Atomkraft? Mais oui! Frankreichs Energiewende
Atomkraft, mais oui ! Die Energiewende in Frankreich verläuft so ganz anders als in Deutschland. Die wichtigsten Unterschiede, Strategien und die radikale Neubewertung der Atomkraft durch Präsident Emmanuel Macron zeichnen das Bild einer industriellen Zeitenwende.
Völlig anders strukturiert
Frankreich besitzt ein völlig anders strukturiertes Strom- und Energiesystem als Deutschland. Als Zentralstaat plant das Land zentral die essenziellen Infrastrukturprojekte. Es setzt dabei auf Großprojekte, während Deutschland dezentrale Initiativen und das Engagement der Zivilgesellschaft fördert. Dem deutschen Strommarkt mit mehr als 800 Stromversorgern steht ein französisches Staatsunternehmen (EDF) mit wenig Konkurrenz gegenüber.
Vollständige Verstaatlichung
Der französische Staat, zuvor mit 84 Prozent beteiligt, schloss im Juni 2023 die vollständige Verstaatlichung des größten nationalen Energieversorgers EDF Électricité de France ab. Für rund 9.700.000.000 Euro kaufte Paris die restlichen 16 Prozent der Anteile auf und nahm den hochverschuldeten Konzern komplett von der Börse. Damit hat der Staat die uneingeschränkte Kontrolle zurückerlangt, um die gigantischen Investitionen in die nukleare Zukunft im Alleingang zu steuern.
Heizen und kühlen mit Strom
Strom hat zudem einen ganz anderen Stellenwert in Frankreich. Das Land heizt mit Strom. Im Sommer drehen sich – vor allem im Süden – die Klimaanlagen. Anstiege bei den Strompreisen wirken sich – viel stärker als in Deutschland – direkt auf den Alltag der Menschen aus. Zum Alltag in Frankreich gehören auch die alljährlichen winterlichen Energieeinsparungen. Sie sind nicht nur bei privaten Haushalten, sondern auch bei Unternehmen geübt. Zahlreiche Unternehmen fahren dann freiwillig Lasten herunter und erhalten dafür eine Entschädigung. Dieser eingeübte Weg hilft, Stromspitzen im Winter abzufedern.
Staatliche Strompreise
Wie hoch der Strompreis der EDF ist, legt der Staat fest. Die Tarife der wenigen freien Anbieter wie Engie schwanken. Sie sind teilweise teurer, teilweise günstiger als die EDF. Für einkommensschwache Bürger gibt es einen Sozialtarif. Der Vertragsnachweis von EDF dient – ähnlich wie die Handyrechnung – als Wohnsitznachweis.
Preisbremse während der Energiekrise
Während der Energiekrise ab Herbst 2022 fror der Staat die Gaspreise ein und deckelte den Anstieg der Strompreise über den sogenannten bouclier tarifaire (Tarifschutzschild) bei wenigen Prozent. Diese massiven staatlichen Subventionen, die den Fiskus dutzende Milliarden Euro kosteten, wurden jedoch schrittweise wieder abgebaut. Seit dem Jahr 2025 zahlen die französischen Verbraucher durch die schrittweise Wiedereinführung der Stromsteuern wieder deutlich mehr für ihre Energie.
Energie sparen!
Die im Jahr 2022 gestartete große Aufklärungskampagne zum plan de sobriété énergétique (Plan zur energetischen Nüchternheit) war gekoppelt an ein Maßnahmenpaket für private Haushalte, Staatsbetriebe und die Privatwirtschaft. Obwohl das offizielle Ziel einer dauerhaften Senkung des Verbrauchs um zehn Prozent in den Folgejahren zeitweise erreicht wurde, löste die Kampagne in Frankreich zu einer Art Öko-Klassenkampf aus. Die Superreichen werden darin immer wieder als Klimakiller gebrandmarkt. Diskutiert wird unter anderem, die Nutzung von Privatjets zu regulieren. Auch die Senkung der Stromintensität im Netz steht zur Disposition.
Kernkraftgestützte Energiewende
Hauptstromlieferanten in Frankreich sind Atomkraftwerke und große Wasserkraftwerke. Nachdem im Krisenjahr 2022 unvorhergesehene Korrosionsprobleme fast die Hälfte der französischen Reaktoren lahmlegten und das Land massiv teuren Strom aus dem Ausland importieren musste, hat sich die Lage durch ein beispielloses Reparatur- und Wartungsprogramm der EDF inzwischen wieder stabilisiert. Die Reaktorflotte liefert wieder verlässlich Strom. Während Deutschland dabei auf einen Atomausstieg setzt, propagiert Frankreich eine kernkraftgestützte transition écologique. Die Erneuerbaren Energien dienen dabei als Brückentechnologie.
