Saint-Bertrand de Comminges. Lage im Garonne-Tal. Foto: Hilke Maunder
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Schönste Orte: Saint-Bertrand-de-Comminges

Auf einem Hügel am Fuße der Pyrenäen thront Saint-Bertrand-de-Comminges und vereint 2.000 Jahre Geschichte auf engstem Raum. UNESCO-Welterbe, Jakobsweg-Station und Mitglied der schönsten Dörfer Frankreichs – der 233-Einwohner-Ort trägt gleich mehrere Auszeichnungen.

Seine Wurzeln reicht zurück bis in die gallo-römische Antike. Im Jahr 72 vor Christus gründete Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus nach seinem Spanienfeldzug hier Lugdunum Convenarum. Die strategische Lage war perfekt: Der Ort kontrollierte den Zugang zum Val d’Aran, dem einzigen spanischen Pyrenäental, das sich nach Norden öffnet.

Die römische Siedlung entwickelte sich rasch zu einer bedeutenden Stadt. In der Blütezeit lebten etwa 10.000 Menschen in der Stadt selbst, mit dem Umland sogar bis zu 30.000 Einwohner. Forum, Marmortempel, Thermen und Theater zeugen von römischer Pracht. Ein Amphitheater sorgte für Unterhaltung.

Einen prominenten Verbannten beherbergte die Stadt ebenfalls: Kaiser Caligula verbannte Herodes Antipas und Salome nach Lugdunum Convenarum. Derselbe Herodes Antipas, der laut Überlieferung die Enthauptung Johannes des Täufers angeordnet hatte, verbrachte seine letzten Jahre in den Pyrenäen.

Im Jahr 408 zerstörten die Vandalen die antike Pracht. Jahrhunderte vergingen, bis Bischof Bertrand de L’Isle-Jourdain (auch: Bertrand de Toulouse, ca. 1230 – 1286) im 11. Jahrhundert den Ort wieder aufbaute. Nach seiner Heiligsprechung 1222 wurde der Ort nach ihm benannt und entwickelte sich zum bedeutenden Wallfahrtsort am Jakobsweg.

Le Beurre de Saint-Bertrand
Nach einer mittelalterlichen Legende mussten die Bewohner eines Dorfes als Buße für ein Sakrileg fünf Jahre lang der Kathedrale ihre gesamte Butterproduktion schenken – eine Tradition, die bis zur Revolution Bestand hatte

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale mit ihrem Portal aus der Romanik. Foto: Hilke Maunder

Das Krokodil in der Kathedrale

Von außen ist Pilgerkirche auf dem Jakobsweg ein wuchtiger, wehrhafter, fast ein wenig abweisender Bau. Drinnen dominierten zwei kunstvolle Schnitzwerke aus Holz: die imposante Kanzel und der geschlossene Chor, der jeden Blick ins Innere verweigert.

Jeder seiner 66 Chorstühle wie auch der überdachte Bischofsstuhl wurden von einem anderen Kunstschreiner aus Toulouse gefertigt. 30 Jahre lang dauerten die Arbeiten am Chor und an seinen Schnitzereien! Ein Kapellenkranz umgibt ihn.

Im schmalen Durchgang von linkem und rechten Kirchenschiff verstecken sich die Reliquien des Mannes, der Schutzpatron der historischen Provinz Comminges gewesen war – und seit 1220 als Heiliger verehrt wird: Bertrand I. ( 1073 – 1123). Sein Leben und seine Wundertaten erzählt ein Grabmal, das zugleich der Hauptaltar der Kathedrale ist.

Groß und schwarz hängt dort ein Krokodil mit leicht geöffnetem Maul drinnen an der Wand der Wallfahrtskirche. Einer Legende nach besiegte der heilige Bertrand dieses „teuflische Monster“ mit seinem Bischofsstab.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Der Hochaltar ist zugleich Grabmal für Bertrand I. Foto: Hilke Maunder

Orgel über Eck

Ein Unikum ist die Orgel der Kathedrale von Saint-Bertrand-de-Comminges, die scheinbar nahtlos mit der Kanzel verschmilzt. Die meisten ihrer 2.993 Orgelpfeifen waren während der Französischen Revolution eingeschmolzen worden – als Nachschub für Munition.

