Lorraine: Hochburg der Mirabellen
Mirabellen. Dafür lieben bis heute die Lothringer den bon roi, den guten König: Réne aus Angers. Er revolutionierte nicht nur den Weinbau in der Provence, sondern holte vom Anjou aus Asien eine Frucht nach Lothringen, die heute als kulinarische Botschafterin gilt: eine kleine, runde Pflaume, goldfarben, duftend und süß.
Mira-belle: Schön anzusehen, bedeutet ihr Name. Und kommt in Lothringen daher als Mirabelle de Nancy und Mirabelle de Metz.
Gerade mal 22 Millimeter misst die Mirabelle de Metz und ist damit kleiner als viele andere Pflaumensorten. Auf sonnigen Hängen und lehmigen Böden wächst die Pflaume, die als erste in Europa bereits im Jahr 1996 die geschützte Ursprungsbezeichnung IGP erhielt, seit dem 16. Jahrhundert in Lothringen. Früher war die Mirabelle hier ein fest im Hausgarten verankerter Baum, der viele Generationen lang jede Familie begleitete.
Hausbaum der Familien
Im Volksmund gilt die Mirabelle als „Baum für Glück und Schutz“. Einst pflanzten daher junge Paare ihrer Vermählung einen Mirabellen-Baum als Symbol für Fruchtbarkeit und ein langes Zusammenleben. Im 19. Jahrhundert wurde den Bäumen nachgesagt, sie würden Haus und Hof vor Blitzschlag schützen. Wurde ein Baum aus Altergründen gefällt, wurde sein Holz noch zur Herstellung von Werkzeuggriffen und Spazierstöcken genutzt – es ist hart und splittert kaum.
Ein kleiner Star
Extrem dünnhäutig ist die Mirabelle de Metz und ihr Inneres überraschend saftig, vollmundig süß und leicht säuerlich. Ein wenig erinnert ihr Geschmack an Aprikosen. Dieses Geschmacksprofil macht sie zu einer beliebten Zutat für eine Vielzahl von Desserts, Konfitüren und anderen kulinarischen Kreationen. Ihr hoher Zuckergehalt und ihr intensives Aroma macht sie auch beliebt für Mirabellenbrand, der ebenfalls eine geschützte Ursprungsbezeichnung IGP erhielt.
In der gehobenen Gastronomie werden Mirabellen mittlerweile auch für Chutneys zu Wildfleisch, als Topping für Ziegenkäse oder in Essig eingelegt als Kontrast zu Terrinen gereicht – eine spannende Liaison aus süß und herzhaft.

Zwei Sorten
Beide Sorten unterscheiden nur die Einheimischen. Auf den Markt kommt die Frucht als IGP Mirabelle de Lorraine mit geschützter Herkunftsbezeichnung. In Lothringen züchten sie 25.000 Bauern an mehr als 400.000 Bäumen. Jährlich ernten sie 15.000 Tonnen Früchte. Das entspricht rund 70 Prozent der Weltproduktion.
60 bis 70 Produktion der Produktion werden zu Marmelade, Kompott oder Sirup verarbeitet. 20 bis 25 Prozent werden in Lothringen zu eau de vie gebrannt. Und nur zehn Prozent der Früchte werden zur Zeit der Ernte Mitte August frisch verzehrt.
Das Mirabellenfest
Im April erweckt die Mirabellenblüte an den Hängen der Maas Frühlingsgefühle. Fruchtig wird’s ab Mitte August. Ende August feiert Metz seit 1947 alljährlich sein Mirabellenfest.
Erfunden wurde das große Volksfest einst von einer Gruppe lokaler Pflaumenzüchter, die die Mirabelle und ihre Produkte fördern wollten, im Jahr 1947. Der Auftakt war ein voller Erfolg.
Das Mirabellenfest wurde bekannt und ist heute eines der wichtigsten Feste im Sommerkalender von Lorraine. Wie jedes Jahr beginnt das Mirabellenfest mit der Wahl der Königin und ihrer Prinzessinnen. Dutzende junge Frauen kämpfen dabei um den Titel, als Botschafterinnen des Festes und der Region ein Jahr lang auftreten zu dürfen. Es folgen eine Vielzahl von Veranstaltungen und Aktivitäten rund um die Mirabelle: Backwettbewerbe, ein Cocktail-Mix-Wettbewerb, Konzerte, Paraden und ein Feuerwerk.
Fester Bestandteil jedes Festes ist der große Gourmetmarkt. Verkauft werden dort längst nicht mehr nur die berühmten Mirabellen, ihre Marmeladen, Konfitüren, Säfte, Liköre und Backwaren, sondern auch viele andere lokale Spezialitäten.
Da darf bei Käsehändlern der harte, leicht nussige Tomme lorraine gekostet werden, der weiche Ziegenkäse aus dem Dorf Amance und der Carré de l’Est, fein cremig und mild. Ein kleiner Stinker ist der Munster Géromé (AOC), aber köstlich! Trocken- und Mettwürste, aber auch handwerklich geräucherte Schinken zeigen die Vielfalt der Lothringer Charcuterie.
