Mein Frankreich: Jochen Krautheim
„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal antwortet Jochen Krautheim. Über sich schreibt er:
Seit nun fast genau zwei Jahren bin ich nur noch im Doppelpack zu haben: mit meiner Rehpinscher-Mademoiselle Romy Princesse Leia d’Obreïka aus Avignon. Ich selbst bin in Süddeutschland geboren und aufgewachsen, habe in Würzburg Germanistik und Kunstgeschichte studiert und dann im Nürnberger Grand Hotel eine Ausbildung zum Koch absolviert.
Es war purer Zufall, dass ich auf den Blog „Mein Frankreich“ von Hilke Maunder aufmerksam wurde. Ich war gerade umgezogen und hatte Tochter und Enkel der Malerin Madeleine Thoubillon de Moncroc in meiner neuen Nachbarschaft kennengelernt. Sie zeigten mir den Artikel über ihre berühmte Mutter und Großmutter.
Kein Zufall war es, dass ich kurz zuvor hierher hingezogen war, ins kleine südfranzösische Agde, das zwar auf eine lange Geschichte als Fischerei- und Handelshafen zurückblicken kann und wegen seiner Basalt-Architektur als „schwarze Perle des Mittelmeers“ bezeichnet wird, ansonsten aber ein eher bescheidenes Dasein führt.
Der Ruf des Kaps
Touristen, Frankophilen und auch den Franzosen selbst ist wohl eher das Cap d’Agde und vor allem das Village Naturiste bekannt – mit zweifelhaftem Ruf. Als ich in Paris arbeitete und einmal erwähnte, dass ich dort Urlaub mache, erhielt ich als Reaktion eine gehobene Augenbraue und ein süffisantes Lächeln: « Eh ben, d’accord ! Le Cap d’Agde ! « Mitte der 1960er Jahre besuchte ich mit meinen Eltern zum ersten Mal die Region. Damals war das, was heute zum größten Naturistenzentrum Europas und zu einer autarken Stadt gewachsen ist, wenig mehr als ein Campingplatz für Liebhaber der Freikörperkultur, zwischen der heutigen Réserve Naturelle du Bagnas und dem weißen Sandstrand gelegen.

Es gab damals noch nicht so viele Urlauber wie heute, dafür jede Menge riesiger Heuschrecken. Die verirrten sich regelmäßig in das Vorzelt unseres eiförmigen Wohnwagens, aus dem sie mit viel Gefuchtel wieder herausgescheucht werden mussten.
Für mich als Kind waren die Sommerurlaube am Meer, die wir nach unserem ersten Besuch jedes Jahr für sechs Wochen wiederholten (meine Eltern waren Lehrer) ein Abenteuer. Im kühleren und etwas tristeren Oberfranken, wo ich aufwuchs, freute ich mich das ganze Jahr darauf.
Verliebt in die französische Lebensart
Ich begann, mich in Land und Leute und in die französische Lebensart zu verlieben. Wir lernten viele neue Freunde kennen, Jean und Nicole, ein Lehrerehepaar aus Brest mit ihren Kindern Nathalie und Frédéric in meinem Alter zum Beispiel, oder Weinbauern aus Carpentras, André und Juliette, die uns auf ihr Gut einluden.
Wir tafelten stundenlang, und ich liebte als Kind schon Soupe de Poisson, Moules Frites, Crevettes mit Aïoli, Froschschenkel mit Persillade, Pâté de Campagne, yaourt citron aus den kleinen gewachsten Pappbechern und vor allem den giftgrünen Sirop de menthe, der gleichzeitig süß und bitter schmeckte. Heute noch erwecken diese Geschmäcker und Düfte das wohlig-freie Gefühl meiner Kindheit in mir wieder zum Leben. Und ja tatsächlich: Man isst noch immer Froschschenkel hier – und ich liebe sie!
Hassliebe zur Naturistenstadt
Eine Art Hassliebe zur Naturistenstadt entwickelte sich später, als ich die Wohnung erbte, die meine Eltern Ende der 1970er-Jahre dort gekauft hatten. Inzwischen war das Gebiet um mehr als das Doppelte angewachsen, mit riesigen terrassierten Apartment-Gebäuden, Villensiedlungen und einer eigenen Infrastruktur mit Jachthafen, Geschäften, Pools, Restaurants, Bars und Clubs.
Das hatte mit dem Camping-Idyll meiner Kindheit nur noch wenig zu tun und so kam ich viele Jahre nicht mehr her. Dabei verpasste ich die Weiterentwicklung der gesamten Region, einschließlich des jüngsten Millionen-Facelifts am Eingang zum Cap d’Agde und die Restaurierung des Château Laurens, einer atemberaubend schönen Jugendstil-Villa auf der Belle Île zwischen dem Canal du Midi, dem Hérault und der Altstadt von Agde.
Mein Lebensmittelpunkt lag damals fast 1600 km entfernt in Lübeck, quasi am anderen Ende des Kontinents. Ohne direkte Flugverbindungen, was es zusätzlich erschwerte hierher zu kommen.
Mein beruflicher Werdegang bei einer Schweizer Hotelkette mit der Möwe im Namen, besser für Eis, Kaffee und Marmelade bekannt, führte mich zunächst nach Zürich, später nach Dubai und schließlich, gegen Ende meiner Karriere nach Paris.

