieben der acht Hauptbuchten gehören zu Marseille, eine Calanque liegt im Stadtgebiet von Cassis. Auch in Marseille starten Rundfahrten – dazu mehr hier.

In die Calanques von Cassis
Die Ausflugsfahrten starten allesamt im Hafen von Cassis mit seinen bunten pointus-Booten und Bars an der Kaikante.
In flotter Fahrt geht es zur Calanque d’En-Vau. Mit ihrem türkisfarbenen Wasser, steilen, hellen Kalkfelsen und flach abfallendem Strand aus Sand und Kiesel gehört sie zu den schönsten Buchten der Mittelmeerküste. Kermeseichen und Aleppokiefern krallen sich mit ihren mächtigen Wurzeln an den Fels. Wacholder und Strauchheiden bedecken das Steilufer. Zwischen Adlerfarn, Saladellen (Hirtenblumen), Steinbrech und wildem Spargel zirpen Zikaden. Am hohen Himmel kreisen Habichtsadler. Dann schießt ein Haubenkormoran ins Wasser und holt sich eine Sardine.
10. Nationalpark Frankreichs
Bis heute sind die Calanques eine wilde, ursprüngliche Naturlandschaft. Sie entstanden nach der letzten Eiszeit, als der Meeresspiegel um 120 Meter stieg und alte Täler auffüllte. Wie Fjorde reichen sie heute weit in die zerfurchte Küste hinein. Seit dem 18. April 2012 bilden die naturbelassenen Kalksteinbuchten den zehnten Nationalpark Frankreichs. Dass dieses Paradies heute noch existiert, grenzt an ein Wunder. Im 20. Jahrhundert drohte den Calanques die industrielle Zerstörung; Großkonzerne wie Solvay wollten die gesamten Klippen sprengen und abbauen. Erst der erbitterte Widerstand einer Allianz aus Fischern, Wanderern und frühen Umweltschützern rettete die unberührte Wildnis vor den Baggern.
Das leuchtende Wasser der Calanques
Doch warum leuchtet das Wasser in den Calanques so intensiv tiefblau und türkisfarben? Das liegt nicht nur am Licht. Der helle Urgon-Kalkstein am Meeresboden wirkt wie ein gigantischer, natürlicher Reflektor. Zudem ist das Wasser wegen der geringen Nährstoffe extrem nährstoffarm (oligotroph), weshalb kaum Plankton das Licht bricht.
Wer hier ins Wasser springt, erlebt jedoch oft eine erfrischende Überraschung: Weht der Mistral, drückt er das warme Oberflächenwasser hinaus aufs Meer. Die Folge: Eiskaltes Tiefenwasser strömt nach und lässt das Thermometer selbst im Juli schlagartig auf frostige 15 Grad sinken.
Zugangsregeln im Sommer
Das Refugium zu Land und Wasser ist nicht nur wunderschön, sondern auch gefahrvoll. Waldbrände, Bergrutsche oder Baumstürze sorgen immer wieder für Opfer unter den Besuchern. Wer hier unterwegs ist, sollte sich daher vor Beginn der Wanderung über die aktuelle Lage informieren. Zum Schutz des sensiblen Ökosystems wurde 2022 zusätzlich zu den bisherigen Zugangsregeln, mit denen die Waldbrandgefahr eingedämmt werden soll, eine zweite Regel eingeführt. Sie betrifft aufgrund von Erosionsgefahr nur die Badebucht von Sugiton.

Weitwanderweg von Cassis nach Marseille
Die gesamte Calanques-Küste erschließt auf 28 Kilometern Länge der Weitwanderweg GR 98-51. Die Grande Randonnée von Marseille nach Cassis ist durchgehend rot-weiß markiert. Ein lohnenswerter Abstecher führt zum Refuge du Piolet auf dem Plateau de Cadeiron. Von der einfachen Schutzhütte aus Stein eröffnen sich traumhafte Ausblicke auf das Mittelmeer und die Bucht von En-Vau.
Hoch oberhalb der Steilküste geht es auf der GR 98, die sich mit der GR 51 verbindet, weiter zum Sandstrand der Calanque de Port-Pin. Sie ist die kleinste und grünste der drei Calanques von Cassis. Danach kommt ihr zur Presqu’île de Cacau. Die Halbinsel markiert die Gemeindegrenze zwischen Marseille und Cassis.

