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Cellefrouin: ein Dorf in der Charente

Mein Frankreich ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch?

Heute antwortet noch einmal Christine Krüger-Fore. Angeregt von der großen Resonanz auf ihren Charente-Beitrag, stellt die gebürtige Französin heute ein sehenswertes Dorf in ihrer Heimat vor.


Heute möchte ich Ihnen ein Dorf mit langer historischer Tradition vorstellen, Cellefrouin im Nordosten der Charente. Im Jahr 2025 wird Cellefrouin 1000 Jahre alt, wenn man die Gründung der Abtei im Jahr 1025 als Ausgangspunkt für die Entwicklung des Dorfes betrachtet.

Cellefrouin liegt an der Départementale D 739 zwischen Saint-Claud 45°54´N,0°28´O und Mansle 45°́N,0°11´O. Die Gemeinde hat eine Fläche von ca. 40 km² und 571 Einwohner. Sie liegt eingekesselt zwischen Kalkfelsen im Tal des Flusses Son. Das Besondere: Bis heute hat sie ihre mittelalterliche Struktur beibehalten. Kein Weiler der Gemeinde ist weiter entfernt als einen Tag Fußmarsch. Ein großer Teil der restlichen Fläche besteht aus Kastanienwäldern, unter anderem Bel-Air.

Meine Großeltern kannten Cellefrouin als kleine Gemeinde voller Leben, mit 1200 Einwohnern Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute ist es ein Geheimtipp für Künstler, Liebhaber der Natur, welche entschleunigen wollen, und für Ausländer, welche gern abseits des touristischen Trubels leben oder Urlaub machen möchten. Alle Sehenswürdigkeiten sind im Dorf oder zu Fuß zu erreichen.

Die Anfänge von Cellefrouin

Es fing mit einer Schenkung und einer Abtei an. Die Gründung von Cellefrouin beginnt mit dem Bau der Augustiner-Abtei Saint-Pierre de Cellefrouin. Ab 1025 existiert schon die Cela Froïn – Cellam Fruinensem, nachdem ein wohlhabender Mann namens Frouin dem Bischof von Perigueux finanziell geholfen hatte, eine Abtei zu bauen.

Der Begriff cella bedeutet auf Lateinisch „kleiner Raum“ also Zelle/Eremitage von Frouin. Die Einwohner sprechen heute noch unter sich von Celle statt Cellefrouin. Die Abteikirche Saint-Pierre, heute Kirche Saint Nicolas genannt, wurde zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert gebaut und erweitert.

Sie ist die älteste Kirche der Region Angoumois und beeindruckt durch ihre Größe und die Schlichtheit ihrer Innendekoration. Heute wirkt die Kirche optisch wie eingegraben aufgrund der kontinuierlichen Erhöhung der Départementale 739.

Cellefrouin. Foto: Gerhard Krüger
Cellefrouin. Foto: Gerhard Krüger

Ungeklärte Vergangenheit: heidnischer Kultort oder römische Siedlung?

Bisher konnte es nie eindeutig nachgewiesen werden, dass vor dem Bau der Abtei ein heidnischer Kultort bestand, da keine ausführlichen archäologischen Untersuchungen vorgenommen wurden. Einzige nachweisbare Fakten: Cellefrouin liegt unweit einer antiken römische Straße und eines unerforschten römischen Lagers am Ort Champ-du-Combat (wörtlich übersetzt: Schlachtfeld).

Im Mittelalter befindet sich die Siedlung auf einem Weg von Osten nach Westen nach Compostela, was die Entwicklung des Ortes ökonomisch sicherlich beeinflusst hat. Die Totenlaterne im Friedhof des Dorfes wird oft als Orientierungshilfe für die Pilger gedeutet.

Totenlaterne im Friedhof. Foto: Gerhard Krüger
Die Totenlaterne auf dem Friedhof von Cellefrouin. Foto: Gerhard Krüger

Allein gegen den Papst: Der unbeugsame Abt Foucault

Die Entwicklung des Ortes war langsam: Die Ländereien um die Abtei gehörten noch den mächtigen Herzögen von La Rochefoucauld. Im Tal des Flusses Son waren die Überschwemmungen zahlreich, und die Mönche mussten das Sumpfgebiet des Tals urbar machen.

Aber um 1096 zwang der Papst Urban II. die Augustiner-Mönche, sich den Benediktinerregeln zu beugen. Der damalige Abt lehnte ab, flüchtete, wurde Eremit und gründete schließlich eine eigene Augustiner-Abtei in Notre-Dame de Chancelade (Dordogne). Ein wahrer, standhafter Charentais.

Niedergang der Abtei und Rettung der Kirche

Die acht Religionskriege (1562 bis 1598) zwischen Katholiken und Protestanten (les huguenots) sorgten für gravierende Zerstörungen. Die Außendekoration der Kirche, bis auf eine Skulptur, wurde größtenteils zerstört. Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution verschwanden die letzten Wirtschaftsgebäude, welche als Steinbruch für die Bürger freigegeben wurden.

Nur die Kirche, heute Saint-Nicolas genannt, ist noch sichtbar. Sie selbst war durch eindringende Feuchtigkeit so baufällig, dass man einen zweiten Fußboden 1,30 m höher über den ersten errichtete. Heute noch kann man am Fuß einer Säule durch eine sauber gemauerte Öffnung sehen, wie tief der erste Boden liegt.

