Aubigny-sur-Nère: die Stadt der Stuarts

Aubigny: britische Telefonzelle. Foto: Hilke Maunder
Was macht diese britische Telefonzelle im Berry? In Aubigny erinnert sie an die Geschichte. Foto: Hilke Maunder

Schottland! Zwischen Sologne und Sancerre versteckt es sich mitten im Berry. Knallrot und urbritisch gibt eine alte Telefonzelle von der britischen Insel in Aubigny-sur-Nère den ersten Hinweis auf ganz ungewöhnliche Verbindungen.

Ein seltsames Zugeständnis

Sie reichen zurück bis ins Jahr 1165, als Wilhelm der Löwe die Auld Alliance begründete. Besonders bedeutsam wurde diese Allianz von Frankreich und Schottland im berühmten Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England.

Es lohnt sich, in Aubigny-sur-Nère einmal einen Blick auf die Dachlandschaften zu werfen! Foto: Hilke Maunder
Es lohnt sich, in Aubigny-sur-Nère einmal einen Blick auf die Dachlandschaften zu werfen! Foto: Hilke Maunder

Am 23. Oktober 1295 in Paris schlossen Philipp der Schönen und John Balliol ihr Pakt. Frankreich und Schottland kämpften fortan gemeinsam gegen England. 265 Jahre lang wurde dieser Vertrag immer wieder beschworen, ohne dass Franzosen und Schotten jemals den Kampf verloren hätten.

1421 schloss sich Lord John Stuart of Darnley an der Spitze eines schottischen Expeditionskorps den königlichen Armeen des Dauphin Charles (später Charles VII) an und zerschlug die Engländer in der Schlacht von Baugé.

Auch die Türme und Türmchen von Aubigny-sur-Nére sind Hingucker! Foto: Hilke Maunder
Auch die Türme und Türmchen von Aubigny-sur-Nére sind Hingucker! Foto: Hilke Maunder

Aus Dankbarkeit verlieh ihm der zukünftige König von Frankreich, Karl VII., im Jahr 1423 die Herrschaft über Aubigny. Als Cousin des Königs von Schottland befehligte jener damals die schottische Armee und kam dem in Bedrängnis geratenen König zur Hilfe.

Fünf Jahrhunderte lang prägte schottische Lebensart das Dorfleben – mit Kilts, Dudelsäcken und Whisky. Shakespeares Sprache beherrschten damals die Einheimischen so perfekt wie das lokale Patois und das Französische.

Die Stadtkirche von Aubigny-sur-Nère. Foto: Hilke Maunder
Die Stadtkirche von Aubigny-sur-Nère. Foto: Hilke Maunder

Erst schottisch, dann englisch

Die Nachfahren behielten ihr Lehen bis 1672, bis ihre Linie ausstarb. Aubigny fiel an Frankreich. Doch nur ein kurzes Jahr verblieb es dort. Bereits 1673 schenkte der Sonnenkönig Ludwig XIV. das Herzogtum an Louise de Kéroualle, Herzogin von Portsmouth. Sie war die Favoritin des Königs von England, Karl II., und hatte mit ihm einen Sohn. Ironie der Geschichte: Die „Stadt der Stuarts“ gehört nun einer englischen Familie!

Geranien und altes Holz: Das sorgt für Flair in den alten Gassen. Foto: Hilke Maunder
Geranien und altes Holz: Das sorgt für Flair in den alten Gassen. Foto: Hilke Maunder

Louise wurde in London gehasst und in Aubigny verehrt. Sie erweiterte das Schloss, das einst Robert Stuarts zwischen 1517 und 1543 errichtet hatte. Heute birgt es neben dem Rathaus auch das Centre d’Interprétation de l’Auld Alliance. Louise verschönerte auch den Schlosspark. Er heißt heute zu ihren Ehren Parc de la Duchesse de Portsmouth. Entworfen haben soll ihn kein Geringerer als André Le Nôtre, der Hofgärtner von Versailles. Große Hainbuchenhecken und zwei sehr schöne Mammutbäume strukturieren den Garten, der auch Grands Jardins genannt wird.

Aubigny: Fachwerk. Foto: Hilke Maunder
Die Maison Bailli. Foto: Hilke Maunder

Schottland lebt!

Aubigny-sur-Nère ist der wohl ungewöhnlichste Ort an der historischen Route de Jacques Cœur. Die Route auf den Spuren des einflussreichen Kaufmanns und Bankers Jacques Cœur (1395/1400 – 1456) wurde 1961 gegründet. Sie ist damit die älteste historische und touristische Route Frankreichs. 150 Kilometer lang führt sie von Gien nach Ainay-le-Vieil durch Felder, Täler und Weinberge und führt zu den Kulturschätzen der Region. Und hin zum Schotten-Erbe von  Aubigny-sur-Nére.

