Mein Frankreich: Katharina Kehmer

Katharina Kehmer in Breil-sur-Roya. Foto: privat
Katharina Kehmer
„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Die Fußballerin Celia Šašić hatte den Auftakt gemacht – seitdem haben viele an meiner ersten Blogpararade mitgemacht.
Diesmal stellt Katharina Kehmer ihr Frankreich vor. Die ausgebildete Buchhändlerin und Pflegedienstassistentin aus Aldenhoven bei Düren ist gemeinsam mit ihrer Tochter dem Lockruf des Lavendels gefolgt. Und bereits nach der ersten Autotour heute am liebsten per Bahn und Bus das Land.

„Die Provence ist meine heimliche Geliebte, sie läuft nicht weg und wird jedes Jahr schöner.“

Gäbe es „Germanys next Top Nomadin“, dann hätte ich vermutlich eine gute Chance auf einen der ersten Plätze, obwohl ich bis 2001 ein völliger Reisemuffel war. 2001 fuhr ich mit einem uralten Passat und meiner 14jährigen Tochter, aber ohne Navi oder Handy, nur mit einer Frankreichkarte bewaffnet, Richtung Côte d’Azur.

Lockruf des Lavendels

Kein anderes Land hat mich je so faszinieren können. Dabei hatte es fünfzehn Jahre gedauert, bis ich der Sehnsucht nach dem Lavendelfeld folgte, das seit eh und je als Foto an der Wand neben meinem Bett hing. Meine Sprachkenntnisse aus der Schule waren längst verjährt, und meine Tochter musste die Kommunikation übernehmen.

Wir blieben am zweiten Reisetag irgendwo in den Bergen an der Drôme hängen. Nach acht Stunden über die Serpentinen der Departementalstraßen zwischen Lyon und Sisteron wollte ich keinen Meter mehr fahren, stoppte in Sederon, einem kleinen Bergdorf in der Drôme provençale, und suchte ein Quartier für die Nacht.

Neue Freunde in Séderon

Ein französisches Ehepaar, das gerade seinen Abendspaziergang durchs Dorf machte, lud uns zu sich nach Hause ein, da es in Séderon keine anderen Übernachtungsmöglichkeiten gab. Claudine sagte mir später, sie hatte einfach Mitleid mit mir gehabt, weil ich so erschöpft aussah. Wir durften in ihrem provenzalisch eingerichteten Gästezimmer mit eigenem Bad übernachten und sogar mit ihnen zusammen Abendbrot essen.

Welch ein Vertrauen sie uns entgegenbrachten! Denn ich sah nach der langen Reise völlig abgerissen aus, und das Auto hatte sich inzwischen in eine Müllhalde verwandelt. Seitdem sind wir mit Claudine und Alain befreundet, und wir sehen uns fast jedes Jahr.

Katharina Kehmer in La Ciotat. Wunderschön: der Ausblick aufs Meer von der Chapelle N.D. de la Garde. Foto: privat

Im TGV nach Avignon

Eine kleine Reiserevolution brachte der TGV mit sich. Ich arbeitete 2014 in der Altenpflege, und die Tochter einer Bewohnerin erzählte mir, dass sie oft für 40 Euro mit dem TGV von Brüssel nach Avignon reist. Das war weniger als die Mautgebühr für diese Strecke!

Ich reiste im Oktober 2014 mit dem TGV nach Avignon und fand ein Apartment in der Rue des Teinturiers, einer der schönsten Straßen in der historischen Altstadt Avignons. Im Parterre des Hauses waren noch die Räder zu sehen, die für den Antrieb der Färbereien dienten, die bis in die frühen 1960er-Jahre in Avignon arbeiteten.

Ohne Auto in Frankreich zu sein, war eine neue und tolle Erfahrung, denn ich traf in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Stadtbummel viele Einheimische, die mir von sich und der Stadt erzählten.

Eine nette Frau, die in Avignon auf der Place Pie neben mir auf einer Bank saß, begleitete mich zu der Stelle, an der die kostenlosen Navettes in der Nähe des Pont Bénezet über den Rhônearm auf die Île de la Barthelasse hin- und herpendeln.

Ein echte Cannoise: die Möwe. Foto: Katharina Kehmer

Freundliche Franzosen

Diese erste Bahnreise war so intensiv, dass ich im Folgejahr gleich mehrmals mit der Bahn nach Frankreich fuhr, zur Mimosenblüte im Frühling nach Théoule-sur-mer, nach Cannes, Aix en Provence, Sanary-sur-mer, La Ciotat, Marseille.

In Aix darf man mit dem Bus für nur einen Euro bis an die Endhaltestelle jeder Linie fahren, und so erkundete ich die ganze Umgebung mit dem Bus, auch zu Fuß und per Anhalter.

