Le Mans: Filmreifes Mittelalter

Es gibt Orte, von denen ich keinerlei Vorstellung habe in Frankreich. So wie Le Mans, dass mir nur durch ein Autorennen bekannt war. 24 Heures du Mans. Aber die Stadt? Alt? Neu? Groß? Kleiner? Dass ich hier plötzlich bin, verdanke ich dem Navi, das einen völlig anderen Weg vorschlug, als ich von der Karte gefahren wäre.

Festungsstadt an der Sarthe

Es war ein kühler Tag, und ich hatte nur mein Handy dabei. Vom Parkplatz am Ufer der Sarthe blickte ich auf eine Stadtmauer hoch über mir auf der Kante eines steilen Felsen.

Diokletian hatte sie einst im dritten Jahrhundert errichten lassen – als 1300 Meter langes Bollwerk aus rotem Stein mit elf Türmen und geometrischem Schmuck in Schwarz und Weiß. Eine Fahrbahn war mitten in den Fels geschlagen worden. Rechts und links führten Treppenwege hinauf in die Oberstadt.

F_Le Mans_Aufgang Altstadt_2©Hilke Maunder

Eine mittelalterliche Perle

Cité Plantagenet wies oben ein Schild nach rechts, hinein in ein Gewirr alter Gassen, die sich am linken Sarthe-Ufer hinter der gallo-römischen Stadtmauer eine prächtige gotische Kathedrale umgeben. 20 Hektar Mittelalter, ungeheuer malerisch, fotogen, romantisch… perfekt zum Bummeln und Sich-Treiben-Lassen. Mit ihrem Namen erinnert die cité an Plantagenet-Dynastie. Sie hatte die Grafschaft Maine fast 100 Jahre beherrscht.

Filmreife Kulisse

Le Mans, in der Altstadt. Foto: Hilke MaunderVor 5000 Jahren hatten sich die Kelten bereits oben auf dem Hügel niedergelassen. Seitdem haben die Jahrtausende eine wahre Filmkulisse geschaffen: mit Kopfsteinpflaster, auf dem die Sonnenstrahlen silbrig funkeln, Fachwerkfassaden in allen Farben, Türmchen und Erkern, vergoldeten Holzfiguren und prachtvollen Stadtpalais wie der Maison de la Tourelle oder dem Hôtel de Sceaux in der Grand’ Rue 54, in der Maria de’ Medici wohnte.

Le Mans, Pilier Vert. Foto: Hilke Maunder
Das Fachwerkhaus des Pilier Vert. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs beliebtester Drehort

Jean-Paul Rappeneau wählte die Altstadt als Kulisse für den Cyrano de Bergerac* mit Gérard Depardieu. Philippe de Broca drehte 1997 seinen Mantel-und-Degen-Film Le Bossu (Duell der Degen*) mit Daniel Auteuil in Le Mans. Charlotte Brändström kam für Julie, Chevalier de Maupin (Julie – Agentin des Königs*) mit Pierre Arditi nach Le Mans.

Leonardo di Caprio war 1998 in Le Mans einer der Hauptdarsteller im Hollywoodstreifen Der Mann mit der eisernen Maske*. Welche Streifen noch in Le Mans gedreht wurden, hat das Office de Tourisme hier zusammengestellt. Denn heute ist Le Mans der beliebteste Drehort des französischen Kinos!

In der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
In der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Dann stehe ich vor der Cathédrale Saint-Julien – und bin völlig erstaunt. Keine dunkle “Höhle” wie Notre-Dame-de-Paris, in der Rosetten und Kerzen leuchtende Akzente setzen, sondern eine hohe und ungewöhnlich heller Kirchenraum begrüßt mich. Farbige Scheinwerfer lassen die Strebepfeiler in immer neuem Licht erstrahlen.

Aus der Werkstatt eines örtlichen Glasmeisters stammen die wunderschönen Buntglasfenster, die allesamt während der 100-jährigen Krieges gefertigt wurden. Nicht minder beeindruckend sind die 13 Kapellen und der 34 m hohe Chor.

Der Altar der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Der Altar der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Und zählt mal die Pfeifen der Orgel. Es sind 5000 Stück! In dem imposanten Marmorgrab ruht kein Herrscher, sondern ein Freund von Franz I.: Guillaume de Bellay.

Ci gît Langey, dont la plume et l’épée Ont surmonté Cicéron et Pompée

verrät die Inschrift über den königlichen General und Diplomaten, der das Schwert so gut wie die Feder beherrschte. Als ich wieder nach draußen trete, hat es zu nieseln begonnen. Zeit, die Stippvisite zu beenden: à la prochaine !