Bis heute ist Schottland dort an jeder Straßenecke sichtbar. Vom Château des Stuarts über das Fachwerk der Gassen bis zum zwölf Jahre alten Single-Malt-Whisky The Aubigny Auld Alliance von der Cave des Stuarts.

Früher umgaben Gräben die Stadt. Vier Tore und Rundtürme sicherten ab dem 13. Jahrhundert an der Stadtmauer den Zugang. Im 18. Jahrhundert geschleift, sind einzig auf dem Boulevard de la République noch drei Türme und Teile der Mauer erhalten. Mehr als 200 Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert säumen die Gassen und Straßen der einstigen Stadt der Stuarts, wo sich die Nère, ein Nebenfluss der Grande Sauldre, an die Altstadt schmiegt. Als 1512 ein großer Stadtbrand viele von ihnen zerstört hatten, half Robert Stuart.

Aubigny: Fachwerk. Foto: Hilke Maunder
Fachwerkgasse in Aubigny. Foto: Hilke Maunder

Schottischer 14. Juli

Kein blau-weiß-rotes Feuerwerk, kein Feuerwehrball: Am 14. Juli feiert Aubigny nicht den Nationalfeiertag von Frankreich. Das Städtchen begeht indessen, ganz in der Tradition verhaftet, die Fêtes Franco-Écossaises.

Bei den französisch-schottischen Feiertagen empfängt Aubigny Bagad– und Pipes-Bands aus ganz Europa für ein Tattoo (Umzug). Es inszeniert mittelalterliche Märkte und lädt ein, die Stadt der Stuarts 100 % schottisch zu erleben. Auch in der Küche –mit Haggis, Pansen vom Schaf.

Dass nicht nur die schottischen Gäste, sondern auch die Einheimischen passend eingekleidet werden, dafür sorgt Chrystel Amyot. Die Schneiderin aus Lyon hat sich seit der Heirat mit Robert, Dudelsackspieler und Nachkommen des MacKinnon-Clans, auf die Herstellung von traditionellen Kilts spezialisiert.

Für Aubigny gibt es einen eigenen Tartanstoff, gewebt aus Karos in Grün, Gelb, Rot und Blau. Auch Bürgermeisterin Laurence Renier trägt zum Fest dann einen Schottenrock von Lady Chrystel Kilts.

Aubigny: Berry trifft auf Britannien. Foto: Hilke Maunder
Der Berry trifft auf Britannien in Aubigny. Foto: Hilke Maunder

Aubigny-sur-Nère: meine Reisetipps

Seit 2022 trägt Aubigny-sur-Nère das Siegel einer Petite Cité de Caractère. Die Auszeichnung wird alle fünf Jahre überprüft und wurde 2022 bestätigt. Das Konzept der Petites Cités de Caractère entstand Mitte der 1970er-Jahre, um atypische Gemeinden aufzuwerten, die aufgrund ihrer Lage und ihrer begrenzten Bevölkerungszahl ländlich und aufgrund ihrer Geschichte und ihres Kulturerbes gleichzeitig städtisch geprägt sind.

Diese Städte, die früher administrative, politische, religiöse, kommerzielle oder militärische Zentren waren, mussten im Zuge von administrativen und industriellen Revolutionen in Frankreich häufig eine Reduzierung ihrer städtischen Funktionen hinnehmen. Mit dem Verlust der Funktion ging ein Verlust der Finanzmittel einher – und der Fortzug von Bewohnern. Die Auszeichnung will seitdem helfen, das  Kulturerbe zu wahren und als Hebel für die Entwicklung zu nutzen.

Lehrstunde zu den Stuarts

Centre d’Interprétation de l’Auld Alliance

Das Centre d’Interprétation de l’Auld Alliance wurde am 13. Juli 2019 eröffnet und bietet im Schloss der Stuarts die Möglichkeit, diesen wichtigen und doch unbekannten Aspekt der französischen Geschichte zu erkunden

Erleben

L’Embuscade

„Der Hinterhalt“: So nennt sich das Fest von Berry-Sologne, das der Office de Tourisme de Sauldre et Sologne einen Monat lang im August organisiert; www.aubigny.net/L-Embuscade-le-Festival-Berry

Der historische Stadtrundgang von Aubigny-sur-Nère. Foto: Hilke Maunder
Der historische Stadtrundgang von Aubigny-sur-Nère. Foto: Hilke Maunder

Shopping

Wochenmarkt

Der Markt von Aubigny findet jeden Samstagmorgen auf mehreren Straßen und Plätzen im Stadtzentrum statt. Im Schatten der Fachwerkhäuser aus der Zeit der schottischen Präsenz verführen zwischen der Rue des Dames, der Place Adrien-Arnoux und der Rue de la Tour Gemüsehändler, Fischhändler, Metzger, Käser, Bierbrauer und Austernzüchter und viele ander Händler in insgesamt 70 Ständen mit ihrem Angebot die Sinne.

