Le Mans: Filmreifes Mittelalter

Die Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Es gibt Orte, von denen ich keinerlei Vorstellung habe in Frankreich. So wie Le Mans, das mir nur durch ein Autorennen bekannt war. Les 24 Heures du Mans. Aber die Stadt? Wie war sie? Alt? Neu? Groß? Klein? Dass ich nun plötzlich doch hier gelandet bin, verdanke ich dem Navi, das einen völlig anderen Weg vorschlug, als ich von der Karte gefahren wäre.

Plattenbauten, Gewerbe, Beton:  Bei vielen Einfahrten in französische Städte würde ich lieber umkehren. Doch inzwischen weiß ich: nicht abschrecken lassen. Und stur mit Tempo 30 Richtung Zentrum fahren. Und genau dort, wo die Innenstadt oder Altstadt beginnt, das eigene Gefährt anstellen – und loslaufen. Vom Parkplatz am Ufer der Sarthe blickte ich auf eine Stadtmauer hoch über mir auf der Kante eines steilen Felsen.

Festungsstadt an der Sarthe

Die Ufer der Sarthe in Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Die Ufer der Sarthe in Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Diokletian hatte sie einst im dritten Jahrhundert errichten lassen – als 1300 Meter langes Bollwerk aus rotem Stein mit elf Türmen und geometrischem Schmuck in Schwarz und Weiß. Viele Jahrhunderte später war  eine Fahrbahn mitten in den Fels geschlagen worden: ein Schlund, der die Altstadt teilt  und oben auf dem Fels eine Brücke verbindet. Rechts und links führen Treppenwege hinauf in die Oberstadt.

Cité Plantagenêt wies auf dem Plateau ein Schild nach rechts: Hinein in ein Gewirr alter Gassen, die am linken Sarthe-Ufer hinter der gallo-römischen Stadtmauer eine prächtige gotische Kathedrale umgeben. 20 Hektar Mittelalter, ungeheuer malerisch, fotogen, romantisch – perfekt zum Bummeln und Sich-Treiben-Lassen vorbei an Boutiquen, Bars und Cafés, die ihre Stühle und Tische aufs Kopfsteinpflaster gestellt haben.

Das englische Erbe

In der Cité Plantagenêt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
In der Cité Plantagenêt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Mit ihrem Namen erinnert die cité an die Plantagenêt-Dynastie. Die englische Königsfamilie hatte die Grafschaft Maine, deren Hauptstadt Le Mans war, fast 100 Jahre beherrscht.

Die Plantagenet-Dynastie geht auf Geoffrey Plantagenet, Graf von Anjou, zurück, der Matilda, die Tochter von König Heinrich I. von England, heiratete.

Die Grande Rue, die Hauptachse der Cité Plantagenêt. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Rue, die Hauptachse der Cité Plantagenêt. Foto: Hilke Maunder

Ihre Nachkommen wurden später Könige und Königinnen von England. Einer der berühmtesten Plantagenet-Monarchen war Richard Löwenherz, der sowohl in der Geschichte Englands als auch Frankreichs eine bedeutende Rolle spielte.

Le Mans, wo sich die Cité Plantagenêt befindet, war Teil des größeren Angevinischen Reiches, das Geoffrey Plantagenet einst gegründet hatte und Gebiete im heutigen Westfrankreich und England umfasste. Tiefer hinein in die Geschichte der Plantagenet-Dynastie und dem Mittelalter in Le Mans führt das Musée Jean-Claude Boulard im Carré Plantagenêt.

Das Musée Jean-Claude Boulard von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Das Musée Jean-Claude Boulard von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Filmreife Kulisse

Vor 5000 Jahren hatten sich die Kelten bereits oben auf dem Hügel niedergelassen. Seitdem haben die Jahrtausende eine wahre Filmkulisse geschaffen: mit Kopfsteinpflaster, auf dem die Sonnenstrahlen silbrig funkeln, Fachwerkfassaden in allen Farben, Türmchen und Erkern, vergoldeten Holzfiguren und prachtvollen Stadtpalais wie der Maison de la Tourelle oder dem Hôtel de Sceaux in der Grand‘ Rue 54, in der Maria de‘ Medici wohnte. Das wohl bekannteste Fachwerkhaus der Cité Plantagenêt ist die Maison d’Adam mit ihren aufwendigen Schnitzereien aus dem 12. Jahrhundert.

Das Haus des roten Pfeilers in der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Das Haus des roten Pfeilers in der Altstadt von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

An der Place Saint-Pierre drängen sich die Cafés und Restaurants vor der Kulisse der mittelalterlichen Häuser, und Heinrich II. von England blickt von seinem Sockel auf das bunte Treiben herab.

Vom Château du Vieux-Mans, dem einstigen Burgschloss der Sarthe-Hauptstadt, ist nur noch der Bergfried erhalten. Er bietet Ausblicke auf den bunten Architekturmix, der außerhalb der denkmalgeschützten Altstadt Le Mans prägt: Belle Époque und Beton, Plattenbauten und Mansarden unter hohen Schieferdächern.

Der Blick von der Cité Plantagenêt auf die modernen Viertel von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von der Cité Plantagenêt auf die modernen Viertel von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs beliebtester Drehort

Jean-Paul Rappeneau wählte die Altstadt als Kulisse für den Cyrano de Bergerac* mit Gérard Depardieu. Philippe de Broca drehte 1997 seinen Mantel-und-Degen-Film Le Bossu (Duell der Degen*) mit Daniel Auteuil in Le Mans.

Charlotte Brändström kam für Julie, Chevalier de Maupin (Julie – Agentin des Königs*) mit Pierre Arditi nach Le Mans. Leonardo di Caprio war 1998 in Le Mans einer der Hauptdarsteller im Hollywoodstreifen Der Mann mit der eisernen Maske*.

Welche Streifen noch in Le Mans gedreht wurden, hat das Office de Tourisme hier zusammengestellt. Denn heute ist Le Mans der beliebteste Drehort des französischen Kinos!

Lichte Gotik

Die Autorennen und die Kathedrale: die beiden bekanntesten Aushängeschilder von Le Mans im Département Sarthe. Foto: Hilke Maunder
Die Autorennen und die Kathedrale: die beiden bekanntesten Aushängeschilder von Le Mans im Département Sarthe. Foto: Hilke Maunder

Dann stehe ich vor der Cathédrale Saint-Julien – und bin völlig erstaunt. Keine dunkle „Höhle“ wie Notre-Dame de Paris, in der Rosetten und Kerzen leuchtende Akzente setzen, sondern ein erstaunlich hoher und ungewöhnlich heller Kirchenraum präsentiert sich nach dem Öffnen der kleinen Holztür am Eingang. Farbige Scheinwerfer lassen die Strebepfeiler in immer neuem Licht erstrahlen.

Das Kirchenschiff der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Das Kirchenschiff der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Aus der Werkstatt eines örtlichen Glasmeisters stammen die wunderschönen Buntglasfenster, die allesamt während des 100-jährigen Krieges gefertigt wurden. Nicht minder beeindruckend sind die 13 Kapellen und der 34 Meter hohe Chor.

Die Orgel der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Die Orgel der Kathedrale von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Und zählt auch einmal die Pfeifen der Orgel. Es sind 5000 Stück! In dem imposanten Marmorgrab ruht kein Herrscher, sondern ein Freund von Franz I.: Guillaume de Bellay.

Ci gît Langey, dont la plume et l’épée ont surmonté Cicéron et Pompée

verrät die Inschrift über den königlichen General und Diplomaten, der das Schwert so gut wie die Feder beherrschte. Als ich wieder nach draußen trete, hat es zu nieseln begonnen. Zeit, die Stippvisite zu beenden: à la prochaine !

Zu Füßen der Kathedrale räkelt sich Le Mans' Meerjungfrau im Brunne. Foto: Hilke Maunder
Zu Füßen der Kathedrale räkelt sich Le Mans‘ Meerjungfrau im Brunne. Foto: Hilke Maunder

Meine Reisetipps: Le Mans

Schlemmen und genießen

Le Saint-Flaceau

In der Altstadtbar Le Saint Flaceau gibt es kreative Cocktails drinnen oder auf der Terrasse. Foto: Hilke Maunder
In der Altstadtbar Le Saint-Flaceau gibt es kreative Cocktails drinnen oder auf der Terrasse. Foto: Hilke Maunder

Etwas versteckt liegt am Rand der Cité Plantagenêt diese Café-Bar mit ihren beiden nostalgisch eingerichteten Salons und der Terrasse mit weitem Blick auf Le Mans. Durch die versteckte Lage sind hier die Einheimischen fast nur unter sich.
• 9, Rue Saint-Flaceau, 72000 Le Mans, Tel. 02 43 23 24 93, https://le-saint-flaceau.fr

Einer der beiden Salons der Altstadtbar Le Saint Flaceau. Foto: Hilke Maunder
Einer der beiden Salons der Altstadtbar Le Saint-Flaceau. Foto: Hilke Maunder

Le Grenier à Sel

Am Eingang der Cité Plantagenêt steht Luc Revert am Herd, während sein Partner Frédéric Morançais die Gäste in einem modernen, stilvollen Rahmen empfängt. Gemeinsam machen sie das Mahl zu einem kulinarischen Erlebnks, das schöne Weine von der Rhône, der Loire und aus Bordeaux begleiten.
• 26, Place de l’Éperon, 72000 Le Mans, Tel. 02 43 23 26 30, www.restaurant-le-grenier-a-sel.fr

Shopping

Librairie Bulle

In ganz Frankreich bekannt ist dieser Buchladen in der Altstadt. Er hat sich auf Comics und Graphic Novels spezialisiert.
• 13, rue de la Barillerie, Tel. 02 43 28 06 23, www.librairie-bulle.fr
Alte und neue Blasinstrumente aus Holz, Metall oder anderen Materialien repariert diese renommierte Werkstatt, zu der auch ein kleiner Konzertsaal gehört – la cave.
• Werkstatt: 72, Grande Rue
• Konzertsaal: 4, impasse Sainte-Catherine
• Tel. 02 43 24 42 54, www.atelier-orphee.fr; Mo. geschlossen, Mittagspause!

Bummeln in der Altstadt von Le Mans ist ein Vergnügen! Foto: Hilke Maunder
Bummeln in der Altstadt von Le Mans ist ein Vergnügen! Foto: Hilke Maunder

Die MOFS von Le Mans

Ganz besonders stolz ist Le Mans auf seine MOFS , seine Meilleurs Ouvriers de France.

Chocolatier Jacques Bellanger

• 5, place Saint-Nicholas, Tel. 02 43 28 00 4
• 158, route de la Beaugé (nahe Uni), Tel. 02 43 87 62 90
www.chocolats-bellanger.com

Jean-Charles Rocher

Schmuck zum Träumen… Jean-Charles fertigt auch nach euren Entwürfen!
• 8, rue de la Juiverie, Tel.02 43 23 04 66, www.bijoutier-joaillier-lemans.fr

Fabrice Papin

Der Restaurator und Konservator alter Möbel wurde 2015 ausgezeichnet. Für den Wettbewerb hatte der damals 46-Jährige in 400 Arbeitsstunden einen Sekretär von Ludwig XVIII. restauriert.
• 74, avenue Georges Durand, Tel. 06 84 48 23 82, www.facebook.com/Restauration.fabricepapin

Atelier Avice (Vitrail France)

Die Werkstatt setzt die lokale Tradition der Herstellung und Restaurierung von Buntglasfenstern fort, die in Le Mans seit dem Mittelalter tief verwurzelt ist.

Damals gab es dort bereits sieben Werkstätten. Das Atelier Avice wurde am 1. Juni 1928 von Auguste Avice gegründet, der das Erbe von Louis Le Gac und Alexandre Chemin fortführte.

Nach dem Krieg begann der Boom. Weltweit waren die Spezialisten aus Le Mans gefragt, um beim Wiederaufbau die Kriegsschäden an Kirchen und anderen Bauten mit Buntglasfenstern zu reparieren. Heute steht die Restaurierung im Vordergrund.
• 17, rue de Tascher, Tel. 02 43 81 18 60, www.vitrailfrance.com

Grav’Or

Nicht nur Kreuzfahrtschiffe schätzen die Glasgravuren der 1982 gegründeten Werkstatt. Schaut mal im Showroom vorbei – wirklich eindrucksvoll!
• 14, rue Arnold Dolmetsch, Tel. 02 43 28 50 60, www.gravor.com

Crapaud Guindé

Magalie Cousin hat Gespür für Zeitgeist, Deko und stilvolles Wohnen – und restauriert eure Lieblings-Sessel und Sofas mit Meisterhand
•3, rue Saint-Victeur, Tel. 02 43 23 95 85, www.facebook.com

Erleben

Das Theater von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Das Theater von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

La Nuit des Chimères

Seit 2019 zeigt Le Mans im Sommer bei der Nacht der Chimären fantastievolles Videomapping von Philippe Écharoux.

24 Heures du Mans

Das Langstreckenrennen für Sportwagen wird alljährlich Mitte Juni vom Automobile Club de l’Ouest (ACO) veranstaltet.

Die Maison Canoniale Saint-Jacques von Le Mans. Foto: Hilke Maunder
Die Maison Canoniale Saint-Jacques von Le Mans. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Hôtel de la Pommeraie

Rund fünf Autominuten vom Stadtzentrum entfernt: voilà meine Lieblingsoase, eingebettet in den 3500 qm großen Park des Zweisternehauses. Die Zimmer sind gemütlich, die Küche ist gut, und gegen Hüftgold helfen Tischtennis und Badminton.  Familienzimmer gibt es natürlich auch!
• 314, rue de l’Éventail, Tel. 02 43 85 13 93, www.hotel-de-la-pommeraie.com

Noch mehr Betten*
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Der Figurenschmuck der Altstadthäuser von Le Mans ist beeindruckend! Foto: Hilke Maunder
Der Figurenschmuck der Altstadthäuser von Le Mans ist beeindruckend! Foto: Hilke Maunder

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Im Buch

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren… oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

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In der Altstadt von le Mans. Foto: Hilke Maunder
In der Altstadt von le Mans. Foto: Hilke Maunder
Merci fürs Teilen!

2 Kommentare

  1. Danke für den tollen Hoteltipp! Auf der Suche nach Zwischenstationen für unsere Bretagne-Reise war dein Blog uns sehr hilfreich. Wir haben auf unserer Rückreise eine Nacht im Familienzimmer im Hotel de la Pommeraie verbracht und waren ganz begeistert. Das Hotel ist wirklich sehr zu empfehlen und auch die tolle Altstadt von Le Mans hat uns überrascht – man fühlt sich wie in einer Filmkulisse.

    • Liebe Lisa, hach, wie schön, dass ihr bei La Pommeraie wart. Es gehört zu meinen Lieblingsunterkünften in Frankreich. Und Le Mans hat auch mich völlig überrascht- der moderne Teil lässt dies nicht ahnen. Viele Grüße, Hilke

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