Landpartie im Morbihan

Süden der Bretagne. Le Croisic: Blick von der Uferpromenade auf die Küste. Foto: Hilke Maunder
Fels, Strand, Boot: der Dreiklang auch im Süden der Bretagne. Foto: Hilke Maunder

An der Côte du Morbihan zeigt die Bretagne ihr südliches Gesicht. Mimosen, Kamelien, Feigen und Palmen verbreiten am kleinen Meer Mor bihan mediterranes Flair.

Die günstigen Lebensbedingungen lockten schon die Menschen der Vorzeit in das einzige Département mit einem bretonischen Namen.  Mit der weltweit größten Ansammlung von Steinmonumenten ist Morbihan ein Mekka der Megalithkultur.

Lorient: der Sportboothafen. Foto: Hilke Maunder
Lorient: der Sportboothafen. Foto: Hilke Maunder

Lorient: der Hafen des Morbihan

Für mehr als 100 Jahre war Lorient Frankreichs Tor zur Welt: eine Handelsmetropole, 1666 auf königlichen Befehl im öden Niemandsland am Zusammenfluss von Scorff und Blavet errichtet.

Der Port de Plaisance von Lorient. Foto: Hilke Maunder
Seglertreffpunkt: der  Port de Plaisance von Lorient. Foto: Hilke Maunder

Bereits zwei Jahre zuvor hatte Colbert seinem König Ludwig XIV. die Gründung einer Handelskompanie vorgeschlagen, um Frankreich an einem Gewinn bringenden Dreiecksgeschäft zu beteiligen.

Port Louis: Festungsmauer der Zitadelle; im Hintergrund Larmor-Plage. Foto: Hilke Maunder
Port Louis. Jenseits der Festungsmauer der Zitadelle seht ihr im Hintergrund Larmor-Plage. Foto: Hilke Maunder

Im Auftrag französischer Reeder tauschten Kapitäne der Compagnie des Indes Orientales vor der Küste Afrikas billigen Schmuck und Glaswerk gegen schwarze Sklaven, die auf den Übersee-Plantagen gegen begehrte Rohstoffe wie Rohrzucker, Kakao, Tee und Tabak gehandelt wurden.

An den Kais von Lorient duftete es nach Gewürzen aus aller Welt; in den Lagerhäusern stapelten sich Seide aus China, Baumwolle aus Indien und orientalisches Porzellan.

Bei Lorient: Blick auf den Blavet vom Pont de Bonhomme. Foto: Hilke Maunder
Bei Lorient: Blick auf den Blavet vom Pont de Bonhomme. Foto: Hilke Maunder

Geheimnisvolle Wracks

Zwischen der Île de Groix und Lorient liegt eines der attraktivsten bretonischen Tauchgebiete voller Grotten, Riffe und versenkter Schlachtschiffe. Das große deutsche Atlantik-U-Boot U 171 ruht auf ebenem Kiel in 38 Meter Tiefe westlich von Lorient auf dem Meeresgrund.

Beliebte Tauchziele sind auch die Wracks des „Speerbrechers 134“, des Kanonenbootes M10 und des 167 Meter langen Schlachtschiffes „Thüringen“. Bei der Île de Groix lohnen Tauchgänge zum Frachter „Baynaen“ und zur Dreimastbarke „Coranna“. Tauch-Touren starten in Lorient, Larmor-Plage und Île de Groix.

Port Louis: Umkleidekabinen am Grand Plage. Foto: Hilke Maunder
Port Louis: Umkleidekabinen an der Grande Plage. Foto: Hilke Maunder

Die U-Boot-Festung

Als 1757 durch den Verlust der indischen Kolonien der wirtschaftliche Niedergang drohte, kam umgehend Hilfe aus Versailles: Lorient wurde königliches Arsenal für den Bau und die Reparatur von Kriegsschiffen.