Neptuns Nasenloch
Durch das trou de souffleur, auch narine de Neptune genannte Blasloch an der Spitze der Pointe du Cacau, spritzt bis heute bei rauer See das Meerwasser hoch. Unter dem Trichter befindet sich eine Höhle, in der 1968 – 1972 Archäologen auf Zeugnisse stießen, die belegen, dass bereits im Quartär dort Menschen lebten. Knochen von Elefanten, Hirschen, Vögeln und Pferden entdeckten die Forscher. Jäger und Sammler, die vor 20.000 Jahren in der Höhle Unterschlupf fanden, hatten sie erlegt. Ihr Ausblick muss damals fantastisch gewesen sein: mit Blick auf die über dem Cap Corneille aufgehende Sonne und einer See, die 120 Meter tiefer lag als heute.
Der Schatz der Cosquer-Höhle
Berühmter wurde eine zweite Höhle, die sich in der Calanque de la Triperie 37 Meter unter dem Meeresspiegel versteckt. Ein Gitter verschließt den Zugang. Wie es dahinter aussieht, verrät der Nachbau der Grotte Cosquer in der Villa Cosquer von Marseille. Drinnen birgt die Unterwasserhöhle, die den Namen ihres Entdeckers Henri Cosquer trägt, in einem höher gelegenen, trockenen Höhlenraum rund 19.000 bis 27.000 Jahre alte Höhlenkunst: Seehunde, Robben und Fische, Wisente, Steinböcke und Riesenalken zeigt sie – die gesamte Fauna der Urzeit, als sich die Höhle noch 80 Meter über dem Meeresspiegel befand. Die Küste war in jenen Zeiten sogar elf Kilometer weit entfernt!
Gefragter Kalkstein
Bereits in der Antike wurde auf der Cacau-Halbinsel Kalkstein geschlagen. 1720 begann der kommerzielle Abbau. Um 1855 waren 130 Arbeiter in 30 Steinbrüchen tätig. Aus dem Stein der Halbinsel wurden die Hafenanlagen von Alexandria, Alger, Piräus und Port-Saïd erbaut, die Kais und Kirchen von Marseille und das Fort Lamalgue in Toulon.
Der bis zur Erfindung des Betons weltweit gefragte Stein hatte zwei Vorteile. Er war sehr witterungsbeständig – und konnte gleich vor Ort aufs Schiff geladen werden. Als Verladehafen für den in den 1980er-Jahren geschlossenen Solvay-Steinbruch diente Port-Miou in der gleichnamigen Bucht. Heute dominieren keine Frachter, sondern Tausende Segelboote den Hafen der sehr langen, schmalen Calanque. In ihrer Mitte sprudelt eine untermeerische Süßwasserquelle.
Süßwasserquelle im Meer
Die untermeerische Quelle in Port-Miou ist eines der größten ungelösten hydrologischen Rätsel Europas. Es ist eigentlich ein riesiger, unterirdischer Fluss, der täglich Millionen Liter Süßwasser ins Meer spült. Taucher sind bereits mehrere Kilometer tief in dieses Höhlensystem vorgedrungen, ohne das Ende zu finden. Die Quelle speist Regenwasser aus dem Karstgebirge bei La Sainte-Baume. Die Quelle könnte zusätzliches, bisher nicht genutztes Trinkwasser für den von Trockenheit geprägten Süden liefern. Der örtliche Wasservertrieb Société des Eaux de Marseille hat daher die wissenschaftlichen Untersuchungen der Quelle mitfinanziert, zögert aber bei ihrer Erschließung.
Schlemmen mit Strandblick
Der alte Arbeitsweg des Steinbruchs führt direkt zum Freizeitkomplex La Presqu’île mit Tennisplätzen, Planschbecken und zwei Restaurants. Im legeren Strandlokal Plage Bleue (Tel. 04 42 01 15 40) munden von Mai bis September gegrillte Sardellen und anderer Fisch unter freiem Himmel.
Im Gourmetrestaurant Presqu’île serviert Küchenchef Jean-Bernard Jugnon nach der Suppe von Felsenfischen mit Safran-Rouille eine Dorade mit Fenchel, Hummer oder loup de mer. Zu den Edelfischen schenken die Kellner einen lokalen Schatz ein: den Weißwein von Cassis. Die Reben wachsen auf den Kalksteinterrassen direkt oberhalb der Klippen. Die ständige Meeresbrise verleiht dem Wein eine feine, salzige Mineralität, die perfekt mit der Fischsuppe harmoniert. Gut zu wissen: Die AOC Cassis gehört zu den ältesten geschützten Weinbaugebieten Frankreichs.
• Quartier Port Miou, 13260 Cassis, Tel. 04 42 01 03 77, www.restaurant-la-presquile

