Le Mans: Filmreifes Mittelalter

Es gibt Orte, von denen ich keinerlei Vorstellung habe in Frankreich. So wie Le Mans, dass mir nur durch ein Autorennen bekannt war: 24 Heures du Mans. Aber die Stadt? Alt? Neu? Groß? Kleiner? Dass ich hier plötzlich bin, verdanke ich dem Navi, das einen völlig anderen Weg vorschlug, als ich von der Karte gefahren wäre…

Festungsstadt an der Sarthe

Es war ein kühler Tag, und ich hatte nur mein Handy dabei. Vom Parkplatz am Ufer der Sarthe blickte ich auf eine Stadtmauer hoch über mir auf der Kante eines steilen Felsen. Diokletian hatte sie einst im dritten Jahrhundert errichten lassen – als 1300 Meter langes Bollwerk aus rotem Stein mit elf Türmen und geometrischem Schmuck in Schwarz und Weiß. Eine Fahrbahn war mitten in den Fels geschlagen worden. Rechts und links führten Treppenwege hinauf in die Oberstadt.

Eine mittelalterliche Perle

„Cité Plantagenet“ wies oben ein Schild nach rechts, hinein in ein Gewirr alter Gassen, die sich am linken Sarthe-Ufer hinter der gallo-römischen Stadtmauer eine prächtige gotische Kathedrale umgeben. 20 Hektar Mittelalter, ungeheuer malerisch, fotogen, romantisch… perfekt zum Bummeln und Sich-Treiben-Lassen. Mit ihrem Namen erinnert die Cité an Plantagenet-Dynastie , die in der Grafschaft Maine fast 100 Jahre beherrschte.

Filmreife Kulisse

Vor 5000 Jahren hatten sich die Kelten bereits oben auf dem Hügel niedergelassen. Seitdem haben die Jahrtausende eine wahre Filmkulisse geschaffen: mit Kopfsteinpflaster, auf dem die Sonnenstrahlen silbrig funkeln, Fachwerkfassaden in allen Farben, Türmchen und Erkern, vergoldeten Holzfiguren und prachtvollen Stadtpalais wie dem Maison de la Tourelle oder dem Hôtel de Sceaux in der Grand‘ Rue 54, in der Maria von Medici wohnte.

Frankreichs beliebtester Drehort

Jean-Paul Rappeneau wählte die Altstadt als Kulisse für den Cyrano de Bergerac mit Gérard Depardieu, Philippe de Broca drehte 1997 seinen Mantel-und-Degen-Film „Le Bossu“ (Duell der Degen) mit Daniel Auteuil in Le Mans. Charlotte Brändström kam für Juli, Chevalier de Maupin mit Pierre Arditi nach Le Mans, Leonardo di Caprio war 1998 in Le Mans einer der Hauptdarsteller im Hollywoodstreifen „Mann mit der eisernen Maske“. Welche Streifen noch in Le Mans gedreht wurden, hat das Office de Tourisme hier zusammengestellt- denn heute ist Le Mans der beliebteste Drehort des französischen Kinos!

Dann stehe ich vor der Cathédrale Saint-Julien – und bin völlig erstaunt: Keine dunkle „Höhle“ wie Notre-Dame-de-Paris, in der Rosetten und Kerzen leuchtende Akzente setzen, sondern eine hohe und ungewöhnlich heller Kirchenraum begrüßt mich. Farbige Scheinwerfer lassen die Strebepfeiler in immer neuem Licht erstrahlen. Aus der Werkstatt eines örtlichen Glasmeisters stammen die wunderschönen Buntglasfenster, die allesamt während der 100-jährigen Krieges gefertigt wurden. Nicht minder beeindruckend sind die 13 Kapellen und der 34 m hohe Chor. Und zählt mal die Pfeifen der Orgel – 5000 Stück! In dem imposanten Marmorgrab ruht kein Herrscher, sondern ein Freund von Franz I.: Guillaume de Bellay.

Ci gît Langey, dont la plume et l’épée Ont surmonté Cicéron et Pompée

verrät die Inschrift über den königlichen General und Diplomaten, der das Schwert so gut wie die Feder beherrschte. Als ich wieder nach draußen trete, hat es zu nieseln begonnen. Zeit, die Stippvisite zu beenden: à la prochaine!

