So viel Frankreich steckt in … Krefeld

Der Rhein bei Krefeld. Foto: IHK Mittlerer Niederrhein
Der Rhein bei Krefeld. Foto: IHK Mittlerer Niederrhein

Napoleon am Niederrhein: Ab 1801 hatte auch im heutigen Nordrhein-Westfalen der Kaiser der Franzosen das Sagen. Im Frieden von Luneville musste Kaiser Franz II. als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichens die linksrheinischen Gebiete an Frankreich abtreten, das sie flugs in vier neue Départements verwandelte: Mont-Tonnerre (Donnersberg), Sarre (Saarland), Rhin-et-Moselle (Rhein-Mosel) und Roer (Ruhr).

Die Départements untergliederten Arrondissements. Krefeld war als Crevelt damals „chef-lieu“, sprich Hauptstadt, des gleichnamigen Arrondissements im Département de la Roer.

Der Machtwechsel zu Frankreich wirkte sich sehr unterschiedlich aus. Kirche, Staat, Justiz und Gesellschaft erlebten in der kurzen, aber intensiven Zeit von 1801-1814 weitreichende Umwälzen und grundlegende Reformen. Napoleon führte den Code Civil als Gesetzeswerk zum Zivilrecht ein.

Er sicherte den Schutz von Eigentum und die Religionsfreiheit zu, löste die Zünfte auf und entzog dem Adel seine Gutsherren-Rechte. Bereits 1879 hatte Napoleon die mariage civil eingeführt. Samt der Möglichkeit zur Scheidung – allerdings nur für den trennungswilligen Ehemann.

Spottnamen für die Franzosen

Französisch wurde Amtssprache, Deutsch bliebt Verkehrssprache – und Unterrichtssprache in den Grund- und weiterführenden Schulen. Doch der tagtägliche Umgang mit Franzosen sollte für so manche eine Verballhornung des Französischen: Aus „peu à peu“ machte die Krefelder Mundart Krieewelsch  „pö  a pö“, aus dem Regenschirm der „Paraplü“, aus „völlig verrückt“ wurde  „follemente“

Beim Anblick der fremden Soldaten, die am 18. Dezember 1792 mit der französischen Revolutionsarmee unter dem Befehl General La Marlière einmarschierten, dichteten die Krefelder ein Schmählied. Denn die Soldaten hatte, um die vom Adel abzugrenzen, den Hosensaum bis zum Knöcheln hinab rutschen lassen. Als „sansculottes“ (ohne Hosen) marschierten sie so durch die Land.

Parlevu hät geen Hoasen an / Kiskedi geen Schtrömp. / Hähf dam Kähl dat Röckske op / On schlon nöm henge döchtich drop.
(„Parlez-vous“ hat keine Hosen an / „Qu’est-ce qu’il dit“ keine Strümpfe /Heb dem Kerl das Röckchen hoch/  Und schlag ihm hinten tüchtig hinten.)

Parlevu erhielt seinen Namen von der französischen Frage „Parlez- vous? …“ (Sprechen  Sie…) . Kishedi als Spottname für den Franzosen entwickelte sich aus der Frage: „Qu’est- ce qu’il dit?“ (Was sagt er?).

Das Rathaus von Krefeld. mit dem Von-der-Leyen-Platz. Foto: IHK Mittlerer Niederrhein

Blüte der Textilwirtschaft

Während die Wirtschaft von Düsseldorf und Wuppertal unter der Kontinentalsperre litt, ließ Napoleons Handels-Blockade mit Britannien eine andere Stadt prosperieren: Krefelds Textilindustrie boomte während der Franzosenzeit. Vor allem die Weber und Seidenweber freuten sich über volle Auftragsbücher und höhere Umsätze.

An jene Blüte erinnert heute in Krefeld das Haus der Seidenkultur. Sein Herzstück ist der einzige Jacquard-Handwebsaal Europas, der noch am Originalstandort erhalten ist. Alle acht hölzernen Webstühlen, auf denen einst aus italienischen und chinesischen Seidengarnen Priestergewänder für die katholische Kirche gezeigt wurden, sind noch voll funktionsfähig. Erlebt sie bei Vorführungen und Workshops!

1801 wurde in Krefeld als sechstes Kind eines Kneipenwirtes aus der Königstraße ein Junge geboren, der den Grundstein legte für eine edle französische Luxusmarke. Dietrich nannten ihn die Klassenkameraden. Thierry stand auf der Geburtsurkunde, war der Junge doch Franzose und Nachfahre von geflüchteten Hugenotten. Hermes. Noch ohne Accent. Für Textiles hatte der Junge wenig übrig, viel jedoch für gutes Handwerk. Thierry wurde Sattler, zog nach dem Tod seiner Eltern 1828 nach Pont-Audemer in die Normandie, heiratete – und folgte seiner Frau 1837 nach Paris.

Hermes: Der Akzent macht’s

Nahe der Madeleine, in der Rue Basse-du-Rempart, eröffnete er eine Sattel- und Riemenmacherwerkstatt. Kutschen waren damals die Karossen der Zeit, und das Geschäft blühte. Was für eine Eleganz, was für ein solides Handwerk, wie  langlebig sind Sattel und sonstiges Reitgeschirr, schwärmte schon damals die bessere Gesellschaft. 1867 gab es dafür in Paris bei der Weltausstellung die Silbermedaille.

1878 starb Thierry Hermès. Sein Sohn Charles-Émile verlegte das Stammhaus an die schicken Champs-Élysées und erweitere das Leder-Sortiment angesichts des Siegeszuges der Eisenbahn um edles Reisegepäck. Die Novität damals: Die Koffer und Taschen ließen sich per Reißverschluss schließen!

Komplettiert wurde das Reiseoutfit der Oberschicht durch hauseigene Parfüms und Seidentüchern, 90 x 90 cm gorß und bunt bedruckt mit klassischen Motiven, die auch dem Reitsport entlehnt waren. Bis heute ist Hermès ein Familienunternehmen. Axel Dumas ist die sechste Generation, die das Luxuslabel, leitet. Gutz zehn Milliarden Euro beträgt sein Börsenwert heute. Ob das Thierry vor 200 Jahren sich das hätte träumen lassen?

Frankreich & Krefeld: was für Verbindungen!

Magenta-Verlag

Als Albin Kremnitzmüller 2012 seinen kleinen, feinen Krefelder Verlag gründete, hatte er bereits das erste Buch verlegt. Mit „Madame Baguette und Monsieur Filou“ hatte er 2010 ungewöhnliche Sprachreise durch die französische Kultur- und Sozialgeschichte begonnen. Sein Autor Pierre Sommet ist vielen Menschen der Region als Vortragender und ehemaliger Volkshochschullehrer bekannt. Kremnitzmüller und Sommet haben 2016 gemeinsam erstmals auch einen landeskundlichen, zweisprachigen Kalender herausgebracht, in dem ich ebenfalls etwas beisteuern durfte.
http://magenta-verlag.de

Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine Blogparade in Kooperation mit der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa (VDFG) . Alle Beiträge könnt ihr hier nachlesen.

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