Naturpfad um das Kap
So gestärkt, folgt als letzter kleiner Schlenker der Sentier du Petit Prince. Der Naturpfad um das Cap Cable mit elf Infotafeln zu Flora, Fauna und Geschichte der Region wurde zu Ehren von Antoine de Saint-Exupéry angelegt. Der Autor des „Kleinen Prinzen“ war im 2. Weltkrieg als Pilot der französischen Luftstreitkräfte tätig. Während einer gefährlichen Mission verschwand er plötzlich spurlos im Alter von 44 Jahren. Erst als Fundstücke seines Flugzeugs in den Fluten vor den Riou-Inseln in den Calanques von Marseille geborgen wurden, konnte das Rätsel der Nacht des 31. Juli 1944 gelöst werden.
Vorbei an der Kapelle Notre-Dame du Bon Voyage und dem Viersternehotel Les Roches Blanches* mit Badepool über den Klippen geht es am Ufer der Anse de la Grande Mer zurück nach Cassis. Dicht an dicht drängen sich die Terrassencafés dort am Hafenbecken. Vor den Tischen schaukeln pointu-Boote auf den Wellen. Paradiesisch!

Die Calanques: meine Reise-Infos
Karte
IGN, Carte de Loisir de Plein Air, Les Calanques de Marseille à Cassis, Maßstab 1: 15.000. Wer mag, kann sie hier* online bestellen.
Zugangsregeln
Zum Schutz des sensiblen Ökosystems wurde 2022 zusätzlich zu den bisherigen Zugangsregeln, mit denen die Waldbrandgefahr eingedämmt werden soll, eine zweite Regel eingeführt. Sie betrifft die Badebucht von Sugiton.Anfangs nur für Juli und August, inzwischen auch für die besucherstarken Wochenenden im Mai und Juni gilt für die Calanque de Sugiton et des pierres tombées eine Obergrenze von 400 Besuchern pro Tag. Während dieser Zeit dürft ihr den Nationalpark nur mit einer Reservierung betreten. Die Buchung ist kostenlos und online möglich auf https://troov.com. Ohne gültiges Ticket riskiert ihr ein Bußgeld.
Abhängig von der Witterung ist der Zugang zu den Calanques in drei Risikostufen unterteilt:
- Grün ( Vert ) : Der Zugang ist den gesamten Tag über für alle Wanderwege und das gesamte Massiv uneingeschränkt erlaubt.
- Gelb ( Jaune ) : Der Zugang ist den gesamten Tag über erlaubt. Es wird jedoch zu erhöhter Wachsamkeit geraten, da das Brandrisiko moderat ansteigt.
- Orange entspricht für Spaziergänger exakt diesen Regeln der Stufe Gelb.
- Rot ( Rouge ) : Höchste Warnstufe. Der Zugang für Fußgänger (Spaziergänge, Wanderungen) sowie das Befahren und Parken von Fahrzeugen im gesamten Nationalpark-Massiv sind strikt verboten.
Die tagesaktuelle Stufe wird in der Hauptsaison (1. Juni bis 30. September) jeden Abend um 18 Uhr für den Folgetag auf der offiziellen Website der Präfektur sowie in der App Mes Calanques veröffentlicht.
• www.calanques13.com
Hier könnt ihr schlafen*

Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.
Weiterlesen
Im Buch
Hilke Maunder, DuMont-Bildatlas Provence*
In meinem DuMont-Bildatlas Provence* stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten.
Neben Aktivtipps, Hintergrund und Themenseiten präsentiert die Rubrik “Ja, natürlich” zahlreiche Tipps für nachhaltige Erlebnisse und Momente. In “Urlaub erinnern” stelle ich Andenken, Eindrücke und Erinnerungen vor, mit denen der Urlaub daheim noch weiter lebendig bleibt. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.
Hilke Maunder, Le Midi*
Die poule au pot ist eine der 80 echten, authentischen Speisen, die ich bei meiner kulinarischen Landpartie durch den Süden von Frankreich entdeckt habe. Zwischen Arcachon, Hendaye und Menton schaute ich den Köchen dort in die Töpfe, besuchte Bauern, kleine Manufakturen, Winzer und andere lokale Erzeuger.
Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Müller reiste ich wochenlang durch meine Wahlheimat und machte mich auf die Suche nach den besten Rezepten und typischsten Spezialitäten der südfranzösischen Küche. Vereint sind sie auf den 224 Seiten meines Reise-Kochbuchs Le Midi.
Ihr findet darin 80 Rezepte von der Vorspeise bis zum Dessert, Produzentenportraits, Hintergrund zu Wein und Craftbeer, Themenspecials zu Transhumanz und Meer – und viele Tipps, Genuss à la Midi vor Ort zu erleben. Wer mag, kann meine 80 Sehnsuchtsrezepte aus Südfrankreich hier* online bestellen.
* Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !










