Cap Ferret: Der alte Mann und das Meer

Blick von der Spitze des Cap Ferret über das Bassin d'Arcachon zur Düne von Pyla (auch: PIlat). Foto: Hilke Maunder
Blick von der Spitze des Cap Ferret über das Bassin d'Arcachon zur Düne von Pyla (auch: PIlat). Foto: Hilke Maunder

Schnurgerade ist der Küstenstreifen der Côte d’Argent. Doch auf halber Höhe hat die Eyre, ein schmaler Fluss aus den Landes, einen Durchbruch gegraben, und eine riesige Landzunge schützt das 250 Quadratkilometer große Bassin d’Arcachon vor der Brandung des Atlantiks.

Bereits im alten Diercke-Schulatlas hatte ich fasziniert diese Formation bestaunt und träumte von jenem Dünenland in XXL, das Jahrmillionen Jahre lang dem Spiel von Wind und Wellen ausgesetzt war, ehe Napoleon III. in einer riesigen Aufforstungsaktion mit Millionen von Pinien dem Sandflug ein Ende gesetzt hat.

Bei La Pointe am Cap Ferret. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Das Cap Ferret, vorher fest in der Hand der Natur und einiger Fische, wandelte sich zur Sommerfrische. Und Wochenendflucht der Großstädter. Immer wieder blitzen ihre luxuriösen Villen im dichten Kiefernwald auf. Nicht alles wurde ganz legal gebaut.

Das 44-Hektar-Paradies

Berühmt sind die 44 hectares von Cap Ferret. Das 44-Hektar-Gebiet erstreckt sich vom Ende der Conche und dem Beginn des Mimbeau bis hin zur Spitze von Cap Ferret (Mirador).

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Hier ist alles Natur, im Geist der Umgebung wie in der Architektur, die aus cabanes (Holzhäusern) oder alten Residenzen besteht. Eine Luxusadresse wie aus einer anderen Welt. Und absolut filmreif.  Auch im Film Les Petits Mouchoirs von Guillaume Canet diente das Viertel als Kulisse.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Die Entwicklung von Cap Ferret begann viel später als am Bassin Sud. Es gab lange keine Infrastruktur an Straßen, und bis heute ist so manche Strecke hinauf zum Kap eine Schlaglochpiste. Auch machten die sandigen oder sogar sumpfigen Böden das Bebauen schwierig. Erst die Anpflanzung von Kiefern legte die Böden trocken und fixierte den Dünensand.

Bei La Pointe am Cap Ferret. Foto: Hilke Maunder
Bei La Pointe am Cap Ferret. Foto: Hilke Maunder

Heute feiern Magazine, Filme und Dokumentationen das Cap Ferret als Saint-Tropez der Atlantikküste. Doch die Atmosphäre ist das genaue Gegenteil. Statt auf Urbanisierung setzt Cap Ferret alles auf die Karte der Natur und der Rückkehr zu den Wurzeln.

Der Geist des Cap Ferret der 1950er-Jahre ist heute dort so lebendig wie nie zuvor. Vivons heureux, vivons cachés  – glücklich leben, versteckt leben.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Leben wie Wilde

Benoît Bartherotte war gerade mal zwei Jahre alt, als er das erste Mal mit seinen Eltern in La Pointe an der Landspitze von Cap Ferret seine Ferien verbrachte. Später hat er die Hütte der Eltern geerbt.

Sie war einfach, erbaut im Stil der Austernzüchter, die am Rand des Beckens arbeiteten. „Wir lebten dort während der Ferien in völliger Freiheit, wie Wilde“, erzählte Benoît Bartherotte einmal der Tageszeitung Le Parisien.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Benoît, 1946 in Bordeaux geboren, machte bei Louis Féraud und mit Ancel-Esterel in der Mode Millionen. Geschickt nutzte er seine Medienkontakte, um während der Trente Glorieuses gegen das Zubetonieren der Halbinsel zu protestieren.

Als er 1985 seine Konfektionsfirma verkaufte und zum Cap Ferret zurückkehrte, verlor die Landspitze bei La Pointe jährlich 100 Meter Land, weil das Meer an ihr nagte.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der Deichbauer

Bartherottes Lösung: Er baute einen 470 Meter langen Deich. Bei Ebbe beträgt die Wassertiefe dort 31,40 Meter. Die Zugaben für Flut und starke Dünung hinzugerechnet, misst der Deich vom Meeresboden bis zur Dammkrone an seiner höchsten Stelle 40 Meter. Damit gehört der private Damm zu den höchsten Küstenschutzbauten in Europa.

