Royan: Fifties am Sandstrand

Kontraste in Royan. Foto: Hilke Maunder
Kontraste in Royan. Foto: Hilke Maunder

Royan. Was für eine Lage! Am Nordufer der Gironde, die in Nouvelle-Aquitaine Europa größte Trichtermündung bildet. Nur wenige Kilometer entfernt von den Sandstränden des Atlantiks. Und auf halbem Wege zwischen den Häfen von Bordeaux und La Rochelle.

Perfekt, dachte sich auch die deutsche Kriegsmarine. Im Juni 1940 nahm sie Royan in Besitz. Flugs baute sie die Stadt mit Bunkern zur Festung  aus und gab die Parole aus: Haltet die Gironde Nord bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone. Kapitulation?

Niemals! Den Royan hält eine strategische Position. Hier mündet die Gironde in den Atlantik. Und schippert heute die Fähre in rund 30 Minuten hinüber zur Pointe de Grave im Médoc.

Der Blick auf die Fähre hinüber ins Médoc vom Badestrand. Foto: Hilke Maunder
Der Blick auf die Fähre hinüber ins Médoc vom Badestrand. Foto: Hilke Maunder

Der Kampf um Royan

Am 5. Januar 1945 begann das Bombardement der Briten. Royan versank in Schutt und Asche. Dennoch wichen die Deutschen keinen Zentimeter. Mitte April 1945 kam die US-Luftwaffe und setzte großflächig Napalm ein. Royan war vernichtet, dem Erdboden gleichgemacht.

Hier und da hat in der Nähe der Grande Plage auch Bauerbe der Belle Époque überlebt. Foto: Hilke Maunder
Hier und da hat in der Nähe der Grande Plage auch Bauerbe der Belle Époque überlebt. Foto: Hilke Maunder

Kaum noch etwas erinnerte mehr an das mondäne Belle-Époque-Seebad mit seinem Casino, den prachtvollen Boulevards und Promenaden, den Cafés und eleganten Restaurants. Von den 4000 Villen der Reichen aus Bordeaux überlebten nur 250 die Angriffe.

Wie erschütternd ist der Gang durch dieses von Schuttbergen gesäumte Straßenlabyrinth, durch diese Stadt, die wie das Abbild von Chaos und Verzweiflung erscheint.
Charles de Gaulle am 22. April 1945 in Royan

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Labor für Städtebau

Bereits 1944 hatte Frankreich das Ministère de la Reconstruction et de l’Urbanisme, kurz MRU, als staatliches Organ für den Wiederaufbau gegründet. Es erklärte Royan  zu einem “Laboratorium städtebaulicher Forschungen”. Wie Calais, Saint-Dié, Dunkerque, Toulon und Le Havre wurde Royan wieder aufgebaut.

Grundriss und Architektur waren neu und modern. Doch die Skyline der Stadt, auf Fernwirkung bedacht, ist seit dem Mittelalter unverändert. Bis heute beherrscht eine Kirche die Ansicht.

Wahrzeichen von Royan: die moderne Betonkirche. Foto: Hilke Maunder
Wahrzeichen von Royan: die moderne Betonkirche Notre-Dame. Foto: Hilke Maunder

Alle anderen Gebäude sind ihr untergeordnet. Heute ist es die moderne Église Notre Dame, die ab 1955 aus Stahlbeton neu entstand. Ihr zum Meer zugewandter Glockenturm, 58 m hoch, ist Seezeichen und Mahnmal zugleich.

 „Bauen Sie eine Kirche die höher ist als andere, bauen Sie die höchste, die möglich ist. Royan soll keine Stadt sein, die gebrochen ist, sie soll eine Stadt sein, die aufsteht. Drücken Sie das in der Silhouette der Kirche aus. “

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Diese Worte soll Bürgermeister Dautry einst dem Architekten Guillaume Gillet gesagt haben. Der Bau sollte seinen Vorgänger übertreffen und Royan Stärke und Lebenswillen in Stein fassen. Für diese Herausforderung suchte sich Gillet, der als Kriegsgefangener in Soest die französische Kapelle ausgemalt hatte, kompetente Hilfe.

Er fand sie beim Tragwerksplaner Bernard Lafaille. Gemeinsam errichten sie einen Bau, der Frankreichs Erbe der gotischen Kathedralen in eine moderne Architektur mit Beton und Glas übersetzt.

Die Grande Plage von Royan. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Plage von Royan. Foto: Hilke Maunder

Ähnlich hatte es Auguste Perret in Le Havre gemacht. Auch seine Église Saint-Joseph ist Mahnmal und Seezeichen zugleich, ein Meisterwerk aus Beton im Herzen des Quartier Perrier auf den Trümmern der zerstörten Stadt.

Le Havre gehört seit 2005 zum Welterbe. Royan führt acht Bauten in seiner Denkmalsliste auf. Nur zwei davon besitzen als monuments historiques nationale Bedeutung. Zu wenig, finde ich, denn die Stadt ist ein Schatzkästchen der Fifties. Oder, wie es der französische Architekt und Architekturhistoriker Jacques Lucan 1986 sagte, ” la ville la plus cinquante “.

