Esthers Top Ten in der Bretagne 2


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Hallo, ich bin Esther. Wer wie ich etwa 30 Kilometer von der französischen Grenze entfernt geboren und aufgewachsen ist, hat die Frankreichliebe vermutlich fast schon im Blut. Ich kann mich daher an keinen Tag erinnern, an dem ich nicht in Frankreich verknallt war. Mit den Jahren ist daraus eine echte Liebe geworden. Ich habe Romanistik mit dem Schwerpunkt französische Literatur studiert, liebe die Musik, das Essen und vor allem die Menschen in Frankreich. Aber auch wenn es unendlich viele wundervolle Fleckchen im Héxagone gibt, so gehört doch einer Region meine ganz besondere Zuneigung: der Bretagne.

Warum ich Ende der 1990er Jahre unbedingt in Rennes studieren wollte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. Aber nach wenigen Tagen wusste ich, dass ich dort genau richtig war. Noch nie habe ich mich in so kurzer Zeit irgendwo so sehr beheimatet gefühlt. Noch heute fühlt es sich ein wenig wie Nachhause-Kommen an, wenn wir auf der N176 kurz hinter Pontorson das „Région de Bretagne“-Schild sehen.

Als Hilke mich gefragt hat, ob ich meine zehn Lieblingsorte in der Bretagne vorstellen wolle, habe ich ganz begeistert zugesagt. Nur um dann festzustellen, dass zehn ganz schön wenig ist, denn wie ein Fotograf, den wir kürzlich auf einer unserer Wanderungen trafen, so nett sagte: „Hier können Sie überall hinfahren. Hier ist es überall schön.“ Das hilft euch aber nicht, daher hier meine aktuellen Favoriten.

1. Côte des légendes

F_Bretagne_cote-des-legendes-meneham_©Ester Finis

Ich bin ein echter Märchenfan. Da ist es nicht überraschend, dass die côte des légendes, die Küste der Legenden mein absoluter Lieblingsort ist. Hier gibt es quasi zu jeder Bucht, zu jeder Kapelle und zu jedem Felsen eine Geschichte. Und von all diesen Dingen gibt es hier jede Menge. Zwischen Mitte Juni und Mitte September kann man mit den „Conteurs de la nuit“ in Kerlouan einige der Legenden an den Originalschauplätzen entdecken.

Marie-Pierre und Joël sind zwei Ehrenamtliche, die die jahrhundertealte Tradition der Erzähler wach halten. Und wie. Vor zauberhafter Kulisse lassen sie Meerjungfrauen und Feen, die Geister ertrunkener Matrosen und heldenhafter Ritter, Drachen und edle Fräulein wiederaufleben. Tagsüber laden herrlich weiße Sandstrände und funkelnd-türkises Meer zu langen Spaziergängen und (wenn man sich ins kühle Wasser traut) zum Baden ein. Mittendrin: Das alte Wächterhaus von Meneham, eng zwischen zwei große Felsen gebaut und beliebtes Fotomotiv.

Und dann gibt es da natürlich einige Leuchttürme, die sich schnell in mein Herz geschlichen haben: den großen Phare de l’Île Vierge, den höchsten Steinleuchtturm Europas, und den kleinen Phare de Pontusval, der auf den Felsen vor Brignogan thront. Wenn die Sonne abends hinter den wild im Meer verteilten Felsen versinkt und die beiden Türme ihr Leuchtfeuer entzünden, sitze ich am liebsten auf einem Felsen, bewundere das Schauspiel und bin rundum glücklich.

2. Parc du Thabor in Rennes

F_Bretagne_Rennes-thabor_©Ester Finis

Über Rennes könnte ich stundenlang erzählen. Schließlich habe ich dort eine zeitlang gelebt und zehre von vielen Erinnerungen. Wenn ich heute in Rennes bin, gibt es aber einen Ort, den ich nie auslasse: den Parc du Thabor. Am Rande der Altstadt, nur ein paar Schritte vom Trubel der Rue Saint Georges mit ihren herrlich schiefen und fröhlich-bunten Fachwerkhäusern entfernt, öffnet sich ein riesiges Areal, in dem Kräuter und Blumen aller Art wachsen. Auf geschwungenen Wegen lasse ich mich immer weiter hineinlocken in das Paradies aus Blüten und Blättern, dem Gesang von Vögeln und dem Duft vertrauter und exotischer Pflanzen. Am schönsten ist der Park, auf dessen Wiesen ich früher bergeweise Sekundärliteratur verschlungen und Vokabeln gelernt habe, wenn im Sommer die Rosen blühen. Dann kommen Augen, Ohren (vom Summen der Bienen) und Nase voll auf ihre Kosten.