Um 1800 baute Napoléon I. den Militärhafen an der Küste des Morbihan weiter aus. 1940 versteckten die Deutschen ihre U-Boot-Flotte in einer Festung aus Beton. Vier Jahre lang dauerten die Bombardements der Alliierten.

Auf dem Trümmerfeld entstand eine Stadt der 1950er-Jahre: funktional, modern, nüchtern – für den Autor Hermann Schreiber ein „rauchender und rasselnder Polyp“. Freudige Töne sind dagegen Anfang August zu hören, wenn Zehntausende mit dem Festival Interceltique das größte bretonische Fest der keltischen Musik feiern.

Hinkelsteine & Kistengräber

Menhire in Carnac. Foto: Michel Angot / MDLF
Menhire in Carnac. Foto: Michel Angot / MDLF

Bei Carnac ragen mehrere Tausend Hinkelsteine inmitten von Heideflächen und Wiesen auf: riesige, von Menschenhand errichtete Steindenkmäler – eine Attraktion sondergleichen. Das schönste Lang- oder Steinkistengrab ( allée couverte ) ist in Essé mit La-Roche-aux-Fées erhalten.

Bis zu 40 Tonnen schwere Felsplatten überdecken die langgestreckte Grabkammer. Le Menhir Brisé, mit 20 Meter und 350 Tonnen der größte und schwerste aller Menhire, liegt in Locmariaquer zerbrochen am Boden. Im Mittelalter verdammte die Kurie die Riesensteine als Teufelswerk und ging beherzt daran, die heidnischen Kolosse mit Kreuzen und Gravuren zu christianisieren.

Bretagne/Carnac/Kirche St-Cornély: Die Kirche dem heiligen Cornelius geweiht, dem Schutzpatron des Hornviehs. Zwei Ochsen flankieren die Statue des Heiligen über dem Haupteingang der Kirche. Foto: Hilke Maunder
Die Kirche von Carnac ist dem heiligen Cornelius geweiht, dem Schutzpatron des Hornviehs. Zwei Ochsen flankieren die Statue des Heiligen über dem Haupteingang der Kirche. Foto: Hilke Maunder

Bereits die Griechen bestaunten diese Zeugnisse der Vorzeit – und gaben der Epoche ihren Namen: Megalithzeit (mega lith – großer Stein). Einzeln stehende Steine heißen Menhir (bret. men hir = langer Stein), flache liegende Steintische hingegen Dolmen (bret. taol = Tisch, men = Stein). Werden Menhire im Kreis oder Halbkreis angeordnet, entsteht ein cromlech; in Linien aufgereiht bilden sie ein alignement.

Die unterschiedlichen Anordnungen der Riesensteine geben bis heute Rätsel auf. Waren sie Kultstätten? Opfersteine? Observatorien?

Einzig bei Dolmen sind sich die Forscher über die Funktion einig: Sie dienten als Gräber. Erbaut aus senkrecht stehenden Tragsteinen, die einen Deckstein stützen, wurden die jungsteinzeitlichen Grabanlagen meist mit einem künstlichen Hügel zugedeckt – entweder aus Erde und Sand (Tumulus) oder aus Bruchsteinen (cairn). Größer als ein einfacher Dolmen war das Ganggrab (dolmen à couloir).

Das kleine Meer

Der Hafen von Vannes. Foto: Hilke Maunder
Der Hafen von Vannes. Foto: Hilke Maunder

Nirgendwo gibt es mehr Zeugnisse der Megalithzeit als zwischen der Ria Étel und dem Golfe du Morbihan. Die amphibische Landschaft, in dem Land und Meer tief ineinander greifen und vom Rhythmus der Gezeiten leben, hat schon die Menschen der Vorzeit mit allem versorgt, was sie brauchten: fruchtbaren Äckern, Fisch und Fleisch.

Zweimal pro Tag dringt der Atlantik tief in die beiden Mini-Meere ein, bringt frisches Plankton zu den Austernbänken und reichert die flachen Fluten mit neuem Sauerstoff an.

