Das ehemalige Marienhospital an der Nassauer Straße, um 1900. Das weiße Gebäude in der Mitte ist der ursprüngliche Nassauer Hof. Foto: © Stadtarchiv Hamm.

Hamm – die Hauptstadt von Frankreich?

Hamm in Nordrhein-Westfalen als Regierungssitz Frankreichs? Die Geschichte klingt absurd. Doch für knapp zwei Jahre wurde die Stadt an der Lippe tatsächlich zum Zentrum der französischen Royalisten. Hier, inmitten von Fachwerkhäusern und preußischen Untertanen, versuchten die Brüder Ludwigs XVI. die Revolution rückgängig zu machen. Eine Geschichte zwischen Exil und Ironie, zwischen Weltpolitik und westfälischer Provinz.

Dezember 1792: Adel auf der Flucht

Der 7. Dezember 1792 bringt Aufregung in die verschlafene Lippestadt. Hamm zählt gerade einmal 3.000 Einwohner und 695 Häuser. Nun rollen schwere Kutschen durch die engen Gassen. Louis Stanislas Xavier, Graf von Provence, und sein jüngerer Bruder Charles Philippe, Graf von Artois, treffen mit großem Gefolge ein. Bereits am 4. Dezember hatte die preußische Regierung den Hammer Rat über die bevorstehende Ankunft informiert – zu viel Vorwarnzeit blieb nicht.

Die beiden Prinzen reisen nicht allein. Jeder bringt mindestens 36 Bedienstete mit. Dazu kommen persönliche Räte, Ärzte, Apotheker und weitere Adelige, die sich dem Tross angeschlossen haben. Insgesamt sollen rund 255 Personen nach Hamm eingereist sein – eine Hofgefolgschaft von 55 Standespersonen und etwa 200 Bedienstete, samt einer Menge Pferde und Wagen. Eine unvorstellbare Zahl für eine Stadt, die kaum größer ist als ein Dorf.

Die Flucht folgt einem klaren Muster. Nach der Kanonade von Valmy am 20. September 1792 müssen die verbündeten Truppen Preußens und Österreichs über den Rhein zurückweichen. Die Emigranten, die sich zuvor in Koblenz versammelt hatten, fliehen mit. König Friedrich Wilhelm II. von Preußen bietet Schutz in seinen westfälischen Besitzungen an. Hamm ist weit genug von der französischen Grenze entfernt, aber nahe genug an den preußischen Machtzentren.

Unterkunft im Nassauer Hof

Als Quartier wird den königlichen Brüdern der Nassauer Hof zugewiesen – ein Adelssitz der Familie von Nassau. Für die damalige Zeit eine angemessene Residenz, heute existiert das Gebäude nicht mehr. Im 19. Jahrhundert wird es abgerissen. An seiner Stelle befindet sich heute ein Krankenhaus. Nur eom Straßenname erinnert noch an den historischen Ort, und eine Gedenktafel am ehemaligen Standort mahnt an die königlichen Gäste.

Der Magistrat steht vor der Herausforderung, die hohen Herrschaften standesgemäß unterzubringen. Die Stadt ist eng, die Ressourcen sind begrenzt. Trotzdem gelingt es, den Exilanten halbwegs angemessene Bedingungen zu schaffen. Was folgt, ist eine bizarre Situation: In der westfälischen Provinz hält man Hof wie einst in Versailles.

Zwischen Glanz und Misstrauen

Die Hammer Bevölkerung steht den Franzosen zwiespältig gegenüber. Einerseits bringen die Emigranten viel Geld in die Stadt. Mieteinnahmen steigen, Konsum kurbelt die lokale Wirtschaft an. Bürgermeister Möller berichtet von den Einnahmen und dem geschäftigen Treiben. Die Mittel stammen zum einen Teil aus dem geretteten Barvermögen der Emigranten, zum anderen Teil aus Unterstützungszahlungen Friedrich Wilhelms II. von Preußen. Das Geld fließt in Strömen.

Andererseits verteuern sich die Lebensmittel dramatisch. Brot, Fleisch, Gemüse – alles wird knapper und teurer. Die Bewohner fürchten Übergriffe durch Revolutionäre. Gerüchte machen die Runde, dass die französische Nationalversammlung Maßnahmen eingeleitet habe, um die Grafen im Exil ermorden zu lassen. Ende 1793 kursieren konkrete Pläne, wonach insbesondere der Graf von Artois ein Attentat befürchten müsse.

