Mein Frankreich: Brita Beate Link

Der Lieblingsplatz von Brita Link oberhalb von Aiguebelle. Foto: privat
Brita Beate Link

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal antwortet Brita Beate Link.Und sie hat viel zu erzählen. Doch erst einmal stellt sie sich euch vor. Viel Spaß auf der Zeitreise mit Brita!

Geboren an einem Sonntag im Mai 1947, in Bad Kreuznach an der Nahe, war ich ein fröhliches  Nachkriegskind und denke sehr gerne an diese Kindheit zurück. Da ich mit der französischen Sprache in der Schule so meine Schwierigkeiten hatte, warfen mich meine Eltern ins „kalte Wasser“ und schickten mich im zarten Alter von 14 Jahren in eine französische Familie, die selbst vier Kinder hat.

Sie suchten genau in dem deutschen Ort, in dem ich groß geworden war, weil es dort für sie Erinnerungen gab. Ich wurde dann das fünfte Kind. Ich verbrachte jeden Sommer mit „meiner“ Familie am Mittelmeer und lernte am Strand von Pramousquier über die Jahre die meisten Vokabeln. Auch wurde mir der europäische Gedanke schon sehr nahe gebracht.

Irgendwann kam dann die Zeit, in der man sich bindet. Ich schleppte meinen zukünftigen Mann sofort nach Süden, und er fand es auch wunderschön. Zum Glück. Anders wäre es schwierig geworden. Mein Beruf war Pharmazeutische Technische Assistentin (PTA), und auch da habe ich die französische Sprache immer wieder gebraucht.

Seit dieser Zeit fahre ich in jedem Jahr an meine „Lieblingsort“, meine zweite Heimat. Das sind in diesem Sommer 59 Jahre. (Ausnahmen die Jahre 1976 – 79) , da gab es zwei Babies. Zu meinen „Gast-Geschwistern“ habe ich noch Kontakt und wir sehen uns auch hin und wieder und erzählen aus alten Zeiten.

Auch FaceTime oder WhatsApp bringen uns  zusammen. Besonders bemerkenswert finde ich, dass ich in diesen vielen Jahren nie  eine Abneigung gegen Deutsche erfahren habe. Ich möchte gerne meine Texte im Blog von Hilke öffentlich machen. Es gibt da einiges zu erzählen was lustig war oder Dinge, die es heute nicht mehr gibt.


1961.  Mainz Hauptbahnhof

Am Ende des Bahnhofs sah ich einen schwarzen Tunnel. Durch diesen Tunnel führte mein Weg in ein Land, von dem ich nichts wusste und schon gar nicht, was mich erwartete. Dort sprach man eine Sprache, die ich nicht verstand, geschweige denn hätte ich mich verständlich machen können. Das Fach Französisch hatte ich gerade mal ein halbes Jahr, aber es war ein Desaster. Diese Sprache verwirrte mich. Sie ist mir einfach zu schwer gewesen, und ich fand dieses Fach einfach nur lästig.

Kleine Grüppchen von Eltern mit ihren heranwachsenden Kindern standen wartend herum, bis die zwei Waggons für den Schüleraustausch Rheinland-Pfalz-Burgund bereitgestellt wurden. Der eine Wagen war für die Mädchen vorgesehen, der andere für die Jungs. Das fand ich damals schon lächerlich. Und immer, wenn ich es später irgendwo erzählt habe, gab es lautes Gelächter.

Ich wurde von meiner Mutter begleitet. Mein Vater hielt sich aus dieser ganzen Geschichte raus und kommentierte sie zunächst auch nicht. Ich erhielt noch letzte Ermahnungen, ich solle anständig essen und mich benehmen und meinen Eltern keine Schande machen. Was meine Mutter als Schande verstand, erschloss sich mir nicht. Und es war mir auch egal.

Mit Volldampf gen Süden

Eine Dampflok schob die beiden Wagen an unseren Bahnsteig. Wir wurden von vier Lehrern begleitet. Zwei Lehrerinnen standen mit einer Liste an dem Waggon für Mädchen und hakten die Namen ab. Dann durften wir einsteigen. An dem anderen machten männliche Lehrkräfte das Gleiche mit den Jungs. Den schweren Geruch nach Kohle, der in den Abteilen hing, werde ich nie vergessen.

Es war 18.00 Uhr, als unsere beiden Eisenbahnwagen an den regulären Zug Richtung Lyon angehängt wurden. Wir hingen in den Fenstern und winkten den Eltern, bis wir durch den schwarzen Tunnel fuhren.

Wir plapperten, erzählten uns, in welche Familien wir kommen werden, wobei ich klar im Vorteil war. Ich kannte meine Gasteltern schon und auch meine Austauschschülerin Hélène. Sie hatten uns in den Osterferien besucht, um uns kennenzulernen. Hélène und ich konnten uns nicht verständigen, aber wir verstanden uns sofort sehr gut.

Unser Austausch war nicht über mein Gymnasium zustande gekommen, sondern die französische Familie hatte gezielt in Bad Münster am Stein eine Austauschfamilie gesucht und mich gefunden. Ich würde in Lyon abgeholt werden, und dann ging es weiter ans Mittelmeer, wo die Familie ein Ferienhaus besaß.

