Solidarität à la française

Solidarität im Kleinen: gelebte Nachbarschaftshilfe auf der Île de Nantes Foto: Hilke Maunder
Solidarität im Kleinen: gelebte Nachbarschaftshilfe auf der Île de Nantes Foto: Hilke Maunder

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Elisabeth Maier. Foto: privatMein Frankreich fürs Ohr: Elisabeth Maier hat diesen Beitrag für euch eingesprochen.

Mehr zu der Österreicherin mit Wahlheimat in Hamburg erfahrt auf ihrer Homepage.

Merci, Elisabeth!


Gemeinsinn mit Tradition

Liberté, égalité, fraternité war der Schlachtruf der Französischen Revolution. Und zur fraternité, der Brüderlichkeit, gehört stets auch die solidarité, der Gemeinsinn, für die Franzosen mit dazu. In Strasbourg und Marseille schneiden Friseure obdachlosen Männern auf der Straße die Haare. In vielen Orten stellen Menschen Dinge, die noch nützlich sind, vor die Haustür mit einem Zettel, auf dem cadeau geschrieben steht: Geschenk.

Tauschwirtschaft bei Le Spot von Nîmes. Foto: Hilke Maunder
Tauschwirtschaft bei Le Spot von Nîmes. Foto: Hilke Maunder

Auch Tausch ist wieder sichtbar geworden im Straßenbild. Du gibst, Du nimmst – sei es in ausrangierten Telefonzellen, auf Fenstersimsen oder in Kisten.  In Nantes startete Nicolas Lemonnier das Plogging, das Müllsammeln beim Joggen. Seit 2015 hat sich daraus eine weltweite Bewegung entwickelt. Klickt mal hier!

Besonders sichtbar wird das gemeinschaftliche Engagement und die Solidarität in Frankreich während der Vorweihnachtszeit. In Straßburg und anderen Städten eröffnen Wohlfahrtsorganisationen eigene Weihnachtsmärkte. Sie stellen sich in den Hütten der Dörfer vor, verkaufen Glühwein und Crêpes, laden zu Mitmachaktionen und freuen sich auf Spenden.

Solidarität: Crêpes-Backen für einen guten Zweck: Téléthon in Condom (Gers). Foto: Hilke Maunder
Solidarität: Crêpes-Backen für einen guten Zweck: Téléthon in Condom (Gers). Foto: Hilke Maunder

Téléthon

Am ersten Wochenende im Dezember ist ganz Frankreich im Téléthon-Fieber. Der Téléthon ist keine französische Idee, sondern wurde von Pierre Birambeau nach Frankreich geholt.

Der Franzose hatte 1986 in den USA erlebt, welch eine große Resonanz eine TV-Benefizshow in Verbindung mit lokalen Events haben kann. Er nahm die Idee in die Heimat mit. Und schon im Dezember 1987 lief die Show in Frankreich im Fernsehen. Die Partner waren damals France 2 und der Lions Club. Sie sind bis heute dem Format treu geblieben.

Bei der Premiere 1987 passierte eine charmante Panne. Die Organisatoren hatten den Spenden-Zähler nur für einen achtstelligen Betrag ausgelegt. Doch die Franzosen waren sehr spendenfreudig. Und so mussten, noch während der TV-Schau, die Techniker die 9. Ziffer der Spendensumme per Hand auf ein Holzstück malen!

Mehr als 30 Millionen Euro für die medizinische Forschung auf dem Gebiet von Muskelschwunderkrankungen hat seitdem der Téléthon für die französische Gesellschaft gegen Muskelerkrankungen (Association Française contre les Myopathies – AFM) eingesammelt und dadurch erstaunliche Fortschritte ermöglicht. Die Lebenserwartung von Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen ist seitdem deutlich angestiegen. Labore, neue Werkzeuge und Netzwerke entstanden dank der Spenden.

Mobil’Douche

Sauberkeit wertet das Selbstwertgefühl auf, ist die Initiative Mobil’douche überzeugt. Seit 2009 fährt sie mit vier mobilen Duschen durch das Land und bietet Obdachlosen in der Île de France und der Vaucluse die Möglichkeit, sich frisch und sauber zu fühlen. Das Motto der Aktion:  Dignité pour tous (Würde für jeden).

Les Restos du Cœur

Ich habe die Idee von einem Restaurant, das zunächst darauf abzielt,  zwei- oder dreitausend Mahlzeiten pro Tag zu verteilen.

Was der französische Komiker Coluche auf Europe 1 am  26. September 1985 anstieß, hat die größte Tafel Frankreichs ins Leben gerufen. Bereits während der ersten Winterkampagne verteilten mehr als 5.000 Freiwillige 8,5 Millionen Mahlzeiten an Bedürftige.