Berlin reagiert und weist an, die königlichen Prinzen unter besonderen Schutz zu stellen. Bürgerwachen werden vor dem Nassauer Hof aufgestellt, bestehend aus vertrauensvollen Bürgern. Personenkontrollen sind an der Tagesordnung. Nachts darf sich niemand dem Gebäude nähern. Die beschauliche Lippestadt verwandelt sich in eine Festung.

28. Januar 1793: Die Hammer Erklärung

Am 26. Januar 1793 erreicht die Nachricht Hamm: Ludwig XVI. ist am 21. Januar auf der Guillotine hingerichtet worden. Paris hat seinen König verloren. Für die Brüder im Exil bricht eine Welt zusammen – und gleichzeitig eröffnet sich eine Chance.

Zwei Tage später, am 28. Januar 1793, veröffentlicht Louis Stanislas Xavier, Graf von Provence, die „Hammer Erklärung“. Unter der Überschrift „Déclaration du Régent de France“ wird das Dokument gedruckt und soll in Frankreich verbreitet werden. Der Graf ernennt sich für seinen minderjährigen Neffen Louis XVII., den Dauphin, zum Regenten von Frankreich. Sein Bruder Charles erhält den Rang eines Generalleutnants.

Die Erklärung fordert mehr: die Freilassung der inhaftierten Königin Marie-Antoinette und die Wiederherstellung der Zustände vor der Revolution. Ein politisches Manifest der royalistischen Gegenrevolution. Aus westfälischer Sicht spricht man vorsichtig vom „Regenten von Frankreich“. Für die Revolutionsbehörden in Paris ist das Dokument Makulatur. Die Exilregierung wird weder von den Revolutionsinstanzen noch von den Nachbarländern anerkannt. Hamm ist bis Ende 1793 formell Sitz der französischen Exilregierung – doch die Macht ist eine Illusion.

Abreise und Thronbesteigung

Louis Stanislas Xavier verlässt Hamm bereits im Dezember 1793. Er zieht weiter nach Italien, immer auf der Suche nach Unterstützung, immer geplagt von Geldsorgen. Sein Bruder Charles bleibt länger. Erst im August 1794, also bis Mitte 1794, verlässt er die Stadt. Damit endet der fast zweijährige Aufenthalt des französischen Hofes in der kleinen westfälischen Stadt.

Was als gescheiterte Intrige im Exil begann, nimmt 20 Jahre später eine erstaunliche Wendung. Nach dem Sturz Napoleons 1814 wird der Graf von Provence tatsächlich König – als Louis XVIII. regiert er von 1814 bis 1824. Sein Bruder folgt ihm als Charles X. und bleibt bis zur Julirevolution 1830 auf dem Thron. Beide Brüder, die einst in Hamm saßen und von Restauration träumten, schaffen es tatsächlich zurück auf den französischen Thron.

Spuren im Stadtmuseum

Die Episode der Exilregierung inspiriert bis heute. Im Stadtmuseum Hamm wird die „Hammer Erklärung“ als Faksimile ausgestellt – ein greifbares Stück französischer Geschichte mitten in Westfalen. Schüler lernen im Unterricht über die deutsch-französische Geschichte, Theaterstücke greifen das Thema auf. Ausstellungen des Stadtmuseums beleuchten regelmäßig diese Zeit.

1921, also mehr als ein Jahrhundert nach den Ereignissen, gibt die Stadt Hamm Notgeld heraus. Auf einem Schein ist zu sehen: „Französische Flüchtlinge bitten um Aufnahme in Hamm, Dezember 1792″. Die Erinnerung bleibt lebendig, die Geschichte Teil der lokalen Identität.

Hamm: zwei französische Partnerstädte

Die historische Verbindung zu Frankreich lebt heute in den Städtepartnerschaften fort. Neufchâteau in den Vogesen ist seit 1967 mit dem Hammer Stadtbezirk Herringen verbunden. Toul in Lothringen folgt 1987 als Partnerstadt des Stadtbezirks Hamm-Mitte. Beide liegen in der Region Grand Est, dem früheren Lothringen.

Neufchâteau: Seit 1967 eng verbunden

Die Partnerschaft mit Neufchâteau entsteht aus einem Schüleraustausch. Joachim Jürgens, damaliger Direktor der Realschule Pelkum, initiiert die Kontakte. Der Herringer Bürgermeister Christian Tippmann unterstützt die Idee und klopft kurz entschlossen nach einem Spanienurlaub 1967 am Rathaus von Neufchâteau an. Er findet offene Türen. Bürgermeister Voilquin und Stadtdirektor Edouard Becker sprechen Deutsch – die Verständigung funktioniert.

