Madeleine Thoubillon de Moncroc: Selbstportrait. Foto: Hilke Maunder
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Madeleine – eine Malerin aus Leidenschaft

„Das Licht ist eine Königin, und man spürt in ihm das Glück und die Klarheit“, schrieb Madeleine Thoubillon de Moncroc an einem Abend im Jahr 1941  in Lyon in ihr Tagebuch. Diese Worte spiegeln das Leben und Werk dieser Malerin wider. Per Zufall entdeckte ich sie in Agde.

Als ich dort am Kai parkte, öffnete ein Herr ein Fenster, sprach mich auf Deutsch an – und lud mich ein, das Erbe seiner Großmutter zu entdecken. Es war der Schwabe Pascal Haupt, der Enkelsohn der Malerin.

Madeleine Thoubillon de Moncroc: Chantal Haupt mit dem Bildnis ihrer Mutter und dem Portrait, das ihre Mutter von ihr als Siebenjährige gemacht hat. Foto: Hilke Maunder
Madeleine Thoubillon de Moncroc: Chantal Haupt mit dem Bildnis ihrer Mutter und dem Portrait, das ihre Mutter von ihr als Siebenjährige gemacht hat. Foto: Hilke Maunder

Vor Ort war auch Chantal, seine Mutter, und Tochter der Malerin. Beide zeigten mir ihr Heim. Von der Diele bis zum Dach, von der Treppe bis zur Küche, vom Salon bis zum Garten war es mit den Werken von Madeleine Thoubillon de Moncroc geschmückt.

Zu sehen waren Porträts, Stillleben, Stadtansichten und Landschaften – eine faszinierende Werkschau einer Frau, die fürs Malen brannte. Lassen wir Chantal erzählen.

Das Blumenbild in der Diele. Foto: Hilke Maunder
Das Blumenbild in der Diele. Foto: Hilke Maunder

Meine Mutter wurde am 25. Juni 1903 in Oullins bei Lyon als Madeleine Fernande Besson geboren. Ihr Vater war Lyonnaiser, ihre Mutter Provenzalin. Obgleich ihre Mittel eher bescheiden waren, ermöglichten sie all ihren fünf Kindern Unterricht in den schönen Künsten.

Doch statt Gesang, Geige oder Cello gefiel Madeleine besonders die Malerei. Ob es daran lag, dass sie die Urenkelin des provenzalischen Malers Jean-Sixte Valéry Cornillon war, dessen Werke im Musée du Vieil Aix in Aix-en-Provence hängen?

Von 1917 bis 1930 besuchte Madeleine die Kunstschule, erst in Lyon, dann in Paris. Rasch trudelten erste Aufträge ein. Für die Kapelle des Grand Séminaire de Philosophie fertigte sie ein vier mal fünf Meter großes Polyptychon vom Heiligen Geist und illustrierte das 319 Seiten dicke Messbuch Missel de Jésus et Marie für die éditions Mame & Fils aus Tours.

Madeleine Thoubillon: Werke im Salon. Foto: Hilke Maunder
Auch die Leseecke mit der Chaiselongue im Salon schmücken Gemälde von Madeleine Thoubillon de Moncroc. Foto: Hilke Maunder

Der plötzliche Tod ihres Bruders Félix mit 16 Jahren im April 1930 traumatisierte die junge Malerin, die Sicherheit in ihrem Leben suchte. So heiratete sie kurz darauf den Lyoner Architekten Fernand Thoubillon de Moncroc, dessen Bekanntschaft sie auf der Lyoner Kunstschule gemacht hatte, und nahm seinen Namen an.

Auch die Küche ist ein Kunst-Raum. Foto: Hilke Maunder
Auch die Küche zeigt Kunst von Madeleine. Foto: Hilke Maunder

Die Hochzeitsreise nach Marokko, mehrere Monate lang, weckte bei ihr die Liebe zum Süden und Sehnsucht nach dem mediterranen Licht.

Madeleine malte, verdiente mit ihren Karikaturen Geld, illustrierte La Vie Lyonnaise und zeigte ihre Arbeiten auf Ausstellungen, von denen vor allem ihre Beteiligung an einer großen Schau in Avignon die Kunstkritiker aufmerksam werden ließ. Lob gibt es besonders für ihre Portraits.

Die Tochter Chantal als junges Kind. Foto: Hilke Maunder
Die Tochter Chantal als junges Kind. Foto: Hilke Maunder Foto: Hilke Maunder

Im Oktober 1944 wurde ich geboren, ihre Tochter Chantal Madeleine Georgine. Seit meiner Hochzeit mit dem Braunschweiger Dieter Haupt trage ich seinen Namen. Mein Vater starb am  30. Dezember 1944 nach Herzversagen.