Nach 20 Jahren waren es bereits 75 Millionen Mahlzeiten, die während der 22. Kampagne 48.000 Freiwilligen und 470.000 Spendern verteilten. Was zunächst nur für den Winter gedacht war, läuft heute das gesamte Jahr.

Solidarität: ein Resto du coeur in Honfleur. Foto: Hilke Maunder
Solidarität: ein Resto du Cœur in Honfleur. Foto: Hilke Maunder

Diese Welle der Solidarität zeigte auch politisch Wirkung. Am 20. Oktober 1988 verabschiedete das französische Parlament einstimmig das Loi Coluche, das Spenden an Vereine mit steuerlichen Vorteile belohnt.

Auf Initiative von Coluche richtete zudem der Europäische Rat das PEAD (European Programme of Assistance to the Poorest) ein. Es öffnete seine Überschüsse für Verbände, die Nahrungsmittelhilfe leisten.

Zusammen mit Abbé Pierre retteten die Restos du Cœur das Solidaritäts- und Stadterneuerungsgesetz (SRU). Sein Artikel 55 verpflichtet französische Kommunen, in ihrer Gemeinde 20 Prozent des sozialen Wohnungsbaus zu errichten.

Die Restaurants der Herzen zu unterstützen, ist einfach. Wer kann, zahlt freiwillig mehr für sein Essen. Dieser Überschuss finanziert eine Mahlzeit für Mittellose.  Alle Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Starken Rückhalt hat das Projekt von Coluche, der mittlerweile verstorben ist, seit Anbeginn bei den Künstlern. Zudem finden in großen Supermarktketten immer wieder Sammelaktionen für die Restaurants der Herzen statt.

Jean-Jacques Goldman komponierte 1986 für die Initiative La Chanson des Restos. Zusammen mit anderen Künstlern wie Carla Bruni, Céline Dion, Patricia Kaas und Yannick Noah hat er sich zu Les Enfoirés zusammengeschlossen.

Seit 1986 geben sie jedes Jahr mit großer Unterstützung von Politikern und anderen Prominenten ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten der Restos du Cœur. Nahezu jedes Jahr bringen sie auch eine Platte heraus. 2021 landeten sie mitten in der Corona-Pandemie mit Maintenant einen Hit, der bis heute Nerv der Zeit traf. Auf Youtube könnt ihr euch den Hit anhören.

Le panier de la mer

2016 erließ Frankreich als weltweit erstes Land ein Gesetz gegen die Lebensmittelverschwendung. Es verbietet Supermärkten mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern verboten, Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen.

Tun sie es dennoch, drohen 3.750 Euro Geldstraße.  Seitdem haben die Tafel deutlich mehr Essen zum Verteilen. Waren es 2015 noch 39.000 Tonnen, stieg das Volumen gespendeter Lebensmittel um 19 Prozent auf 46.200 Tonnen.

Ähnlich funktioniert der „Korb des Meeres“. Seit 1997 sammelt die französische Benefizorganisation bei Fischauktionen den nicht verkauften Fang, verarbeitet ihn und verteilt die frischen Fische und Meeresfrüchte an Hilfsorganisationen und die Restos du Cœur. 2018 waren es fast eine Million Portionen zu 150 Gramm.

Solidarität: Emmaüs arbeitet Gebrauchtes auf und verkauft es. Foto: Hilke Maunder
Der Verkäufer hat das Spielzeug für Emmaüs aufbereitet und verkauft es jetzt für einen guten Zweck. Foto: Hilke Maunder

Emmaüs

Kurzhaarschnitt und langer Bart, runde Brille und schwarze Soutane waren das Markenzeichen von Henri Grouès, der als charismatischen Kapuzinerpriester Abbé Pierre die Herzen der Franzosen eroberte. Und eine Weltbewegung der Armutshilfe begründete.

Der Priester, der während der Nazizeit verfolgten Juden Hilfe und Unterschlupf anbot, gründete angesichts der Wohnungsnot der Nachkriegszeit 1949 die Emmaüs-Bewegung. Sie bekämpft Armut und Obdachlosigkeit mithilfe zur Selbsthilfe.

Foto: Hilke Maunder

In den 287 Emmaüs-Gemeinschaften, die es allein in Frankreich gibt, lernen die Menschen Fähigkeiten, die ihnen die (Wieder-)Eingliederung in ein bürgerliches Leben ermöglichen sollen. Nicht nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern auch grundlegende Dinge wie morgendliches Aufstehen, Hygiene, geregelter Tageslauf, gesunde Ernährung und soziales Verhalten.