3. Phare du Petit Minou

F_Bretagne_phare-petit-minou_©Esther Finis

In vielen Reiseführern wird dieser Leuchtturm gar nicht erwähnt. Ein grober Fehler, finde ich. Denn die Bucht, die vom „kleinen Kätzchen“ (was „petit minou“ übersetzt bedeutet) erleuchtet wird, ist ein Hammer. Am besten fahrt ihr nicht direkt zum Leuchtturm, der übrigens in einem von Vauban erbauten Fort steht, sondern parkt am Plage du Minou, hinter der nächsten Felsnase. Von dort führt ein Spazierweg die Klippen hinauf und um die Bucht herum und schon steht ihr vor dem „Petit Minou“.

Natürlich lohnt es sich, ins Fort zu schlendern, den in Kurven geschlungenen Weg bis zum Leuchtturm zu gehen und die Aussicht auf die Rade de Brest und die beeindruckenden Schiffe auf dem Weg in den Hafen zu bewundern. Besonders spektakulär ist der Ausblick aber, wenn man den Wanderweg rund um die Landspitze fortsetzt, so dass man den Leuchtturm von Brest her gesehen vor sich hat. Der Blick auf den Turm, den geschlängelten Weg, die gemauerte Brücke und – mit einem Fernglas im Hintergrund erkennbar – die Pointe de Saint Mathieu mit Leuchtturm und Klosterruine ist einfach bezaubernd. Falls die Temperaturen es zulassen, könnt ihr euch auf dem Rückweg mit einem Sprung ins Meer abkühlen.

4. Totentanz von Kermaria

F_Bretagne_kermaria_totentanz©Esther Finis

Ich habe eine Freundin, die ist Kunsthistorikerin und hat sich als solche länger mit der Darstellung von Totentänzen befasst. War ich deshalb so fasziniert, als ich einen solchen in dem kleinen Örtchen Kermaria nahe von Plouha entdeckt habe? Vermutlich hat das eine Rolle gespielt. Aber dass die Gemälde im kleinen Kirchlein Kermaria an Iskuit (in etwa: Maria, die aus der Not rettet) in ihrer Schlichtheit so beeindruckend sind, ist eindeutig der Hauptgrund. Mehr als 40 Bilder gehören zu dem Fresko, auf dem Alte und Junge, Arme und Reiche, Ritter, Edelleute und Bischöfe, Bauern und Marktfrauen, Musiker und Bettler Hand in Hand tanzend dem Tod in dessen Reich folgen.

In einer Kirche auf tiefgründige Gedanken zu kommen, ist natürlich nichts Ungewöhnliches. Aber der Künstler aus dem 15. Jahrhundert hat bei mir auch heute noch erreicht, was er damals wohl beabsichtigt hat. Er hat mich zum Nachdenken gebracht über seine Botschaft: „Im Tod sind wir alle gleich.“ Soll mich das zu mehr Gelassenheit animieren? Oder vielleicht zu mehr Einsatz gegen die Ungerechtigkeiten vor dem Tod? Wollen die Bilder mir sagen, dass ich die herrschenden Verhältnisse tolerieren soll oder wollen sie mir vielmehr Mut machen, mein Schärflein dazu beizutragen, dass sich etwas zum Besseren ändert? In Kermaria kann ich eine halbe Ewigkeit staunend mit dem Kopf im Nacken verbringen und gehe voller neuer Gedanken nach draußen.

5. Garten des Abbé Fouré in Rothéneuf

F_Bretagne_Abbe Foure Rotheneuf©Esther Finis

Ein Mann zieht seine Frau im Streit an den Haaren, ein Seeungeheuer verschlingt einen Schatz, ein Korsar blickt stolz aufs Meer hinaus – nein, ich erzähle euch jetzt kein Märchen, sondern beschreibe einige der Figuren, die ein menschenscheuer Pfarrer ganz in der Nähe von Saint-Malo in die Klippen hinter seinem Haus gemeißelt hat. Über Jahre hinweg hat Abbé Fouré in Rothéneuf ein kleines Paradies der fantastischen Geschichten aus Stein geschaffen. Und mitten in dem detailreichen Figurengarten hat der Künstler eine Bank in den Felsen gehauen. Ein Glück, denn dort lässt es sich bis heute wunderbar auf die Steinfiguren und aufs Meer schauen und träumen.

