Aubigny-sur-Nère: die Stadt der Stuarts

Aubigny: britische Telefonzelle. Foto: Hilke Maunder
Was macht diese britische Telefonzelle im Berry? In Aubigny erinnert sie an die Geschichte. Foto: Hilke Maunder

Schottland! Zwischen Sologne und Sancerre, versteckt es sich mitten im Berry. Knallrot und urbritisch, gibt eine alte Telefonzelle von der Insel in Aubigny-sur-Nère den ersten Hinweis auf ganz ungewöhnliche Verbindungen.

Ein seltsames Zugeständnis

Sie reichen zurück bis ins Jahr 1165, als Wilhelm der Löwe die Auld Alliance begründete. Besonders bedeutsam wurde diese Allianz von Frankreich und Schottland im berühmten Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England.

Damals, 1423, übergab der König von Frankreich, Karl VII., die Herrschaft über Aubigny an John Stuart de Darnley. Jener befehligte damals als Kusin  des Königs von Schottland die schottische Armee und kam dem in Bedrängnis geratenen König zur Hilfe.

Fünf Jahrhunderte lang prägte schottische Lebensart das Dorfleben – mit Kilts, Dudelsäcken und Whisky. Shakespeares Sprache beherrschten damals die Einheimischen so perfekt wie das lokale Patois und das Französische.

Die Maison Bailli. Foto: Hilke Maunder

Erst schottisch, dann englisch

Die Nachfahren behielten ihr Lehen bis 1672, bis ihre Linie ausstarb. Aubigny fiel an Frankreich. Doch nur ein kurzes Jahr verblieb es dort. Bereits 1673 schenkte der Sonnenkönig Ludwig XIV. das Herzogtum an Louise de Kéroualle, Herzogin von Portsmouth.

Sie war die Favoritin des Königs von England, Karl II., und hatte mit ihm einen Sohn. Ironie der Geschichte: Die „Stadt der Stuarts“ gehört nun einer englischen Familie!

Louise wurde in London gehasst und in Aubigny verehrt. Sie erweiterte das Schloss – das heutige Hôtel de Ville  – und verschönerte seinen Park. Er heißt heute zu ihren Ehren Parc de la Duchesse de Portsmouth. Entworfen haben soll ihn kein Geringerer als André Le Notre, der Hofgärtner von Versailles.

Fachwerkgasse in Aubigny. Foto: Hilke Maunder

Schottland lebt!

Aubigny-sur-Nère ist der wohl ungewöhnlichste Ort an der historischen Route de Jacques Cœur. Bis heute ist Schottland dort an jeder Straßenecke sichtbar. Vom Château des Stuarts über das Fachwerk der Gassen bis zum zwölf Jahre alten Single-Malt-Whisky The Aubigny Auld Alliance von der Cave des Stuarts.

Früher umgaben Gräben die Stadt. Vier Tore und Rundtürme sicherten ab dem 13. Jahrhundert an der Stadtmauer den Zugang. Im 18. Jahrhundert geschleift, sind einzig auf dem Boulevard de la République noch drei Türme und Teile der Mauer erhalten.

Schottischer 14. Juli

Kein blau-weiß-rotes Feuerwerk, kein Feuerwehrball: Am 14. Juli feiert Aubigny nicht den Nationalfeiertag von Frankreich. Sondern Les Fêtes Franco-Écossaises, die französisch-schottischen Feiertage.

Dann empfängt Aubigny Bagad- und Pipes-Bands aus ganz Europa für ein Tattoo (Umzug), inszeniert mittelalterliche Märkte und lädt ein, die Stadt der Stuarts 100 % schottisch zu erleben. Auch in der Küche –mit Haggis, Pansen vom Schaf.

Das nicht nur die schottischen Gäste, sondern auch die Einheimischen passend gekleidet wird, dafür sorgt Chrystel Amyot. Die Schneiderin aus Lyon hat sich seit der Heirat mit Robert, Dudelsackspieler und Nachkommen des MacKinnon-Clan, auf die Herstellung von traditionellen Kilts spezialisiert.

Für Aubigny gibt es einen eigenen Tartanstoff, gewebt in grün, gelb, rot und blau. Auch Bürgermeisterin Laurence Renier trägt zum Fest dann einen Schottenrock von Lady Chrystel Kilts.

