Art Déco-Grafikdesign aus Paris. Paul Iribe (1883-1935) Illustration aus | illustration of Les Robes des Paul Poiret, 1908 Radierung und Pochoirdruck | etching and pochoir print, 31 x 27,7 cm Foto | photo: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
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Art Déco-Grafikdesign aus Paris

Das Art Déco gilt als eine der prägendsten Epochen der dekorativen Künste und markiert eine faszinierende Ära zwischen dem floralen Jugendstil und dem funktionalen Internationalen Stil der fünfziger Jahre. Zeitgleich mit radikalen künstlerischen Bewegungen wie dem Bauhaus, de Stijl oder der russischen Avantgarde entstanden die Anfänge dieses Stils im Paris der Jahre um 1910. Seinen heute weltberühmten Namen erhielt das Art Déco jedoch erst im Jahr 1925 durch die Pariser Weltausstellung der Angewandten Künste, die als Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes in die Geschichte einging.

Nach 1930 läuft das Art Déco in verschiedenen Richtungen aus. Es verliert sich im pompösen Neoklassizismus der dreißiger Jahre, etwa in den Bauten des Faschismus in Italien. In den USA überlebt er bis in die fünfziger Jahre in Bakelit-Radios und Plastikhandtaschen.

Opulent & raffiniert

Bei Art Déco denkt manmeist an opulent geschwungene Formen, an exquisite Möbel, kostbare Stoffe und raffinierte Kleider – und nur selten an Grafik. Dabei kam es auch auf dem Gebiet des gedruckten Bildes durchaus zu bemerkenswerten Leistungen.

Gezeigt wurden damals zu gleichen Teilen Plakate, Grafiken (Pochoirdrucke und Lithografien) und Anzeigen, vor allem aus den Zeitschriften Vogue und L’Illustration. Es mag erstaunen, Anzeigen gleichberechtigt aufgeführt zu sehen, doch werden sie damals oft von führenden Künstlern entworfen.

Zudem spiegeln sie die großen Themen der Zeit. Es sind: das Auto, das gestalterisch einen Höhepunkt erlebt, das französische Chanson, das in den 1920er- Jahren groß wird, die Pariser Haute Couture, die in dieser Zeit in Paris entsteht, und nicht zuletzt Tanz und Cabaret, die damals besonders in Paris eine wichtige Rolle spielen.

Cassandre & Co.

Die Pariser Art Déco-Plakate gelten auch international als ein Höhepunkt der Plakatgeschichte. Adolphe Mouron, genannt Cassandre, Charles Loupot, Jean Carlu und Paul Colin waren die führenden Plakatmaler.

Jeder entwickelte seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Cassandre gilt noch heute als größter Plakatkünstler des 20. Jahrhunderts.

Er gestaltete zwischen 1925 und 1935 rund hundert Plakate. Jedes von ihnen auf seine Weise einzigartig. Viele von ihnen Meisterwerke, die bis heute die Balance zwischen moderner Gestaltung und eindringlicher Wirkung halten.

Während Cassandre und Loupot vor allem im Bereich der Produktwerbung tätig waren, bediente Jean Carlu die ganze Bandbreite vom politischen Plakat über die Produktwerbung bis zum Theaterplakat. Paul Colin dagegen spezialisierte sich auf die Theater- und Cabaret-Bühnen der Stadt. Er porträtiert viele große Sängerinnen und Schauspieler der Zeit.

Berühmt wurde Colins Mappenwerk über die Revue nègre, die Tanzcompagnie von Josephine Baker, die mehrfach in Paris gastierte und für die Colin auch Bühnenbilder und Kostüme entwarf.

Erfinder der Haute Couture

1908 erschien zum ersten Mal ein Katalog mit der neuen Kollektion des Modeschöpfers Paul Poiret: Les robes de Paul Poiret – eine Art Gründungschrift des Art Déco.

Poiret, einer der Erfinder der Haute Couture, stellte darin seine neue Mode vor, die mit hoher Taille und lang schwingenden Gewändern die typische Art Déco-Silhouette definierte. Zugleich fanden sich in diesem Heft die ersten bedeutenden Pochoir-Drucke, entworfen von Paul Iribe, einem politischen Karikaturisten, der auch als Modezeichner erfolgreich wird.

Pochoir: Mode & Erotik

Die Pochoir-Drucke sind eine Pariser Besonderheit. Der Begriff meint eigentlich eine Drucktechnik, steht aber zugleich für ein ganzes Genre, nämlich für die gehobene und elegante Illustration, die sich vor allem mit Mode und – dezenter – Erotik befasst.

Wörtlich übersetzt heißt pochoir Schablonendruck, doch sieht dies in der Praxis sehr viel differenzierter aus. Zumeist handelt es sich um aufwendige Mischtechniken mit einem variierenden Anteil von Handarbeit.

Die Drucke sind nicht für hohe Auflagen und günstige Preise geeignet, sondern finden sich in Luxuseditionen und gehobenen Modejournalen wie der Gazette du Bon Ton.

Spiegelbild der Années Folles

Die Faszination des Art Déco lag jedoch nicht allein in seiner Ästhetik, sondern in seiner Rolle als Spiegel der Années Folles, jener verrückten Jahre des Aufbruchs nach dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit wurde das Design zum Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach Geschwindigkeit und technischem Fortschritt. Die fließenden Linien von Ozeandampfern wie der berühmten Normandie oder die Aerodynamik der frühen Automobile flossen direkt in die Gestaltung von Alltagsgegenständen ein.

Dabei blieb der Stil stets einer kompromisslosen Exklusivität treu. Während spätere Bewegungen die industrielle Massenfertigung suchten, zelebrierte das Art Déco das Handwerk und die Verwendung kostbarster Materialien. Exotische Hölzer wie Makassar-Ebenholz wurden mit Elfenbein, Pergament oder der Rochenhaut Galuchat kombiniert, was jedem Objekt eine fast sakrale Aura verlieh.

Wer heute in Paris auf den Spuren dieser Epoche wandeln möchte, findet im Musée des Arts Décoratifs oder im Palais de Chaillot eindrucksvolle Zeugnisse. Besonders im 16. Arrondissement hat sich die Architektur dieser Zeit in den Fassaden und Treppenhäusern konserviert, wo die Geometrie und der Glanz des Art Déco bis heute das Stadtbild prägen und von einer Ära erzählen, in der Frankreich das unangefochtene Zentrum der Weltkultur war.

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