Jedes Jahr muss er seinen Privatdamm mit Lastwagen voller Steine neu befestigen. Das private Bauvorhaben zog mehrere Prozesse und Klagen nach sich. Denn so ganz uneigennützig war der Damm nicht. Er schützt das Anwesen von Bartherotte und die darauf befindlichen Wohnhäuser.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Lauter Steine

Zu einem Spottpreis hatte er 1985 das Land erworben, das heute sein Deich schützt. Auf dem Gelände, nicht als Bauland ausgewiesen, errichtete er eigenhändig für sich, seine Frau Zara und ihre sieben Kinder die erste „Hütte“.

Dass das Gelände nicht zum Bauen geeignet war, zeigte sich kurz darauf, als erste Nachbarhäuser in den Fluten versanken. Bartherotte holte per Laster lauter Steine und verankerte sie mit ausgedienten Strommasten im Meer.

100 Lasterladungen an schweren Steien schaufelt er jedes Jahr ins Meer,  3.000 Tonnen Ballast jedes Jahr ist der Preis fürs Leben am hungrigen Meer. Benoît will den Ozean bezwingen. Und investiert darin sein ganzes Geld.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Prominente Gäste

All jene, die Bartherotte unterstützen, wohnten in den ersten Jahren in  La grande maison. Das „große Haus“ entstand auf den Fundamenten eines Gebäudes aus den 1940er-Jahren. Der heutige Bau erstreckt sich über drei Etagen, ist natürlich mit Holz verkleidet und von Glasfenstern umgeben, die durch das Grün die Dune du Pilat erkennen lassen.

Später fanden dort Hochzeiten oder andere Veranstaltungen statt. Zahlreiche Prominente wie der Fürst von Monaco, Leonardo DiCaprio oder Isabelle Adjani haben dort schon übernachtet.

Die Vermietungen finanzieren die Instandhaltung des Deiches. Diese „Hüttten“ von Bartherosse sind Luxusvillen, die auch schon als Filmkulisse und Fotostrecke in zahlreichen Einrichtungsmagazinen gedient haben.

Beste Aussichten!

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Den besten Überblick über das legendäre Cap Ferret bietet ein weiß-roter Leuchtturm. 1944 sprengten die Nazis das Schifffahrtssignal in die Luft, doch bereits 1947 war es wieder aufgebaut. Heute führen 258 Stufen hinauf zur Aussichtsplattform in 50 Meter Höhe.

Der Blick vom Leuchtturm zur Atlantikseite. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom Leuchtturm zur Atlantikseite. Foto: Hilke Maunder

Von dort oben eröffnen sich 360°-Panoramablicke über das Bassin, die Halbinsel und den Atlantik. Rot leuchten die Dächer aus dem Grün, in hellem Weißgold die Dünen vor dem Blau des Meeres.

Der Blick vom Leuchtturm zur Seite des Bassin d'Arcachon. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom Leuchtturm zur Seite des Bassin d’Arcachon. Foto: Hilke Maunder

Zur Seite des Bassin d’Arcachon tanzen Segelboote auf dem Wasser. Austerntische ragen aus den Fluten. Eine stille Zufriedenheit und Beschaulichkeit prägen die Aussicht an lauen Sommertagen. Und der Wunsch, solche Momente des Glücks für immer bei sich tragen zu können.

Der Doppelgruppenunterstand aus der NS-Zeit. Foto: Hilke Maunder
Der Doppelgruppenunterstand aus der NS-Zeit. Foto: Hilke Maunder

Im kleinen Park zu Füßen des Leuchtturms erinnert ein Doppelgruppenunterstand an den deutschen Atlantikwall, der zwischen Norwegen und Spanien das Dritte Reich schützen und eine Invasion der Alliierten abhalten sollte. Die meisten Besucher bemerken ihn nicht. Immer mehr erobert das Grün die Vergangenheit.

Und auch der private Damm von Benoît Bartherotte ist nicht mehr Stein des Anstoßes für die Kommune. Sondern wird heute vom Département als eine durchaus vernünftige Maßnahme zum Küstenschutz geduldet.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Jahrzehntelang hatte sich die Landspitze von Cap Ferret zurückgezogen. Am Ende der Halbinsel ist es nun der Ozean, der sich seit einem Jahr zurückzieht, und der Sand gewinnt gegenüber dem Wasser an Bedeutung.  Zwischen dem Anwesen von Benoît Bartherotte und dem Aussichtspunkt beträgt der Landgewinn je nach Standort 40 bis 100 Meter.

Dies sind Ergebnisse der Neubesandung, die die Vermessern des Geometrie-Unternehmens Parallèle 45 erfassten. Seit 2020 hat die Association de défense de la Pointe im Auftrag der Stadtverwaltung von Lège und des Syndicat intercommunal du Bassin d’Arcachon (Siba) se durchgeführt.