Im Jahr 2022 wurde der Markt von Aubigny im Wettbewerb „Ihr schönster Markt“, der von TF1 und der Regionalpresse organisiert wurde, zum „schönsten Markt der Region Centre-Val de Loire“ gewählt!
• Sonnabend, 8.30 – 13 Uhr.

La Malle aux Saveurs 

Süß oder salzig? Isabelle Escolan kredenzt zu Mürbeteigkeksen aus Nançay und Kaviar aus der Sologne auch passende Tropfen – und Fayencegeschirr aus Gien.
• 26, rue du Prieuré, Tel. 02 48 58 44 06, http://lamalleauxsaveurs-aubigny.com

Eine Rossschlachterei. Foto: Hilke Maunder
Eine Rossschlachterei. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen

La Chaumière

Schlemmen im Stil der Sologne – schon das Ambiente ist mit Backstein und Balken, Naturstein und Erkerfenster typisch für die Region. Auf der Karte stehen Fisch, Feder- oder Pelzwild. Auf der Käseplatte ist der Crottin de Chavignol König, beim Dessert die Erdbeere aus der Sologne.

Auch die Weinkarte setzt auf Regionales: Sancerre, Menetou-Salon, Pouilly, Reuilly. An warmen Tagen könnt ihr draußen auf der schattigen, begrünten Terrasse speisen!
• 2, rue Paul Lasnier, Tel. 02 48 58 04 01, http://hotel-restaurant-la-chaumiere.com

Le Bien Aller

Kévin Achard und Jérôme Godon haben 1998 das beliebte Bistrot von Jean Achard übernommen und auf bio umgestellt. Seitdem schmeckt es dort noch besser!
• 3, rue des Dames,  Tel. 02 48 58 03 92, www.facebook.com

La Fontaine

Das Restaurant Hôtel La Fontaine serviert seinen Gästen eine Küche, die lokale mit klassischer französischer Küche verbindet. Besonders lecker: Mijoté de Chevreuil en Civet. Danach noch etwas Käse aus dem Berry: Pouligny, Selles-sur- Cher und Crottin de Chavignol.
• 2, avenue du Général Leclerc, Tel. 02 48 58 02 59, www.la-fontaine-hotel.fr

Schlafen

Auberge de la Fontaine 

Schlicht, sauber, gut und günstig:  Die neun Zimmer sind perfekte Domizile für alle, die lieber das Geld fürs Essen als für die Nacht ausgeben. Die Küche ist köstlich!
• 2, avenue du Général Leclerc, Tel. 02 48 58 02 59, www.la-fontaine-hotel.fr

Hôtel La Chaumière

Geräumige, gediegene Zimmer: Hier logiert man gerne! Zumal das Haus zur Vereinigung Châteaux & Hôtels Collectionvon Alain Ducasse gehört.
• 2, rue Paul Lasnier, Tel. 02 48 58 04 01, http://hotel-restaurant-la-chaumiere.com

Noch mehr Betten*
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In der Nähe

Château de la Verrerie

Der heutige Besitzer von Béraud Stuarts Schloss aus dem 15. Jahrhundert ist Béraud de Vogüe, dessen Vorfahren es 1840 erwarben. Bei den Führungen tragen die guides die Kostüme jener Jahre. Wer mag, kann hier logieren – oder an der Jagd teilnehmen.
• 18700 Oizon (12 km südöstl.), Tel. 02 48 81 51 60, www.chateaudelaverrerie.com

Château de la Chapelle d’Angillon

Die Burg von La Chapelle d’Angillon besitzt mit ihrem um 1100 erbauten Bergfried eines der ältesten Zeugnisse der Militärarchitektur im Cher. Die Burg war einst die Residenz der Prinzen von Boisbelle. Ihr Land besaß als allod beneidenswerte Privilegien: Die Prinzen unterstanden keinem Lehnsherrn, sondern konnten frei und unabhängig regieren, Gesetze machen und Münzen prägen. Wer auf dem Gebiet von Boisbelle wohnte, musste keine Steuern zahlen, war vom Militärdienst befreit – bis 1677. Dann wurde auch Boisbelle in Frankreich integriert.
• 18380 La Chapelle d’Angillon, Tel. 02 48 73 41 10, https://chateau-angillon.fr

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Im Blog

Das Berry ist die Heimat von George Sand und bildet den geografischen Mittelpunkt Frankreichs. Lasst euch hier zu Entdeckungen inspirieren!

Das Herz von Frankreich: das Berry

Im Buch

Das ganze Land

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

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