Die Reise mit der Dampflok würde bis Lyon ca. 14 Stunden dauern. Als es dunkel war, wurde die Verbindung der beiden Eisenbahnwagen im von zwei Lehrern bewacht, damit ja kein Junge in unseren Wagen gelangen könnte und umgekehrt. Allerdings, wenn der Zug an einem größeren Bahnhof anhielt und wir aussteigen durften, um uns die Füße zu vertreten, da waren die Lehrer machtlos.

Wir vermischten uns, um uns kennenzulernen. Später bei der Rückfahrt wurden dann die Adressen ausgetauscht. Die Nacht war lang und das eintönige Klack-Klack-Klack der Räder war ziemlich nervig. Wir versuchten zu schlafen. Ab und zu öffneten wir das Fenster. Und wenn wir zufällig durch einen Tunnel fuhren oder der Wind entsprechend wehte, hatten wir kleine Rußpartikel auf unserer Kleidung, was wir aber erst bei Ankunft im hellen Licht feststellten.

Wenn sie in die Augen flogen, dann war es unangenehm und irgendwann ließen wir das Fenster zu und saßen in unserem Mief. Der Schornstein der Lok stieß nicht nur Dampf aus, sondern auch Russ.

Das Lichterspiel von Lyon

Es wurde hell, ich schaute aus dem Fenster und sah zum ersten Mal das Land, von dem ich nichts wusste. Frankreich. Mein Blick aus dem Zugfenster zeigte mir, die Häuser waren hier, nördlich von Lyon, noch nicht sehr viel anders als in Deutschland, dachte ich, und Weinberge gab es auch.

Eine Lehrerin kam ins Abteil und wies uns an, wir sollten uns zum Aussteigen fertigmachen, wir seien bald am Ziel. Im Bahnhof Lyon-Perrache endete der Zug. Wir stiegen aus und sahen in viele fragende Gesichter von Gasteltern und französischen Schülern. Die Lehrer zückten ihre Listen, um die Austauschschüler zusammenzuführen. Madame und Hélène entdeckten mich sofort.

Wir meldeten uns ab und gingen in Richtung Ausgang. Den Bahnhof Lyon-Perrache habe ich als riesige Halle in Erinnerung, viel heller als der Hauptbahnhof von Mainz. Als ich durch die Ausgangstür trat, begrüßte mich ein herrliches Licht, was ich so noch nie gesehen hatte. Es war der krasse Gegensatz zu dem düsteren Tunnel, in dem ich Mainz verlassen hatte. Staunend blieb ich stehen und ließ den Moment auf mich wirken. Das ist mein erster Eindruck von Frankreich gewesen. Ein bezauberndes schönes Lichtspiel.

Das schräge Auto

Madame Rozier und Hélène halfen mir beim Gepäcktragen bis sie vor einem größeren, dunklen Auto stehen blieben. Diese Art von Auto hatte ich in Deutschland noch nie gesehen. Es fiel nach hinten schräg ab und endete fast am Boden. Seltsam, dachte ich , das hat keine Ähnlichkeit mit dem VW-Käfer meiner Eltern.

Mein Gepäck wurde verstaut und ich stieg mit Hélène nach hinten ein. Madame startete das Auto, was sich erst mal in Höhe pumpte. Erstaunt blickte ich nach draußen und stellte fest, dass wir uns doch einige Zentimeter vom Boden abhoben.

Dann begann die Fahrt aus Lyon hinaus und über Landstraßen circa 100 km in die nördliche Provence nach Crest an der Drôme. Die Autobahn A 7 , die Rhône-Autobahn, gab es noch nicht. Meine Freundin schaute mich hilflos an, auch ihr ist übel gewesen. Als ich neulich mit ihr darüber sprach sagte sie : „ J’avais toujours envie de vomir.“ Sie hatte immer das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Dieses Teufelsauto , ein DS 19, war schon gewöhnungsbedürftig. Wir Jugendlichen fuhren nicht gerne damit.

Auf dem Weg nach Crest fiel mir die Andersartigkeit der Häuser auf. Kaum verputzt, sondern fast alle waren aus Stein. Die hellroten Dächer strahlten in der Sonne. Es gab nur zwei Stockwerke, größere Häuser maximal vier. Die blauen oder weißen Klappläden gefielen mir sofort.

Mistral-Mauern aus Zypressen

Eine sehr ländliche Gegend mit vielen Zypressen, die in Reihen angepflanzt sind. Madame erklärte mir, dass es überall diese Zypressenwände geben würde, gegen die Geschwindigkeit des Mistrals . Ich wusste nicht, was der Mistral ist und wagte auch nicht zu fragen.

In Crest angekommen, bog die DS 19 in ein großes Tor ein. Es wurde gesäumt von zwei riesigen Säulen. Obendrauf thronten Löwen. Wir Kinder mussten aussteigen und das riesige Gittertor öffnen und auch wieder schließen. Ich hatte großen Respekt vor diesem Tor. Es war kunstvoll, verschnörkelt geschmiedet und man konnte sich herrlich die Finger an dem uralten Schloss klemmen.

Was mir dann später auch passierte. Madame fuhr ein und wir liefen hinter dem Auto her durch einen wunderschönen Park mit roten, weißen und gelben Rosenstöcken und Gewächsen, die ich noch nie gesehen hatte. Es gab einen kleinen Teich mit Goldfischen und darüber eine Brücke, über die man sogar laufen konnte. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.