Die Fifties liebten klare Formen. Foto: Hilke Maunder
Die Fifties liebten klare Formen. Foto: Hilke Maunder

Ein Werk der Jungen

Chefplaner des Wiederaufbaus wurde der damals erst 38 Jahre alte Stadtplaner Claude Ferret aus Bordeaux. Ihm unterstand ein Team aus 80 Architekten, die ebenfalls fast alle jünger als 40 Jahre alt waren. Darunter befanden sich ehemalige Schüler wie André Morisseau oder bekannte französische Namen wie Louis Simon aus Paris.

a Siesta, eine Genussadresse mit Fifties-Architektur. Foto: Hilke Maunder
a Siesta, eine Genussadresse mit Fifties-Architektur. Foto: Hilke Maunder

Die Freiheit des Betons

Aufgebaut wurde mit Beton. Das diktierten die Geldnot – und die Fortschrittsvision der damaligen Architekten. Unbehandelt, kantig und grau bei Notre-Dame, zum Kelch geformt  beim Wasserturm, filigran geschwungen bei der Markthalle, weiß verputzt bei den Wohnneubauten.

Royan ist ein Architekturmuseum unter freiem Himmel. Seine Bauten erzählen von Hoffnungen und Träumen. Scheinbar grenzenlos sind die Möglichkeiten des Betons, der sich wellt und rundet, steil aufstellt, aus kantigen oder weichen Grundformen keck herausragt – und urplötzlich auf Backstein trifft, hölzerne Giebel, Türmchen und Schnitzwerk.

Der <em>front de mer</em> am Sportboothafen von Royan. Foto: Hilke Maunder
Der front de mer am Sportboothafen von Royan. Foto: Hilke Maunder

Savoir-vivre am Kai

Royan sprengt Klischees. Und ist daher unglaublich spannend. Die französische Lebensart hat längst auch den Beton erobert. Am Jachthafen versteckt der funktionelle Beton eine Restaurantmeile, auf der ihr abseits vom Verkehr des Quai de Monastir eine Etage tiefer als die Straße schlemmen und flanieren könnt.

Der Lounge Club von Royan ist ein beliebter Treffpunkt zum Apéro. Foto: Hilke Maunder
Der Lounge Club von Royan ist ein beliebter Treffpunkt zum Apéro. Foto: Hilke Maunder

Östlich des Hafens stehen wie einst blau-weiße Badezelte auf dem feinen Sand der breiten, kilometerlangen Grande Plage. Westlich des Hafens kommt ihr auf dem Küstenweg vorbei auf Fischerhütten auf Stelzen zu verschwiegenen Buchten.

Die </em> Grande Plage</em> von Ryoan. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Plage von Ryoan. Foto: Hilke Maunder
rüher Fischerhütte, heute Freizeitoase: die carrelts von Royan. Foto: Hilke Maunder
Früher Fischerhütte, heute Freizeitoase: die carrelets von Royan. Foto: Hilke Maunder

Conche heißen sie in Royan. Fast ein Dutzend reiht sich als felsige Bucht mit Sandstrand aneinander, ehe ich die La Grande Côte erreiche, die sich als breite, sandige Spielwiese zum Sonnen, Burgen bauen oder baggern beim Beach-Volleyball bis nach La Palmyre entlang zieht. Royan? Un rêve. Einfach traumhaft. Und viel zu spät entdeckt!

In Royan ergießt sich die Gironde in den Atlantik. Die Strände der Stadt ist zum Sonnenuntergang über dem Neer wunderschöne Bade- und Picknickplätze. Foto: Hilke Maunder
In Royan ergießt sich die Gironde in den Atlantik. Die Strände der Stadt sind zum Sonnenuntergang über dem Neer wunderschöne Bade- und Picknickplätze – wie hier an der Conche du Chay. Foto: Hilke Maunder

Royan: meine Reisetipps

Baden

Neben dem breiten und sehr beliebten Stadtstrand Grande Conche, der Conche du Chay und der Conche de Saint-Georges im einstigen Vorort Saint-Georges gibt es noch einige kleinere, schöne Buchen im Norden von Royan. Sehr beliebt sind auch die Strände in den Badeorten Nauzon und Petit-Palais.

Wellness

In Royan gibt es mehrere Häuser, die die Heilkraft des Meeres für Thalasso-Therapien nutzen.

Thalassothérapie Cordouan Thalazur

• 6, Allée des Rochers, 17200 Royan, Tel.  05 46 39 96 96

Institut Marin du bien-être

• 1, Place du Maréchal Foch, 17200 Royan, Tel.  05 17 25 30 57

OCEANE SPA Royan

• 18 bis, Rue Antoine-Laurent de Lavoisier, 17200 Royan, Tel.  05 46 23 85 85, www.oceanesparoyan.com

Die <em>Grande Plage</em>. Foto: Hilke Maunder
Die Grande Plage. Foto: Hilke Maunder

Mit Kindern

Themenpark Planet Exotica

Auf dem 7,6 Hektar großen Freizeitpark dreht sich alles um Dinos, Reptilien und Exotik.  Im großen tropischen Gewächshaus und im Wüstengewächshaus könnt ihr lebende Reptilien aus aller Welt in einer Umgebung entdecken, die ihrem natürlichen Lebensraum so nahe wie möglich kommt.

Ebenfalls sehenswert sind der Japanische Garten mit seinen mehr als 100 Jahre alten Bonsai-Bäumen und der Toskanische Garten mit seinem 1800 Jahre alten Olivenbaum. Für kleine Entdecker geht es auf die Dinoland-Insel mit Dinosauriern in Originalgröße, einem Mini-Bauernhof mit Tieren und Wildwasser.
• 5, Avenue des Fleurs de la Paix, 17204 Royan, Tel. 05 46 38 00 99, www.planet-exotica.com

Shopping

Markthalle

Von Juni bis September täglich, sonst nur von Dienstag bis Sonnag, könnt ihr von 7 bis 13 Uhr den bunten Wochenmarkt von Royan in seiner modernen Betonhalle erleben.

Schlemmen und genießen

Der front de Mer, ein zwei bis dreistöckiger Bau aus den 1960er-Jahren,  ist Royans Schlemmermeile. Hier findet ihr von guten Fischrestaurants über Pizzerie bis hin zu Asienküche, Crêperien, Eisläden und Fast Food eine breite Bandbreite an Essensoptionen, stets garniert mit Blick auf den Hafen.

Hier könnt ihr schlafen*
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Auf dem Küstenpfad könnt ihr von Bucht zu Bucht, von Strand zu Strand spazieren. Foto: Hilke Maunder
Auf dem Küstenpfad könnt ihr von Bucht zu Bucht, von Strand zu Strand spazieren. Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Royan – Stadtdenkmal im Wartestand

Die beste Darstellung der Nachkriegs-Architektur hat Kerstin Wittmann-Englert verfasst. Klickt hier, um das PDF zu lesen!

Antoine-Marie Préaut, Royan 1950*

In ihrem Führer stellt euch die junge Architektiin Antoine-Marie Préaut ihre Heimatstadt in 110 Bau-Portraits vor. Von Meisterwerken der Architektur des 20. Jahrhunderts wie der Kirche Notre-Dame oder der Markthalle bis hin zu unbekannteren Bauwerken zeigt sie euch die ganze Virtuosität und Fantasie der Architekten des neuen Royan auf vier Besichtigungsrouten. Wer mag, kann den Architekturführer hier im französischen Original online bestellen.

Reiseführer Südwestfrankreich*

 Der freie Reisejournalist Marcus X. Schmid hat für alle, die gerne auf eigene Faust unterwegs sind, den besten Reisebegleiter verfasst: sachlich, mit viel Hintergrund, Insiderwissen und Tipps, und dennoch sehr unterhaltsam und humorvoll. Ich kann ihn aus ganzem Herzen empfehlen, denn auch in diesem Band zu Südwestfrankreich sind tolle Tipps enthalten.

Auch kritische Anmerkungen fehlen nicht. Kurzum: ein Reiseführer, der grundehrlich das Reisegebiet vorstellt – ohne versteckte Promotions. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1950, lebt heute als Autor und Übersetzer in der französischsprachigen Schweiz. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

Das ganze Land

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren… oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

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4 Kommentare

  1. Hilke Maunder hat tolle Bilder und passende Texte zu Royan geliefert, eine Stadt, die ich an Pfingsten 1996 erlebte und v.a. von der Kirche N-D immens beeindruckt war – eine Symphonie aus Beton. Von der tragischen Geschichte hatte ich bereits 1981 gehört, als ich die Gironde mit der Fähre überquert habe.
    Eine Super-Ergänzung zum Text von Hilke Maunder ist der Link auf den Text von Prof. Kerstin Wittmann-Englert über Royan und seine(n) Architekten. Und der Vergleich mit Le Havre und der Kirche St. Joseph.
    Zum Schluss noch eine Anmerkung zur tragischen Geschichte: Durch Krieg gewinnt man keinen Frieden. Royan ist ein Mahnmal, leider kein Einzelfall, wie auch Le Havre – und es gibt auch andere Paralellen…

    Wolfgang Hugo (wohu), Würzburg

    • Lieber Wolfgang, ganz herzlichen Dank für Deine Ausführungen und Deine lobenden Worte. Städte, die nach dem Krieg sich neu aufgestellt haben wie Royan und Le Havre, aber auch St-Nazaire, Lorient und viele andere, beeindrucken mich ungeheuer. Bises und viele Grüße nach Würzburg, Hilke

  2. Liebe Hilke,
    ein wunderbarer Bericht über eine so schöne Gegend. Seit 25 Jahren haben wir dort ein Ferienhaus. Unbedingt sehenswert ist Talmont sur Gironde jeden Dienstag Abend im Juli und August bei der BALLADE NOCTURNE. Nach Einbruch der Dämmerung beleuchten Kerzen die Gassen sehr stimmungsvoll. Zum Essen gehen wir gerne ins Restaurant La Rustica in St. Leger. Das ist zwar ein Stück zu fahren lohnt sich aber auf jeden Fall.

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