In Krefeld geboren: das Luxus-Label Hermès
In Krefeld stand vor rund 225 Jahren die Wiege der französischen Nobelmarke Hermès. Damals hieß die Stadt am Rhein noch Crevelt und gehörte zum französischen Departement Roer.
Dietrich nannten ihn die Klassenkameraden. Thierry stand auf der Geburtsurkunde, war der Junge doch Franzose und reformierter Protestant.
Als Dietrich Hermes wurde er am 10. Januar 1801 als siebtes Kind eines Kneipenwirtes aus der Königstraße, Dietrich Hermes, und der Krefelderin Agnes Kuhnen geboren. Doch welch’ eine Ironie des Schicksals: Genau im Geburtsjahr des Jungen war Krefeld durch den Frieden von Lunéville Teil des napoleonischen Kaiserreiches geworden. Der dienstbeflissene Standesbeamte französierte flugs den Vornamen des Sohnes, der den väterlichen Vornamen hatte erhalten sollte, in Thierry.

Fürs Bierzapfen oder schulisches Lernen hatte der Junge wenig übrig. Wohl aber gutes Handwerk. Doch nicht für die Seiden- und Tuchindustrie, die dank Napoleons Großbritannien-Blockade boomte in Krefeld. Sondern für Leder, sinnlich wie handfest zugleich. Mal weich, mal hart, immer anders duftend, und immer wieder herausfordernd. Dietrich lernte Sattler.
Bereits 1814 endete die Krefelder Franzosenzeit. Dietrichs Mutter erlebte dies nicht mehr. Sie war im Dezember 1813 verstorben. Sein Vater folgte ihr wenige Monate später im Februar 1814.
Nach dem Tod seiner Eltern hielt den jungen Mann nichts mehr in Krefeld. Er verließ seine Freunde und emigrierte 1821 nach Paris, nannte sich fortan Thierry und lernte dort seine künftige Frau, eine gebürtige Düsseldorferin, kennen.
Am 17. April 1828 heiratete Thierry die Katholikin Christine Petronille Piérart, die Tochter eines wallonischen Tagelöhners aus Ronquières (Hennegau) und einer Kölnerin. Nach der Geburt seines ersten Sohnes André Henri zog das Paar 1829 nach Pont-Audemer. Acht Jahre später, 1837, siedelte das Paar nach Paris um. Und setzte einen accent grave auf das zweite e des Familiennamens: Hermès.
Der Akzent macht’s
Nahe der Madeleine, in der Rue Basse-du-Rempart, eröffnete Thierry Hermès eine Sattel- und Riemenmacherwerkstatt. Kutschen und Kaleschen waren damals die Karossen der Zeit. 80.000 Pferde lebten damals in Paris, Kutschenbau und Sattlerhandwerk boomten.
Auch das Geschäft von Thierry Hermès blühte. Was für eine Eleganz, was für ein solides Handwerk, wie langlebig sind Sattel und sonstiges Reitgeschirr, schwärmte schon damals die bessere Gesellschaft.
40 Jahre lang war er bereits Sattlermeister gewesen, als es die erste offizielle Auszeichnung gab: 1867 errang der 66-Jährige in Paris bei der Weltausstellung die Silbermedaille. Die Leitung seiner Sattler- und Zaumzeugwerkstatt hatte er bereits an seinen Sohn Charles-Émile übertragen.
1878 starb Thierry Hermès. Sein Sohn verlegte das Stammhaus an die schicke Rue du Faubourg Saint-Honoré 24 und kam seiner Kundschaft räumlich entgegen, die sich rund um die Champs-Élysées niedergelassen hatte. Dort residierte Napoleon III. im Élysée-Palast und hatten Adel und Großbourgeoisie in edlen Stadtpalais ihr Domizil.
Die Lage – und die ausgestellten Luxusartikel – machten die Pariser Werkstatt schnell zum Hotspot der Pariser Elite. Das einstige Stammhaus ist heute nicht mehr erhalten – es fiel einem Kreisverkehr zum Opfer.