Wie im Château

Vor einem Gebäude, was mir recht alt erschien, hielt Madame an und wir mussten eine weiter riesige Tür öffnen, sie war sehr breit und mindestens vier Meter hoch, genau so hoch wie der sich anschließende riesige Raum. Uralte Wände, ich war ziemlich verwirrt, weil ich zuhause so etwas nur in Schlössern oder Burgen gesehen hatte.

Madame stieg aus und erklärte mir in Deutsch, dass dies früher der Platz für die Kutschen und die Pferde gewesen sei. Sie zeigte mir seitlich eine Tränke und auf dem Boden konnte man die Spuren im Sandstein erkennen, die von den Rädern der Kutschen stammten.

Die Eindrücke verwirrten mich erst recht, als wir durch einen dusteren Treppenaufgang, über ausgetretene Stufen mein Gepäck ins Erdgeschoss hoch schleppten. Dort wohnten die Großeltern väterlicherseits. Es ging dann über ausgetretene Marmortreppen weiter in den ersten Stock.

Hélène führte mich durch die riesige Wohnung , in der die Familie wohnte. Sie zeigte mir unser gemeinsames Zimmer, aber zurecht fand ich mich noch nicht. Ich packte meine Mitbringsel aus.

Dazu gehörte auch ein Ring Fleischwurst. Madame war als Jugendliche in Mainz Schülerin des Rhabanus Maurus Gymnasiums und wohnte in Gonsenheim. Sie kannte Fleischwurst und hat sich das von uns gewünscht. Dann wurden wir zum Mittagessen gerufen.

Lehrstunde am Mittagstisch

Ich lernte Antoinette kennen, die Köchin und Haushälterin. Sie servierte uns die Speisen. Es gab eine Speise nach der anderen. Heute weiß ich, dass man das Menu nennt, aber es war alles neu für mich. Ich aß natürlich vom ersten Gang viel zu viel, weil ich dachte, es würde sonst nichts mehr geben, und ich hatte Hunger. Immer, wenn wir aufgegessen hatten, griff Madame zu einem kleinen Glöckchen und Antoinette tischte den nächsten Gang auf. Dass es das heute noch gibt, dachte ich.

So langsam begriff ich, dass ich nicht so viel essen musste, dass da noch mehr kam. Oh, war das anstrengend. Dann dachte ich an meine Mutter, die mir mit auf den Weg gegeben hatte, ich solle mich benehmen. Die ganze Familie krümelten hier mit dem Weißbrot auf dem Tisch herum, das hätte ich zuhause nicht gewagt.

Wir waren sieben Personen am Tisch: Madame und Monsieur, Yves als Ältester, Hélène meine Austausch-Freundin, Françoise als ihre jüngere Schwester und Claude, die kleine Schwester. Es war schön, zuhause waren nur meine Eltern und das war langweilig. Hier war es sehr munter, auch wenn ich nichts verstand. Am Ende halfen wir Antoinette den Tisch abräumen.

Madame erklärte mir noch in Deutsch, dass wir morgen arabisch essen gingen, weil Sonntag war und Antoinette frei hatte. Arabisch, grübelte ich! Nur ganz diffus wusste ich, dass es in Arabien Wüste und Kamele gab. Was dort gegessen wurde, war ein Rätsel. Ich war ja auch erst 14 Jahre alt. Und außer Südtirol und Bayern hatte ich noch nichts von der Welt gesehen.

Der erste Araber

Das arabische Restaurant befand sich in einem Gestüt mit Pferden, in dem Claude, die kleine Schwester von Hélène Reitunterricht nahm. Ich erinnere mich , dass es eine Portion kleine runde Kügelchen gab (heute weiß ich, dass das Couscous ist) und eine verdammt scharfe, grasgrüne glibberige Sauce dazu.

Am liebsten hätte ich alles ausgespuckt. Es brannte wie Feuer in meinem Mund, ich sollte mich ja benehmen und spuckte nicht. Blitzschnell trank ich ganz viel Wasser, es brannte höllisch weiter. Sogar in der Speiseröhre brannte es. Meiner Gastfamilie schien das nichts auszumachen. Allerdings ihre Portionen Sauce waren kleiner auf ihren Tellern. Mir aber hatte die grüne Farbe so gut gefallen, und ich hatte zugelangt. Das war ein großer Fehler. Wieder was dazu gelernt.

Madame erklärte mir, dass wir am nächsten Tag ganz früh weiter ans Meer fahren würden. Ich freute mich, dann ich war eine eifrige Schwimmerin und liebte das Wasser. Die Fahrt dahin erwies sich als ungewöhnlich. In der DS 19 hinten saßen Yves, Hélène und ich. Antoinette saß vorne, Madame steuerte das Auto. In den Kurven wurden wir aufeinandergepresst, und uns war ständig übel.

Die Landstraße zum Meer

Es gab ja nur Landstraße. Die A 7, die Route du Soleil, gab es noch nicht. Im zweiten, kleineren Auto, das von Docteur Rozier gelenkt wurde, fuhren Claude, Françoise und Maryse mit. Maryse war eine Schülerin, die in den französischen Alpen lebte und in den Sommerferien Antoinette zur Hand gehen sollte und gleichzeitig mit uns schöne Tage am Meer verbringen durfte. Joupette, der Hund von Madame, saß vorne im Fußraum.

Ich schaute neugierig nach draußen. Die Landschaft veränderte sich, sie wurde lieblicher. Sonnenblumenfelder zogen vorbei. Zypressen in Reihen, die sich im Wind bogen, Obstbäume und Wiesen konnte ich erblicken. Das Rhône-Tal war weit und der Himmel darüber herrlich blau.

