Gastbeitrag: 1962 – das Bikini-Jahr

Der Lieblingsplatz von Brita Link oberhalb von Aiguebelle. Foto: privat
Der Lieblingsplatz von Brita Link oberhalb von Aiguebelle. Foto: privat

Brita Beate Link entdeckte Frankreich schon früh. Was sie mit dem Land verbindet, hat sie hier verraten. Teil zwei ihrer Geschichte gibt es hier.


Zäh zog das Jahr sich hin, bis es endlich so weit war, dass wir in den Süden fahren konnten. Meine Freundin Hélène war wieder vier Wochen in meiner Familie.

Meistens hielten wir uns im Schwimmbad auf oder meine Mutter chauffierte uns in unserem VW-Käfer durch die Gegend, damit Hélène das Nahetal kennenlernte.

Ich fand das öde, aus Höflichkeit tat sie so, als würde ihr es gefallen, aber am liebsten sind wir im Schwimmbad gewesen, zusammen mit deutschen Jugendlichen.

Wir spielten Karten und versuchten mit den ulkigsten Verrenkungen ins Wasser zu springen, was uns allen viel Spaß machte. Da gab es keine Sprachprobleme. Die deutschen Jungs fanden das schon toll, eine Französin in ihrer Mitte zu haben.

Keine Ausreise ohne Zustimmung

Der Tag der Abreise nach Crest war gekommen. Hélène sucht ihre Autorisation parentale de sortie de territoire. Ohne diesen Wisch konnte sie weder aus Frankreich ein- noch ausreisen. Es war ein Dokument der Stadtverwaltung, der von beiden Eltern unterzeichnet sein musste.

Wir waren noch nicht volljährig und bis zu ihrem 21. Lebensjahr brauchte sie den, um zu uns zu kommen. Mit unseren wenigen Sprachkenntnissen versuchten wir herauszufinden, warum wir Deutschen dieses Dokument nicht benötigten.

Wir sind zu keinem Ergebnis gekommen. Mir war mein Langenscheidt am Wichtigsten. Denn ohne ihn fühle ich mich verloren.

Wie im Jahr zuvor brachte uns meine Mutter nach Mainz zum Hauptbahnhof, wo schon einige deutsche und französische Schüler warteten.

Wir fuhren wieder mit dem Schülerwagen, der vom Partnerschaftsverband Rheinland-Pfalz – Burgund organisiert wurde und in Lyon endete. Die Bahnfahrt dauerte ca. 12 Stunden. Dann waren wir endlich im herrlichen Licht des Südens.

Crest im Fest-Fieber

Madame „verlud uns“ in ihre DS 19. Wie im  letzten Jahr wurde uns wieder übel. Sie erzählte mir, dass morgen der Quatorze Juillet sei, der Nationalfeiertag Frankreichs. Darunter konnte ich mir nichts vorstellen. Wir Deutschen hatten nur den 17. Juni, einen Tag mit Reden und trüben Erinnerungen.

Wir fielen abends todmüde in die Betten. Beim Spaziergang am nächsten Tag durch Crest traute ich meinen Augen nicht. Überall bunte Girlanden mit Fähnchen, bleu, blanc, rouge.

Die Menschen grüßten sich freundlich und alle sagten, dass sie sich auf den Abend freuten. Hélène versuchte mir zu erklären, was abends stattfinden würde, aber wir hatten unseren Langenscheidt nicht dabei.

Wir bestiegen la tour, das Wahrzeichen von Crest und genossen den wunderschönen Blick bis hin zum Vercors. Der Turm ist mit seiner Höhe von 52 m der höchste Burgturm Frankreichs.

Der Bergfried von Crest. Foto: Brita Beate Link

In diesem Bergfried wurden lange Hugenotten gefangen gehalten. Auch heute noch gibt es eine protestantische Glaubensgemeinschaft in Crest.

Auch „meine“ französische Familie gehört ihr an. Später schenkte mir meine „französische Mutter“ ein in Gold handgearbeitetes Hugenottenkreuz mit Kette. Ich trage es heute noch.

Am Abend gingen wir durch den parkähnlichen Garten meiner Freunde und kamen an die Drôme. Der große Platz war voller Menschen. Ich hörte die die Musik eines Orchesters und erkannte einen Pavillon, in dem getanzt wurde.