Ein alter Kutter im Hafen von Vannes. Foto: Hilke Maunder
Ein alter Kutter im Hafen von Vannes. Foto: Hilke Maunder

Dort, wo größere Zuflüsse Sand und Schlick fortspülen und selbst bei Niedrigwasser für Tiefe sorgen, säumen kleine Häfen die zerklüfteten Buchten. Immer wieder ragen Inseln und Felsen aus den beiden Binnenmeeren auf. 365 Eilande sollen es im Golf von Morbihan sein – für jeden Tag eine, erzählt eine Legende.

Wehrhaftes Vannes

Vannes: Blick von der Tour de Connétabel auf die Ville Close mit Wehrmauer und Stadtkirche. Foto: Hilke Maunder
Blick von der Tour de Connétable auf die Ville Close mit Wehrmauer und Stadtkirche. Foto: Hilke Maunder

Vannes hat sein historisches Erbe hinter hohen Festungsmauern verschanzt. Den Weg zur Kathedrale St-Pierre, an der vom 13.-19. Jahrhundert gebaut wurde, säumen Fachwerkhäuser mit vorkragenden Obergeschossen.

In der Rue Rogue grinsen die bekanntesten Gestalten vom Gesims: die beiden Holzskulpturen Vannes und seine Frau. Auf den remparts, den Resten der Stadtmauer, müsst ihr immer wieder hinab steigen – sie lassen sich nur in einigen Abschnitten begehen.

Toll ist der Blick von der Tour de Connétable: hier die Altstadt, dort die korrekte Blumenpracht der barocken Gartenanlagen entlang der Marle. Die alte Markthalle La Cohue birgt heute als Musée des Beaux Arts Werke von Millet, Delacroix und Goya.

Im Hafen dümpeln Motorjachten und Segler, die durch die Inselwelt des Golfe de Morbihan kreuzen. Das „kleine Meer“ gehört zu den  schönsten Buchten der Welt und bildet seit Oktober 2014 den 50. regionalen Naturpark Frankreichs.

In der Nähe des Jachthafens wurde 1984 das futuristisch anmutende Aquarium errichtet, das in 50 Becken die maritime Tierwelt vom Tintenfisch bis zum Tigerkai zeigt. Im benachbarten Jardin aux Papillons umflattern euch 1.500 tropische und einheimische Schmetterlinge.

F/Bretagne/Morbihan/Vannes:Hafen während des Internationalen Festivals der Fotografie. Foto: Hilke Maunder
Der Hafen während des Internationalen Festivals der Fotografie. Foto: Hilke Maunder

Fotofieber im Frühling

Zum Auftakt lockt ein Festival, das seit 2003 einen Monat lang – immer von Anfang April bis Anfang Mai  –  der ganzen Stadt lebendig ist und sich nicht in Ausstellungsräume oder Museen verschanzt: das Vannes Photos Festival.

Mit Bildsequenzen, die Segler, Surfer, Wellen, Leuchttürme und andere maritime Motive zeigen, schmückt es als Open-Air-Galerie die Stadtmauer. Seine Motive wehen als bunte Banner im Hafen. Ausstellungen locken, Symposien, Wettbewerbe und Vorträge. 2023 feiert das Festival sein zwanzigjähriges Bestehen.

Ville Close während des Internationalen Festivals der Fotografie. Foto: Hilke Maunder
Die Ville Close während des Internationalen Festivals der Fotografie. Foto: Hilke Maunder

Gefällt euch dieser Beitrag? Nützen euch die Infos? Und wollt auch ihr werbefreien Journalismus ? Dann freue ich mich über eure Unterstützung . Fünf Möglichkeiten gibt es. Und auch PayPal.

Meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Crêperie de la Tour Trompette

• 4, Venelle de la Tour Trompette, Tel. 02 97 47 15 12, http://creperie-tour-trompette-vannes.com

Arwen Brew Pub

Fish & Chips zum hausgebrauten Bier.
• 1, Rue Gilles Gahinet, 56000 Vannes, Tel. 02 97 47 60 22, https://www.brasserie-awen.bzh/,

Ein Pint im Awen Brew Pub. Foto: CRT Bretagne / Stephanie Biju
Ein Pint im Awen Brew Pub. Foto: CRT Bretagne / Stephanie Biju

Erleben

Herrlich entspannen sind die Schiffsausflüge, die am Hafen von Vannes starten. Neben  Rundfahrten auf dem Golfe du Morbihan gibt es auch Tagestörns zu den Inseln Île d’Arz und Île aux Moines.

Schlafen

Hôtel La Marébaudière*

Oberhalb des Jardins de la Garenne findet ihr in diesem gemütlichen Hotel mit 42 Zimmern und Spa ein ruhiges Quartier.
• 4, rue Aristide Briand, Tel. 02 97 47 34 29, www.marebaudiere.com

Noch mehr Unterkünfte*
Booking.com

Nicht verpassen!

Graue Schiefer- und Granithäuser, geschmückt mit Geranien: Rochefort-en-Terre ist das älteste Blumendorf (village fleuri) der Bretagne. Auf der Rhuys-Halbinsel zeigt das wehrhafte Schloss Domaine de Suscinio eine einzigartige Sammlung: 3000 Terrakottafliesen aus dem Mittelalter.

Im Parc de Préhistoire de Bretagne in Malansac wird mit 20 m hohen Sauriern und pelzigen Urzeitmenschen in 30 Szenen die Geschichte der Vorzeit erzählt. Das Morbihan besitzt davon ein reiches Erbe.

Weiterlesen

Im Blog

Mehr über die Megalithkultur des Morbihan ist hier zu lesen.

Morbihan: Auf den Spuren der Vorzeit

Im Buch

Das ganze Land

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren… oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

 * Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !

Hennebont: Häuserzeile an der Place Foch. Foto: Hilke Maunder
Hennebont: Häuserzeile an der Place Foch. Foto: Hilke Maunder
Hennebont: Hengste des Landesgestüts werden vor eine Kutsche gespannt. Foto: Hilke Maunder
Hennebont: Hengste des Landesgestüts werden vor eine Kutsche gespannt. Foto: Hilke Maunder
Das Château de Suscinio, die ehemalige Sommerresidenz der bretonischen Herzöge. Foto: Hilke Maunder
Das Château de Suscinio, die ehemalige Sommerresidenz der bretonischen Herzöge. Foto: Hilke Maunder
Merci fürs Teilen!

4 Kommentare

  1. Hallo Hilke,
    wieder einmal ein toller und süchtig machender Bericht über mein Lieblingsland. Nachdem wir 2021 ganz im Süden, in Figaniére, Var, waren zieht es uns diesmal nördlicher. Vielleicht in die Bretagne – wer weiß ;-).

    Alles Gute
    Heike

  2. Hallo Hilke, danke für den schönen Bericht über die Bretagne, besonders Vannes. Da ich die Bretagne sehr mag, fahre ich im Juni für 3 Wochen nach Vannes, allerdings mit dem Zug von Hamburg mit Zwischenübernachtung in Paris, ein kleines Abenteuer mit meinen 75 Jahren.
    Erwähnenswert ist auch ein Ausflug zum Hafen von Saint Goustan bei Auray, sehr malerisch.
    Ich werde noch einmal alles bewußt genießen in Vannes, am Golfe de Morbihan.
    Freundliche Grüße
    Ingrid Schröter

    • Liebe Ingrid, Du wirst die Reise genießen, da bin ich mir sicher! Und danke für den Hafentipp bei Auray, das Städtchen gefiel mir sehr gut. Viele Grüße in meine Heimatstadt! Hilke

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.