Madame erklärte mir wieder, dass die Zypressen in Reihen stehen, um die Geschwindigkeit des Mistrals zu bremsen. Ich kombinierte, das hatte ich doch schon? Der Mistral musste ein Wind sein. Oder? „Was ist ein Mistral?“, fragte ich und sie erklärte mir, dass das der Wind ist, der häufig, von Norden nach Süden durchs Tal fegt, um sich dann über dem Mittelmeer auszubreiten. Dann sei das Wasser besonders kalt. „Aber das wirst du noch merken“, sagte sie lachend.

Langsam näherten wir uns unserem Ziel. In den nächsten Kurven konnte ich das erste Mal in meinem Leben das Blau der „Côte d’Azur“ bestaunen. „Côte heißt Küste, Azur heißt himmelblau“ daher hat sie ihren Namen diese wunderschöne Gegend“ erklärte mir Madame.

Die himmelblaue Küste

Ich war sprachlos. So etwas ergreifend Schönes hatte ich noch nie gesehen. Der Anblick des tiefblauen Meeres traf mich mitten ins Herz. Ich schwieg, war sprachlos und ließ den Moment auf mich wirken. Ich kam mir vor als würde ich träumen, es überwältigte mich und ich dachte an meine Eltern, die so etwas Herrliches noch nie gesehen hatten.

Wir durchquerten eine kleine Stadt, die direkt am Meer lag. Le Lavandou. Die Kurven wurden enger und ich hoffte, dass wir bald aus diesem „schwebenden Auto“ befreit wurden. Yves, Hélène und ich waren blass und die Übelkeit kam noch dazu. „Schau, Les Gargoulettes,“ sagte Madame. So nannten sie ihr Sommerhaus. Die Franzosen nennen es „Résidence sécondaire“ oder „Villa“. Dass dort jedes Haus, ob groß oder klein, neu oder fast verfallen, eine Villa sein kann, lernte ich im Laufe der Zeit.

Yves stieg aus und öffnete das kleine Tor, das rechts und links von Pfosten begrenzt ist, auf dem irgendwelche Tongefäße standen. Hélène zeigt auf die Gefäße und sagte. „Voilà, les gargoulettes.“ Ich war viel zu müde, um zu verstehen, was sie mir sagen wollte. Ich würde später danach fragen.

Wir stiegen aus und ein Duft kam mir entgegen, den ich nicht kannte, der mich aber auf Anhieb berauschte. Die Luft warm und angenehm, die Sonne knallte auf uns herab. „Il va faire chaud auhourd’hui,“ sagte Madame. Ich verstand nur „chaud“, und das reichte fürs Erste. Also es würde heiß werden. Ha, das hatte ich immerhin kapiert. Ich nickte und schaute in die Sonne, was mir nicht gut bekam. Danach hatte ich Kringel und Blitze in den Augen. Das machst du besser nicht mehr, dachte ich. Und ein weiterer Lernprozess begann.

Die Villa Gargoulettes

Wir nahmen unsere Koffer und gingen ins Haus. Durch einen winzig kleinen Flug gelangte man in den „Salle à manger“ mit ein paar Sesseln und einem Fernsehgerät, einem großen Tisch und zahlreiche Stühle standen herum. Über eine Treppe ohne Geländer kletterten wir ins Obergeschoss. Dort gab es vier Schlafzimmer. Hélène betrat einen Raum und öffnete die Klappläden und ein eindrucksvoller Meerblick bot sich uns…

Wie toll, dachte ich, jeden Morgen mit dieser Aussicht aufzustehen. Es gab zwei Betten, in einer Ausführung, die ich noch nie gesehen hatte. Es waren Polsterbetten, genau wie heute die Boxspringbetten. Wir zogen die Abdeckungen herunter und packten dann unsere Koffer aus. Der Schrank hatte Schiebetüren. Und ich erinnere mich, wenn wir abends in unseren Betten lagen, stellten wir fest, dass wir beide nicht mochten, dass diese Schranktür nicht zugeschoben worden war. Wir diskutierten dann immer heftig, wer von uns jetzt aufsteht und die Tür zuschiebt. Wir einigten uns auf abwechselnd, und somit war unser erstes Problem des gemeinsamen Wohnens gelöst.

Wir wurden zum Essen gerufen. Es war das „Déjeuner“, wie das Mittagessen heißt. Antoinette war eine begnadete Köchin. Ich erinnere mich an ihren göttlichen Gratin Dauphinois. Von diesem Kartoffel-Auflauf mit Käse überbacken und einem Hauch Knoblauch konnte ich nie genug bekommen.

Ihre Fleischgerichte waren immer zart und die Saucen délicieuses. Das Beste ist gewesen, wenn ich ein Baguette-Stückchen in die Sauce dippte, um es dann genüsslich zu verspeisen. Den Ausspruch: „Essen wie Gott in Frankreich“, den gab es noch nicht oder ich nicht kannte – er hätte gepasst.

Erstaunt stellte ich fest, dass Antoinette nicht mit uns am Tisch gegessen hat. Wir waren acht Personen, es wäre noch Platz gewesen. Sie musste an einem kleinen Tisch im Flur sitzen und essen. Obwohl man sie hätte rufen könne, kam auch hier das Glöckchen zum Einsatz.

 Nicht singen. Aber krümeln!