Das Office de Tourisme hat seine Fenster bunt verkleidet. Foto: Hilke Maunder

Meine Reisetipps: Le Mans

Schlemmen

Le Beaulieu

Nach 19 Jahren, die er unter anderem bei Seguin im Pressoir  und bei Arrambide gearbeitet hat, ist Olivier Boussard in seinen Heimatstadt zurück gekehrt, wo er im Obergeschoss eines einstigen Kinos seitdem eine Küche serviert, über der mittlerweile ein Michelinstern funkelt.

Foie Gras mit Mirabellen-Marmelade, Hummer, Langusten und Taschenkrebs mit Steinpilzen, Rind, am Knochen braten, umgeben von Waldpilzen… schlemmen ganz entspannt und köstlich.
• 34 bis, place de la République, Tel. 02 43 87 78 37, www.lebeaulieulemans.com

Shopping

Librairie Bulle

In ganz Frankreich bekannt ist dieser Buchladen in der Altstadt. Er hat sich auf Comics und Graphic Novels spezialisiert.
• 13, rue de la Barillerie, Tel. 02 43 28 06 23, www.librairie-bulle.fr
Alte und neue Blasinstrumente aus Holz, Metall oder anderen Materialien repariert diese renommierte Werkstatt, zu der auch ein kleiner Konzertsaal gehört – la cave.
• Werkstatt: 72, Grande Rue
• Konzertsaal: 4, impasse Sainte-Catherine
• Tel. 02 43 24 42 54, www.atelier-orphee.fr; Mo. geschlossen, Mittagspause!

Fachwerk in allen Farben findet ihr in der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Fachwerk in allen Farben findet ihr in der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Die MOFS von Le Mans

Ganz besonders stolz ist Le Mans auf seine MOFS , seine Meilleurs Ouvriers de France.

Chocolatier Jacques Bellanger

• 5, place Saint-Nicholas, Tel. 02 43 28 00 4
• 158, route de la Beaugé (nahe Uni), Tel. 02 43 87 62 90
www.chocolats-bellanger.com

Jean-Charles Rocher

Schmuck zum Träumen… Jean-Charles fertigt auch nach euren Entwürfen!
• 8, rue de la Juiverie, Tel.02 43 23 04 66, www.bijoutier-joaillier-lemans.fr

Fabrice Papin

Der Restaurator und Konservator alter Möbel wurde 2015 ausgezeichnet. Für den Wettbewerb hatte der damals 46-Jährige in 400 Arbeitsstunden einen Sekretär von Ludwig XVIII. restauriert.
• 74, avenue Georges Durand, Tel. 06 84 48 23 82, www.facebook.com/Restauration.fabricepapin

Atelier Avice (Vitrail France)

Die Werkstatt setzt die lokale Tradition der Herstellung und Restaurierung von Buntglasfenstern fort, die in Le Mans seit dem Mittelalter tief verwurzelt ist.

Damals gab es dort bereits sieben Werkstätten. Das Atelier Avice wurde am 1. Juni 1928 von Auguste Avice gegründet, der das Erbe von Louis Le Gac und Alexandre Chemin fortführte.

Nach dem Krieg begann der Boom. Weltweit waren die Spezialisten aus Le Mans gefragt, um beim Wiederaufbau die Kriegsschäden an Kirchen und anderen Bauten mit Buntglasfenstern zu reparieren. Heute steht die Restaurierung im Vordergrund.
• 17, rue de Tascher, Tel. 02 43 81 18 60, www.vitrailfrance.com

Grav’Or

Nicht nur Kreuzfahrtschiffe schätze die Glasgravuren der 1982 gegründeten Werkstatt. Schaut mal im Showroom vorbei – wirklich eindrucksvoll!
• 14, rue Arnold Dolmetsch, Tel. 02 43 28 50 60, www.gravor.com

Crapaud Guindé

Magalie Cousin hat Gespür für Zeitgeist, Deko und stilvolles Wohnen – und restauriert eure Lieblings-Sessel und Sofas mit Meisterhand
•3, rue Saint-Victeur, Tel. 02 43 23 95 85, www.facebook.com

Erleben

24 Heures du Mans

Das Langstreckenrennen für Sportwagen wird alljährlich Mitte Juni vom Automobile Club de l’Ouest (ACO) veranstaltet.

Schlafen

Hôtel de la Pommeraie

Rund fünf Autominuten vom Stadtzentrum entfernt: voilà meine Lieblingsoase, eingebettet in den 3500 qm großen Park des Zweisternehauses. Die Zimmer sind gemütlich, die Küche ist gut, und gegen Hüftgold helfen Tischtennis und Badminton.  Familienzimmer gibt es natürlich auch!
• 314, Rue de l’éventail, Tel. 02 43 85 13 93, www.hotel-de-la-pommeraie.com

Noch mehr Betten*
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In der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
In der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

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Die Kathedrale von Le Mans überragt die mittelalterliche Cité. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Le Mans überragt die mittelalterliche Cité. Foto: Hilke Maunder
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