Der Blick vom Leuchtturm zur Seite des Bassin d'Arcachon. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom Leuchtturm zur Seite des Bassin d’Arcachon. Foto: Hilke Maunder

Cap Ferrat: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Chez Hortense

• 26, Avenue du Sémaphore, 33970 Lège-Cap-Ferret, Tel. 05 56 60 62 56

La Cabane de Mimbeau

Am südlichen Ende der Conche du Mimbeau, Cap-Ferret könnt ihr bei Austernzüchter Denis Bellocq im Saal oder auf der Terrasse, mit den Füßen im Wasser, köstliche Meeresfrüchte genießen – mit Blick auf die große Düne und die Einfahrt ins Bassin d’Arcachon.
• 28, Avenue de la Conche, 33970 Lège-Cap-Ferret, Tel. 05 56 60 61 67, www.lacabanedumimbeau.com

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

La Canfouine – Au canon

Austern schlemmen – das könnt ihr auch aufs Köstlichste bei Édouard direkt am Bassin d’Arcachon.
• Rue Sainte-Catherine, 33970 Lège-Cap-Ferret, Tel. 06 64 33 23 85

Les pieds dans l’eau

Hubert Ducout betreibt die einzige Austernbar von Le Four. Von seiner Terrasse eröffnen sich weite Blicke auf das Bassin d’Arcachon und die Düne von Pilat.
• Cabane 13, Le Four, 33950 Lège-Cap-Ferret, Tel. 05 56 60 76 59,  www.facebook.com/lespiedsdansleaucapferret

La Cabane Japajo

Was für ein schöner Platz für ein genussreiches Frühstück! Wer mag, kann dort in zwei gemütlichen Zimmern in den Holzhäusern auch übernachten.
• Avenue Léon Lesca, Le Four, BP2, 33950 Lège-Cap-Ferret, www.cabane-japajo.com

Hier könnt ihr schlafen*
Booking.com

Foto: Hilke Maunder
Die Düne von Pilat: So seht ihr sie vom Cap Ferrat. Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Im Web

www.deutschlandfunk.de/frankreichs-kuestenerosion

www.mare.de/der-mann-der-sein-geld-ins-meer-wirft

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Im Buch

Andreas Oetker_Rue du ParadisAlexander Oetker, Rue du Paradis*

Am 27. und 28. Februar 2010 stürmte der Orkan Xynthia mit 238 km/h über Frankreich. 52 Menschen starben, davon 29 allein in der Gemeinde La Faute-sur-Mer. Dieser Sturm gehört zu den heftigsten und tödlichsten Naturkatastrophen des dritten Millenniums. Er war auch ein tiefgreifendes psychologisches und soziales Trauma mit wirtschaftlichen und juristischen Folgen.

Am 14. April 2011 wurde der Bürgermeister von La Faute-sur-Mer, René Marratier, dem Untersuchungsrichter von Sables-d’Olonne vorgeführt. Die Anklage: fahrlässige Tötung und Gefährdung des Lebens anderer.

Was für ein Stoff für einen Krimi, muss sich Alexander Oetker gedacht haben. Von 2008 bis 2012 war Oetker Leiter des Westeuropa-Studios der Mediengruppe RTL Deutschland. Als Journalist hatte er damals die Tage der Flut vor Ort erlebt. Und auch die Klage verfolgt. In seinem mittlerweile fünften Krimi mit dem charismatischen Ermittler Luc Verlain verlegt er den Sturm in ein kleines Dorf am Cap Ferret.

Dort wird, mitten im Sturmgewirr, der Bürgermeister mit einer Verletzung tot aufgefunden. Die Ermittlungen bringen ein wahres Knäuel an Verwicklungen an den Tag. Jeder der Bewohner, eingeschlossen von den Fluten, hätte ein Motiv.

Ein atemberaubender Krimi nach Muster des “Mord im Orientexpress” von Agatha Christie, garniert mit viel Frankreich-Flair und Beschreibungen, die die Küste des Caps, das Bassin d’Arcachon und die Düne von Pilat sofort vor das geistige Auge zaubern. Wer mag, kann den Aquitaine-Krimi hier* online bestellen.

Das ganze Land

Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Sens, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren … oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer.  Diesen Band der Reihe habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem für mehrere Auflagen umfassend aktualisiert und erweitert.

Freut euch auf neue Insidertipps, neue Reiseziele, frischen Hintergrund und viele Erlebnisvorschläge für Aktive und Entdecker – von Lichterkunst in Bordeaux’ U-Boot-Basis bis zu Wanderungen unter Wasser.

Und damit ihr Frankreich noch besser versteht, gibt es natürlich auch viel Hintergrund zu Frankreich und seinen Menschen inklusive zahlreicher Tipps, wie ihr das Frankreich-Feeling mit nach Hause nehmen könnt. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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