
In Krefeld stand vor rund 220 Jahren die Wiege der französischen Nobelmarke Hermès. Damals hieß die Stadt am Rhein noch Crevelt und gehörte zum französischen Departement Roer.
Dietrich nannten ihn die Klassenkameraden. Thierry stand auf der Geburtsurkunde, war der Junge doch Franzose und Nachfahre von Hugenotten. Dietrich Hermes. 1801 als sechstes Kind eines Kneipenwirtes aus der Königstraße geboren. Doch welch’ eine Ironie des Schicksals: Genau im Geburtsjahr des Jungen war Krefeld durch den Frieden von Lunéville Teil des napoleonischen Kaiserreiches geworden. Doch Thierry blieb Dietrich. Zunächst.
Fürs Bierzapfen oder schulisches Lernen hatte der Junge wenig übrig. Wohl aber gutes Handwerk. Doch nicht für die Seiden- und Tuchindustrie, die dank Napoleons Großbritannien-Blockade boomte in Krefeld. Sondern für Leder, sinnlich wie handfest zugleich. Mal weich, mal hart, immer anders duftend, und immer wieder herausfordernd. Dietrich lernte Sattler.
Als seine Eltern starben, hielt ihn nichts mehr in Krefeld. Er verließ seine Freunde und folgte dem Ruf der Liebe. Dietrich ging ins normannische Pont-Audemer, nannte sich fortan Thierry, und heiratete. Neun Jahre später zog das Paar nach Paris. Und setzte einen accent grave auf das zweite e des Familiennamens: Hermès.
Der Akzent macht’s
Nahe der Madeleine, in der Rue Basse-du-Rempart, eröffnete Thierry Hermès eine Sattel- und Riemenmacherwerkstatt. Kutschen und Kaleschen waren damals die Karossen der Zeit. 80.000 Pferde lebten damals in Paris, Kutschenbau und Sattlerhandwerk boomten.
Auch das Geschäft von Thierry Hermès blühte. Was für eine Eleganz, was für ein solides Handwerk, wie langlebig sind Sattel und sonstiges Reitgeschirr, schwärmte schon damals die bessere Gesellschaft.
40 Jahre lang war er bereits Sattlermeister gewesen, als es die erste offizielle Auszeichnung gab: 1867 errang der 66-Jährige in Paris bei der Weltausstellung die Silbermedaille. Die Leitung seiner Sattler- und Zaumzeugwerkstatt hatte er bereits an seinen Sohn Charles-Émile übertragen.
1878 starb Thierry Hermès. Sein Sohn verlegte das Stammhaus an den schicken Faubourg Saint-Honoré 24 und kam seiner Kundschaft räumlich entgegen, die sich rund um die Champs-Élysées niedergelassen hatte. Dort residierte Napoleon III. im Élysée-Palast und hatten Adel und Großbourgeoisie in edlen Stadtpalais ihr Domizil. Das einstige Stammhaus von Hermès fiel später einem Kreisverkehr zum Opfer.
Als erst die Eisenbahn, dann das Auto die Kutsche verdrängte, passte Hermès sich den neuen Reisegewohnheiten an und erweiterte sein Ledersortiment um edles Reisegepäck. Die Novität damals: Die Koffer und Taschen ließen sich per Reißverschluss öffnen und schließen!
Komplettiert wurde das Reiseoutfit der Oberschicht durch hauseigene Parfüms und Seidentücher, die auch dem Reitsport entlehnt waren. 65 Gramm leicht und stets 90 x 90 cm große, sind diese Carrés Hermès bis heute ein stylisches must-have.
Bis heute ist Hermès ein Familienunternehmen. Axel Dumas repräsentiert die sechste Generation, die das Luxuslabel leitet. 14 Produktfamilien gehören heute zum Unternehmen mit seinen dreißig Herstellern, Großhandels- und Einzelhandelsunternehmen. 2020 gesellte sich Beauty hinzu. Gut zehn Milliarden Euro beträgt der Börsenwert von Hermès heute. Ob Thierry sich das vor 220 Jahren hätte träumen lassen?
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