Mein Frankreich: Werner Münzel

Blicl auf Semur-en-Auxois vom Armancon. Foto: Werner Münzel
Blick auf Semur-en-Auxois vom Armançon. Foto: Werner Münzel

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Celia Šašić hatte den Auftakt gemacht. Seitdem haben viele an dieser Reihe mitgewirkt. Diesmal stellt Werner Münzel sein Frankreich vor.


Was soll ich zu mir sagen? Ich bin bekennender Frankreich-Fan, lebe in Höhr-Grenzhausen (das liegt ungefähr 12 Kilometer entfernt von Koblenz), bin verheiratet, habe drei erwachsene Kinder und bin seit 1. Mai 2020 in Rente. Ich bin seit Jahren Vorsitzender des Freundschaftskreises von Höhr-Grenzhausen mit Semur-en-Auxois und liebe Frankreich seit Jahrzehnten.

Angefangen hat das wohl damals in Paris. Zum ersten Mal war ich alleine da und sofort fasziniert – Liebe auf den ersten Blick sozusagen. Vom Montmartre in der Dämmerung auf die Stadt runter gucken, die Atmosphäre von Hunderten, meist junger Leute auf den Treppen, das Flair der Place du Tertre trotz des Gedränges war einmalig.

Werber Münzel. Foto: privat

Kurz danach bin ich mit einem Freund wieder hingefahren, und wir haben beim Grand Palais in einem Bistro gesessen und uns unterhalten. Am Nebentisch saß eine junge Frau. Sie hat uns auf Deutsch angesprochen und gefragt, ob wir Deutsche sind. So kamen wir ins Gespräch, und ½ Stunde später hat sie zu Hause bei Maman angerufen und ihr gesagt, dass sie zum Abendessen deux petits Allemands mitbringe. Ich bin übrigens 1,95 m groß.

Es wurde ein wunderbarer Abend. Die Familie hat aufgefahren, als ob es kein Morgen mehr gäbe – wir haben uns leider im Lauf der Jahre aus den Augen verloren.  So hat das angefangen mit meiner Affinität zu Frankreich. Wir haben immer wieder und in vielen Ecken diese unglaubliche Gastfreundschaft erlebt, in den letzten Jahren ganz besonders in Semur.

Dorthin zu kommen, ist, wie nach Hause kommen. Es ist mir dort schon passiert, dass ich auf der Straße angesprochen wurde mit einem fröhlichen „Bist du auch mal wieder da!?“ So sind sie, die Franzosen: Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, auf sie zugeht, versucht, ihre Sprache zu sprechen und dies unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen sind sie zugänglich, hilfsbereit und ausgesprochen herzlich.

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Mein Frankreich ist eigentlich sehr groß. Ich liebe die Normandie genauso wie die Provence, das Elsass genauso wie die Gorges du Tarn oder das Aubrac. Mein eigentlicher Bezugspunkt aber ist die Bourgogne, und da ganz besonders ein wunderschönes mittelalterliches Städtchen: Semur-en-Auxois.

Die Bourgogne ist ein stilles Land. Die Wege sind für deutsche Verhältnisse weit, die Dörfer und Städte her klein, und auch die „Metropolen“ wie Dijon sind eher überschaubar. Das Land ist nicht spektakulär wie die Alpen, nicht so schroff wie die Küstenregionen im Norden und auch nicht so sonnenüberflutet wie die weiter südlich gelegenen Landesteile.

Es ist eher hügelig, und der vorherrschende Farbton ist grün. Geprägt von Weinbau und Landwirtschaft mit für viele deutsche Regionen geradezu riesigen Feldern, winzigen Dörfern und kleinen Städtchen – und fast alle haben irgendetwas zu bieten.

 

Semur-en-Auxois: Blick auf die Kollegiatskirche Notre-Dame vom Pont Pinard. Foto: Werner Münzel

Das erste, was man von Semur zu sehen bekommt, wenn man über die D 980 aus Richtung Montbard anreist, ist die Kollegiatskirche Notre-Dame. Sie überragt das Städtchen und ist schon von Weitem zu sehen. Beim Näherkommen erst erkennt man die besondere Lage des Stadtzentrums.