Ich sollte dort für einen deutschen Freund einen Biowinzer besuchen, dessen Weingut abgelegen auf dem Land lag. Der Busfahrer sagte mir, er kenne es nicht, ich solle einfach einsteigen, und es würde sich etwas ergeben. Kurz darauf kam im Bus eine nette Dame auf mich zu und erklärte, sie würde mir den Weg zeigen.

Sie wohnte in der Nähe des Weinguts, lud mich zuerst zu einem Getränk zu sich nach Hause ein und machte sich dann mit mir auf den Weg durch die Felder zum Winzer, der mich später in seinem Auto zurück in die Stadt brachte.

Offenheit und Kommunikationslust sind alles. Die Sprache ist im Laufe der Jahre beim Reisen wieder in mich eindiffundiert, und seitdem glaube ich, dass man alles leicht lernen kann, wenn es mit Glück verbunden ist.

Foto: Katharina Kehmer

Lebendige Vergangenheit

Die Buslinien fahren natürlich nicht zu jedem abgelegenen Ziel, und so waren meine Freundin und ich oft auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen, wenn wir eine der vielen romanischen Kapellen irgendwo in den Hügeln besichtigen wollten. Einmal hielt ein junger Mann an, der auf dem Rücksitz seines Wagens ein Gewehr posiert hatte. Wir nahmen den Lift trotzdem und der Fahrer war nett und witzig.

Ein anderes Mal nahm uns ein Mann mit Hund mit in die Berge zu einer alten Kapelle. Als er erfuhr, dass wir Deutsche waren, sprach er kein Wort mehr. An der Kapelle angekommen fanden wir einen Friedhof mit Gräbern von Resistancekämpfern, die1944 von der Wehrmacht ermordet worden waren.

Man darf als Reisende nicht vergessen, dass dieser Teil der Geschichte in der Erinnerung der Franzosen noch sehr präsent ist. Wir standen verlassen am späten Oktobernachmittag an diesem unheimlichen Ort mitten in den Bergen. Gerettet wurden wir von zwei resoluten Damen, die mit ihren Nordic Walkingstöcken auf den glitschigen Waldböden deutlich im Vorteil waren und uns zügigen Schrittes in Richtung eines Dorfes leiteten.

Plötzlich hielten sie auf einer Nebenstraße das einzige passierende Fahrzeug an, dessen Fahrerin sie baten, uns zu einer Bushaltestelle zu bringen. So kamen wir noch vor Einbruch der Dunkelheit in Aix in unserer Wohnung an, um ein Abenteuer reicher.

Mein schönster Gîte

Der Gîte „Les Méanges Bleues in Valojoulx“ von Anne Leper, Le Monteil, Valojoulx. Foto: Katharina Kehmer

Später war ich nicht mehr zu halten und reiste durch das ganze riesige schöne Land. Oft nach Sault ins Herz des Lavendels, in die Ardèche und die Dordogne mit ihren eiszeitlichen Bilderhöhlen, den Anfängen unserer Kultur. Entlang der Jakobswege durch die vielen Gebirgslandschaften, die Frankreich in seinem Inneren bietet.

Das schönste Gîte, das ich jemals gefunden habe, ich das Natursteinhäuschen von Anne Leper in Valojoulx bei Montignac bei der berühmten Höhle von Lascaux. Inmitten eines Rosengartens wartet eine preiswerte und Märchenhafte Idylle auf Gäste.

Ich reise inzwischen nur noch mit der Bahn nach Frankreich, wobei der Ouigo mich für 16 Euro in knapp 5 Stunden von Lille nach Marseille bringt, welch ein Megaluxus! Man lädt sich die App aufs Handy und findet die tollsten Ziele zum Preis eines Abendessens.

Süchtig nach Marseille

Graffiti in Marseille. Foto: Katharina Kehmer

Mit Ouigo und Airbnb explodierten meine Reisen nach Marseille. Die Verbrecherstadt, wie ein Freund sie scherzhaft nannte, hat mit ihrer kulturellen Vielfalt und der etwa 20 km langen Küste zwischen L’Estaque und Les Goudes mein Herz völlig erobert.

Ich bin süchtig nach der quirligen Stadt und der flirrenden Hitze, die sie im Sommer in einen Backofen verwandelt und sogar nach dem Mistral, dem ständigen Begleiter der Provence.

Wer sich in Marseille eine „Carte Transpass“ in einer der großen Metrostationen kauft, kann damit für unter 20 Euro eine Woche lang alle Busse, die Tram, die Metro und im Sommer auch die kleinen Boote (lanavette) nach L’Estaque oder Pointe Rouge /Les Goudes benutzen.