Mich machte das zunächst etwas traurig, weil auch das kannte ich nicht, stellte aber mit der Zeit fest, das diese Trennung von Familie und Personal vollkommen normal und in Ordnung gewesen ist. Waren Madame und Monsieur unterwegs, dann saß Antoinette mit uns am Tisch und versuchte, den Überblick über uns zu behalten und zu bändigen. Es ist oft sehr lustig gewesen, und wir haben viel mit ihr gelacht.

Die Tischregeln waren streng. Wir durften nicht in der Badehose am Tisch sitzen und immer ein T-Shirt anhaben. Nackter Oberkörper, auch bei den Männern, war nicht schicklich. Singen durften wir auch nicht. Ich erinnere mich gerne an die Worte von Madame: „On ne chante pas à table.“ Dafür durften wir krümeln wie die Weltmeister. Ich dachte an meine Mutter. Zuhause war das verpönt. Morgens beim Frühstück gab es eine Bol mit Milch und keinen Teller für das Brot. Das ist in manchen Hotels in Frankreich heute noch so und erstaunt mich immer wieder.

Im Fotoalbum geblättert. Fotos: privat

Zum Strand!

Dann war der Moment bekommen, auf den ich so sehnlich gewartet hatte. Wir durften an den Strand. Bewaffnet mit einem Badehandtuch, gekleidet in einen sittsamen Badeanzug mussten wir vor Madame antreten, und wir wurden alle gut eingecremt. Erst wenn das letzte Stückchen sichtbare Haut von uns allen sechs Jugendlichen eingecremt war, dann duften wir los.

Dieses Prozedere gab es nun jeden Morgen. Da achtete Madame streng darauf.. Was für eine Fürsorge. Ich erkannte damals noch nicht, wie wichtig das gewesen ist und heute noch viel wichtiger ist. Wir liefen ca. 100 m durch eine Art „Schilfwald“ bis wir zu einem Strand gelangten mit fast weißem Sand, der gülden glitzerte und blendete. Wieder ein Anblick, der mich überwältigte. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und auch hier funkelte es überall. Wo war ich gelandet? Im Paradies?

Es gab für uns einen gemieteten Sonnenschirm und zwei Matten. Ich lernte den Unterschied zwischen Privatstrand und öffentlichem Strand kennen. Das Privileg Privatstrand, erschloss sich mir nicht sofort. Das erkannte ich erst, als ich sah, wie am öffentlichen Strand Sonnenschirme und Luftmatratzen angeschleppt wurden und abends abgebaut und wieder mit nach Hause genommen werde mussten.

Wir hatte eine richtige „Bleibe“ jeden Tag die gleiche und dort kamen auch noch andere französische Jugendliche zu uns. Ich wurde vorgestellt und ich schaute in erstaunte Augen der jungen Franzosen. Es war im Jahr 1961. Es gab noch keinen Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland. Sie gaben mir freundlich die Hand, und ein Wortschwall in Französisch ergoss sich über mich.

Völkerverständigung mit Langenscheidt

Ich lächelte sie an, hob die Schultern und schüttelte den Kopf. Jetzt verstanden sie, dass ich nichts verstand, von dem was sie mir gerade gesagt hatten. Einer sah Hélène an, und sie fing an, in ihrer Badetasche zu kramen und zauberte mein Wörterbuch hervor. Einen Langenscheidt, mein ganzer Stolz. Nun fingen sie an, Worte zu suchen und lasen sie mir in Deutsch mit herrlichen französischen Akzenten vor.

Ich wurde regelrecht ausgefragt, wieso ich hier sei, wo ich in Deutschland wohne und wie es mir gefallen würde…Diese Fragerei fand Wort für Wort statt, nicht in ganzen Sätzen und ich lernte dabei Begriffe wie „Land, Stadt, woher kommst Du, machst Du Sport in Französisch, weil ich gleich mitlas, wenn sie mir den deutschen Begriff zeigten, wenn sie ihn nicht aussprechen konnten.

So lernte ich Wort für Wort und es war amüsant. Jedes Mal, wenn einer der Franzosen ein deutsches Wort falsch vorlas, musste ich lachen, dann durfte ich das französische Wort sagen und im Gegenzug lachten alle. Ich sprach genauso falsch wie sie. Es machte riesigen Spaß, weil keiner mit dem Zeigefinger drohte, wir verbesserten uns gegenseitig. So saßen wir einige Zeit unter unserem Sonnenschirm. bis es uns zu heiß wurde.

Nun stürmten sie ins Wasser. Behutsam ging ich ihnen nach und erkundete erst die Tiefe. Im glasklaren Wasser erkannte ich, dass es langsam bergab ging und konnte noch einige Meter waten, bis ich mit den Füßen nicht mehr den Grund berührte.

Der Wasser-Schock

Dann fing ich an zu schwimmen, tauchte den Kopf ins Wasser und riss ihn gleich wieder hoch. Verdammt, dass brennt ja höllisch! Dass ist ein anderes Wasser als zuhause im Schwimmbad – das ist ja salzig , schoss es mir durch den Kopf. Woher sollte ich das wissen? Meine Eltern sind noch nie an einem Meer gewesen und konnten auch nicht schwimmen. Ich gewöhnte mich an das so anders schmeckende Meerwasser und schwamm den anderen nach, bis wir an ein Holzboot kamen.