Es befindet sich auf einem Felssporn, den der Armançon tief in den Granit eingeschnitten hat – was bedeutet, dass man erst mal runter ins Tal muss, dort den Armançon über eine uralte Brücke, den Pont Joly, überquert, um dann auf der anderen Seite steil wieder hochzufahren. Doch schon beim Runterfahren beeindruckt die alte Burg, neben der Collégiale das zweite historische Gemäuer.

Der Pont Joly. Foto: Werner Münzel

Vier mächtige Türme an den vier Ecken sind markante Marken. Einer davon, die Tour de l’Orle d’Or, die genau am anderen Ende des Pont Joly aufragt, zeichnet sich durch einen mächtigen Riss von oben nach unten aus. Zwischen der Burg und der Collégiale beinahe eingezwängt befindet sich das historische Stadtzentrum.

Früher konnte man es nur durch die Porte de Sauvigny mit ihrem Vortor (Avant Porte) betreten. Und genau hier, im Sauvigny-Tor, steht hoch oben unter der Decke der „Wahlspruch“ der Semurois geschrieben:  „Les Semurois se plaisent fort en l’acointance des estrangers“, Frei übersetzt heißt dies etwa soviel  wie „Die Semurer freuen sich sehr über Beziehungen zu Fremden“.

Der Wahlspruch von Semur-en-Auxois. Foto: Werner Münzel

Der Ausspruch wird dem deutschen Humanisten Sebastian Münster aus dem Jahr 1552 zugeschrieben, und genauso kann man die Semurois auch erleben. Wir haben dort Freunde gefunden und viele unvergessliche Stunden verleben dürfen.

Mit besonderem Leben erfüllt wird der Wahlspruch bei zwei jährlich kurz hintereinander folgenden spektakulären Veranstaltungen. Zum einen ist das der Cours de la Bague, eines der ältesten Pferderennen der Welt. Seit 1639 (!) wird es ausgetragen.

Blick auf die Burg von Semur-en-Auxois. Foto: Werner Münzel

Das Rennen – oder besser die Rennen – haben viele Besonderheiten. Wenn man sich von der anderen Stadtseite nähert, begleitet eine kilometerlange, schnurgerade Allee die D 954, die von Venarey-les-Laumes aus heraufführt nach Semur. Und diese Allee ist der Austragungsort der Rennen.

Zum Zweiten kommen die Teilnehmer aus dem Umkreis der Stadt, und so differiert die Zahl der teilnehmenden Pferde/Reiter von Jahr zu Jahr.

Und zum Dritten gibt es „normale“ Trab- und Galopprennen mit Warmblütern, aber, und das ist etwas ganz Besonderes, gibt es auch ein Rennen mit schweren Kaltblütern. Allein das Geräusch der galoppierenden Riesenpferde, die von Reitern in historischen Kostümen geritten werden, ist einen Besuch wert!

Semur-en-Auxois: Nahe der Porte de Sauvigny findet ihr das Restaurant Le Mont Drejet. Foto: Werner Münzel

Umrahmt wird das Rennwochenende, welches immer am letzten Maiwochenende stattfindet, von einem Volksfest und einem riesigen Markt. Normalerweise hat Semur etwas über 4000 Einwohner. Beim Cours de la Bague verzehnfacht sich die Zahl locker! Alles, was in der Region Rang und Namen hat, trifft sich zuerst auf der Ehrentribüne und anschließend beim Empfang.

Das historische Stadtzentrum bietet die perfekte Kulisse für das alljährliche Mittelalterfest. Fast die ganze Stadtbevölkerung nimmt daran – zum großen Teil kostümiert – teil. Da finden sich Zauberkünstler und Gaukler, Ritter und Edelleute, Bettler und fahrendes Volk.