6. Henri Queffélec

Ich entdeckte den Schriftsteller Henri Queffélec (1910 – 1992) als ich nach einem Thema für meine Magisterarbeit suchte. Gleich der erste Roman, den ich las, zog mich in seinen Bann. In „Tempête sur Doaurnenez“ geht es um die Liebe zwischen Louis, einem durch Leid und Krieg hart gewordenen Matrosen, und Maria, die in einer Fabrik am Hafen Sardinen in Konserven füllt. Das alles vor der Kulisse des Kommunistennestes Douarnenez mit viel Lokalkollorit und vor Ort recherchierten Details. Vor allem aber geht es um das Meer, um Leben und Tod, die Natur und den Menschen.

Ich habe nicht alle der mehr als 80 Bücher Queffélecs gelesen, aber doch eine ganze Menge und mochte sie alle. In Frankreich sind sie mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden. Leider sind sie in Deutschland so gut wie unbekannt. Allein „Un recteur de l’île de Sein“ ist unter dem Titel „Gott braucht die Menschen“ einigermaßen bekannt geworden.

Lange waren seine Bücher nur noch antiquarisch zu bekommen. In den vergangenen Jahren ist aber das eine oder andere neu aufgelegt worden. Wenn ihr also in Frankreich seid, haltet Ausschau nach „Un royaume sous la mer“, „Un homme d’Ouessant“, „Un feu s’allume sur la mer“, „Solitudes“, … Ihr könnt die eigentlich alle lesen. Allerdings solltet ihr die Nebenwirkung in Form eines unheilbaren Bretagne-Virus (den ich allerdings schon vorher hatte) einkalkulieren.

7. Distillerie des Menhirs

Die Distillierie des Menhirs in Plomelin steht direkt gegenüber von zwei großen Menhiren, daher der Name, klar. Dort gibt es ganz wunderbaren Pommeau (einen jungen und einen alten, beide lecker) und einen richtig guten Lambig. Vor allem aber wird hier Whisky gebrannt. Wer bretonisch kann, dem verrät der Name schon sein Geheimnnis: ed du bedeutet blé noir, Buchweizen – die Grundlage des Whiskys „Eddu“.

Natürlich gibt es mittlerweile mehrere Destillerien in verschiedenen Teilen der Bretagne, aber unser absoluter Liebling ist und bleibt der Eddu. Es gibt ihn in verschiedenen Ausgaben, der jüngste heißt Silver, die etwas ältere Version Gold. In einigen Jahren soll es Excalibur geben, verraten die Söhne des Familienunternehmens, die mittlerweile den Betrieb übernommen haben, bei einer Kellerführung. Mein absoluter Favorit ist der Eddu Silver-Broceliande, der in Eichenfässern aus der Brocéliande gereift ist und einen wundervoll erdig-würzig-nussigen Unterton mitbringt.

Übrigens ziehen mein Mann und ich immer Streichhölzchen, wer nach einem Abstecher zur Distillerie des Menhirs zurückfahren muss. Denn im Verkaufsraum darf man alle Destillate großzügig probieren. Hicks.

8. La Pointe du Van

F_Bretagne_pointe-du-van-klippen©Esther Finis

Eindeutig meine liebste Landspitze. Einerseits, weil man von dort zur Île de Sein sehen kann, und Sein ist mit Abstand mein Liebling unter den bretonischen Inseln. Andererseits, weil es dort viel weniger überlaufen ist als an der Pointe du Raz. Ein Bretagne-Urlaub ohne Wanderung um die Pointe du Van ist für mich kein vollständiger Urlaub. Natürlich ist das bei Sonnenschein besonders schön, weil dann das Heidekraut und viele andere kleine Blüten leuchten und man eine riesige Vielfalt von Vögeln beobachten kann. Auch der Blick auf die Baie des Trépassés ist vor allem in der Abendsonne beeindruckend.

