Maiglöckchen: das traditionelle Präsent zum 1. Mai. Foto: Hilke Maunder
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Der 1. Mai und das Maiglöckchen

Alljährlich am 1. Mai in Frankreich die gleiche Szenerie: Überall verkaufen Kinder und Erwachsene in großen Körben und Schalen weiß blühende Maiglöckchen, das kleine Gebinde für einen Euro. Die kleinen Maiglöckchen-Sträuße mit dem betörenden Duft werden in Frankreich traditionell als porte-bonheur, Glücksbringer, einem geliebten Menschen geschenkt.

Und auch die Menschen, die am 1. Mai beim Tag der Arbeit die vielen Demonstrationen besuchen, tragen den Frühlingsgruß im Knopfloch. Dieser Brauch geht auf Maréchal Philippe Pétain zurück.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Chef des Vichy-Regimes im Jahr 1941 das Maiglöckchen mit dem Tag der Arbeit verbunden – bis dahin war die églantine rouge, das rote Heideröschen, die Symbolblume der Arbeiter:innen am 1. Mai gewesen.

Pétain und sein Regime jedoch versuchten, das Maiglöckchen als ein Symbol der nationalen Einheit und der Rückkehr zu traditionellen französischen Werten zu etablieren: das Maiglöckchen, instrumentalisiert für politische Propaganda. Das Anliegen scheiterte. Das Verschenken des Frühlingssymbols blieb eine Geste der Freundschaft und Liebe.

Mai-Brauch seit der Antike

Als Liebesgruß war das Maiglöckchen schon in den antiken Legenden beliebt. Apollo soll mit Maiglöckchen zu Füßen seiner Musen einen weichen Teppich bereitet haben.

Das bis zu 30 Zentimeter hohe Maiglöckchen stammt ursprünglich aus Japan. Seine kleinen, weißen, stark duftenden Glocken-Blüten sind in Trauben. Im Mittelalter kam die exotische Blüte nach Europa. Damals befestigten die Männer Maiglöckchen über die Tür der Angebeteten.

Nachdem jedoch Karl IX. 1560 offen bei Hofe Maiglöckchen an seine Damen verschenkt hatte, wurde der bis dato inkognito gesandte Liebesgruß ein gesellschaftlich anerkannter Glücksbringer. Rasch verbreitete sich der königliche Brauch im Volk.

Maiglöckchen-Verkauf in Dinan. Foto: Hilke Maunder
Dieser Junge bessert sich mit Maiglöckchenverkauf in Dinan sein Taschengeld auf. Foto: Hilke Maunder

Symbol der Sinnlichkeit

Der Duft der Maiglöckchen ist für Franzosen der Inbegriff von Weiblichkeit, Sinnlichkeit und Erotik. Mit seiner intensiven Süße und einem frischen, blumigen Charakter, fügt er sich perfekt in viele Parfums ein.

Dior lässt sein Diorissimo* nach Maiglöckchen duften. Yves Rocher hat für seinen sinnlichen Duft Muguet en Fleurs* ebenfalls den Duft seiner Blüten in den Flakon gepackt. Bei Guerlain findet ihr die betörenden Duftnoten von Maiglöckchen in Aqua Allegria*.

Selbst in sanften Herrendüften findet ihr die Extrakte der zierlichen weißen Blüten. Beliebt sind vor allem Kombination mit Sandelholz oder Ylang Ylang.

Mugueter … oh là là !

Der Brauch sorgte sogar dafür, dass ein neues Verb Eingang in die französische Sprache fand: mugueter – verführen, den Hof machen (muguet = Maiglöckchen). Seit 1. Mai 1947 ist der 1. Mai in Frankreich ein offizieller Feiertag. Und wird die Blüte auch gerne bei den Demonstrationen zum Tag der Arbeit ins Knopfloch gesteckt.

Zog man einst selbst hinaus in die Natur, um den Liebesgruß zu pflücken, brachte der neue bezahlte Urlaubstag den Wandel: Die ersten Händler kamen auf. Zunächst in Nantes, dann in ganz Frankreich.  Denn bis heute ist nur an diesem Tag – der Fête du Muguet – das Pflücken der Frühlingspflanze legal und unbesteuert.

Bonheur pour tous

Es gelten jedoch einige Regeln. Verkauft werden darf nur, was wild im Garten oder Wald selbst gepflückt wurde. Tische oder Stände sind tabu. Daher tragen die Verkäufer meist Körbe oder Schalen. Und wehe, sie wagen sich zu nahe an die Geschäfte von Floristen. Dann droht Ärger.

So stehen Kinder und Senioren, Frauen und Männer an den Plätzen, schlendern durch Straßen und Gassen und freuen sich, wenn ihr sagt: „Un brin de muguet ! “ Oder gar einen pot de muguets kauft, einen kleinen Topf. Denn der Maiglöckchenverkauf bessert auch kleine Einkommen auf. Und bringt so auch den Verkäufern plein de bonheur, ganz viel Glück.

Das Maiglöckchen-Fest

Seit 1906 gibt es auch ein eigenes Fest zu Ehren des Maiglöckchens in Frankreich: die Fête du Muguet von Rambouillet im Département Yvelines. Damals hatten die Feierlichkeiten noch nicht das Ausmaß, das sie heute haben – und erst 1911 wurde die erste Maiglöckchen-Königin gekrönt.

Damals verkehrten anlässlich dieses Volksfestes sogar Sonderzüge zwischen der Hauptstadt und Rambouillet. Wahrzeichen des Festes ist ein riesiges Maiglöckchen, das die Stadt im Jardin du roi de Rome aufstellt, dem letzten Überrest eines einst viel größeren Gartens auf der Rückseite des Westpavillons vom Palast des Königs von Rom. Hier und da sind Besucher zu sehen, die die extra für das Fest in Grün und Weiß gekleidet haben!

Die Hochburgen

Längst werden die weiß-grünen Blumen im großen Stil für den 1. Mai. angebaut. Bis heute ist Nantes die Hochburg. Dreiviertel aller muguets für den Handel werden dort gezüchtet und geerntet. Bei Temperaturen von zwei bis drei Grad Celsius warten die Frühlingsboten in Kühlhäusern auf ihren Ehrentag. Warum aber Nantes?

Das liegt nicht am Klima oder Boden, sondern an einer Innovation. Die dortigen Bauern erfanden die chassises, aufgeständerte Glasrahmen, die dank des Sonnenlichts Wärme erzeugten und das Wachstum von Gemüse beschleunigten. Auf diese Weise wurden sie zu großen Karottenproduzenten, bevor andere Kulturen folgten: Melonen, Feldsalat (mâche de Nantes) – und Maiglöckchen.

Ein zweites wichtiges Anbaugebiet für Maiglöckchen findet ihr bei Bordeaux und im Département Var. Dort befindet sich der französische Marktführer für Maiglöckchen in Töpfen. Fast eine Million Töpfe liefert er für den 1. Mai aus. Gemeinsam produziert das Trio alljährlich rund 90 Millionen muguets – und damit mehr als genug für jeden Franzosen!

Giftiger Glücksbringer

Doch Achtung: Maiglöckchen sind hochgiftig! Die Pflanze gehört zu der Familie der Spargelgewächse und ist nicht nur am Stängel, sondern auch an der Blüte toxisch. Ihre kleinen, weißen Kelche können schwere Kreislaufprobleme auslösen, wenn ihr sie berührt, und die Berührung mit dem Pflanzensaft kann sogar zum Tod führen. Daher gilt auch bei dieser Blüte: bewundern, aber nicht anfassen!

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21 Kommentare

  1. Gestern standen vor der Bäckerei in Condrieu zwei junge Mädchen und verkauften Maiglöckchen. Ich habe mein gesamtes Kleingeld ausgeschüttet und sie waren mit plus/minus 2 € zufrieden. Auf dem Weg zurück zum Boot nach Roche de Condrieu begegneten mir Jungs mit Körben. Erst heute habe ich durch deinen Artikel die näheren Umstände des Brauches kennengelernt. Vielen Dank dafür und weiterhin freue ich mich auf die vielen spannenden und interessanten Infos über unser geliebtes France.
    Jürgen

  2. Danke für den Beitrag. Habe eben noch mit meiner Frau darüber gesprochen, ob die Kinder die Blumen selbst pflücken. Vermutlich kaufen sie die aber bei Floristen hier im Vaucluse

  3. Diesem Brauch begegnete ich zum ersten Mal am 1. Mai 1973 während des Schüleraustauschs mit der Partnerschule in Noyon (Oise). Unvergessen der Ausflug mit der Gastfamilie in die Wälder zwischen Noyon und Compiègne um die Clairière d’armistice zu besuchen und anschließend im Wald Maiglöckchen pflücken und das Brauchtum erläutert zu bekommen.
    Danke Hilke für die Erinnerung an diesen an diesen besonderen Tag!

  4. Danke für die ‚Hintergrund-Infos‘ zu den Maiglöckchen als Glücksbringer, liebe Hilke. Habe im vergangenen Jahr erstmals diesen netten Brauch in ‚meiner Bretagne‘ mitbekommen. Und das Diorissimo von Dior benutze seit vielen Jahren gerne im Wonnemonat Mai…
    Liebe Grüße, Gudrun Maria Rose

  5. Vielen Dank für diesen erhellenden Artikel. Es war sehr kurzweilig, ihn zu lesen und ich habe viel Neues erfahren an diesem wunderbar sonnigen Morgen zum Start in den Mai.
    Grüße aus Mannheim
    Günter

  6. Ich habe diesen Brauch in Frankreich kennengelernt, als ich Anfang der 60er Jahre au pair Mädchen in einer wundervollen französischen Familie in der Nähe von Paris war, genauer gesagt in Soisy – sous – Montmorency.
    Da ich immer noch Kontakt zu den Kindern habe, werde ich eine Karte mit muguets verschicken, in liebevoller Erinnerung.

  7. Schade, daß es diese schöne Sitte nicht in Deutschland gibt. Maréchal Pétain hat das Maiglöckchen mit dem Tag der Arbeit verbunden – bis dahin war L‘églantine rouge (das rote Heideröschen) die Symbolblume der Arbeiter/innen am 1. Mai gewesen.

    1. Ich führe den Brauch gerade in unserer Familie ein. Macht alle mit – dann gibt’s vielleicht auch bei uns mal einen „Maiglöckchentag“.

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