Meine neue Beziehung zur Region
Von Paris aus ist Agde mit dem TGV in nur vier Stunden erreichbar. So baute ich langsam eine neue Beziehung zur Region auf und entdeckte plötzlich Neues, Schönes und Unerwartetes: die vielen Strände und alten Siedlungen am Cap d’Agde zu beiden Seiten der Hérault-Mündung, La Tamarrissière und Le Grau d’Agde oder die Strände Richelieu mit feinstem Sandstrand oder der Plage de la Conche an der äußersten Spitze des Kaps mit einer Steilküste und schwarzem Lavasand.

Und auch den Charme der Altstadt von Agde lernte ich bald schätzen, sodass ich nach meinem Arbeitsende beschloss, hier sesshaft zu werden. Ich erfüllte mir lang gehegte Wünsche: endlich wieder einen Hund haben und am Mittelmeer leben, dort, wo ich die Seele meiner Kindheit vermutete. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich fand eine charmante Altbauwohnung direkt am Hérault, mit Blick auf die Kathedrale Saint-Étienne.
Letzten Sommer saß ich sozusagen in der ersten Reihe und beobachtete von meinem Balkon aus die Joutes Agathois, das traditionelle Fischerstechen, die Live-Konzerte auf der Ponton-Bühne und das halbstündige grandiose Saison-Anschluss-Feuerwerk über den Zinnen der schwarzen Kathedrale.
Begleitet von Romy
„ Ah bon, comme Romy Schneider ?“ – „ Oui, pour l’amitié franco-allemand !“, so oder so ähnlich entwickeln sich immer wieder kleine Gespräche mit anderen Hundebesitzern und Fremden. Durch Romy lernte ich nicht nur die eingangs erwähnten Nachbarn kennen, sondern inzwischen auch viele andere nette Menschen, darunter die sogenannten Agathois, Menschen, die hier in Agde geboren und aufgewachsen sind.
Was mich neben der Freundlichkeit und Offenheit der Menschen mehr als einmal überraschte war, wie viele wunderbare Orte es für lange Spaziergänge am Strand, auf dem Mont Saint-Loup oder dem Mont Saint-Martin gibt.

Oder zum Schlemmen zwischen bodenständig und Michelin-Niveau, jedoch immer großartig und selten überteuert: in einem der Ponton-Restaurants auf dem Hérault, in den umliegenden Dörfern und Städten, Florensac, Bessan, Bouzigues, Marseillan, Sète, Béziers oder anderswo – alles in einem engen Umkreis von nur wenigen Kilometern.
Agde: Immer genussvoll
Die Wochenmärkte in und um Agde kommen das ganze Jahr über reichhaltig, vielfältig und selbst jetzt im Winter kunterbunt daher: Rotkohl, Wirsing, gelbe Beete, schwarzer Rettich, Mangold, Spinat, rote und grüne Äpfel, rosa Birnen, gelbe Quitten, knackfrische Salate in allen möglichen Formen und Farben sowie vielem mehr, was die Saison zu bieten hat.

Besonders reichhaltig gedeckt ist die Tafel selbst im Dezember noch mit Seafood, direkt aus dem Mittelmeer oder dem Étang the Thau. Oliven und Olivenöl kaufe ich frisch beim Moulin du Mont Ramus bei Bessan (Tipp: Die Führung inkl. Degustation von Oliven und Ölen ist hochinteressant!) und Austern hole ich mir natürlich in Bouzigues.
Wenn kein Wochenmarkt ist, bietet die Ferme de Portiragnes alles, was das Herz begehrt. Im Moment gibt es bei der Kooperative von 13 landwirtschaftlichen Betrieben der Region gerade eine göttliche Quittenpaste und in Morcheln marinierte frische Entenbrüste!
Lebendig, bunt und charmant
Inzwischen haben mich viele Freunde und Verwandte besucht, sowie auch mehrmals schon mein Sohn mit seiner Freundin. Alle haben die Region als vielfältig, pittoresk, lebendig, charmant und bunt kennengelernt.
Mancherorts kommt sie sehr traditionell daher, zuweilen auch ein bisschen marode und in die Jahre gekommen, woanders aber wieder hypermodern und geradezu spektakulär. In jedem Fall ist Agde – und alles was dazugehört – lebens- und liebenswert!
Übers Cap d’Agde und sein Village Naturiste kann man denken und sagen, was man will, aber es ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Ich meine: jedem Tierchen sein Pläsierchen – leben und leben lassen! Stadt und Region sind besser als ihr Ruf.

Und deswegen bin ich stolz, dass ich heute auf dem Weg bin, ein Agathois zu werden. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, wie sich in mein Französisch der typisch-breite südfranzösische Akzent einschleicht. Dann sage ich plötzlich nicht mehr pain, sondern peng, wenn ich in der Boulangerie ein Brot bestelle – und finde es nicht schlimm. Agde, mon amour !
Der Beitrag von Jochen Krautheim ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran:
• Bitte keine PDFs.
• Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.
• Fotos: bitte möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Bitte schickt sie mit www.WeTransfer.com (kostenlos & top!) gebündelt mir zu – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.
• Und, ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.
Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci ! Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.