Donnerwetter, noch nie hatte ich Menschen im Freien tanzen gesehen und auch hier war alles mit bunten Fähnchen geschmückt. Auch auf der Straße wurde getanzt.

Ich dachte. „Das sind so fröhliche Menschen, in diesem Land bist du richtig.“ Wenn ich das zuhause erzählen würde, ob man mir glaubte?

Gegen Mitternacht brannte man ein großartiges Feuerwerk ab und die Menschen klatschten zum Dank. Mit diesen Eindrücken schlief ich ein.

Endlich: das Mittelmeer!

Am nächsten Tag würden wir weiter nach Pramousquier fahren. Endlich das Meer. Ich freute mich so, da fühlte ich mich wohl, auch wenn ich noch nicht alles verstand, was so geredet wurde.

Angekommen, trugen wir unsere Koffer in unser Zimmer, kramten den Badeanzug hervor und ein Handtuch, gingen an der Haustür durch die „Sonnencreme-Kontrolle“ von Madame.

Ohne diese durften wir nicht aus dem Haus. Wir liefen an den Strand, der nur 100 m von Les Gargoulettes entfernt war. Zunächst wurden wir vom plagiste, der auch im letzten Jahr schon auf uns aufgepasst hat, mit den üblichen bises begrüßt.

Unsere Freunde vom letzten Jahre kamen angerannt und grüßten uns auf die gleiche Art. Was für eine „Küsserei“ dachte ich, aber irgendwie fand ich das sehr liebenswürdig und habe es in meiner deutschen Familie eingeführt. Jetzt in Corona-Zeiten fehlt uns diese Art von Begrüßung sehr.

Der Strand von Le Levandou. Foto: Brita Beate Link

Dann stürzten wir uns ins azurblaue Meer, und ich fühlte: Ich bin angekommen. Wir spritzten und kreischten, tauchten uns gegenseitig unter und hatten großen Spaß.

Madame hatte einen Sonnenschirm und Matten für uns gemietet, da spielten wir Karten. Ich konnte schon einige Fragen beantworten und so tauchte ich immer mehr in die Sprache ein.

Meinen Wortschatz habe ich nicht aus der Schule, sondern am Strand peu à peu gelernt. Weil ich die Sprache lernen wollte, habe ich die Vokabeln auch behalten, ohne sie aufzuschreiben.

Die Mittags-Zeremonie

Punkt 12 Uhr mussten wir zum Mittagessen. Antoinette, die Köchin, hatte wieder lecker gekocht. Am liebsten aß ich ihren Gratin Dauphinois. Da hätte ich mich reinsetzen können.

Den zarten Knoblauchduft mochte ich sehr. Zum ersten Mal probierte ich Melonen, die ich bis dahin gar nicht kannte bzw. in Deutschland wurden sie noch nicht angeboten.

Wir halfen abräumen, und im Wechsel spülten wir und trockneten das Geschirr ab. Antoinette sollte sich ausruhen. Sie hatte so gut gekocht.

Die Glöckchen-Sprache

Doch es gab etwas, das beim Essen zunächst befremdlich für mich war. Wenn wir die Vorspeise gegessen hatten, griff Madame auf dem Tisch zum kleinen Glöckchen und klingelte.

Dann brachte Antoinette  die Hauptspeise für alle. Später klingelte sie noch einmal, und der Nachtisch wurde gebracht.

Die Regeln am Tisch waren streng. Wir durften nicht im Badeanzug an den Tisch, die Jungs nicht mit nacktem Oberkörper, und Singen war tabu. Madame versuchte, uns sieben Heranwachsende in den Griff zu bekommen.

Vor 15 Uhr durften wir nicht an den Strand. Die Sonne sei zu stark. So mussten wir la sieste auf unseren Zimmern machen. Aber dann ging es wieder los…

Wir rannten den Weg zwischen hohem Schilf schnell hinab und stürzten uns wieder ins angenehm temperierte Wasser.

Die surprise am Strand

Später, als ich zu meinem Handtuch griff und mir durch’s Gesicht fuhr, fiel mein Blick auf eine seltsam bekleidete Dame.

Bei ihrem Badeanzug fehlte in der Mitte ein Stück! Ich rieb mir noch einmal mit dem Handtuch die Augen, weil ich an eine Täuschung durch das salzige Wasser glaubte.

Dann machte ich meine Freundin und die copains darauf aufmerksam. „Ah, c’est un bikini, le dernier cri cet été,“ sagte einer. „Bikini“ fand ich nicht im Langenscheidt, aber le dernier cri. So erweiterte ich meinen Wortschatz.

Der letzte Schrei 1962: der Bikini. Foto: Brita Beate Link

Am nächsten Tag konnten wir mit Madame zum Einkaufen nach Lavandou. Wir wollten beide einen Bikini haben. In den Geschäften für Bademoden waren sie sündhaft teuer.

Novum 1962: le bikini 

Madame meinte, wir sollen doch mal in einen Supermarkt gehen, dort seien sie sicher erschwinglich. Das stimmte. Gerne hätte ich einen mit Vichy-Karo gehabt, aber die waren auch noch heftig im Preis. Es war halt die Mode des Sommers.

Also kauften Hélène und ich einen schlichten, einfarbigen. Das war für den Anfang gar nicht so schlecht. Zuhause schlüpften wir sofort rein bzw. kämpften noch eine Weile mit dem Oberteil. Es war sehr ungewohnt, mit einem nackten Bauch herumzulaufen, aber auch sehr angenehm in der Hitze.

Mode vom Maschinenbauer

Irgendwann erfuhr ich dann, dass der Maschinenbau-Ingenieur Louis Réard ihn kreiert und nach dem „Bikini-Atoll“ in der Südsee benannt hatte, das 1946 in aller Munde gewesen sein muss.

In Deutschland kannte man dieses seltsame Kleidungsstück bzw. kaum Kleidungsstück noch nicht. Oh je, wie sollte ich das meinen Eltern erklären, dass ich am Strand mit nacktem Bauch herumlief? Egal, ich war noch nicht zuhause und fühlte mich wohl damit.

Unpraktisch beim Klippenspringen: der Bikini. Foto: Brita Beate Link

Rutschpartie beim Klippenspringen

Allerdings, wenn wir „Klippenspringen“ machten, dann rutschte der BH unters Kinn, und das Höschen saß auch woanders. Das war dann doch eher unpraktisch.

Klippenspringen bedeutete, von Felsvorsprüngen kopfüber ins Meer springen. Es gab niedere Absprünge, mittlere und hohe. Die Angeber sprangen immer von den hohen Felsen herunter, aber das Meer war tief genug. Es konnte nichts passieren.

So langsam gingen auch diese vier Wochen im Jahr 1962 vorbei. Am letzten Abend durften wir noch mal an den Strand. Wir (ca. 14 Jugendliche) lagen im Kreis, die Köpfe zur Mitte, so dass wir uns anschauen konnten.

La Rue du Lait

Irgendwann drehten wir uns alle um, um den wunderschönen Abendhimmel zu bestaunen. Es war August, es gab einige Sternschnuppen. Ich entdeckte die Milchstraße.

Und  wollte mich natürlich mitteilen: „Regardez là-haut, LA RUE DU LAIT !“ Es ertönte schallendes Gelächter, was durch die ganz Bucht hallte. Meine Freunde hielten sich die Bäuche vor Lachen.

Da hatte ich wohl was Falsches gesagt !! Aber mir war das egal, von denen konnte keiner Milchstraße in Deutsch sagen, aber alle wussten was ich meinte.

Der erste, der wieder Luft holen konnte, sagte zu mir: Non, Brita, c’est la voie lactée ou la galaxie“, Ich stammelte: „Merci“ und musste dann auch lachen. Wir lachten zusammen und gingen fröhlich nachhause.

Le bikini und la voie lactée, das sind die Vokabeln die ich im Sommer 1962 gelernt hatte.

Brita Beate Link gehört zu den inzwischen schon vielen Gastautoren, die in dieser Blogparade auf Mein Frankreich.com ihre Verbundenheit zu Frankreich vorstellen – ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.
Ich freue mich, wenn  viele von euch ihrem Beispiel folgen und ihre Texte euch zum Mitmachen inspirieren. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail an info at maunder punkt de!
Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht, nachdem ihr vor der Veröffentlichung noch einen Blick darauf geworfen habt. Alles bisherigen Artikel findet ihr hier.
Der Strand von Le Lavandou-Aiguebelle bei Nacht. Foto: Brita Beate Link

 

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