Lagrasse: Bilderbuchort der Corbières

Die römische Brücke von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Die römische Brücke von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder

Lagrasse, die alte Hauptstadt der Corbières im Süden von Frankreich. Wunderschön liegt sie am Ufer des Orbieu, den seit Römertagen eine Bogenbrücke überspannt. Das brachte dem Ort die Auszeichnung als eines der Plus beaux villages de France (schönste Dörfer Frankreichs) ein –  Altstadt und Abtei gehören zu den Touristenmagneten im Pays Cathare, dem Katharerland des Départements Aude.

Die Straße, die von der Abfahrt der Autobahn A 61 bei Lézignan-Corbières nach Lagrasse führt, steigt aus dem Tal, in dem der Canal du Midi Richtung Mittelmeer zustrebt, zunehmend leicht an. Die Reben weichen nach und nach den Weiden und Wäldern der Corbières. Sie folgt dem Orbieu, erklimmt einen Hügel und offenbart hinter einer Kurve den wohl schönsten Blick auf Lagrasse: Eingebettet in die Senke des Tals, in dem der Fluss fließt, ruht das mittelalterliche Dorf am Ufer des Orbieu, über den eine Steinbrücke hinleitet zur majestätischen Abtei des Ortes.

Die Benediktiner von Lagrasse

Mehr als 1000 Jahre lang prägten die Benediktinermönche der Abtei Sainte-Marie d’Orbieu am gegenüberliegenden Ufer das Dorfleben. 778 soll dort der Mönch Nimphridius (auch Nébridius genannt) ein wahres Wunder vollbracht haben.

Er vermehrte das Brot für die Soldaten Karls des Großen auf so erstaunliche Weise, dass der Kaiser ihm zum Dank 779 ein Kloster gründete und es unter seinen Schutz stellte. Bei der Französischen Revolution wurde das Kloster 1791 säkularisiert, sein Besitz in zwei Teile aufgeteilt und versteigert.

Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Der Turm der Abteikirche überragt das alte Dorf. Foto: Hilke Maunder

Die zweigeteilte Abtei

Die Zweiteilung besteht bis heute. In den größeren Bereich sind die Mönche der Regularkanoniker, der Chanoines réguliers de la Mère de Dieu, eingezogen. Regularkanoniker sind Mitglieder einer Stiftskirche, die nach einer Ordensregel leben. Sie haben meist die Priesterweihe empfangen und Ordensgelübde abgelegt, ohne jedoch Mönche zu sein. Die Ordensregel basiert in der Regel auf einer der beiden Regeln des heiligen Augustinus, dem Ordo antiquus oder dem Ordo novus.

Der kleinere Bereich ist im Besitz des Départements Aude. Gemeinsam wurden einige Bereiche für Besucher geöffnet. So könnt ihr dort in einem faszinierenden Ensemble aus der Zeit des Mittelalters bis zum 18. Jahrhundert einen der rätselhaftesten wie begabtesten Bildhauer des Mittelalters entdecken: den Meister von Cabestany. In seinem Geburtsort Cabestany südlich von Perpignan ist ihm ein Museum zur romanischen Skulpturkunst gewidmet.

Der rätselhafte Meister

Maître de Cabestany: Der Kopf verrät. Früher waren die Skulpturen farbig bemalt. Foto: Hilke Maunder
Der Kopf verrät: Früher waren die Skulpturen farbig bemalt. Foto: Hilke Maunder

Nur wenig weiß man über den Mann, der Ende des 12. Jahrhunderts mit einem ganz eigenen Stil seine Figuren darstellte. Typisch für seine Menschen sind die fast dreieckigen Gesichter mit niedriger Stirn, flachem Kinn, großen Ohren und hohen Wangenknochen. Die Augen sind mandelförmig und schräggestellt, und oft auch durch Bohrlöcher besonders betont.

Auffallend sind auch die großen Füße und Hände der Figuren. 121 Skulpturen hat man mittlerweile in Katalonien, Navarra und im Süden Frankreichs von diesem unbekannten Meister identifiziert. In der Abteikirche von Lagrasse findet ihr einige Fragmente von Skulpturen, die einst zum Portal gehörten, weitere auf dem benachbarten Friedhof.

Die Abteikirche von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Die Abteikirche von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder

Die Abteikirche von Lagrasse

Die Abteikirche von Lagrasse ist ein auffallend schlichter gotischer Saalbau aus dem 13. Jahrhundert. Im Obergeschoss kommt ihr zum Vorraum der Abtskapelle. Bunt bemalte Quader in Schwarz, Rot und Gelb schmücken ihn. Hingucker der eigentlichen Abtskapelle ist der offene Dachstuhl. Vorbei an der Speisekammer kommt ihr zum Schlafsaal der Mönche. Ihr Dormitorium ist ein riesiger Saal. Ihn überspannen gemauerte Spitzbögen, auf denen die Pfetten des Daches aufliegen.

Auch der große Glockenturm, die ehemalige Sakristei und der Bischofspalast sind eingebunden in eine Besichtigung. Den barocken Kreuzgang, der seit 1760 einen romanischen Vorgängerbau ersetzt, könnt ihr euch ebenfalls ansehen.

Schon gewusst?

Die mittelalterliche Abtei von Lagrasse ist Teil des Kulturzentrums Arts de Lire. Das Kulturzentrum für Lesekunst zielt darauf ab, die Abtei mit ihrer Tradition der mittelalterlichen Minuskel auch heute mit der Welt des Schreibens und dem jahrhundertelangen Austausch von Ideen und Gedanken lebendig zu erhalten und so auch die Zukunft des Denkmals zu sichern.

So könnt ihr nicht nur den Abtpalast, die obere Kapelle, den Keller und das nördliche Querschiff entdecken, sondern auch an Begegnungs- und Lernaktivitäten rund um Bücher teilnehmen. Auch eine Bar, eine Buchhandlung und ein Shop gehören zu diesem lebendigen Kulturzentrum.

Der Charme alter Gassen und Plätze

Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Und immer wieder die Brücke… ein Traum! Foto: Hilke Maunder

Bogenbrücke, Stadttor und Stadtmauer, Bürgerhäuser, alte Gassen und eine steinerne Markthalle: Lagrasse hat die Auszeichnung als eines der schönsten Dörfer Frankreichs verdient. Und will zu Fuß erkundet werden. Eine ausgeschilderte Route ermöglicht es, ganz gezielt die Schätze dieses alten Dorfes zu entdecken.

Im alten Herzen von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Im alten Herzen von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder

Oder lasst euch einfach durch die Gassen treiben. Seht euch dabei einmal die mittelalterlichen Häuser etwas genauer an. 15 von ihnen stehen unter Denkmalschutz. Und verpasst nicht die Maison du Patrimoine mit ihrer Holzdecke aus dem 14. Jahrhundert.

Ihre closoirs, schmale Füllbretter zwischen den kleinen Deckenbalken („Kinderbalken“) zeigen neben Wappen auch figürliche und szenische Darstellungen. So führen dort unter anderem zwei Bauern einen Pflug, der von einem Esel gezogen wird!

Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Feldsteinschönheit in Grün. Foto: Hilke Maunder

Neben solchen humoristischen Szenen tummeln sich auch Ritter auf dem Holz. Und sogar erotische Darstellungen fehlen nicht. Auch das spätgotische Wohnhaus im Haus Nr. 6 in der Rue du Foy birgt im Obergeschoss eine bemalte Holzdecke mit figürlichen Motiven. Leider lässt sich diese Decke nur besichtigen, wenn man mit dem Hauseigentümer bekannt ist.

Dorftraum in Feldstein: Lagrasse am Orbieu. Foto: Hilke Maunder
Ländliche Beschaulichkeit prägt Lagrasse. Foto: Hilke Maunder

Besonders schöne mittelalterliche Kaufmannshäuser säumen mit hölzernen Arkaden den Marktplatz. Die halb offene Markthalle wurde um 1315 erbaut. Auf ihren wuchtigen Steinsäulen ruht ein romanisches Pfettendach. Diese Art der Dachkonstruktion stammt aus dem Mittelmeerraum – und eroberte von dort aus ganz Europea.

Der Vorteil des Pfettendachs: Es ermöglicht größere Sparrenlängen und somit die Ausführung größerer Dachtragwerke als das Sparren- und das Kehlbalkendach, das zuvor in Nord- und Mitteleuropa vorherrschte.

Die Markthalle von Lagrasse. Foto: Marlene Fömpe.
Die Markthalle von Lagrasse. Foto: Marlene Fömpe.

Schaut euch den Dachstuhl der Markhalle einmal in aller Ruhe an. Unter diesem Dach findet jeden Samstagmorgen ein Markt mit lokalen und regionalen Produkten statt. Und verpasst auch nicht die Boutique von Cyril Codina, dem berühmten Essigmacher aus Lagrasse.