Am 29. April 1967 unterzeichnen die damals noch selbstständige Gemeinde Herringen und die Stadt Neufchâteau die Partnerschaftsurkunde. Die Verbindung überlebt alle politischen Wechsel, alle Gebietsreformen. Neufchâteau erhält am 29. September 1225 die Stadtrechte – fast zeitgleich mit Hamm, das am Aschermittwoch 1226 gegründet wird.

Die Stadt am Tor zur Champagne bietet mehr an Kunstschätzen und historischen Bauten als Hamm. Zwei Kirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert prägen das Stadtbild. Das Rathaus, 1597 als private Villa erbaut und 1802 von der Stadt gekauft, steht im Zentrum. Sieben Klöster, von denen das schönste als Theater und Stadtbibliothek genutzt wird, zeugen von der religiösen Vergangenheit. Zahlreiche Wohnhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert säumen die Gassen. Die Lage am Zusammenfluss von Maas und Mouzon bietet eine idyllische Umgebung für Wanderungen.

Berühmt ist Neufchâteau für seine Möbelindustrie. Seit dem 19. Jahrhundert haben sich hier 110 Handwerks- und Industriebetriebe entwickelt, die mehr als 2.000 Arbeitnehmer beschäftigen. Die Qualität der Produkte ist so hoch, dass französische Luxushotels, Passagierschiffe und arabische Erdölscheichs zu den Kunden zählen. Die gemeinsame Nachbarin ist Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans, die 1428 als 17-Jährige mit ihrer Familie nach Neufchâteau kam.

Gegenseitige Besuche von Musikgruppen, Vereinen, Sportlern und Senioren gehören zum Jahresprogramm. Schüleraustausche, Sportleraustausche und Kunstprojekte verbinden die Menschen. 2017 feiert die Partnerschaft ihr 50-jähriges Jubiläum. Schüler der Arnold-Freymuth-Schule in Herringen gestalten einen Jubiläums-Elefanten – angelehnt an den Glaselefanten im Maximilianpark, dem Wahrzeichen Hamms. Auf der rechten Seite befinden sich Motive aus Herringen, auf der linken aus Neufchâteau. Im April 2018 übergibt Bezirksvorsteher Klaus Alewelt mit einer Delegation den Elefanten an die Vertreter der Partnerstadt. In Hamm erinnert die Neufchâteaustraße an die Verbindung.

Toul: Die zweite Urkunde

Die Kontakte nach Toul beginnen 1967, als Auszubildende der Stadtverwaltung Kriegsgräber in Andilly in der Nähe von Toul pflegen. Im Gegenzug nehmen Gäste aus Frankreich an Festen des Schützenvereins Westenfeldmark teil. Im April 1973 reist eine Hammer Delegation zur „deutschen Woche“ nach Toul. Oberbürgermeister Dr. Günter Rinsche und Oberstadtdirektor Dr. Hans Tigges werden in die Weinbruderschaft „Compagnons de la Capucine“ aufgenommen – eine der höchsten Ehren, die die traditionsreiche lothringische Stadt zu vergeben hat. Bürgermeister Jacques Gossot empfängt die Gäste im Rathaus. Von einer Städtepartnerschaft ist noch keine Rede.

Der Kriegsgräbereinsatz endet. Doch die Freundschaft zwischen den Städten vertieft sich. Am 13. September 1987 wird die Partnerschaft beurkundet. Das Dokument spricht von der „lebendigen Flamme der Freundschaft“, die „zum Glanz unserer beiden Städte beitragen wird“. Gepflegt werden die Kontakte vom Hammer Stadtbezirk Hamm-Mitte. Bezirksvorsteher Udo Breitkreutz wird 1988 in die Weinbruderschaft aufgenommen, Nachfolger Wolf Köhler folgt 1998.

1988 sorgt die Gruppe von 40 „Petits Chanteurs“ aus Toul für einen spektakulären Auftritt. Sie kommen zum Stadtbezirksfest nach Hamm und geben ein Konzert in den Zentralhallen, das mit großem Beifall aufgenommen wird. Gegenseitige Besuche von Musikgruppen, Vereinen, Sportlern und Senioren gehören seitdem zum Jahresprogramm. Radsport, Judo, Leichtathletik und Kanusport sind die aktivsten Sparten. Auch die Zirkusschulen der beiden Städte pflegen Kontakt miteinander.