Meine Reisetipps: Le Mans

Schlafen

Hotel de la Pommeraie 

Rund fünf Autominuten vom Stadtzentrum entfernt: voilà meine Lieblingsoase, eingebettet in den 3500 qm großen Park des Zweisternehauses. Die Zimmer sind gemütlich, die Küche ist gut, und gegen Hüftgold helfen Tischtennis und Badminton.  Und Familienzimmer gibt es natürlich auch!
• 314, rue de l’éventail, Tel. 02 43 85 13 93, www.hotel-de-la-pommeraie.com

Schlemmen

 Le Beaulieu

Nach 19 Jahren, die er unter anderem bei Seguin im Pressoir  und bei Arrambide gearbeitet hat, ist Olivier Boussard in seinen Heimatstadt zurück gekehrt, wo er im Obergeschloss eines einstigen Kinos seitdem eine Küche serviert, über der mittlerweile eine Michelinstern funkelt: Foie Gras mit Mirabellen-Marmelade, Hummer, Langusten und Taschenkrebs mit Steinpilzen, Rind, am Knochen braten, umgeben von Waldpilzen… schlemmen ganz entspannt und köstlich.
• 34 bis, place de la République, Tel. 02 43 87 78 37, www.restaurantlebeaulieu.com

Shopping

Librairie Bulle

In ganz Frankreich bekannt ist dieser Buchladen in der Altstadt – er hat sich auf Comics und Graphic Novels spezialisiert.
• 13, rue de la Barillerie, Tel. 02 43 28 06 23, www.librairie-bulle.fr

Atelier d’Orphée

Alte und neue Blasinstrumente aus Holz, Metall oder anderen Materialien repariert diese renommierte Werkstatt, zu der auch ein kleiner Konzertsaal gehört – la cave.
 • Werkstatt: 72, Grande Rue •Konzertsaal: 4, impasse Sainte-Catherine • Tel. 02 43 24 42 54, www.atelier-orphee.fr; Mo. geschlossen, Mittagspause!

Die MOFS von Le Mans

Ganz besonders stolz ist Le Mans auf seine MOFS – „Meilleurs Ouvriers de France“.

Chocolatier Jacques Bellanger

Mit der Auszeichnung 1982 wagte Jacques Bellanger mit seiner Frau Maryse den Sprung in die Selbständigkei, später kam Sohn Vianney hinzu. Mit einem Team aus 26 Patissiers und Chocolatiers kreiert der Familienbetrieb Naschwerk zum Träumen. Und für besondere Anlässe ganz ausgefallene Kreationen – zur EM gestaltete Jacques einen Fußballschuh, der im Innern randvoll mit Mini-Bällen gefüllt war; alles als zarter Schmelz aus feinster Schokolade.
• 5, place Saint-Nicholas, Tel. 02 43 28 00 4; 158, route de la Beaugé (nahe Uni), Tel. 02 43 87 62 90,  www.chocolats-bellanger.com

Jean-Charles Rocher

Schmuck zum Träumen… Jean-Charles fertigt auch nach euren Entwürfen!
• 8, rue de la Juiverie, Tel.02 43 23 04 66, www.bijoutier-joaillier-lemans.fr

Fabrice Papin

Der Restaurator und Konservator alter Möbel wurde 2015 ausgezeichnet. Für den Wettbewerb hatte der damals 46-Jährige in 400 Arbeitsstunden einen Sekretär von Ludwig XVIII. restauriert.
• 74, avenue Georges Durand, Tel. 06 84 48 23 82, http://fabrice-papin.france-artisanat.fr

Atelier Avice (Vitrail France)

Die Werkstatt setzt die lokale Tradition der Herstellung und Restaurierung von Buntglasfenstern fort, die in Le Mans seit dem Mittelalter tief verwurzelt ist – damals gab es dort bereits sieben Werkstätten. Das Atelier Avice wurde am 1. Juni 1928 von Auguste Avice gegründet, der das Erbe von Louis Le Gac und Alexandre Chemin fortführte. Nach dem Krieg begann der Boom: Weltweit waren die Spezialisten aus Le Mans gefragt, um beim Wiederaufbau die Kriegsschäden an Kirchen und anderen Bauten mit Buntglasfenstern zu reparieren. Heute steht die Restaurierung im Vordergrund.
• 17, rue de Tascher, Tel. 02 43 81 18 60, www.vitrailfrance.com
Nicht nur Kreuzfahrtschiffe schätze die Glasgravuren der 1982 gegründeten Werkstatt. Schaut mal im Showroom vorbei – wirklich eindrucksvoll!
• 14, rue Arnold Dolmetsch, Tel. 02 43 28 50 60, www.gravor.com

Crapaud Guindé

Magalie Cousin hat Gespür für Zeitgeist, Deko und stilvolles Wohnen – und restauriert eure Lieblings-Sessel und Sofas mit Meisterhand.
•3, rue Saint-Victeur, Tel. 02 43 23 95 85, www.facebook.com

Erleben

24 Heures du Mans

Das Langstreckenrennen für Sportwagen wird alljährlich Mitte Juni vom Automobile Club de l’Ouest (ACO) veranstaltet.

Informieren

 Office de Tourisme, 16, rue de L’Étoile, Tel. 02 43 28 17 22, www.lemans-tourisme.com

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