Der Gebrauchtbüchermarkt von Emmaüs in Pollestres. Foto: Hilke Maunder
Der Gebrauchtbüchermarkt von Emmaüs in Pollestres. Foto: Hilke Maunder

Sitzen diese menschlichen Grundfähigkeiten, hilft Emmaüs bei der Integration, unterstützt die Menschen bei der Jobsuche und vermittelt Wohnungen. 2007 starb Abbé Pierre im Alter von 94 Jahren. Seitdem führen eine Stiftung und mehr als 18.000 Freiwillige in Frankreich sein Lebenswerk fort.

Möbel, Mode, Deko, Elektro: Es gibt fast nichts, was Emmaüs nicht verkauft. Foto: Hilke Maunder
Möbel, Mode, Deko, Elektro: Es gibt fast nichts, was Emmaüs nicht verkauft. Foto: Hilke Maunder

Unterstützen könnt ihr Emmaüs, das auch in Deutschland aktiv ist, durch Sach- oder Geldspenden. Sperrige Spenden wie Möbel holen Mitarbeiter bei euch an der Haustür ab. Oder besucht eine der 350 Boutiquen, die Emmäus in Frankreich betreibt.

Wer einkauft, zahlt zentral an der Kasse – und erhält dann am jeweiligen Stand die Ware. Foto: Hilke Maunder
Wer einkauft, zahlt zentral an der Kasse – und erhält dann am jeweiligen Stand die Ware. Foto: Hilke Maunder

In Frankreich sind solche Sozialkaufhäuser von karitativen Organisationen viel stärker verbreitet als in Deutschland. Es ist für viele ein Wochenendvergnügen, dort nach Schnäppchen zu suchen. Seit 2016 könnt ihr bei Emmaüs auch online einkaufen!

Der Online-Shop von Emmaüs. Copyright: Emmaüs.
Der Online-Shop von Emmaüs. Copyright: Emmaüs.

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Solidarität: Fondation Goodplanet_615 histoire l'engagement615 histoires sur l’engagement

nennt sich ein Buch, das das Engagement von ehrenamtlichen Initiativen und Aktionsgruppen vorstellt. Zusammengestellt und herausgeben wurde es von der Fondation Goodplanet. Yann Arthus Bertrand, den ihr bestimmt von seinen wahrhaft atemberaubenden Naturfotos kennt, hat diese Stiftung zur Umwelterziehung. Ihr Domizil findet ihr nur 10 Minuten von der Porte Maillot entfernt, im Herzen des Bois de Boulogne von Paris.

Dort hat er das Landgut Domaine de Longchamp, ein imposantes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in ein Umweltzentrum verwandelt, das auf zwei Stockwerken tolle Ausstellungen zeigt. Jedes (!) Wochenende könnt ihr dort zweitägige Thementage erleben. Von Bio-Lebensmitteln bis zur Atomkraft, von der Pressefreiheit zu Flüchtlingsfragen, vom Honigsammeln bis zur ethischen Mode. Auf der Domaine de Longchamp kommen alle Themen von heute zu Sprache.

Das Anwesen liegt in einer 3,5 Hektar großen, unberührten Natur samt Fotoausstellung und Kunstwerken, die einem Naturlehrpfad folgen. In der Mitte des Parks findet ihr La Clairière, wo jedes Wochenende ein Bio-Markt gastiert, Animationen für die ganze Familie stattfinden und immer wieder auch Konzerte erklingen.

Dieser Videoclip stellt euch die Stiftung vor (auf Englisch)

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2 Kommentare

  1. Aus Mangel an wirklich armen Regionen in Frankreich (damit meine ich das Internet, nicht die Realität) bin ich auf diesen Artikel gestoßen. Ich suche als Rentnerin mit ca. 1000 Euro ein Dorf, wo ich durch meine bescheidenen Einkäufe und evtl. Internet etwas helfen kann und gleichzeitig ruhig lebe.
    Ich bin nicht reich, nicht anspruchsvoll, ein warmer Hintern und etwas Strom sind ok. Es ist unglaublich, daß man nichts im Internet findet und solche extravaganten Wege gehen muß. Hilfsorganisation hin oder her, vielleicht gibt es viel mehr Leute wie mich, die ein kleines Dorf unterstützen würden, einfach, indem sie da hin ziehen. Mehr Angebote! Nicht nur Reiserouten für Touristen!

    • Hallo Kerstin, mit 1000 Euro kannst Du in Frankreich in vielen Orten genügsam leben – tendenziell eher im Süden. Mieten ist allerdings eher unüblich; die meisten, die mit wenig auskommen, kaufen ein altes Haus für wenig Geld, setzen es mit eigener Arbeit und vielen Ideen instand und wohnen dann gemeinsam dort. Viele Grüße, Hilke

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