Austauschprogramme zur Förderung der jeweils anderen Sprache organisieren die Hammer Gymnasien Beisenkamp und Hammonense mit Schulen in Toul. In der französischen Partnerstadt interessieren sich viele Schüler für Deutsch als Fremdsprache. In der Beliebtheitsskala steht Deutsch hinter Englisch an zweiter Stelle. Seit der Einführung des Festes „La Fête“ im Hammer Martin-Luther-Viertel nehmen regelmäßig Weinhändler, Feinkostanbieter und Künstler aus Toul teil. In Hamm dokumentiert die Touler Straße im Hammer Westen die Verbindung.

Toul liegt im Département Meurthe-et-Moselle an der Mosel und am Rhein-Marne-Kanal. Die Stadt hieß in der Antike „Tullum“, wurde im 4. Jahrhundert Bischofssitz, im 13. Jahrhundert Reichsstadt und gehört seit 1648 zu Frankreich. Der historische Name „Tull“ erinnert an die deutsche Vergangenheit. Die alte Festungsstadt wird von einer Ringmauer mit vier Stadttoren aus dem 17. Jahrhundert umgeben. Wahrzeichen ist die Doppelturmfassade der Kathedrale St. Etienne aus dem 13./14. Jahrhundert. Das ehemalige Bischofspalais dient heute als Rathaus.

Toul ist namensgebend für die „Côtes de Toul“, das wichtigste Weinanbaugebiet der ehemaligen Region Lothringen. 1998 erhält die Appellation den AOC-Status. Die Anbaufläche erstreckt sich auf 110 Hektar an den Hängen westlich der Stadt und umfasst die Gemeinden Lucey, Bruley, Pagney-derrière-Barine, Domgermain, Charmes-la-Côte, Mont-le-Vignoble, Blénod-lès-Toul und Bulligny. Zugelassen sind Pinot Noir, Gamay und Pinot Meunier für Rot- und Roséweine sowie Auxerrois und Aubin Blanc für Weißwein. Wein- und Obstanbau bestimmen die Landschaft und sind neben dem Tourismus Haupteinnahmequellen.

Französisch lernen in Hamm

Die Verbindung zu Frankreich zeigt sich auch im Bildungssystem. An geeigneten Gymnasien wie dem Gymnasium Hammonense oder dem Albert-Schweitzer-Gymnasium können Schüler das Abibac ablegen – eine Doppelqualifikation aus deutschem Abitur und französischem Baccalauréat. Der bilinguale Bildungsgang fördert die Sprachkompetenz und öffnet Türen zu Studium und Beruf in beiden Ländern.

Der Freundschaftskreis mit Varois-et-Chaignot fördert gemeinsame Veranstaltungen. Französische Traditionen wie Pétanque finden Einzug in den Alltag. Der Stadtbezirk Herringen koordiniert viele dieser Kontakte. Ob beim jährlichen „Französischen Abend“ im Rathaus, bei Weinproben mit Importen aus den Partnerstädten oder in der lokalen Gastronomie – die Verbindung zu Frankreich bleibt spürbar.

In Schulen, Museen und Vereinen lebt die deutsch-französische Geschichte weiter. Schüler lernen Französisch, Sportler treffen sich zu Wettkämpfen, Künstler tauschen sich aus. Die Küche bringt französische Raffinesse nach Westfalen. Und wer durch die Straßen läuft, stößt auf Hinweise: eine Gedenktafel, den Straßennamen „Franzosenweg“, ein Faksimile im Museum. Hamm war für kurze Zeit gewissermaßen die „Hauptstadt“ Frankreichs – eine Geschichte, die bis heute fasziniert und verbindet.

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Frankreich in Deutschland

Hamburg war einst Hauptstadt eines Départements von Napoleons Kaiserreich. Duisburg bot dem königlichen Musketier d’Artagnan ein Dach über dem Kopf.

Dortmund war für ein paar Wochen der Wohnort, an dem der französische Austauschschüler Emmanuel Macron die Deutschen in natura erlebte. Göttingen ist die Stadt, aus der der Soundtrack der deutsch-französischen Versöhnung stammt.

Überall steckt so viel Frankreich in Deutschland. In 26 Berichten von Erkundungen vor Ort beschreibe ich in meinem ersten E-Buch die unzähligen Spuren, die unser französischer Nachbar im Laufe der ereignisreichen, gemeinsamen Geschichte in Deutschland hinterlassen hat.

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