Semur-enAuxois: Auch Notre-Dame schmückt sich zum Stadtfest. Foto: Werner Münzel

Frau Bürgermeisterin schreitet mit ihrem Gefolge, den Beigeordneten, huldvoll und natürlich ebenfalls kostümiert durch die Stadt. Überall finden größere und kleinere Auftritte von Straßenkünstlern und Musikanten statt, Räuberlager findet man ebenso wie die Stadtwache, die ab und an auch einen „Gefangenen“ im historischen hölzernen Gefangenenwagen zur Tour de la Prison bringt.

Man fühlt sich wirklich ins Mittelalter versetzt, lässt sich durch die Sträßchen und Gassen treiben, oder wenn einem der Rummel zu viel wird, geht man über eine von mehreren Treppenanlagen runter zum Ufer des Armançon. Da hat man an diesen Tagen seine Ruhe. Aber Vorsicht: Man muss auch wieder die Treppen rauf.

Semur-en-Auxois: Durch diesen Durchgang kommt ihr zur Place de l’église. Foto: Werner Münzel

Nicht nur Semur selbst ist unbedingt einen Besuch wert. In der Nähe finden sich weitere, unbedingt lohnenswerte Ausflugsziele.

Ein besonderes Schmuckstück ist die ehemalige Benediktinerabtei von Fontenay im Örtchen Marmagne. Eine wunderbare, sehr gepflegte und zum Teil restaurierte ehemalige Klosteranlage, die einen Einblick in das Klosterleben früherer Jahrhunderte ermöglicht.

Die Klosteranlage von Fontenay. Foto: Werner Münzel

Ebenfalls in der Nähe – fast auf direktem Weg von Semur nach Fontenay – liegt Alise-Sainte-Reine, das ehemalige römische Alesia. Hier haben im Jahr 52 v. Chr. die Legionen von Julius Cäsar die vereinigten Avernerstämme unter ihrem Anführer Vercingetorix besiegt.

Das Vercingetorix-Denkmal von Alise. Foto: Werner Münzel

Zur Erinnerung an Vercingetorix wurde ihm auf einem Hügel über Alise-Saint-Reine eine monumentale Statue errichtet. Und mehr noch: Auf dem ehemaligen Schlachtfeld wurde mit dem MuséoParc Alésia ein super modernes römisches Museum mit interaktiven Elementen, Filmvorführungen, römischen Exponaten und Live-Vorführungen der Trainings römischer Legionäre errichtet – ein Ausflugsziel par excellence für die ganze Familie.

Und ebenfalls gleich um die Ecke liegt das Schloss Bussy-Rabutin. Verlässt man Semur hingegen Richtung Westen, erreicht man nach etwa zehn  Kilometern den Ort Époisses.

Der Ort beheimatet nicht nur ein weiteres durchaus sehenswertes Schloss, sondern ist auch Heimat und Namensgeber eines in der Nase überaus würzigen Käses, der zusammen mit einem frischen Baguette und einem französischen Roten genossen den Himmel ziemlich nahe bringt!

Der Ehrenhof des Château de Bussy-Rabutin. Foto: Hilke Maunder

Es gäbe noch viele Empfehlungen für zu machende Entdeckungen in dieser wunderbaren Ecke Frankreichs, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Deshalb nur noch einige wenige Schlagworte lohnenswerter Ziele: die Hauptstadt der Bourgogne, Dijon, mit ihrem einzigartigen Musée des Beaux-Arts, in dem die Zeit der großen Burgunderherzöge wieder lebendig wird.

Das über 1000jährige-Vézelay, bekannte Wallfahrtsort und Ausgangspunkt einer der Routen des Jakobswegs. Montbard, eine am Canal de Bourgogne gelegene Kleinstadt mit Parc und Musée Buffon und TGV-Anschluss nach Paris und Marseille. Die schnellen Züge sind in einer knappen Stunde an der Gare de Lyon in Paris.