Ich hatte vor der Tiefe keine Angst. Ich war eine sehr gute Schwimmerin, nur wenn es unter mir dunkel wurde, dann bekam ich ein beklommenes Gefühl. Ich deutete mit dem Finger nach unten, hob die Schultern und machte ein fragendes Gesicht. Yves warf mir eine Taucherbrille zu, damit ich sehen konnte, was sich unter mir befand. Oh, Gräser und Gewächse, die mit der Strömung hin und her wogen. Wie schön, das sind sicher Algen, dachte ich. Später am Strand klärte ich das mithilfe des Langenscheidts.

Alle kletterten in das Boot und zogen mich nach. Es schaukelte heftig, aber wir hatten Spaß daran, auch wenn ich meine Freude nur durch Mimik und Gestik mitteilen konnte. Hier schien uns die Sonne ganz schön auf die Haut, und wir sprangen bald alle wieder ins Wasser und schwammen zurück an den Strand.

Abends erzählte mir Madame, dass das Boot der Familie gehört und ich sicher mal morgens früh mit rausfahren dürfte zum Fischen. Fahren würde ich ja gerne, aber fischen – ich ??? Bis dahin hatte ich noch nie Fisch gegessen und gefangen schon gar nicht. Es wartete ein neues Abenteuer auf mich. Nachdem Hélène und ich uns einig waren, wer den Schrank zuschiebt, schliefen wir schnell ein. Schwimmen in salzigem Wasser ermüdet.

Am nächsten Morgen schliefen wir lange. Eigentlich sollten wir geweckt werden, um mit hinaus zum Fischen zu fahren. Noch ziemlich verschlafen, in den Schlafanzügen erschienen wir am Frühstückstisch. Bis auf unsere beiden Bols war alles abgeräumt. Draußen lärmte es, wir hörten Stimmen von Monsieur et Madame und den Geschwistern von Hélène. „Non pêche“, sagte sie und deutete in Richtung mehr und schüttelte den Kopf. Ich deutete es richtig, kein Fischen heute.

Die Macht des Mistrals

Wir gingen hinaus vor das Haus, vor dem heftige Diskussionen stattfanden. Man schaute gen Himmel: Madame erklärte mir, dass ein heftiger Mistral wehte und die Wellenbewegung zu stark sei, und deshalb habe man uns nicht geweckt. Wir sollten frühstücken und zum Strand hinuntergehen. Wir machten und fertig, passierten die morgige „Sonnencreme-Kontrolle“ von Madame ohne Beanstandungen und machten uns auf den Weg.

Unter unserem Sonnenschirm warteten schon die Freunde. Ich warf mein Handtuch hin und stürmte in Richtung Wasser. Jetzt war ich schon mutiger und warf mich hinein. Ein Schrei entfuhr mir. Donnerwetter, das war ja saukalt. Schnell stand ich auf und rettete mich zu meinem Handtuch. Alle lachten und Hélène streckte ihren Zeigefinger in die Luft und sagte: “Mistral.“

Da erst entdeckte ich, dass niemand im Wasser war. Die übrigen Strandbesucher lagen auf ihre Matten und Liegen und sonnten sich. Die wissen das schon, dachte ich und hatte gerade gelernt, wenn der Mistral weht, dann ist das Meer ungemütlich. Die Luft war glasklar und nun erkannte ich in der Ferne eine Insel. Sie musste sich wohl gestern im Dunst der Hitze verborgen haben.

Jemand packte ein Kartenspiel aus. Vier Jungs fingen an zu spielen. Der Rest schaute zu. Quatschen ging ja noch nicht, und meinen Langenscheidt hatte ich auch vergessen. Das Spiel erschloss sich mir nicht. Hélène zog mich hoch.

Bonjour, Plagiste!

Wir hüpften durch den heißen Sand zu den beiden Hütten, die den Strand nach oben hin begrenzten. In eine davon war eine Theke verbaut, man konnte Eis, Cola und Wasser kaufen. Nun wurde ich dem „Plagisten“, dem Bademeister, vorgestellt. Er baute morgens die Sonnenschirme auf und legte die gemieteten Matten darunter.

Auch achtete er auf Ordnung und beobachtete das Meer. An seinen Strand durfte man nur, wenn man einen Sonnenschirm gemietet hatte. Der öffentliche Strand war durch Windsegel abgegrenzt. Dort konnte man lagern und liegen, wie man wollte, musste aber sein Equipment abends mit nach Hause nehmen. Was für eine Schlepperei, vor allem für die Familien mit Kindern, die sich dort aufhielten.

Hélène zog mich an der Hand und deutete mir an, ich solle mitkommen. Wir liefen den Strand entlang. Es war eine Bucht von circa zweihundert Metern. Begrenzt von einem Felsvorsprung und Klippen auf denen wir jetzt herumturnten. Es war nicht ganz ungefährlich, weil auf dem felsigen Boden Algen wuchsen, die sich mit der Feuchtigkeit als ganz schön glitschig erwiesen. Wir liefen ja barfuß. In den Felsspalten zeigte sie mir ein Tier.

Der Langenscheidt war im Haus. Also gingen wir zurück, um die Übersetzung zu finden. L’oursin, der Seeigel, da musste man aber aufpassen. Igel sind stachelige Wesen, dachte ich. Eines meiner ersten Worte war „l‘oursin“. Und da gesellte sich gleich ein weiteres dazu. Das Handtuch eines Freundes wehte gerade im Mistral davon und fiel ins Wasser. Er schrie laut hinterher. „Merde, merde, merde“, und rannte hinter seinem Handtuch her.