Und inmitten all dieser kulinarischen Verführer finden sich Stände, an denen auch handgefertigtes Kunsthandwerk und typische Souvenirs zu finden sind. Das Mirabellenfest von Metz: Da lässt sich Lorraine mit allen Sinnen erleben: als Kuchen, Konfitüren, Schnaps – aber auch als Seife, Massageöl und selbst Parfüm!
Das Rezept: Tarte aux Mirabelles de Lorraine
Zutaten
- 1 Packung Blätterteig (es gibt auch lokale Abwandlungen mit Mürbeteig – wählt, was euch am besten schmeckt!)
- 150 g Zucker
- 2 Eier
- 1 dl Milch
- 100 Gramm gemahlene Mandeln
- 400 Gramm Mirabellen
- 30 g Puderzucker
- 1 Prise Salz
Zubereitung
- Heizt den Backofen auf 180 Grad Celsius vor.
- Fettet eine runde Kuchenform gut ein und legt sie mit dem ausgerollten Teig aus.
- Füllt den Boden mit den gewaschenen und entsteinten Mirabellen.
- Mischt den Zucker und die Prise Salz mit der Milch, den Eiern und den Mandeln und gießt die Mischung über die Früchte.
- Backt die Tarte aux Mirabelles im Ofen auf mittlerer Stufe, bis sie goldbraun ist und keine Flüssigkeit mehr zu sehen ist.
- Bestreut die Tarte vor dem Servieren mit Puderzucker.
Das Rezept: Mirabellen in Sirup
Bei Mirabellen-Kompott ist das Entsteinen Geschmackssache: Viele in Lothringen lassen die Steine drin, damit die Frucht während des Kochens aromatischer bleibt. Auch geben die Steine etwas Kernöl ab, was den Geschmack intensiviert. Wenn du das Kompott hingegen leichter verzehrbar machen willst, kannst du die Mirabellen vor dem Kochen entsteinen. Das ist jedoch nicht ganz so einfach, weil Fruchtfleisch und Kern eng verbunden sind.
Zutaten
- 600 g Mirabellen
- 150 g Zucker
- 300 g Wasser
Zubereitung
- Die Mirabellen waschen
- Den Zucker mit dem Wasser in einen Topf geben, umrühren und zum Kochen bringen
- Die Hitze reduzieren und legen Sie die Mirabellen hineinlegen.
- 15 Minuten lang kochen.
- Noch heiß in zuvor heiß ausgespülte Twist-Off-Gläser geben, verschließen und für fünf Minuten auf den Kopf stellen, damit die Luft entweichen kann.
Verfeinern könnt ihr eure Mirabellen im Sirup beispielsweise so:
- Gewürze: Sternanis, Zimtstangen, Vanilleschote oder Nelken mitkochen, um dem Sirup eine feine, warme Würze zu geben.
- Zitrus: Frischer Zitronen- oder Limettensaft sorgt für eine frische Säure und wirkt konservierend.
- Kräuter: Frische Minze, Basilikum oder auch Rosmarin während des Kochens zugeben für frische Aromen.
- Zuckerarten: Neben Kristallzucker lässt sich Rohrzucker oder Honig verwenden, was dem Sirup Tiefe verleiht.
Das Rezept: Mirabellen-Essig
Der Mirabellen-Essig passt besonders gut zu Wildgerichten, kräftigen Salaten oder als raffinierte Note in Vinaigrettes und Saucen. Nach dem Öffnen bitte in einer dunklen Flasche im Kühlschrank aufbewahren.
Zutaten
- 500 g reife Mirabellen
- 500 ml Weißweinessig (alternativ Apfelessig)
- 100 g Zucker (nach Geschmack, optional)
- 1 Bio-Zitrone (Schale, optional)
- 1–2 Zweige frischer Thymian oder Rosmarin (optional)
Zubereitung
- Mirabellen waschen, entsteinen und halbieren.
- Die Früchte in ein steriles Schraub- oder Einmachglas füllen.
- Den Essig erhitzen (nicht kochen!), nach Wunsch Zucker darin auflösen.
- Heißen Essig über die Mirabellen gießen, bis alle Früchte bedeckt sind.
- Optional: Zitronenschale oder Kräuterzweige ins Glas geben.
- Glas sorgfältig verschließen und 2–4 Wochen an einem kühlen, dunklen Ort ziehen lassen. Gelegentlich schütteln.
- Danach Essig durch ein feines Sieb oder Tuch abseihen und in eine sterile, dunkle Flasche abfüllen.
Das Rezept: Mirabellen-Chutney
Dieses Chutney schmeckt hervorragend zu Käse, gegrilltem Fleisch, Geflügel, Wild oder als würziger Brotaufstrich.
Zutaten
- 700 g reife Mirabellen
- 1 große Zwiebel
- 2–3 Knoblauchzehen
- 1 kleines Stück Ingwer (ca. 2cm)
- 100 g brauner Zucker
- 120 ml Apfelessig oder Weißweinessig
- 1 TL Senfkörner
- ½ TL Zimt
- 1 TL Salz
- 1 Chilischote (nach Geschmack)
- Frisch gemahlener Pfeffer
Zubereitung
- Die Mirabellen waschen, entsteinen und halbieren.
