Brangues: der Liebesmord im Gotteshaus

Das Schloss von Brangues im Département Isère. Foto: Hilke Maunder
Das Schloss von Brangues im Département Isère. Foto: Hilke Maunder

Ein kleines Dorf hoch über der Rhône inspirierte Stendhal zu seinem berühmten Roman über einen Liebesmord in Gottes Haus. Ein Jahrhundert später fand Paul Claudel, der dichtende Bruder der Bildhauerin Camille Claudel, in Brangues seinen Seelenfrieden – und öffnete sein Schloss der Welt. Sein Erbe halten die Rencontres de Brangues lebendig. Das kleine Dorf mit großer Wirkung: Entdeckt es!

Brangues. Alte Höfe mit verschlossenen Toren, eine Café-Terrasse, eine kleine Esplanade mit weitem Blick über die Dauphine. Und eine Kirche. Sie inspirierte Marie-Henri Beyle, genannt Stendhal (1783,-1842), zu seinem berühmten Meisterwerk.

Die zentrale Dorfstraße von Brangues. Foto: Hilke Maunder
Die zentrale Dorfstraße von Brangues. Foto: Hilke Maunder

Ohne die Église Saint-Pierre-aux-Liens de Brangues gäbe es nicht Le  rouge et le noir* (Rot und Schwarz*). Stendhal, damals im Pariser Exil, erfuhr aus der Zeitung Les débats politiques et littéraires am 22. Dezember 1827 von einem Verbrechen aus Leidenschaft, das sich 1827 während der Messe in diesem Bauerndorf des Départements Isère ereignet hatte.

Nur selten eröffnen Tore Einblicke auf die Hofstellen von Brangues. Foto: Hilke Maunder
Nur selten eröffnen Tore Einblicke auf die Hofstellen von Brangues. Foto: Hilke Maunder

Das Leben in der Provinz, die Begegnung mit dem gehobenen Bürgertum, die Träume von Größe und die Enttäuschungen, die sich daraus ergeben, sind Themen, die sich im Roman und im persönlichen Leben des Autors wiederfinden. „Ich fühlte mich in allem minderwertig und links in einer Gesellschaft, die mir traurig und trostlos erschien“, schrieb er in seinem autobiografischen Werk Das Leben des Henri Brulard*

Das Vorbild für Julien Sorel

In dieser Kirche geschah der Liebesmord. Foto: Hilke Maunder
In dieser Kirche geschah der Liebesmord. Foto: Hilke Maunder

Antoine Berthet muss die gleiche Frustration empfunden haben. Der Sohn eines Hufschmieds aus Brangues war intelligenter als seine Umgebung und fühlte sich zu Büchern und Kultur hingezogen. Aber er lebte in einem Milieu, in dem die harte Arbeit wenig Raum für schöne Literatur ließ.

Der Pfarrer von Brangues bemerkte das Talent des Jungen und schickte ihn auf das Petit Séminaire du Rondeau in Grenoble. Dort blieb er drei Jahre, bevor er in sein Dorf zurückkehrte und Hauslehrer bei der bürgerlichen Familie Michoud, genannt de la Tour, wurde. Berthet verliebte sich unsterblich in Jeanne Michoud, die Hausherrin.

Es ist nicht bekannt, was wirklich zwischen den beiden geschah, aber die Gerüchteküche brodelte. Der Hauslehrer wurde entlassen.

Die Kirche von Brangues von der Empore aus. Foto: Hilke Maunder
Die Kirche von Brangues von der Empore aus. Foto: Hilke Maunder

Und so gibt es auch in Rot und Schwarz* eine Romanze und einen Ehebruch. Doch Stendhal schuf für seinen Roman eine neue Kulisse. Er machte Antoine als Julien Sorel zum Helden un zu einem Kind des Départements Jura, wo ihn das Priesterseminar von Besançon besuchen lässt.. Im Roman lässt Stendhal den Hauslehrer dann nach Paris gehen, nachdem er aus dem „Château“ entlassen wurde, wo er eine gewisse Madame de Rénal verführt hatte

Liebesmord beim Gottesdienst

In der Affäre von Brangues findet der entlassene junge Hauslehrer eine neue Anstellung beim Grafen von Cordon, einem savoyischen Adeligen. Dort verführt Julien Sorel dessen Tochter. Auch dies bleibt nicht unbemerkt. Sorel wird wieder entlassen, nachdem ein Brief der deprimierten Jeanne Michoud ein wenig schmeichelhaftes Bild von ihm zeichnet – adressiert an seinen neuen Arbeitgeber.

Voller Wut schießt der Düpierte am 22. Juli 1827 während der Messe in der Kirche von Brangues auf seine alte Liebe. Zwei Kugeln treffen die Frau in die Flanken, eine explodiert in ihrem Kopf.

Durch Brangues fürht ein markierter Rundgang. Hier: das Haus der Familie Michaud, genannt de la Tour. Foto: Hilke Maunder
Durch Brangues führt ein markierter Rundgang. Hier: das Haus der Familie Michaud, genannt de la Tour. Foto: Hilke Maunder

Ein Verbrechen aus Leidenschaft zur Zeit der Messe – was für ein Stoff für einen großen Roman!  Der Held der wahren Begebenheit wird ebenso wie die Romanfigur hingerichtet. In Le rouge et le noir* holt die ehemalige Geliebte von Julien Sorel seinen Kopf, küsst ihn auf die Stirn und vergräbt ihn in einer Höhle.

Wahlheimat von Paul Claudel

Das <em>Château de Branques</em>. Foto: Hilke Maunder
Das Château de Brangues. Foto: Hilke Maunder

Auf einer Anhöhe am Rande des Dorfes liegt das Château de Brangues hinter einer hohen Mauer in einem 17 Hektar großen Park. Die ehemalige Festung entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Herrenhaus mit zwei Türmen und vier Gebäudeteilen. Ein Bauernhof, Stallungen und eine Orangerie vervollständigen die Anlage.

Jahrhunderte lang residierte dort der Generalschatzmeister der Dauphiné. Er ließ auch den Südflügel anbauen. Das Schloss wechselte oft den Besitzer.

Die Stallungen. Foto: Hilke Maunder
Die Stallungen. Foto: Hilke Maunder

Paul Claudel erwarb es 1927. Der damals 59-jährige Diplomat und Dichter erfüllte sich mit diesem Anwesen den Wunsch, einen Ort für sich allein zu haben – in der Heimat seiner Frau, Reine Sainte-Marie Perrin. „Die Dauphiné ist nicht mein Geburtsland, aber sie ist meine Wahlheimat“, sagte Paul Claudel.

Die Welt im Schloss

Das Schloss von Brangues könnt ihr bei den <em>Journées de Patrimoine</em> besichtigen. Foto: Hilke Maunder
Das Schloss von Brangues könnt ihr bei den Journées de Patrimoine besichtigen. Foto: Hilke Maunder

Nach fast 45 Jahren im Ausland – 1918 war er als Diplomat in Hamburg – ging der „Berufsabwesende“, wie sich der Dichter selbst nannte, dort 1935 in den Ruhestand. Von nun an verbrachte er die langen Sommer auf dem Land und die vier Kriegsjahre in Brangues.

In Brangues empfing Paul Claudel die Welt. Sein Leben und seine Aktivitäten hielt er akribisch in einem Tagebuch fest. Auf seinen Seiten erscheinen illustre Besucher: Edouard Herriot, Philippe Berthelot, Darius und Madeleine Milhaud, Ida Rubinstein, Königin Elisabeth von Belgien, François Mauriac und der junge Jean-Louis Barrault.

Der rote Salon. Foto: Hilke Maunder
Der rote Salon. Foto: Hilke Maunder
Der Fernost-Salon. Foto: Hilke Maunder
Der Fernost-Salon. Foto: Hilke Maunder
Das Büro von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder
Das Büro von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder

Sie alle sind Paul Claudels Weg längst gefolgt. Nur ein Epitaph erinnert an den Schriftsteller: „Ici reposent les Restes et la Semence de Paul Claudel – Hier ruhen die sterblichen Überreste und der Samen von Paul Claudel.“

Ein ausgeschilderter Weg führt durch den Park zum Grab. Auf seinen Wunsch hin wurde Paul Claudel 1955 neben einem seiner Enkel, Charles-Henri Paris, der 1938 im Alter von zwei Jahren starb, in Brangues beigesetzt. 1973 wurde seine Frau Reine Sainte-Marie-Perrin an seiner Seite beigesetzt.

Ebenfalls im Schlosspark findet ihr einen kleinen Jardin Japonais, den Olivier Brière anlässlich der Rencontres de Brangues als Hommage für Claudels Liebe zu Japan schuf.  Eine kleine rote Holzbrücke überspannt dort einen imaginären Fluss.

Das Grab von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder
Das Grab von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder
Der gestaltete Grabbereich von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder
Der gestaltete Grabbereich von Paul Claudel. Foto: Hilke Maunder

Die Rencontres de Branques

Die 1972 gegründeten Rencontres de Brangues sind untrennbar mit dem Familienschloss verbunden, in dem Paul Claudel lebte. Jedes Jahr lassen die Rencontres den Geist Claudels wieder aufleben und sorgen für einen lebendigen kulturellen und humanistischen Austausch zwischen allen Genres und Gesellschaftsschichten.

