Mein Frankreich: Heidi Hochapfel

Auf meiner Terrasse - in der Ferne der schneebedeckte Canigou. Foto: Heidi Hochapfel
Auf meiner Terrasse - in der Ferne der schneebedeckte Canigou. Foto: Heidi Hochapfel

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal stellt Heidi Hochapfel ihr Frankreich vor.


Seit kurzem bin ich eifrige „Mein Frankreich“ Anhängerin geworden. Deshalb möchte auch einen kleinen Beitrag leisten und mich der Reihe der Frankreich-Fans anschließen mit einem kleinen Bericht, wie dieses Land mich bis heute begeistert und beeinflusst hat.

Ich, Jahrgang 1946, stamme aus Kiel, also nicht ganz nah an la douce France. Dank eines Französischlehrers, der die ganze Klasse bis zum Abi so sehr motivierte, dass später ein hoher Prozentsatz Romanistik studierte, wurde ich Frankreich-süchtig.

Wir lasen Molière, lernten Rimbaud, Verlaine, Baudelaire-Gedichte, sogar den Monolog des Cid auswendig (kann ich teils noch heute!), ackerten die Grammatik durch, lasen Maupassant – und alles so fundiert, daß ich bestens vorbereitet war für mein späteres Studium.

Was wir allerdings NICHT konnten, aber das war nicht die Schuld des sonst fabelhaften Pädagogen, sondern allgemein damalige Didaktik beim Sprachenlernen: Alltagsfranzösisch gab es nicht, sodass man z.B. umsteigen oder nach dem Weg fragen nicht gekonnt hätte. Ein Ronsard-Gedicht wäre dabei wenig hilfreich gewesen…

Wunderschön amphibisch: die Lagunenlandschaft bei Leucate. Foto: Heid Holzapfel
Wunderschön amphibisch: der Blick auf La Franqui. Foto: Heidi Hochapfel

Ich habe später meine Examensarbeit über die Stereotypen in französischen Lehrbüchern verfasst: Monsieur Dupont lit le journal, Madame Dupont cire le plancher.  La Tour Eiffel a une santé de fer – heute unvorstellbar!

Völlig ohne Plan, was ich werden wollte, ging ich nach dem Abi  sechs Monate an den Genfer See als „blauer Engel“ im ökumenischen Institut Bossey. Von dort zum ersten Mal nach Annecy und weiter. Ich begann dann ein Anglistik/Romanistik-Studium in Kiel, wechselte aber schnell nach Freiburg.

Viele Ausflüge in das vor der Tür liegende Elsass, Sundgau, Lothringen. Campingferien in der Provence und Burgund, ein Semester in Genf. Mehrmals Au-pair bei einer tollen Pariser Familie, sie Harfenistin, er Statistiker, mit Ferienhaus in der Drôme.

Monsieur versorgte mich an jedem freien Tag in P. mit einem detaillierten Plan über Besichtigungen, Öffnungszeiten, Metroverbindungen. Der Kontakt besteht bis heute. Die Enkelin war bei uns zu Besuch zwecks Aufbesserung ihrer Deutschkenntnisse fürs bac.

Blick von der Terrasse in Leucate Richtung Süden, wo die Ausläufer der Pyrenäen den Horizont schmücken. Foto: Heidi Hochapfel

Eine Abiturientin aus meinem Ort wurde samt Freundin zwei Wochen bei der inzwischen alten Dame gastlich aufgenommen, um Paris zu erkunden und das Französisch fürs Abi aufzupolieren.

Mit meinem in Straßburg geborenen (!) Mann machten wir dann unzählige Urlaube in Frankreich, später auch mit unseren Söhnen. Von Fontvieille erkundeten wir Les Baux, damals noch nicht überlaufen, und den Luberon.

Bonnieux und Ménherbes, heute Eldorado reicher Pariser, waren damals romantische Ruinen inmitten Brombeergebüsch und wilden Feigen. Ferien in der Bretagne, in Burgund, am Atlantik… – wir begeisterten uns immer wieder neu für diese tolle Land.

Als ich beruflich kürzer trat wegen meiner winzigen Söhne, war mein intellektuelles Highlight der Woche, zwischen Windelwechseln und Kinderkrankheiten, ein Konversationskurs in Ravensburg, gehalten von Jeanne, einer dort lebenden Pariserin.

Foto: Heidi Holzapfel
Textilbild “Dordogne”. Foto: Heidi Hochapfel

Wir lasen gemeinsam etliche Romane, diskutierten lebhaft, frischten unser Französisch auf. Bis heute besteht dieser Kontakt weiter, inzwischen mit einem privaten cercle littéraire.

Oft waren wir in ihrer Wohnung in Paris, unterhalb Montmartre, quasi der weniger touristischen Seite, und genossen die Großstadt, besonders Theateraufführungen. So sahen wir z. B. Oscar et la dame rose, ein abendliches Solo von Danielle Darrieux, unvergesslich!

Als meine Söhne in der Oberstufe waren und meine mütterliche Präsenz nicht mehr so nötig, nutzte ich die Angebote des OFAJ und machte diverse Fortbildungen: in Vichy, wo ich meine Freundin Christine kennenlernte, mit der ich bis heute regelmäßig Kurztrips nach Paris mache.

In Dijon, wo ich den unvergesslichen Fritz Kerndter vom Deutsch-Französischen Jugendwerk erlebte, einen hochgebildeten Europäer, der uns begeisterte. In Tours, mit Ausflügen an die Loireschlösser.

In Montpellier, wo meine Liebe zum Languedoc-Roussillon, jetzt Occitanie, entstand. Wo meine Freundin ein Interview mit dem Front National machte. Jeder musste „Aufgaben“ während des 14-tägigen stage erledigen.

Foto: Heidi Holzapfel
Genähte Katharerburg, Foto: Heidi Hochapfel

Und wo wir zwei Tage lang jeweils bei Winzern untergebracht waren, und Christine und ich das Glück hatten, auf einem einsamen Weingut oberhalb der Causses im Minervois zu landen. Nie hatte ich vorher soviel unendlichen Sternhimmel gesehen wie dort.

Inzwischen hatte unser Bodenseeörtchen eine französische Partnerstadt bekommen, eine kleine Stadt am Cher. Mit einer Delegation fuhr ich dorthin, meine einzige Sorge war, in einer Familie mit Hunden zu landen, vor denen ich bis heute Angst habe.

Nach 800 km setzte man mich vor der Tür meiner Gastfamilie ab. Schon von fern hörte man Hundegebell. Zwei Retriever sprangen mir entgegen. Die sich dann aber als überaus freundlich erwiesen, und die Dame des Hauses wurde zu einer engen Freundin! Das ist nun 25 Jahre her.

Später zog sie ans Mittelmeer, nach Leucate. Oft besuchten wir sie dort mit dem Wohnmobil. Bis sie eines Tages beiläufig sagte, in ihrer Nähe sei ein Haus zu verkaufen. Wir lachten und meinten, so einen Unsinn würden „alte Leute wie wir” nicht mehr machen.

Sie schloss auf – und wir schauten gleichzeitig aufs Mittelmeer zur Linken, den Étang de Salses vor uns, die Pyrenäen mit dem Canigou im Hintergrund! Und entschieden innerhalb von drei Tagen den Hauskauf!

Foto: Heidi Holzapfel
Boulespieler, appliziert von Heidi Hochapfel

Seither verbringen wir dort jährlich viele Wochen, kraxeln in den Corbières herum, genießen immer wieder die himmlische Aussicht, baden im Meer direkt vor der Tür, haben Freunde dort und schwelgen auf der Terrasse beim apéro dinatoire mit Rivesaltes, Melone, Oliven…

Wir diskutieren amüsiert über deutsche und französische Eigenheiten. Zum Beispiel welche verschiedene Aussage ein „ah bon!“/ Ah bon?“ haben kann. Oder umgekehrt, wie ein Franzose das deutsche„Hm-hm“ interpretieren soll.

Ausflüge auf die Halbinsel St-Martin bei Gruissan (das Weingut von Pierre Richard liegt dort! Auch ein Blogbeitrag!) mit zauberhaften Blicken auf den Étang, Fahrradfahren nach Narbonne entlang des Canal de la Robine…

Wir schmökern in der immensen Bücherscheune in Le Somail am Canal de Midi. Entdecken immer wieder neu traumhafte Dörfer wie Lagrasse oder Eus. Man könnte unendlich weitermachen mit all den wunderschönen Ausflugszielen, on ne s’en lasse pas!

Freundschaften entwickelten sich auch anderweitig. So gab es einen Orchesteraustausch zwischen Lyon und Weingarten. Die zwei ältesten Bratscher, also mein Mann und Bernard, wurden zusammengebracht. Seither besteht ein enger Kontakt mit diesen Lyoner Freunden.

Foto: Heidi Holzapfel
“Mein Süden”. Foto: Heidi Hochapfel

Es gibt noch eine ganz andere Frankreich-Komponente bei uns: Unser jüngerer Sohn bewarb sich 2006 mit Erfolg nach seinem Gitarren  und Cello-Studium in München um ein Stipendium an der Cité des Arts in Paris, vergleichbar für Künstler mit der Villa Massimo in Rom.

Traumhaft gelegen am Seineufer mit Blick auf die Île de la Cité und die Île St.Louis. Er blieb dann dort hängen, hat inzwischen eine Pariserin geheiratet, und wir haben zwei deutsch-französische Enkelinnen. So fahren wir nun zum „Kinderhüten”  nach Paris. Wieder ein ganz neuer Aspekt dieser Stadt!

Die Zweisprachigkeit der Mädchen ist faszinierend, für beide Seiten bereichernd. Der neue Teil unserer Familie, also die Schwiegereltern meines Sohnes in der Bretagne, hat uns mit offenen Armen empfangen. Wieder ein französisches Phänomen: der herzerwärmende Familiensinn.

Foto: Heidi Holzapfel
Jeu de Boules. Foto: Heidi Hochapfel

Zuletzt noch ein ganz anderer, sehr persönlicher Aspekt meiner Frankreich- Begeisterung: Als Augenmensch versuche ich, Eindrücke in meinen Stoffbildern festzuhalten, habe auch schon in Frankreich ausgestellt.

Ein Paradies für Textilfans wie mich sind der Marché Saint-Pierre unterhalb Montmartre und die Firma STOF in Saint-Bonnet-le-Château südlich von Saint-Étienne.

Dieser kleine Umweg auf der Rückreise nach Deutschland zu einer der sicher tollsten Stoff-Design-Firmen in Europa lohnt sich immer!

So ist Frankreich ein ganz wichtiges Element für mich und meine Familie geworden!


Der Beitrag von Heidi Hochapfel ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Stoffbild “Corbieres” von Heidi Hochapfel
Merci für's Teilen!

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