Bereits im 19. Jahrhundert schrieben Reiseführer und Modemagazine schwärmerisch über die Qualität, Eleganz und Haltbarkeit der Hermès-Produkte. Bis heute gilt Hermès als Inbegriff französischer Handwerkskunst und diskretem Luxus. Jeder Lederartikel, selbst die Tasche, wird in bis zu 18 Arbeitsstunden von einem einzigen Handwerker gefertigt und signiert. Diese Savoir-faire-Tradition ist Teil der Unternehmens-Philosophie und macht jede Hermès-Tasche zum Unikat.
Als erst die Eisenbahn, dann das Auto die Kutsche verdrängte, passte Hermès sich den neuen Reisegewohnheiten an und erweiterte sein Ledersortiment um edles Reisegepäck. Die Novität damals: Die Koffer und Taschen ließen sich per Reißverschluss öffnen und schließen!
Berühmte Seidentücher
Komplettiert wurde das Reiseoutfit der Oberschicht durch hauseigene Parfüms und Seidentücher, die auch dem Reitsport entlehnt waren. 65 Gramm leicht und stets 90 x 90 Zentimeter groß, sind diese Carrés Hermès bis heute ein stylisches must-have. 1999 widmete das Unternehmen dem Geburtsort seines Gründers, Krefeld, eine besondere Edition und entwarf das Seidencarré Onder den Oranje boom passend zur Oranier-Ausstellung im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum.
Krefeld hatte lange unter dem Schutz der Oranierfürsten gestanden. Diese prägten das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Stadt und förderten beispielsweise die religiöse Toleranz mit der Zulassung reformierter Protestanten. Jedes Jahr kommen neue Motive hinzu, entworfen von Top-Designern und Künstler aus aller Welt, die eingeladen werden, neue Carrés zu entwerfen.
Nicht aus der Verbindung zum niederländischen Königshaus, sondern aus dem Mangel an Alternativen entstand das klassische Hermès Orange. Als während des Zweiten Weltkriegs Verpackungsmaterialien knapp wurden, setzte Hermès aus Mangel an Alternativen auf orangefarbenen Karton. Heute ist dieses Orange neben dem Logo das weltbekannte Markenzeichen des Unternehmens.
Kulttasche: der Kelly Bag
Unter dem Namen Sac à Dépêches entwarf Robert Dumas, der Schwiegersohn des Gründers von Hermès, Thierry Hermès, 1935 die Kulttasche von Hermès. Sein Entwurf war eine praktische und elegante Handtasche, die sich von den damals üblichen kleinen und flachen Handtaschen unterschied. Der Durchbruch für den Kelly-Bag kam in den 1950er-Jahren, als die amerikanische Schauspielerin und spätere Fürstin von Monaco, Grace Kelly, in Alfred Hitchcocks Film To Catch a Thief den Bag trug.
Die Tasche ist heute so teuer und so gefragt, dass ihr Kauf eine Geldanlage bedeutet. Bis heute ist Hermès Dumas verbunden – und ein Familienunternehmen mit weltweit rund 25.000 Mitarbeitern. Axel Dumas repräsentiert die sechste Generation, die das Luxus-Label leitet. 14 Produktfamilien gehören heute zum Unternehmen mit seinen dreißig Herstellern, Großhandels- und Einzelhandelsunternehmen. 2020 gesellte sich der Bereich Beauty hinzu.
Handwerk & Avantgarde
Inzwischen verfolgt Hermès auch Initiativen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Handwerkerausbildung und Erhalt seltener Handwerkstechniken, um der eigenen Qualitätsverpflichtung und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Die Vision: Tradition und Moderne, Handwerk und Avantgarde zu vereinen.
Daher fördert der Global Player gezielt Kunst, Design und französischen Esprit – von Künstlerevents über petite h-Kollektionen aus Materialresten bis zur Hermès-Stiftung, die junges Handwerk unterstützt.
Die Gestaltung der Hermès-Boutique-Schaufenster (insbesondere Paris, Faubourg Saint-Honoré) ist legendär und wird regelmäßig als eigenständige Kunstform gefeiert. Internationale Künstler und Handwerker interpretieren das Firmen-Universum überraschend neu. Hinzu kommen temporäre Galerien, Performance-Events und Kunstinterventionen wie die Hermès Éditeur-Projekte oder das Festival des Métiers, die das Unternehmen weltweit organisiert.
2010 gründete Pascale Musssard, die Enkelin von Émile Hermès, die petite h (kleines h). Die Idee dahinter: die kreative Wiederverwertung von Materialresten – also Leder, Seide, Porzellan, Metalle – aus der eigenen Produktion. Im Pariser Atelier experimentieren Künstler, Designer und Kunsthandwerker gemeinsam mit diesen „Reststücken“ und erschaffen daraus überraschende Luxusobjekte: Vasen, Taschen, Schmuck, Deko-Stücke etc., immer streng limitiert und einzigartig.
Im Jahr 2008 gründete das Traditionshaus die Fondation d’entreprise Hermès. Im Mittelpunkt des Stiftungsengagements steht der Erhalt und die Förderung des traditionellen Savoir-faire – jenes handwerklichen Wissens, das die Sattlerwerkstatt zur Weltmarke gemacht hat.
Die Stiftung engagiert sich international für die Unterstützung junger, innovativer Designer, Kunsthandwerker und Künstler. Ihr Förderkatalog reicht von Stipendienprogrammen wie den Révélations du Prix Émile Hermès über Künstlerresidenzen und Ausstellungen, häufig in renommierten Pariser Galerien, bis hin zu internationalen Workshops und Austauschprogrammen wie der Skills Academy.
Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Überzeugung, dass das Bewahren handwerklicher Traditionen und die Förderung künstlerischer Avantgarde kein Widerspruch, sondern ein Erfolgsmodell für die Zukunft ist. 2024 erzielte Hermès einen Umsatz von 15,2 Milliarden Euro. Ob Thierry sich das vor 225 Jahren hätte träumen lassen?
Tipp
In Saint-Junien fertigt Hermès hochwertige Lederwaren und Handschuhe in Handarbeit und bildet in der eigenen Werkstatt Nachwuchs aus. In nächster Nachbarschaft eröffnete 2025 die Cité du cuir und blättert die Geschichte der französischen Lederverarbeitung auf.

Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.
Unterstütze den Blog! Per Banküberweisung. Oder via PayPal.
Weiterlesen
Im Blog
Im Web
Pierre Sommet, Thierry Hermès – Eine deutsch-französische Geschichte. Von Asterlagen 1712 bis in die Gegenwart.
In der Aufsatzreihe des Heimatvereins Krefeld findet ihr diesen Beitrag, den ihr hier in der Fassung von 2025 downloaden könnt.
Pierre Sommet, Sur les traces de Thierry Hermès*
Während das Familienunternehmen Hermès 2023 seine 21. Produktionsstätte in Frankreich eröffnete, wo 280 hoch qualifizierte Handwerker exklusive Lederwaren und Reitsportartikeln aus Kalbsleder herstellen, brachte der Krefelder Pierre Sommet seine Biografie auf den Spuren des Firmengründer Thierry Hermès heraus.
Darin räumt er nach umfangreichem Quellen- und Archivstudien mit so manchen Missverständnissen und Mythen über den Firmengründer auf – so auch, dass Thierry Hugenotte gewesen sei. Wer mag, kann die französischsprachige Biografie hier* online bestellen.
* Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !
