Solidarität à la française

Solidarität im Kleinen: gelebte Nachbarschaftshilfe auf der Île de Nantes Foto: Hilke Maunder
Solidarität im Kleinen: gelebte Nachbarschaftshilfe auf der Île de Nantes Foto: Hilke Maunder

Liberté, égalité, fraternité war der Schlachtruf der Französischen Revolution, und zur fraternité, Brüderlichkeit, gehört stets auch die solidarité, der Gemeinsinn, für Franzosen mit dazu. In Strasbourg und Marseille schneiden Friseure obdachlosen Männern auf der Straße die Haare. In Nantes startete Nicolas Lemonnier das Plogging, das Müllsammeln beim Joggen. Seit 2015 hat sich daraus eine weltweite Bewegung entwickelt. Klickt mal hier!

Besonders sichtbar wird das gemeinschaftliche Engagement und die Solidarität in Frankreich während der Vorweihnachtszeit. In Strasbourg und anderen Städten eröffnen Wohlfahrtsorganisationen eigene Weihnachtsmärkte. Sie stellen sich in den Hütten der Dörfer vor, verkaufen Glühwein und Crêpes, laden zu Mitmachaktionen und freuen sich auf Spenden. Am ersten Wochenende ist ganz Frankreich im Téléthon-Fieber.

Solidarität: Crêpes-Backen für einen guten Zweck: Téléthon in Condom (Gers). Foto: Hilke Maunder

Téléthon

Der Téléthon ist keine französische Idee, sondern wurde von Pierre Birambeau nach Frankreich geholt. In den USA hatte er 1986 erlebt, welch eine große Resonanz eine TV-Benefizshow in Verbindung mit lokalen Events haben kann. Im Dezember 1987 lief die Show in Frankreich im Fernsehen. Die Partner waren damals France 2 und der Lions Club.

Sie sind bis heute dem Format treu geblieben. Bei der Premiere 1987 passierte eine charmante Panne. Die Organisatoren hatten den Spenden-Zähler nur für einen achtstelligen Betrag ausgelegt. Während der TV-Schau mussten die Techniker die 9. Ziffer der Spendensumme per Hand auf ein Holzstück malen!

Mehr als 30 Millionen Euro für die medizinische Forschung auf dem Gebiet von Muskelschwunderkrankungen hat seitdem der Téléthon der Französischen Gesellschaft gegen Muskelerkrankungen (Association Française contre les Myopathies – AFM) eingesammelt und dadurch erstaunliche Fortschritte ermöglicht. Die Lebenserwartung von Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen ist seitdem deutlich angestiegen. Labore, neue Werkzeuge und Netzwerke entstanden dank der Spenden.

Mobil’Douche

Sauberkeit wertet das Selbstwertgefühl auf, ist die Initiative Mobil’douche überzeugt. Seit 2009 fährt sie mit vier mobilen Duschen durch das Land und bietet Obdachlosen in Paris und Lyon die Möglichkeit, sich frisch und sauber zu fühlen. Das Motto der Aktion:  „Dignité pour tous“ (Würde für jeden).

Les Restos du Cœur

Ich habe die Idee von einem Restaurant, das zunächst darauf abzielt,  zwei- oder dreitausend Mahlzeiten pro Tag zu verteilen.

Was der französische Komiker Coluche auf Europa 1 am  26. September 1985 anstieß, hat die wohl größte „Tafel“ Frankreichs ins Leben gerufen. Bereits während der ersten Winterkampagne verteilten mehr als 5.000 Freiwillige 8,5 Millionen Mahlzeiten an Bedürftige. Nach 20 Jahren waren es bereits  75 Millionen Mahlzeiten, die während der  22. Kampagne von 48.000 Freiwilligen und 470.000 Spendern verteilt wurden. Was zunächst nur für den Winter gedacht war, läuft heute das gesamte Jahr.

Solidarität: ein Resto du coeur in Honfleur. Foto: Hilke Maunder

Diese Welle der Solidarität zeigte auch politisch Wirkung. Am 20. Oktober 1988 verabschiedete das französische Parlament einstimmig das „Loi Coluche„, das Spenden an Vereine mit steuerlichen Vorteile belohnt. Auf Initiative von Coluche richtete zudem der Europäische Rat das PEAD (European Programme of Assistance to the Poorest) ein – und öffnete seine Überschüsse für Verbände, die Nahrungsmittelhilfe leisten.

Zusammen mit Abbé Pierre retteten die Restos du Cœur das Solidaritäts- und Stadterneuerungsgesetz (SRU). Sein Artikel 55 verpflichtet französische Kommunen, in ihrer Gemeinde 20 Prozent des sozialen Wohnungsbaus zu errichten.

Die Restaurants der Herzen zu unterstützen ist einfach. Wer kann, zahlt freiwillig mehr für sein Essen. Dieser Überschuss finanziert eine Mahlzeit für Mittellose.  Alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Starken Rückhalt hat das Projekt von Coluche, der mittlerweile verstorben ist, seit Anbeginn bei den Künstlern.