Erst im 1975, als Saint-Bertrand-de-Comminges sein internationales Fest sakraler Musik initiierte, fand man die Gelder, um die historische Orgel zu restaurieren. 2025 feierte das Festival vom 25. Juli bis 30. August sein 50-jähriges Bestehen.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Schnitzkunst: die Kanzel, die nahtlos in die Orgel übergeht. Foto: Hilke Maunder

Was für Aussichten!

Direkt am kleinen Kirchplatz findet ihr das ehemalige Kloster der Olivétains aus dem späten 18. Jahrhundert. Hier zeigt das 1920 gegründete einige der Funde aus der römischen Vergangenheit des Ortes, darunter die Fragmente eines monumentalen Augustus-Trophäums. Ebenfalls im ehemaligen Kloster befindet sich das Office de Tourisme, wo das Départements Haute-Garonne wechselnde Ausstellung zur Regionalgeschichte zeigt. Vom Garten eröffnen sich herrliche Panoramablicke auf das Garonnetal!

Saint-Bertrand de Comminges. Blick vom Oberdorf auf das Garonne-Tal. Foto: Hilke Maunder
Blick vom Oberdorf auf das Garonne-Tal bei Saint-Bertrand-de-Comminges. Foto Hilke Maunder

Im Oberdorf von Saint-Bertrand-de-Comminges

Im Oberdorf ( haut bourg ) drängen sich Fachwerkhäuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert neben Steinhäusern der Renaissance. Die aristokratischen Residenzen entlang der Gassen erzählen von der einstigen Bedeutung der Stadt als Bischofssitz.

Die Maison Bridaut aus dem 15. Jahrhundert mit seiner Fachwerkfassade und dem sechseckigen Steinturm ist seit 1927 als historisches Monument klassifiziert. Die Maison du Forgeron verrät schon im Namen ihre Vergangenheit: Hier hämmerte einst der Dorfschmied. Das Magasin Beyret mit seinen breiten Erdgeschossfenstern diente als Handelshaus. Diese Gebäude demonstrieren, wie sich Wohnen und Arbeiten in der mittelalterlichen Stadt mischten.

Das Hôtel de Comminges aus dem 16./18. Jahrhundert und das Hôtel La Misère aus dem 18. Jahrhundert spiegeln mit ihren Steinfassaden und großzügigen Fenster den Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit wider.

Die Stadtmauer verschmilzt teilweise mit dem Felsen und unterstreicht den befestigten Charakter des Ortes. Drei Tore durchbrechen den Mauerring – jedes ein Portal zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Alle Gassen führen zur Kathedrale, als würde die Stadt um ihr geistliches Zentrum kreisen.

Unterhalb – auch in der sozialen Hierarchie der damaligen Zeit – befindet sich das Unterdorf von Saint-Bertrand-de-Comminges mit alten Bauernhäusern, Handwerksbetrieben und kleinen Läden.. Hier pulsiert das ländlische Leben wie einst, trifft man sich beim Wochenmarkt – und fertigt Holzschuhmeisterin Isa stylische Pantinen nach dem Vorbild schwedischer Clogs.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Le plan nennt sich das Unterdorf. Seinen Hauptplatz schmückt eine Marienstatue. Foto: Hilke Maunder

Saint-Bertrand de Comminges.Hofstelle im Unterdorf. Foto: Hilke Maunder
Hofstelle im Unterdorf. Foto: Hilke Maunder

Ein kurzer Spaziergang vorbei an Wiesen und Feldern, Zypressen und Reben, Feldern und Wiesen führt zur Ausgrabungsstätte der gallo-römischen Siedlung Lugdunum Convenarum. Das Herz der 36 Hektar großen antiken Stadt bildeten der Marmortempel der Pyrenäen und das Forum, von denen – wie bei den Thermen – nur noch die Grundmauern erhalten sind.

Auf den antiken Fundamenten erhebt sich ein Meisterwerk der Romanik: die Basilika von Saint-Just-de-Valcabrère – eine Bestattungskirche, die heidnische und christliche Traditionen verbindet.