Lagrasse ist auch für seine Künstlerateliers und Kunsthandwerksbetriebe bekannt. Seit 2004 gehört es zur Vereinigung der Villes et Métiers d’art in Frankreich, und damit zu den inzwischen 610 Gemeinden, die dem Netzwerk der Kunsthandwerksorte Frankreichs angehören. Lagrasse beweist, dass es zu Recht dazu gehört. Keramik, Lederwaren, Schmuck, Mode und Glasmalerei – für jeden ist etwas dabei!

Tipp

Im Sommer wird der Orbieu aufgestaut. Dann könnt ihr mitten im Ort im Fluss baden!

Eine Unterkunft von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder
Die Hostellerie des Corbières von Lagrasse. Foto: Hilke Maunder

Lagrasse: meine Reise-Infos

Hinkommen

Mit dem eigenen Gefährt

Kostenpflichtige Parkplätze (10-18 Uhr) P1, P2 oder P3 am Eingang von Lagrasse. Die Parkplätze P1 und P2  verfügen über eine Ladestation für Elektroautos.

Bus

LIO-Linie 406; www.lio-occitanie.fr

Entdecken

Parcours fléché

Zu den wichtigsten und schönsten Stätten und Ecken von Lagrasse führt euch ein markierter Rundweg.

La Maison du Patrimoine

Das Haus des Denkmalerbes präsentiert im ehemaligen Presbyterium mit Kassettendecken aus dem 13. bis frühen 16. Jahrhundert das architektonische, ethnografische und künstlerische Erbe von Lagrasse. Ihr findet hier auch die  Touristeninformation von Lagrasse.

Schlemmen

Les Trois Graces

Ob unter der Jahrhunderte alten Balkendecke am Kamin oder im begrünten Innenhof. Bei Nicolas Bouthinon schmeckt es stets … orientalisch. Lasst euch überraschen!
• 5, Rue du Quai, 11220 Lagrasse, Tel. 04 68 43 18 17, http://lestroisgraces.pagesperso-orange.fr

Restaurant Bastion

Als avant-garde rurale verstehen sich Valentin Renaud und Fabien de Bruyn. Die beiden jungen Köche, die seit Kindertagen befreundet sind, haben Lagrasse zu einem Pilgerziel für all diejenigen gemacht, die in entspannter, fast schon familiärer Atmosphäre exzellent speisen möchten. Ihre Küche ist inspiriert von Auguste Escoffier – und tief verwurzelt im Terroir mit seinen wunderschönen regionalen Produkten. Die Tomaten kommen aus den Estarac-Gärten, der Essig von Cyril Codina, die Meeresfrüchte und Fisch von der poissonnerie in Port-la-Nouvelle. Schön im Sommer: ein paar Tapas zum Wein auf der großen Terrasse.
• 50, bd de la Promenade, 11220 Lagrasse, Tel. 04 68 12 02 51, www.restaurant-bastion-lagrasse.fr

Le temps des Courges

Originelle, gut zubereitete und schön angerichtete Gerichte, ein sehr freundlicher Service – und Sonderwünsche werden mit einem Lächeln umgesetzt. Dazu eine kleine, spannende Weinkarte – perfekt!
• 3, Rue des Mazels, 11220 Lagrasse, Tel. 04 68 43 10 18, kein www.

In der Umgebung

Sentier Sculpturel

Lauft bei Mayronnes (10 km) durch die Weinberge und die Garrigue und entdeckt auf dem 1993 angelegten, sechs Kilometer langen Skulpturenpfad die Plastiken von zeitgenössischen Künstlern der Region!
www.audetourisme.com/fr/fiche/mayronnes/le-sentier-sculpturel-de-mayronnes

Schlafen

Hostellerie des Corbières

2007 haben Alexandra und Julien das alteingesessene Haus – das einzige Hotel des Ortes! – am Rand der Altstadt übernommen und behutsam wie liebevoll modernisiert. Der nostalgische Charme mit altem Holz blieb erhalten, frische Farben, modernes Design und heutiger Komfort zogen ein.

Im Hausrestaurant 2 Cocottes verwöhnt euch Julien mit frischer Jahreszeitenküche und schlank verjüngten Klassikern wie Filet Mignon oder Entenschenkeln.
• 9, Boulevard de la Promenade, 11220 Lagrasse, Tel. 04 68 43 15 22, www.hostellerie-des-corbieres.com

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Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Aude vereint diese Kategorie. Die schönsten Dörfer Frankreichs könnt ihr hier entdecken.

Im Buch

Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2021 in 9. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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