Jean-Jacques Goldman komponiert3e 1986 für die Initiative La Chanson des Restos. Zusammen mit anderen Künstlern wie Carla Bruni,, Céline Dion, Patricia Kaas und Yannick Noah  hat er sich zu „Les Enfoirés“ zusammengeschlossen. Seit 1986 geben sie jedes Jahr mit großer Unterstützung von Politikern und anderen Prominenten ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten der Restos du Cœur. Nahezu jedes Jahr bringen sie auch Platten heraus – 2019 mit dem Titel Le monde des Enfoirés* (Die Weltder Arschschlöcher).

Le panier de la mer

2016 erließ Frankreich als weltweit erstes Land ein Gesetz gegen die Lebensmittelverschwendung. Es verbietet Supermärkten mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern verboten, Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen. Tun sie es dennoch, drohen 3.750 Euro Geldstraße.  Seitdem haben die Tafel deutlich mehr Essen zum Verteilen. Waren es 2015 noch 39 000, stieg das Volumen gespendeter Lebensmittel um 19 Prozent auf 46 200 Tonnen.

Ähnlich funktioniert der „Korb des Meeres“. Seit 1997 sammelt die französische Benefizorganisation bei Fischauktionen den nicht verkauften Fang, verarbeitet ihn und verteilt die frischen Fische und Meeresfrüchte an Hilfsorganisationen und die Restos du Cœur. 2018 waren es fast eine Million Portionen à 150 Gramm.

Der Verkäufer hat das Spielzeug für Emmaüs aufbereitet und verkauft es jetzt für einen guten Zweck. Foto: Hilke Maunder

Emmaüs

Kurzhaarschnitt und langer Bart, runde Brille und schwarze Soutane waren das Markenzeichen von Henri Grouès, der als charismatischen Kapuzinerpriester Abbé Pierre die Herzen der Franzosen eroberte. Und eine Weltbewegung der Armutshilfe begründete. Der Priester, der während der Nazizeit verfolgten Juden Hilfe und Unterschlupf anbot, gründete angesichts der Wohnungsnot der Nachkriegszeit 1949 die Emmaüs-Bewegung. Sie bekämpft Armut und Obdachlosigkeit mit Hilfe zur Selbsthilfe.

In den 287 Emmaüs-Gemeinschaften, die es allein in Frankreich gibt, lernen die Menschen Fähigkeiten, die ihnen die (Wieder-)Eingliederung in ein bürgerliches Leben ermöglichen sollen. Nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern auch Basics wie morgendliches Aufstehen, Hygiene, geregelter Tageslauf, gesunde Ernährung und soziales Verhalten.

Sitzen diese menschlichen Grundfähigkeiten, hilft Emmaüs bei der Integration, unterstützt die Menschen bei der Jobsuche und vermittelt Wohnungen. 2007 starb Abbé Pierre im Alter von 94 Jahren. Seitdem führen eine Stiftung und mehr als 18.000 Freiwillige in Frankreich sein Lebenswerk fort. Unterstützen könnt ihr Emmaüs, das auch in Deutschland aktiv ist, durch Geldspenden. Oder beim Shoppen in einer der 350 Boutiquen, die Emmäus in Frankreich betreibt. Und seit 2016 auch online!

Der Online-Shop von Emmaüs. Copyright: Emmaüs.

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615 histoires sur l’engagement

nennt sich ein Buch, das das Engagement von ehrenamtlichen Initiativen und Aktionsgruppen vorstellt. Zusammengestellt und herausgeben wurde es von der Fondation Goodplanet. Yann Arthus Bertrand, den ihr bestimmt von seinen wahrhaft atemberaubenden Naturfotos kennt, hat diese Stiftung zur Umwelterziehung. Ihr Domizil findet ihr nur 10 Minuten von der Porte Maillot entfernt, im Herzen des Waldes von Bois de Boulogne von Paris.

Dort hat er das Landgut Domaine de Longchamp, ein imposantes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in ein Umweltzentrum verwandelt, das auf zwei Stockwerken tolle Ausstellungen zeigt. Jedes (!) Wochenende  könnt ihr dort zweitägige Thementage erleben. Von Bio-Lebensmitteln bis zur Atomkraft, von der Pressefreiheit zu Flüchtlingsfragen, vom Honigsammeln bis zur ethischen Mode. Auf der Domaine de Longchamp kommen alle Themen von heute zu Sprache.

Das Anwesen liegt in einer 3,5 Hektar großen, unberührten Natur mit einer Fotoausstellung und Kunstwerken, die einem Naturlehrpfad folgen. In der Mitte des Parks findet ihr „La Clairière“, wo jedes Wochenende ein Bio-Markt gastiert, Animationen für die ganze Familie stattfinden und immer wieder auch Konzerte erklingen.

Dieser Videoclip stellt euch die Stiftung vor (auf Englisch)

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