Châteauneuf-en-Auxois, ein winziges Dorf mit gerade mal 85 Einwohnern, mit einem riesigen Chateau auf einem Hügel errichtet und zu Recht ausgezeichnet mit dem Titel der plus beaux villages de France.

Châtillon-sur-Seine mit der frühmittelalterlichen Kirche Saint-Vorles und einem Museum, welches die Heimat der sogenannten vase de Vix ist.

Dieses riesige bronzene Gefäß hat ein Fassungsvermögen von etwa 1100 Litern und eine Höhe von 1,64 Metern. Gefunden wurde die Vase im Jahr 1953, hergestellt wahrscheinlich um das Jahr 500 v. Chr.

Und den Rest müsst ihr selbst entdecken – viel Spaß dabei!

Semur-en-Auxois. Foto: Werner Münzel

Der Beitrag von Werner Münzel ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Semur-en-Auxois: Der Brunnen im Garten der Mairie. Foto: Werner Münzel
Pont Pinard. Foto: Werner Münzel
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12 Kommentare

  1. Wie ist es aus dem eigenen Herzen geschildert: „Bekennender Frankreichfan“ und „als wenn man nach Hause kommt“!!
    Genauso geht es meiner Frau und mir auch immer, wenn wir unser Städtchen Saint-Antonin-Noble-Val und unser Häuschen in der Umgebung erreichen – leider gerade alles nicht so einfach. Habe mir gerade vorgenommen, im nächsten Jahr mit frischen Bildern auch mal einen Beitrag zu versuchen…
    Und Danke an Werner – das Interesse ist geweckt, mal auf der Reise dort im Burgund Zwischenstation zu machen… Dankeschön!!
    Holm

    • Lieber Holm,
      vielen Dank für den netten Kommentar. Ich habe euer Saint Antonin Noble Val mal gegoogelt und voller Freude festgestellt, dass wir dort in der Nähe in Urlaub waren (wobei Nähe französisch relativ gemeint ist-wir waren im Aveyron in der Nähe von Espalion und haben auch mal einen Ausflug nach Villefranche de Rouergue gemacht). Das ist eine traumhaft schöne Ecke da unten, landschaftlich, kulturell, historisch,… Da fahren wir ganz bestimmt wieder hin! Viel Spaß weiterhin mit eurem Haus!

  2. Kann mich den Kommentaren besonders übers Burgund nur anschließen
    Ich liebe den Canal de Bourgogne.Habe ihn schon mehrfach zw.St.Florentin und Dijon befahren.Trotz der vielen Schleusen immer wieder ein Traum.Man ist in einer anderen Welt.

  3. Mein Opa war als Soldat 1940 in Frankreich um den Erbfeind zu besiegen. Meine Familie und ich sind seit 1997 zu Gast in Frankreich. Damals haben wir unser Ferienhaus dort gekauft. Wir lieben das Land und die Menschen dort. Uns wurde stets freundlich begegnet. Vielen Dank dafür.

  4. Frankreich ist wunderbar. Unsere Tochter ist mit einem Franzosen verheiratet und wohnt in der Charente. Wir sind sehr oft dort. Auch wenn es jetzt nicht immer so einfach ist. Wir lieben dieses schöne Land. Viele lieben Dank für die schönen Beiträge und Bilder.

  5. Wir finden es einfach wunderbar, diese schönen Gastbeiträge zu lesen und vieles zu finden, was einen selbst bewegt. … dorthin zu kommen ist wie nach Hause kommen…. auch das finden wir. Das einem herzlich begegnet wird, wenn man sich bemüht den Menschen in ihrer Sprache nahezukommen… dann ist es uns auch schon oft passiert, dass unser Gegenüber sein Schuldeutsch ausgepackt hat. Bitte weiter so.

  6. Liebe Frankreichfreunde, es ist immer eine Freude Gastkommentare oder Beiträge zu lesen. Wir reisen seit vielen Jahren kreuz und quer durch unsere schönes Frankreich, dennoch lese ich hier immer noch Neues.Vielen Dank dafür und Allen noch schöne Aufenthalte und Reisen.

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