Meine Mutter übertrug daraufhin die Sorge um mich an ihre eigene Mutter und ihre ältere Schwester, Jeanne. Von ihren Freunden nur  „Manon“ genannt, zog Madeleine zu ihrem Bruder Georges. Und kannte nur noch eine Leidenschaft: die Kunst.

Madeleine Thoubillon de Moncroc. Foto: Hilke Maunder
Noch ein Porträt von Chantal, der Tochter der Malerin. Foto: Hilke Maunder

Sie wurde ihr Ventil, ihr Sprachrohr, und war von 1945 bis 1960 auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen, darunter 1954 auch in Algier. Madeleine illustrierte Kinderbücher, zeichnete für Zeitungen und Zeitschriften, entwarf Wandbilder für Kirchen, Schulen und Hotels, und gründete 1958 das Atelier Libre als private Kunstschule, die sie bis 1984 leitete.

Ihre Werke zeigte sie damals fast jedes Jahr bei Ausstellungen, die immer öfter auch im Ausland zu sehen waren: 1969 in München, 1970 in Stuttgart und in Tübingen, wo die Stadt ein Werk von ihr erwarb, 1971 in der britischen Woburn Abbey Gallery.

Chantal als junges Mädchen. Foto: Hilke Maunder
Chantal als jugendliches Mädchen. Foto: Hilke Maunder

Schwer bepackt mit jungfräulichen Leinwänden, Zangen und Spangen, Hämmern, mehr als 150 Pinseln und noch mehr Farben reiste sie durch Europa, entdeckte Italien, Spanien, Deutschland und England und besuchte die Türkei. Fehlte ihr die künstlerische Inspiration, überbrückte sie die Zeit kreativ, schrieb Krimis und dichtete.

Madeleine Thoubillon de Moncroc. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Erst spät entdeckte sie ihre provenzalischen Wurzeln und macht ihre neue Heimat Aix-en-Provence zum Sujet ihrer Bilder. Mit großem Einsatz organisierte sie eine Retrospektive für ihren Urgroßvater Jean-Sixte Valéry Cornillon, die 1973 in Les Baux-de-Provence, 1988 in Aix-en-Provence zu sehen war. Aix war begeistert – und kaufte Teile der Sammlung.

Am Sonntag, 23. Februar 1992, verstarb Madeleine als letztes der Besson-Kinder nach einer überstandenen Grippe an einem plötzlichen Herzstillstand. Auf ihrer Staffelei waren die Farben eines frisch vollendeten Stilllebens noch feucht.

F_Agde_Madeleine Thoubillon de Moncroc. Gemälde im Treppenhaus. Foto: Hilke Maunder
Eine Gemälde-Galerie: das Treppenhaus. Foto: Hilke Maunder

In einer Ecke standen zwei leere Leinwände, die sie gerade aufgespannt hatte. Auf ihrer Staffelei: eine Komposition als Skizze. Die Palette gereinigt, die Pinsel erwartungsvoll.  Und ein Korken, nur flüchtig auf ihre Flasche mit „Saft“ gesteckt.

Eine Lebensgeschichte, aufgeschrieben von ihrer Tochter, getippt, fotokopiert und zu einer kleinen Broschüre geheftet.

Kunst-reich: das Treppenhaus. Foto: Hilke Maunder
Kunst-reich: das Treppenhaus. Foto: Hilke Maunder

Chantal drückt sie mir zum Abschied in die Hand. Und löst das Rätsel, warum nicht in Aix, sondern in Agde die vielen Bilder hängen.

Denn ganz in der Nähe wurde Chantal geboren: in Balaruc am Étang de Thau. Mit ihrem Mann wollte sie in der Nähe leben. Und fand in Agde ihr Zuhause.

Im Wohnzimmer. Foto: Hilke Maunder
Im Wohnzimmer. Foto: Hilke Maunder

Nachtrag

Eine Woche nach dem Besuch brachte mir die Post ein Päckchen aus Agde. Drinnen lagen drei Bücher und ein Zeitungsausschnitt. Die Verfasserin der Titel war die Tochter der Malerin, Chantal Haupt. Der Zeitungsbericht beschäftigte sich mit Dieter Haupt, ihrem im Herbst 2020 verstorbenen Mann.

Einige Bücher von Chantal Georgine Haupt. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Nach der Lektüre des Berichtes und erstem Schnuppern in den Büchern bin ich sicher, dass ich noch einmal nach Agde fahren werde – um dann Chantal Georgine Haupt zu interviewen. Merci, Chantal, für die gelungene Überraschung!

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