Fragend schaute ich Hélène an und wir lachten beide. Sie wälzte das Wörterbuch, was Françoise gerade mitgebracht hatte. Sie hatte die Notwendigkeit erkannt. Hélène sagte mit einem drolligen Akzent: „Scheiße.“ Jetzt machte ich meinen Eltern wirklich Schande. Eines meiner ersten französische Worte war „Scheiße“. Das würde mich in der Schule nicht weiterbringen, dachte ich und schüttelte mich vor Lachen. Das würde ich zuhause lieber nicht erzählen.

Fotos: privat

Siesta ohne Sonne

Es war 12.30 Uhr, und wir mussten zum Mittagessen nach Hause. Strenge Regel. Antoinette hatte wieder lecker gekocht. Eine Gemüsesuppe und danach eine Art Gulasch mit Nudeln. Diese Worte behielt ich sofort. In der Mittagshitze durften wir nicht in die Sonne.

Wir mussten bis 15.00 Uhr in unseren Zimmern Siesta machen, was uns nicht so gefiel. Aber Dr. Rozier war Arzt. Und er hatte das für seine Kinder so entschieden. Da fügte ich mich natürlich. Er erkannte damals schon die Gefahr, die von starken Sonneneinstrahlungen ausging.

Das muss das Paradies sein, ging es mir oft durch den Kopf, wenn ich den glitzernden Sand und das funkelnde Meer von meinem Handtuch aus beobachte. Auch die kleinen Steine, glitzerte oder es waren ganz weiße marmorähnliche Steine. Was für eine Schönheit, welch‘ eine herrliche Gegend.

Noch nie hatte ich einen „Pin parasol“ eine „Schirmkiefer“ gesehen, die hier die Landschaft imposant prägen. Es stürmten so viele neuen Eindrücke auf mich ein, dass ich gar nicht bemerkte wie die Zeit verging. Immerhin konnte ich schon auf Französisch sagen, wenn ich Hunger und Durst hatte, wenn ich müde gewesen bin und wenn ich gerne an den Strand gehen würde. Ich fand mich schon ganz gut.

Ich schielte mal auf einen Kalender. Ich hatte vor lauter Glück die Zeit vergessen. Nur noch eine Woche, dachte ich ganz traurig. Aber Madame deutete schon an, dass ich im nächsten Jahr wieder kommen dürfte. Aber zunächst fuhr Hélène mit mir nach Deutschland. Unbedingt wollte ich ein Souvenir von Pramousquier haben. Sand kann jeder mitnehmen, dachte ich.

Algen & Ameisen

Ich schnappte mir ein Eimerchen. Im Wasser suchte ich nach Algen, die ich abreißen konnte. Stolz trug ich meine Algen in unser Schlafzimmer und legte sie auf die Fensterbank. Dass man Algen nicht trocknen konnte wie andere Grünpflanzen, woher sollte ich das wissen? Hatte ich doch keine Erfahrung damit. Ich ging wieder an den Strand.

Als wir später in unser Zimmer kamen, roch es sehr seltsam. Nein, es stank regelrecht und dieser Gestank kam vom Fenster. Ich schaute nach und erkannte, woher dieser „Duft“ kam. Die Algen!!! Nein, stinkende Algen wollte ich nicht mitnehmen. Und was war das? Eine Ameisenstraße vom Garten in den ersten Stock??

Der Gestank der Algen hat sie angelockt und sie wuselten in den Algen herum. Auch das noch. Das war das falsche Souvenir. Ich warf sie dann samt Ameisen im hohen Bogen in den Garten.

Dann entschied ich mich für ein paar Steine, aber aus dem Wasser. Für meine Eltern kaufte ich eine Fertigpackung, um Pizza zu backen. Ja, hier hatte ich auch das erste Mal in meinem Leben Pizza gegessen. Das wollte ich zuhause vorführen. In Deutschland gab es noch keine Pizza-Bäcker.

Das legendäre Eis von Le Lavandou

Als Höhepunkt fuhr Madame mit uns am nächsten Tag in die nächstgrößere Stadt. Le Lavandou. Neben der Mairie, dem Bürgermeisteramt, gab und gibt es ein Bistrot, das „Bistrot du Centre“. Da wies Madame uns einen Tisch zu, bestellte uns ein Eis und verschwand mit dem Kommentar: „ Je vais à la poste“, ich gehe zur Post.

Ich schaute mir das Treiben an . Wir saßen auf der Straße, so etwas hatte ich in Deutschland noch nicht gesehen. Hinter mir wuchs eine Palme, die es heute noch gibt! Wenn ich heute dort bin, gehe ich hin, in das „Bistrot du Centre“ und setze mich wieder auf diesen Platz und esse ein Eis, in Gedanken an damals vor 59 Jahren.

Als Madame von der Post zurückkam, legte sie eine Postkarte vor mich auf den Tisch, gab mir einen Stift und sagte: “Die schreibst Du jetzt an Deine Eltern, die werden sich freuen.“ Verdutzt schaute ich sie an und überlegte, was ich meinen Eltern mitteilen könnte.

Mir fiel nichts anderes ein als: „Ich sitze hier unter Palmen und löffele Eis“. Meine Eltern hatten noch nie eine Palme gesehen, und Eis gab es zu dieser Zeit bei uns zuhause nicht sehr oft. Die Postkarte ist heute wieder in meinem Besitz.