Sie sind eine Hommage an das Werk und die Inspirationsquellen des Schriftstellers, für den Offenheit und Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte die höchsten Güter waren. Ehrengast des ersten Festivals 1972 war daher Léopold Sedar Senghor, der damalige Präsident Senegals.

Auf dem Programm stehen Lesungen und Inszenierungen an verschiedenen Orten im Schloss und im Park: poetisches Theater, Musik, Malerei, Poesie und Dialog – jedes Jahr im Juni. Höhepunkt der Rencontres de Brangues ist die Verleihung des Paul-Claudel-Preises.

An die beiden Künstler, die Brangues zu einem village de littérature, einem Dorf der Literatur, machten, erinnern von Mai bis September die Ausstellungen im Espace Claudel-Stendhal.

Der Espace Claudel-Stendhal. Foto: Hilke Maunder

Das Jugendbuchfestival

Die jährlich wechselnden Ausstellungen stellt der Verein Brangues Village de Littérature auf die Beine, der in Brangues nicht nur das Erbe der beiden großen Schriftsteller hochhält, sondern auch den Nachwuchs an die Literatur heranführt.

Im Frühjahr lädt sein Jugendbuchfestival Rouge Cerise Noir Corbeau bekannte Kinderbuchautorinnen und -autoren zu Lesungen und Signierstunden ins Dorf ein, organisiert Ausstellungen, prämiert Schreibwettbewerbe und schmückt das Dorf und seine Umgebung mit Land-Art.

Der ViaRhôna-Schlenker

In Groslee beginnt der ViaRhôna-Abstecher nach Brangques zu den Balkonen der Dauphiné. Foto: Hilke Maunder
In Groslée beginnt der ViaRhôna-Abstecher nach Brangues zu den Balkonen der Dauphiné. Foto: Hilke Maunder

Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, erreicht Brangues auf einem markierten Schlenker der ViaRhôna. Er führt euch mitten hinein in die unberührten Landschaften der Balcons du Dauphiné.

Während ihr zahlreiche espaces naturels sensibles, besonders sensible Naturgebiete, durchquert, könnt ihr die malerischen Klippen bewundern, die für die Isle Crémieu charakteristisch sind. Lohnenswerte Stopps sind die beschauliche Stadt Quirieu und das mittelalterliche Dorf Saint-Sorlin-en-Bugey sowie Morestel mit seinem Maler-Haus. Ein Zwischenstopp in La Balme-les-Grottes ist ein Muss, um die berühmten Höhlen zu entdecken, die zu den sieben Wundern der Dauphiné gehören.

Die Landschaft bei Brangues im Département Isère. Foto: Hilke Maunder
Die Landschaft bei Brangues im Département Isère. Foto: Hilke Maunder

Brangues: meine Reise-Infos

Schlemmen und genießen

Au Branguignol

Kreative Salate, Steak frites, Forelle und Froschschenkel: Die Karte des Landgasthofs von Brangues.
• 114, place Paul Claudel, 38510 Brangues, Tel. 04 37 05 28 30, https://aubranguignol.wixsite.com/aubranguignol

Shopping

Cœur de Gaïa Créations

Justine Gerbod fertigt auf der Töpferscheibe dekorative Gebrauchskeramik – und zeigt euch bei Töpferkursen, wie das Drehen des Tons gelingt. Ebenfalls zum Sortiment gehören Klangtherapie-Tambourine, deren Herstellung ihr ebenfalls dort kennenlernen könnt.
• 385, rue du Bourg, 38510 Brangues, Tel. 07 57 49 84 88, www.coeurdegaia.fr

Hier könnt ihr schlafen*
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Der Blick auf den unteren Dorfteil von Brangues von der Aussichtsterrasse neben der Kirche. Foto: Hilke Maunder
Der Blick auf den unteren Dorfteil von Brangues von der Aussichtsterrasse neben der Kirche. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Nur einen Katzensprung von Brangues entfernt ist das malerische Städtchen Morestel. Hier habe ich es vorgestellt.

Postkarte aus … Morestel

Im Buch

Secret Places Frankreich

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Eiffelturm, Lavendelfelder und die Schlösser der Loire sind weltbekannte Ziele in Frankreich. 60 wunderschöne Orte abseits des Trubels stellen Klaus Simon und ich in unserem dritten Gemeinschaftswerk vor.

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