Französische Ferienhäuser besitzen einfach Charme! Foto: Katharina Kehmer. Foto: Katharina Kehmer

Abenteuerlust & Offenheit

Ich habe in den letzten fünf Jahren die ganze Küste von Menton über Marseille bis Cerbère südlich von Perpignan an der spanischen Grenze mit Bahn und Bus bereist und kann nicht genug bekommen. Es sind nicht nur das Meer, die Sprache oder die Schönheit des Landes, sondern vor allem die außergewöhnlichen Begegnungen, die man mit etwas Abenteuerlust und Offenheit macht.

Manchmal schien ich festzuhängen: 2015 während des Benzinstreiks in der Dordogne, 2016 im Krankenhaus in Brignoles, im Dezember 2018 bei den ersten heftigen Demos der Gilets Jaunes in Marseille, im Dezember 2019 während des Bahnstreiks in Perpignan, als die SNCF mein Rückfahrticket nach Aachen annullierte. Nach dem ersten Luftanhalten folgte immer ein Ausweg und wenn man das Land liebt, dann auch in seinen schwierigen Zeiten. Bonne route!

P.S. Wer auch von zuhause aus ein bisschen Reiseflair schnüffeln möchte, kann im Netz unter France 3 côte d’Azur replay 19/20 die täglichen Lokalnachrichten sehen, genauso wie andere französische Sender, die nicht live, aber im Replay verfügbar sind.


Der Beitrag von Katharina Kehmer ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Der Gîte „Les Méanges Bleues in Valojoulx“ von Anne Leper, Le Monteil, Valojoulx. Foto: Katharina Kehmer

 

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13 Kommentare

  1. Was für ein schöner Reisebericht! Auch wir lieben Frankreich, auch wenn wir – mangels besserer Sprachkenntnisse noch nicht so richtig mit den Einheimischen ins Gespräch gekommen sind.

  2. Hallo Christiane
    Auch ich habe schon sehr viel Spannendes und Meditatives in Frankreich erlebt. Habe mir extra einen ganz kleinen Wohnwagen mit Vergangenheit zugelegt und sitze hier, scharre mit den Hufen, weil ich mich fürchte bei der Rückkehr als Reise -corona verdächtig abgestraft zu werden.Frankreich ist das absolute Sehnsuchtsland für mich.Hoffentlich wird alles bald besser. SONJA

    • Ich auch, wir sind zum 5.Mal jetzt in der Manche und entdecken immer noch neue Ecken. Wer gerne mit Hund an einsamen Stränden unterwegs ist, der ist hier richtig. Grűße Anne

  3. Dieser Bericht hat mir Mut gemacht. Bislang dachte ich, ohne Auto wäre ich aufgeschmissen. Wir haben nur eins, das zu Hause gebraucht wird. Ich müsste mir also einen Leihwagen nehmen. Aber nun lese ich: Alles machbar auch ohne Auto! Und aus Erfahrung weiß ich, daß man auf diese Weise die wunderbarsten Menschen treffen kann. Ganz herzlichen Dank, Katharina.

  4. Ein sehr schöner Bericht. Es ist schon mutig, sich auf „ungeplantes“ Terrain zu begeben.
    Als passionierte Autofahrerin kann ich mir das für mich nicht vorstellen. Allerdings sehe ich auch, dass man auf diesem „so anderen Reiseweg“ viel mehr erleben kann.

  5. Ich finde es interessant, zu lesen, dass man überall in 🇫🇷 mit Bus und Bahn hin kommt. Ich fahre auch hauptsächlich mit Bahn und teilweise mit Bus, aber in die kleinen Orte bin ich mit diesen Verkehrsmitteln noch nie hingekommen. Und Autostopp fahre ich nicht! Bisous chrstiane 😊

    • Liebe Christiane, in Frankreich hat sich dies in den letzten Jahren sehr verbessert. So gibt es in der Region Occitanien sogar ein Ein-Euro-Ticket. Meist gilt es nur für die Überlandbusse, doch inzwischen sind auch einige Züge ins Angebot integriert.Bises! Hilke

    • Liebe Christiane, man kommt entlang der Küsten an die meisten Orte mit ÖPNV. Nach Monignac, wo für viele Millionen Euro ein neues Lascaux-Museum gebaut wird, fährt leider noch kein Bus. Aber man kommt in die Nähe und hat mit der Bahn so viel Benzingeld gespart, dass dann ein Taxi im Budget drin ist. Das Bahnreisen ist teils schneller als mit dem Auto. Die letzten Kilomter sind manchmal meditativ langsam:) Für eine Hyperaktive wie mich ist diese Entschleunigung wunderbar. Auf jedem kleinen Bahnhof treffe ich jemand, wer mir aus seinem Leben erzählt. Das ist ein Teil dieses Reisezaubers.Nur Mut!

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