Der Schmerz des Abschieds

Die Zeit war unerbittlich, sie raste in Richtung Heimfahrt. Zwei Tage später fuhren wir zurück nach Crest, wieder in dieser unseligen DS 19. Am nächsten Tag ging es dann nach Lyon, wo Hélène und ich auf alle deutschen Austauschschüler mit ihren französischen Freunden trafen. Sie warteten auf dem Bahnsteig, bis unsere Waggons eingeschoben wurden.

In diesem Moment kam eine deutsche Freundin wutschnaubend auf mich zu und presste aus sich heraus: „ So was mache ich nie mehr wieder, das war das Allerletzte und Du bist schuld. Als meine Eltern erfuhren, dass du diesen Austausch machst, da suchten sie für mich eine französische Familie. Ich musste es machen, obwohl ich nicht wollte. Nur Wiesen und Kühe, es war nur langweilig.“

Ich muss ziemlich komisch geguckt haben und sie schleuderte mir entgegen: „Guck nicht so doof, du bist Schuld, dass ich verkorkste Ferien hatte.“ Dann ging sie. (Hier muss ich anmerken, dass ihre Eltern sie im folgenden Jahr in eine andere Familie nach Nantes schickten. Dort fühlte sie sich so wohl, dass sie sofort nach ihrer Volljährigkeit eingeheiratet hat. Ihr Vater tobte. Sie haben vier Töchter und eine erfüllte Ehe.)

Als wir dann im Zug saßen und er ruckelnd anfuhr, begann ich zu weinen. Die schöne Zeit war vorbei. Hélène fragte mich: „Tu as mal au ventre?“ Hast Du Bauchweh? Wie hätte ich ihr denn erklären sollen, dass ich jetzt schon Heimweh hatte? Dazu reichte mein Französisch noch nicht. Ein Jahr dachte ich, ein Jahr ist lang. Wie würde ich diese lange Zeit überstehen?


Brita Beate Link gehört zu den inzwischen schon vielen Gastautoren, die in dieser Blogparade auf Mein Frankreich.com ihre Verbundenheit zu Frankreich vorstellen – ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.
Ich freue mich, wenn  viele von euch ihrem Beispiel folgen und ihre Texte euch zum Mitmachen inspirieren. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail an info at maunder punkt de!
Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht, nachdem ihr vor der Veröffentlichung noch einen Blick darauf geworfen habt. Alles bisherigen Artikel findet ihr hier.

 

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10 Kommentare

  1. Damit kann ich leider nicht dienen, wenngleich wir immer Autobahn gefahren sind und auch Picknick gemacht haben. Es gibt Reiseführer , da wird man die Antwort finden.

  2. Hallo liebe Beate Link, ein sehr schöner Bericht der mir gut gefällt. Jetzt ist mir klar, warum Sie eine Unterkunft in der Drôme gesucht haben. Wünsche noch viele schöne Urlaube in der von uns beiden geliebten Provence. So haben wir zwei gemeinsame Heimatorte, Bad Kreuznach und ein klein wenig größer die Provence. Schön auch, dass Hilke Maunder solche Berichte in ihrem Blog hat, deshalb auch danke schön an sie.

  3. Meine erste Begegnung mit Frankreich kam durch einen Aufenthalt in einem internationalen Zeltlager in Thiaucourt, Lothringen zustande, der vom Deutsch-französischen Jugendwerk als Arbeitslager zur Kriegsgräberfürsorge organisiert wurde. Neben der täglichen Arbeit auf den Friedhöfen, kam auch der Spaß in der einzigen Kneipe des kleinen Ortes Chez Lulu nicht zu kurz.Dort versuchte ich mich außerhalb des Gymnasiums zum ersten Mal in meiner Lieblingssprache , ich war 15, zum ersten Mal ohne Eltern in einem noch fremden Land und ich habe es genossen, ohne Luxusherberge, ohne Wellness und ohne Sterneküche.
    Die Gemeinschaft zählte und abends am romantischen Lagerfeuer versprachen wir uns – angesichts der Gräber, die wir täglich pflegten- , den Schrecken der Kriege vor Augen, dass es nie wieder Krieg zwischen den Nachbarn geben sollte , bis heute haben wir dieses Versprechen halten können…

    • Liebe Ilse,
      Dein Kommentar bringt mich auf eine Idee. Ich sollte einmal etwas über Freiwilligendienste in Frankreich machen. Merci für diese Anregung… und Deine Impressionen von Deinem Einsatz. Liebe Grüße und schönes Wochenende! Hilke

    • Ja, das sind Erinnerungen die bleiben . Luxusherberge, Wellness und Sterneküche gab es 1961 auch noch nicht. Aber der Einsatz bei der Kriegsgräberfürsorgen ist schon etwas Besonderes. Mein Schwiegervater ist in Huisne in der der Nähe von St. Malo bestattet.
      In einer Rontonde, ein sehr eindrucksvoller Ort.

  4. Ganz toller Bericht über den Schüleraustausch 1961.
    Ich würde mich sehr über Vorschläge freuen, wo man neben der Autobahn Metz Marseille, schöne Plätze findet, für kurze Pausen zum Baden mit Hund und Kind.Bad und Picknik an Fluss oder See!

  5. Toll, erinnert mich sehr an meinen ersten Austausch, zwar nicht im sonnigen Sueden sondern in Lille.Alles war sehr viel bescheidener aber die Gastfamilie hatte auch einen DS

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