Weltweite Nummer eins bei Atomkraft
Kein Land der Welt deckt seinen Strombedarf so sehr aus Atomkraft wie Frankreich. Rund 70 Prozent stellt die Kernenergie am französischen Energiemix. Belgien folgt auf Platz sechs im globalen Ranking. Der Anteil ist seit dem Jahr 2000 nahezu unverändert. Und soll in Zukunft noch weiter steigen. An den 18 Kraftwerksstandorten des Landes befinden sich insgesamt 56 aktive nukleare Reaktoren mit einer Kapazität von rund 61.370 MW. 14 ältere oder zu Forschungszwecken genutzte Meiler sind dauerhaft abgeschaltet. Das Zeitalter des Stillstands ist jedoch vorbei: Im Dezemver 2024 hat in der Normandie Flamanville 3, ein Europäischer Druckwasserreaktor (EPR), den Betrieb aufgenommen, weitere befinden sich in der konkreten Planungsphase.
Symbol der Souveränität
In Frankreich genießt die Atom- oder Kernkraft eine viel höhere Akzeptanz als in Deutschland. Das ist historisch bedingt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Charles de Gaulle den Ausbau dieser Technologie massiv vorangetrieben. Sie war für ihn Symbol für die Unabhängigkeit Frankreichs – auch militärisch. Heute steht die Rückkehr der Atomkraft für die „Souveränität der Energieversorgung“, so Macron.
Vom Ausstieg zu „Neu Erfinden“
Als Präsident Emmanuel Macron im Jahr 2017 seine erste Amtszeit antrat, wollte er zunächst unter dem Eindruck der nuklearen Katastrophen der jüngsten Jahre einige Meiler bis 2025 vom Netz nehmen und den Anteil von Atomstrom verringen. Noch im selben Jahr ruderte die Regierung zurück und verschob dies auf 2035. Das Argument: Ohne Kernkraft sei bis 2050 keine CO₂-Neutralität zu erreichen.
IIm Oktober 2021 stellte Macron seinen 30.000.000.000 Euro schweren Investitionsplan France 2030 für Innovation und Forschung vor. Darin propagierte er, die Atomkraft neu zu erfinden. Dafür gehören für ihn weniger Atommüll, eine verbesserte Weiterverarbeitung sowie neue, modernere Atomkraftwerke. Als wichtiger Baustein zur CO₂-Neutralität setzte Frankreich bei der EU durch, dass Investitionen in die Kernenergie unter bestimmten Bedingungen als „grüne Investitionen“ (Taxonomie) anerkannt werden. Mindestens 50 Milliarden Euro investiert Frankreich in die Renaissance der Nuklearenergie.
Längere Laufzeiten
Heute steht Frankreichs Atomindustrie vor massiven Problemen. Dies zeigte sich besonders im Hitzesommer 2022. Rund die Hälfte der alten Atomkraftwerke hat Wartungsprobleme und/oder Korrosionsschäden. Zudem musste die Produktion gedrosselt werden, weil die Entnahme und Rückführung von Kühlwasser in die Flüsse nicht mehr möglich war.
Ein Großteil der 56 AKW steht in Frankreich vor dem Ende der ursprünglichen 40-jährigen Betriebszeit. Im Zuge der Energiewende verlängerte Frankreich die Laufzeit seiner Atommeiler auf 50 Jahre. Die Bedingung: umfangreiche Sanierungen bei den bestehenden Meilern. Die EDF investiert im Rahmen des Programms Grand Carénage immense Summen, um die Flotte fit für die Laufzeitverlängerung zu machen und die empfindlichen Rohrleitungssysteme, die 2022 von der sogenannten spannungsrissinduzierten Korrosion betroffen waren, flächendeckend auszutauschen.
Flamanville 3: der erste von sechs Druckwasserreaktoren
Nach einer zwölfjährigen Verzögerung und einer Kostenexplosion von ursprünglich veranschlagten 3,3 Milliarden auf schlussendlich weit über 13 Milliarden Euro hat der europäische Druckwasserreaktor ( EPR European Pressurized Reactor ) Flamanville 3 in der Normandie Ende 2024 die kommerzielle Stromproduktion aufgenommen. Mit einer Leistung von 1.650 MW markiert dieser Reaktor den Startschuss für die Zukunft.
Bis 2050 sollen bis zu 14 weitere Kernkraftwerke errichtet werden. Als Großprojekte sind zunächst sechs neue Reaktoren des Typs EPR2 fest in Planung. Die ersten vorbereitenden Baumaßnahmen am Standort Penly wurden bereits eingeleitet, um die ehrgeizigen Fristen für eine Inbetriebnahme in den 2030er-Jahren einzuhalten. Das AKW Flamanville könnt ihr besichtigen. Eine E-Mail an visiteredf-flamanville@edf.fr oder eine Voranmeldung unter Telefon 02 33 78 70 17 genügen.