Saint-Bertrand de Comminges. Saint-Just de Valcabrère. Foto: Hilke Maunder
Saint-Just de Valcabrère. Foto: Hilke Maunder

Hinaus in die Umgebung!

Ober- und Unterstadt, römische Ruinen, romanische Kirchenkunst, bäuerliches Leben und der eisfunkelnde Horizont mit den Zweitausendern der Pyrenäen machen Saint-Bertrand-de-Comminges zu einem der schönsten Orte Frankreichs. Genießt die bukolische Landschaft bei der Tour auf dem Radwanderweg durch das tischtuchplatte Tal der Garonne!

Oder wollt ihr jetzt lieber die Künstler der Unterwelt entdecken? Dann besucht die Grotten von Gargas und entdeckt die Maler der Vorzeit in der einzigen öffentlich zugänglichen Schmuck-Höhle der Hautes-Pyrénées.

Tierbilder, geometrische Zeichen, sexuelle Symbole und rund 200 Handabdrücke von Frauen, Männern und Kindern schmücken ihre Wände. Warum sie mit roten, weißen und schwarzen Pigmenten auf dem Fels verewigt wurden, gibt bis heute Rätsel auf.

Saint-Bertrand-de-Comminges: meine Reisetipps

Hinkommen

Auto

Von Toulouse über die A64 Richtung Tarbes, Ausfahrt „Montréjeau“, dann über die D825 und D26 nach Saint-Bertrand-de-Comminges. Parkplätze gibt es am Fuße des Ortes und in der Oberstadt (im Sommer schnell belegt).

Bahn

Nächster Bahnhof ist Labroquère–Saint-Bertrand-de-Comminges, etwa 3 km entfernt. Von dort zu Fuß, mit dem Taxi oder Fahrrad weiter in den Ort.

Bus

Regionale Busverbindungen ab Saint-Gaudens oder Montréjeau.

Fahrrad

Der Garonne-Radweg führt direkt durch das Tal bis nach Saint-Bertrand-de-Comminges.

Schlemmen

La Table de St-Bertrand

Zu Füßen des Kirchhügels verwöhnt euch Nathalie Jouvenet am Hauptplatz der Unterstadt mit saisonaler Küche, die tief im Terroir verwurzelt sind. Freut euch auf raffinierte wie authentische Gerichte im Bistro und auf der Terrasse, wo des Sommers Konzerte veranstaltet werden.
• Place, Le Plan, 31510 Saint-Bertrand-de-Comminges, Tel. 05 61 88 36 60, auf Facebook zu finden

Hier könnt ihr schlafen*

 
Saint-Bertrand de Comminges. Einlass zur Pilgerherberge. Foto: Hilke Maunder
Einlass zur Pilgerherberge. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Haute-Garonne vereint diese Kategorie.

Saint-Bertrand-de-Comminges ist eine Station am Jakobsweg. Die Pilgerrouten durch Frankreich stellt dieser Beitrag vor.

Im Buch

Annette Meiser, Midi-Pyrénées*

Cover Annette Meiser, Midi Pyrenees

Annette Meiser, die u.a. die ers­te müll­frei­e Schu­le Deutsch­lands mitbegründete, hat in der früheren Region Midi-Pyrénées ihre Wahlheimat. Dort lebt und arbeitet sie seit vielen Jahren und bietet erdgeschichtliche und kulturhistorische Wanderreisen an.

Ihre Expertise hat sie auf 432 Seiten zwischen die Buchdeckel eines Reiseführers gepackt. Ihr erstes Buch stellt eine Ecke Frankreichs ausführlich vor, die in klassischen Südfrankreich-Führern stets zu kurz kommt.

Für mich ist es der beste Reiseführer auf Deutsch für alle, die individuell unterwegs sind – sehr gut gefallen mir die eingestreuten, oftmals überraschenden oder kaum bekannten Infos. Wie zum einzigen Dorf Frankreichs, das sich in zwei Départements befindet: Saint-Santin liegt genau auf der Grenze von Aveyron und Cantal. Wer mag, kann den Band hier* direkt online bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt. Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte.

Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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