Mein Frankreich: Andreas Heineke & Lourmarin 2


„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal antwortet Andreas Heineke, 49-jähriger Hamburger, der als Regisseur vor allem für den NDR arbeitet. Doch besser kennt ihr ihn vielleicht als Autor…


Meine Schreibstube in Lourmarin

Es ist 16 Uhr am Nachmittag in der Provence. Ich öffne das Fenster meiner kleinen Schreibstube in Lourmarin und setze mich an mein Buch. Ich bin ich hier zum Schreiben. Mein Krimi „Tod à la Provence“ muss bis zum Ende des Jahres fertig werden. Wenn ich meinen vertrackten Handlungsstrang sehe, wenn ich auf die Seitenzahl schaue und nachrechne, wie lange ich bereits darüber nachdenke, wie ich meinen Helden Pascal Chevrier aus dem Kühlhaus heraushole, in den ich ihn unbedacht eingesperrt habe, dann würde ich am liebsten meine Lektorin anrufen und um Aufschub der Abgabe bitten wollen.

Aber ich bin in Südfrankreich, hier ticken die Uhren anders, langsamer, gemächlicher, manchmal steht die Zeit sogar still, als hätte sie selbst Respekt vor der Schönheit der Landschaft.

Wo Camus sich niederließ

Durch das offene Fenster höre ich Stimmengewirr: Touristen und Einheimische treffen sich zum Nachmittags-Pastis unter den Sonnenschirmen in der buckligen Gasse, die durch den Ort führt. Diese kleine Straße hat in den letzten 100 Jahren ihr Gesicht kaum verändert. Ich kann verstehen, dass Camus sich hier niederließ und dass seine Tochter nach dem tragischen Tod des Nobelpreisträgers im Ort geblieben ist und hier noch immer lebt, wenn auch sehr zurückgezogen.

Noch einen Moment höre ich die klirrenden Gläser, beobachte aus dem Fenster wie Familien sich in der Sommerhitze niederlassen, die Kinder zum Brunnen laufen und sich mit Wasser nass spritzen. Ein Hund bellt, ein Provençale trägt ein nagelneues Boulespiel aus dem wohl schönsten Kinder- und Andenkenladen der Provence.

Pastis in erster Reihe

Es ist der Moment, an dem es mich nicht mehr in der Wohnung hält. Ich setze mich an einen der wackligen Tische. Erste Reihe, Schatten, wie immer. Die Kellnerin lächelt mich an und bringt mir, ohne mich zu fragen, mein Getränk. Das Eis klirrt im Glas, das Wasser färbt den Pastis trüb, und ich mache mir Gedanken über das Abendessen, und ganz pflichtbewusst, wie ich meinen Dorfgendarm aus dem Kühlhaus bekomme. Es ist alles so, wie jeden Tag. Die Touristen laufen mit ihren Kameras und Handys durch den Ort, weil sie etwas festhalten wollen, was nicht festzuhalten ist, weil man es eben nicht beschreiben kann.

Lourmarin steht für Ursprünglichkeit und seine Makellosigkeit, für den unbedingten Willen der Menschen, auch dem letzten Stromkasten auf der Straße Würde zu verleihen. Kein Wunder, dass sich hier Gérard Depardieu und Jane Barkin treffen, dass hier im Sommer der Autor Peter Mayle mit Ridley Scott einen Rosé im Schatten der Platanen trinken.

Unwiderstehlicher Sehnsuchtsort

Lourmarin ist unwiderstehlich und es ist mein Sehnsuchtsort. Es ist die Lebensfreude, die Tradition, der Sinn für Kunst (in wohl keinem Ort in der Provence ist die Dichte der Galerien so ausgeprägt) und ein Gefühl des „angekommen seins“.

In diesem Jahr war ich im Winter hier, ich wollte wissen, ob es genauso schön ist. Es war kalt, sogar das Wasser in den Brunnen war eingefroren, die meisten Geschäfte hatten geschlossen, auf der sonst so belebten Gasse trafen sich nur Einheimische, eingepackt in dicke Mäntel und Schals, einige mit Hunden und mit abgewrackter Kleidung.

Sie kamen direkt von der Trüffelsuche und trafen sich danach in der einzig im Winter geöffneten Bar, im „Café Gaby“, um mit anderen Gästen ins Gespräche zu kommen und Bestpreise für die schwarzen Diamanten zu erzielen.

Dorf voller Geschichten

Es war ein anderes Lourmarin, aber ein ebenso schönes. Ein Ort der Stille, ein Plätzchen zum bleiben und ein Dorf voller Geschichten, die ich versuche, in meinem Buch zu erzählen. Nein, ich glaube nicht an die Liebe auf den ersten Blick, bis ich erst meine Frau und dann das hier entdeckt habe.

Ich leere mein Glas, gehe im Tempo eines Südfranzosen durch den Ort und setze mich schließlich in eines der kleinen Restaurants. Schreiben kann ich heute Nacht. Soll mein Gendarm doch sehen, wie er aus dem Kühlhaus kommt, ich habe jetzt anderes zu tun.

Ach ja, das Buch ist inzwischen fertig: Tod à la Provence heißt es und ich bin damit auf Lesereise und erzähle viele Geschichten wie diese. Die Termine findet ihr hier auf meiner Website.

Der Beitrag von Andreas Heineke ist der 16. Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.


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2 Gedanken zu “Mein Frankreich: Andreas Heineke & Lourmarin

  • Johannes Bambeck

    Lourmarin ist ja ganz nett aber für mich auch sehr touristisch . Ich lebe seit ca 18 Jahren in Nans-les-Pins , Rougiers und jetzt in Tourves . Das sind authentische Örtchen mit einheimischem Flair . Hier gibt es keine oder nur wenige Touristen . Hier lebt man in der Ortsgemeinschaft ohne Tingel-Tangel . Es sind Bauern und somit auch Jäger.
    Das ist mein Südfrankreich wie ich es liebe . Kommen Sie mal her und vielleicht können wir zusammen z b eines der zahlreiche kleinen Feste im Sommer erleben.
    Viel Grüsse
    Hanns Bambeck