Neue Mini-Reaktoren
Eine Milliarde Euro fließt aus dem Investitionsprogramm in die Erforschung und Nutzbarmachung kleiner Mini-Reaktoren. Diese Small Modular Reactors (SMR), darunter das französische Vorzeigeprojekt Nuward, sollen mit ihrer Leistung von unter 300 MW die schwankende Verfügbarkeit von Wind- und Sonnenenergie ausgleichen. So sollen Stromfresser wie Landwirtschaft, Transport und Schwerindustrie kostengünstig und sauber Energie erhalten.
Jobmotor für Grand Est
Arabelle heißt die leistungsstärkste Dampfturbine der Welt, die für die neuen Kernkraftwerke bestimmt ist. Sie wird bei General Electric (GE) in Belfort gebaut. Nach jahrelangen Verhandlungen hat der französische Staat die strategisch essenzielle Turbinesparte GE Steam Power im Jahr 2024 offiziell von den Amerikanern zurückgekauft und wieder unter das Dach der EDF gestellt. Damit wurde eine historische Fehlentscheidung korrigiert: Als Macron noch Wirtschaftsminister gewesen war, hatte er gegen den Einspruch der Opposition den Verkauf der Energiesparte von Alstom an GE genehmigt. Die französische Atomindustrie schätzt, dass für diese nukleare Renaissance bis 2030 rund 100.000 neue Fachkräfte ausgebildet und eingestellt werden müssen – eine gewaltige Herausforderung für den französischen Arbeitsmarkt.
Zweites Leben für alte Brennstäbe
Um seinen Atommüll zu verringern, will Frankreich seinen Brennstäben ein zweites Leben verleihen. Dazu arbeitet es an einem EU-Forschungsprojekt mit. Sein Ziel: in neuartigen Reaktoren der vierten Generation künftig gebrauchte Brennstoffe durch Beschuss mit Neutronen zu spalten. Dabei soll Energie gewonnen und die Halbwertszeit der radioaktiven Isotope von einigen Millionen auf einige hundert Jahre verringert werden. Eine erste Testanlage soll dazu in Belgien entstehen.
Wohin mit dem Atommüll?
Kein Land in Europa produziert so viel Atommüll wie Frankreich. Zwar unterhält das Land auf der normannischen Halbinsel Cotentin die Wiederaufbereitungsanlage La Hague, doch damit ist das Problem nicht gelöst. Wie Greenpeace 2021 aufdeckte, entsorgt Frankreich daher seinen Uranmüll auch gerne in Russland. Von Le Havre bringt ein Atomschiff den strahlenden Abfall nachUst-Luga bei St. Petersburg. Diese Transporte und die engen Verflechtungen des französischen Nuklearsektors mit dem russischen Staatskonzern Rosatom blieben auch nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges Gegenstand heftiger politischer Debatten, da der Atombereich von den EU-Sanktionen weitgehend ausgenommen wurde. Bereits 1991 hatte das französische Parlament ein Gesetz zur Endlagersuche beschlossen. Seit 1998 wird in einem Untertagelabor in Bure bei Nancy die Einlagerung in Tonschichten getestet und erforscht.
Ein neues Endlager
Die Ergebnisse waren so vielversprechend, dass die Regierung den Bau des tiefengeologischen Endlagers namens Cigéo nördlich des Untertagelabors bekannt gab. Das Jahrhundertprojekt soll schätzungsweise 25.000.000.000 Euro kosten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Genehmigungsphasen ist der offizielle Baubeginn für die Infrastruktur erfolgt.
Die Pilotphase für die Einlagerung ist für die kommenden Jahre angesetzt. 80.000 Kubikmeter Atommüll an wiederaufbereiteten Brennelementen sollen dann in Stahlbehältern in 500 Meter Tiefe in einer Tonschicht gelagert werden. Zwar entspricht dies nur 0,2 Prozent der Masse des französischen Atommülls, aber aufgrund der hoch radioaktiven Elemente 98 Prozent der gesamten Radioaktivität.
Informieren
Bereits 2006 gründeten Deutschland und Frankreich das Deutsch-Französische Büro für die Energiewende. SSein Direktor Sven Rösner erhielt für sein starkes Engagement den staatlichen französischen Verdienstorden ( Ordre national du Mérite ). Das Büro veranstaltet zur Energiewende zahlreiche Veranstaltungen sowie Fachkonferenzen, die den kontinuierlichen Dialog zwischen den beiden völlig gegensätzlichen Energiewelten aufrechterhalten.
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