Ich mag die Pointe du Van aber auch im Nebel und bei Regen. Dann muss man zwar besonders gut aufpassen, wo man hintritt, weil die Steine schnell glitschig werden. Doch herrscht bei „schlechtem“ Wetter an diesem Ende der Welt eine ganz besondere Stimmung und man versteht, warum die kleine Chapelle de Saint They (wenn ihr Glück habt, ist sie geöffnet und zeigt ihre ganze mintgrüne Barock-Pracht) in vielen alten Geschichten als Zufluchtsort gepriesen wird.

9. Île de Sein

Nach einer stürmischen Überfahrt Anfang Oktober bei Windstärke neun, bei der ich festgestellt habe, dass ich ab dieser Sturmstärke nicht mehr über den berühmten „pied marin“ verfüge, bezog ich auf Sein ein kleines Zimmer mit Küchenecke, um eine gute Woche für meine Magisterarbeit zu recherchieren. Abends ging ich immer zur Vesper, da diese auf Bretonisch gebetet wurde. Da ich außerdem mit dem Bürgermeister verabredet war, der Henri Queffélec persönlich gekannt hatte und viel über dessen Arbeitsweise zu erzählen wusste, war ich innerhalb weniger Tage auf der Insel gut bekannt. Egal, wo ich vorbeikam, wurde ich freundlich gegrüßt und im Supermarkt hatte man mir ungefragt für die Dauer meines Aufenthaltes ein Bagutte bestellt, das ich täglich kurz nach Ankunft der Fähre abholen konnte. Ich habe viel gearbeitet, aber auch ausgiebig die Insel erkundet und dabei mein Herz an Ar Gueveur, den kleinsten Turm der Insel, verloren, der noch nicht mal ein echter Leuchtturm, sondern ein Nebelhorn ist. Auf seiner Rückseite kann man ganz wunderbar in einer Mulde in den Felsen sitzen und aufs Meer schauen. Sein und ich, das ist seither eine große Liebe. Einziger Wermutstropfen: Es gibt eine Gruppe Delfine, die sich oft in der Raz de Sein herumtreibt. Und bei keinem meiner vielen Besuche auf Sein oder der gegenüberliegenden Küste habe ich auch nur einen der freundlichen Tümmler gesehen. Vielleicht beim nächsten Mal.

10. Forêt de Brocéliande

F_Bretagne_broceliande-val-sans-retour©Esther Finis

Hier liegt Merlin begraben, hier haben die Ritter der Tafelrunde nach dem Gral gesucht und die Fee Viviane verzauberte ihre Liebhaber, so dass diese niemals mehr aus dem Tal ohne Wiederkehr zurückfanden. In der Brocéliande, dem „Zauberwald“ westlich von Rennes, in der Nähe von Paimpont, kann man einen ganzen Tag verbringen und viele sagenumwobene Orte entdecken. Besonders schön finde ich den Spazierweg, der vom See von Marelles am Grab Merlins vorbeiführt, immer tiefer in den Wald hinein, durchs „Val sans retour“, das Tal ohne Wiederkehr, bis zur „Fontaine de Barenton“. Angeblich regnet es innerhalb einer halben Stunde, wenn man dort seine Hand hineinsteckt. Könnt ihr ja mal ausprobieren.

Euch hat der Beitrag von Esther gefallen? Dann stöbert doch einmal in ihrem Blog Ar Gueveur – dort findet ihr noch viele weitere Tipps für Entdeckungen in der Bretagne!

Esther Finis_Blog_Bretagne


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2 Gedanken zu “Esthers Top Ten in der Bretagne

  • Esther

    Hallo Angelica, so richtig kalt ist es eigentlich nie und letztes Jahr sind wir sogar Ende September noch täglich schwimmen gewesen. Auf jeden Fall wünsche ich viel Spaß beim ersten Trip gen Westen – vielleicht werdet ihr ja auch „Immer-wieder-Hinfahrer“ 🙂
    Viele Grüße,
    Esther

  • Schneider Wachholz, Angelica

    Ganz herrlich, liebe Esther! Auch wenn mir die Bretagne eigentlich zu kalt ist, hast Du mich sehr neugierig gemacht. Die Bretagne sollte auch mal unser Ziel sein! Liebe Grüsse, Deine Angelica Schneider Wachholz