Aubigny: Berry trifft auf Britannien. Foto: Hilke Maunder

Aubigny-sur-Nère: meine Reisetipps

Erleben

L’Embuscade

„Der Hinterhalt“: So nennt sich das Fest von Berry-Sologne, das die Office de Tourisme de Sauldre et Sologne einen Monat lang im August organisiert; www.aubigny.net/L-Embuscade-le-Festival-Berry

Shopping

Wochenmarkt

Jeden Sonnabend auf dem Hauptplatz von 8.30 – 13 Uhr.

La Malle aux Saveurs 

Süß oder salzig? Isabelle Escolan zu Mürbteigkeksen aus Nançay und Kaviar aus der Sologne auch passende Tropfen – und Fayencegeschirr aus Gien.
• 26, rue du Prieuré, Tel. 02 48 58 44 06, http://lamalleauxsaveurs-aubigny.com

Schlemmen

La Chaumière

Schlemmen im Stil der Sologne – schon das Ambiente ist mit Backstein und Balken, Naturstein und Erkerfenster typisch für die Region. Auf der Karten stehen Fisch, Feder- oder Pelzwild, auf der Käseplatte ist der Crottin de Chavignol König, beim Dessert die Erdbeere aus der Sologne. Auch die Weinkarte setzt auf Regionales: Sancerre, Menetou-Salon, Pouilly, Reuilly…..An warmen Tagen könnt ihr draußen auf der schattigen, begrünte Terrasse speisen!
• 2, rue Paul Lasnier, Tel. 02 48 58 04 01, http://hotel-restaurant-la-chaumiere.com

Le Bien Aller

Kévin Achard und Jérôme Godon haben 1998 das beliebte Bistrot von Jean Achard übernommen und auf bio umgestellt. Seitdem schmeckt es dort noch besser!
• 3, rue des Dames,  Tel. 02 48 58 03 92, www.facebook.com

La Fontaine

Das Restaurant Hôtel La Fontaine serviert seinen Gästen eine Küche, die lokale mit klassischer französischer Küche verbindet. Besonders lecker: Mijoté de Chevreuil en Civet. Danach noch etwas Käse aus dem Berry: Pouligny, Selles-sur- Cher und Crottin de Chavignol.
• 2, avenue du Gén Leclerc, Tel. 02 48 58 02 59, www.la-fontaine-hotel.fr

Schlafen

Auberge de la Fontaine 

Schlicht, sauber, gut und günstig:  Die neun Zimmer sind perfekte Domizile, die lieber das Geld fürs Essen als für die Nacht ausgeben – die Küche ist köstlich!
• 2, avenue du Gén Leclerc, Tel. 02 48 58 02 59, www.la-fontaine-hotel.fr

Hôtel La Chaumière

Geräumige, gediegene Zimmer: Hier logiert man gerne! Zumal das Haus zur Vereinigung von Alain Ducasse gehört, der  Châteaux & Hôtels Collection.
• 2, rue Paul Lasnier, Tel. 02 48 58 04 01, http://hotel-restaurant-la-chaumiere.com

Noch mehr Betten*
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In der Nähe

Château de la Verrerie

Der heutige Besitzer von Béraud Stuart’s Schloss aus dem 15. Jahrhundert ist Béraud de Vogüe, dessen Vorfahren es 1840 erwarben. Bei den Führungen tragen die Guides die Kostüme jener Jahre. Wer mag, kann hier logieren – oder an der Jagd teilnehmen.
• 18700 Oizon (12 km südöstl.), Tel. 02 48 81 51 60, www.chateaudelaverrerie.com

Château de la Chapelle d’Angillon

Die Burg von La Chapelle d’Angillon besitzt mit ihrem um 1100 erbauten Bergfried eines der ältesten Zeugnisse der Militärarchitektur im Cher. Die Burg war einst die Residenz der Prinzen von Boisbelle.

Ihr Land besaß als „Allod“ beneidenswerte Privilegien. Die Prinzen unterstanden keinem Lehnsherrn, sondern konnten frei und unabhängig regieren, Gesetze machen und Münzen prägen.

Wer auf dem Gebiet von Boisbelle wohnte, musste keine Steuern zahlen, war vom Militärdienst befreit – bis 1677. Dann wurde auch Boisbelle in Frankreich integriert.
• 18380 La Chapelle d’Angillon, Tel. 02 48 73 41 10, https://chateau-angillon.fr

Weiterreisen

Das ganze Land

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