- Zwiebel, Knoblauch und Ingwer fein hacken; Chilischote entkernen und klein schneiden.
- Zwiebel und Knoblauch in wenig Öl in einem großen Topf glasig dünsten.
- Ingwer und Chili hinzugeben, kurz mitdünsten.
- Mirabellen, Zucker, Senfkörner, Zimt und Salz hinzufügen, alles gut vermischen.
- Mit Essig ablöschen, aufkochen lassen.
- Die Hitze reduzieren und das Chutney 45–60Minuten offen köcheln lassen, dabei gelegentlich umrühren, bis die Mischung sämig wird.
- Nach Belieben mit Pfeffer und ggf. mehr Salz abschmecken.
- Noch heiß in sterilisierte Gläser füllen, sofort verschließen.
Bon appétit !
Lothringens Mirabellen: meine Tipps
Mirabellenbrand
Distillerie de Mélanie
17 Kilometer südlich von Metz verarbeitet die Distillerie Mélandie in Marieulles im Moseltal ihre kleinen gelben Pflaumen, die hier auf zwölf Hektar Anbaufläche reifen. Mélanie Demange hat die Destille 2009 übernommen und führt euch eine Stunde lang durch ihre Obstgärten und ihre Brennerei und bietet Verkostungen von Mirabellenbränden, Bonbons sowie weiteren Obstprodukte an – sehr authentisch und mehrfach ausgezeichnet.
• 2, rue des Vignerons, 57420 Marieulles, Tel. 03 87 52 80 72, www.bienvenue-a-la-ferme.com
Distillerie Riandé
Saint-Baslemont ist ein kleines, Vogesendorf mit 90 Einwohnern, das sich zehn Kilometer südlich von Vittel andie Hänge der Monts Faucilles schmiegt. Hier stellt die Familie Riondé seit 1802 ihre Mirabellenbrände her. Seit 2016 leitet Estelle Riondé das Familienunternehmen in vierter Generation.
• 20, rue Haute, 88260 Saint-Baslemont, Tel. 03 29 08 21 68, http://distillerie-rionde.fr
Maison Eulriet
Von der Ernte über die Gärung, die Destillation, die Reifung der Spirituosen bis hin zur Abfüllung verarbeitet Jean Claude Eulriet in Bruley seine Mirabellen seit mehr als zwei Jahrzehnten ganz und gar bio.
• Route de Toul, D908, 54200 Bruley, Tel. 03 83 64 24 87, www.maison-eulriet.com
Konfitüren & Co.
Maison de la Mirabelle
Seit fünf Generationen hat sich Familie Grallet auf den Mirabellenanbau und die Verarbeitung spezialisiert. Ihr Hof ist heute ein kleines Erlebniszentrum rund um die gelbe Frucht. Auch Filmvorführungen auf Großleinwand (französisch, englisch, deutsch) gehören dazu.
In der Brennerei erfahrt ihr, wie die Mirabellen zu Obstbrand veredelt werden, ehe Mirabellenspezialitäten probiert werden. Lustig ist die Riesenmirabelle: Sie verrät, wie viele Mirabellen euer Gewicht ergeben!
• 6, rue Capitaine Durand, 54290 Rozelieures, Tel. 03 83 72 32 26, www.maisondelamirabelle.com
Beauty & Wellness
Ein Mirabellen-Souvenir aus Lothringen muss nicht immer essbar sein – neben Klassikern wie Marmelade, Likör oder Öbstbränden mit der kleinen Goldsfrucht gibt es tatsächlich viele schöne und originelle Alternativen im Bereich Kosmetik und Pflegeprodukte.
Seife: Aus dem wertvollen Öl der Mirabellenkerne werden in kleinen lokalen Manufakturen Seifen hergestellt, die die Haut sanft reinigen und einen zarten Duft hinterlassen.
Cremes & Pflegeöle: Das Kernöl der Mirabelle ist reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitamin E und Antioxidantien. Es wird deshalb zu hochwertigen Körperölen, Handcremes und Lippenpflegestiften verarbeitet – ideal als Mitbringsel oder für die eigene Hautpflege.
Aromatherapie-Produkte: Teilweise werden auch Badezusätze, Bodylotions oder Parfums mit feinen Mirabellenaromen angeboten, die die vielseitige Frucht zur Geltung bringen.
Villa Pompéi
Auch eine Modelage à la Mirabelle steht auf dem Massagemenü des Thermal-Spas: massiert wird mit Öl aus dem Mirabellenstein!
• Avenue de l’Europe, 57360 Amnévillle-les-Thermes, Tel. 03 87 70 99 43, www.villapompei.com
Mirabellen-Verband
Association Mirabelles de Lorraine
• 62, rue Charles Courtois, 54210 Saint-Nicolas-de-Port, Tel. 03 83 96 80 66, www.mirabelles-de-lorraine.fr
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