Bei einer ersten Restaurierung im 19. Jahrhundert verkleinerte man kurzerhand die Grundfläche der Kirche und trug Teile ab. Erst in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts fanden glücklicherweise bemerkenswerte Restaurierungsarbeiten statt. Heute ist die Kirche ein Schmuckstück der romanischen sakralen Kunst.

Skulptur der Abbatiale Saint-Pierre, im 19. Jahrhundert restauriert. Foto: Krüger-Fore
Skulptur der Abbatiale Saint-Pierre, im 19. Jahrhundert restauriert. Foto: Krüger-Fore
Cellefrouin: Skulptur Agnus Dei (Lamm Gottes ). Foto: Krüger-Fore
Skulptur Agnus Dei (Lamm Gottes ). Foto: Krüger-Fore

Wasser, Wunderquellen und Aberglauben

Auf dem Platz des Dorfes steht eine Treppe, welche ca. 7 m tiefer zum Dorfbrunnen führt. Sein Wasser fließt Richtung Waschstelle, wo die polierten Waschsteine noch zu sehen sind. Gegenüber befindet sich ein Haus mit Fassadenelementen aus dem 15. Jahrhundert. Am Ende der Straße fließt das Brunnenwasser an einer ehemaligen Mühle vorbei, heute im privaten Besitz.

Direkt neben der Mühle bringt Sie ein kleiner Weg durch Nasswiesen zum Fluss Son. Eine rustikale Brücke führt zur Quelle Saint-Martin. Dieser Weg ist nur während der trockenen Saison (Mai bis September) praktikabel. Es wird vermutet, dass diese Nasswiese zwischen Fluss Son und Brunnenbach als Karpfenbecken von den Mönchen angelegt wurde. Die Quelle Saint-Martin ist sonst über die Straße nach Beaulieu, erste Abzweigung rechts Richtung Weiler Chez Mitaud erreichbar.

Wasser!

Das Wasser spielte eine große Rolle in Cellefrouin aus unterschiedlichen Gründen. Wasser bedeutete Energiequelle, Versorgung und einen gesellschaftlichen Status. Mit ihm konnte man u.a. die Mühlen mit Energie, die Waschstellen und die Bevölkerung mit sauberem Wasser versorgen. Wer keinen direkten Zugang zum Fluss hatte, ging zur Waschstelle und erfuhr dort alle Nachrichten.

Wer gern zu den Weilern von Cellefrouin wandert, wird überall Waschstellen, Quellen, Brunnen und Zisterne entdecken. Die zahlreichen Weiher sind inzwischen fast alle verschwunden. Ab 1900 wurden verstärkt private Grundwasserbrunnen gebohrt, um Streitigkeiten unter Nachbarn zu umgehen. Wer wohlhabend war, hatte einen Wasserhahn im Haus mit fließendem kaltem Wasser. Es galt als Luxus. Die Mehrheit der Einwohner schöpfte weiter das Wasser an der Quelle und transportierte es mit Eimern nach Hause.

Der Fluss Son in Cellefrouin. Foto: Krüger-Fore
Der Fluss Son in Cellefrouin. Foto: Krüger-Fore

Manche heidnischen Traditionen konnten allerdings nicht von der katholischen Kirche unterbunden werden und wurden mit dem christlichen Glauben vermischt: Bei der Quelle Saint-Martin, der nachgesagt wurde, dass sie die Wunden von kleinen Kindern und die Augenkrankheiten heilen konnte, baute man eine Kapelle. Davon blieb nur eine Mauer erhalten, heute in einem privaten Garten. Aber der Glauben an magische Kräfte blieb: Sogar noch in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts tränkten die Bäuerinnen Kinderkleider in der Quelle, wenn ihre Kinder Hautentzündungen hatten.

Die Legende erzählt, dass eine andere Quelle, versteckt am Rande des Waldes, jungen Frauen half, wenn sie sich einen Ehemann oder ein Kind wünschten. Sie warfen als Opfergabe eine Silbernadel in das Wasser der Quelle und sagten einen Spruch. Diese Quelle (wie die Hoffnung) versiegte nie.

Ökonomischer Aufschwung im 19. Jahrhundert

Mit Beginn der Industrialisierung ab 1850 und dem florierenden Geschäft des Weinhandels und des Cognacs entwickelte sich die Gemeinde rasch. Große Scheunentore zeugten von Wohlstand. Kaum zu glauben heute, aber um 1900 hatte das Dorf Cellefrouin 1200 Einwohner, darunter zwei Bäcker, zwei Schmiede, drei Cafés, eine Poststelle, zwei Mühlen, einen Lebensmittelladen, einen Notar, einen Sattler, einen Wagenmacher, einen Stoffladen, einen Schuhladen, ein Schuster, einen Viehmarkt und mehrere Tischler.

Die Landwirtschaft stand im Mittelpunkt. Bedingt durch das Erbrecht wurden die Bauernhöfe allerdings immer kleiner, weil die Erben gleichmäßig versorgt wurden: Wer ein Haus, eine Scheune und einen Hektar Land hatte, galt schon als wohlhabend. Bis heute hält sich noch die Tradition in der Charente, ein Haus am liebsten mit einem Hektar Land oder Wald zu kaufen.

Le Petit Mairat: 84 Kilometer in 6 Stunden

Cellefrouin, der Wanderweg Richtung Weiler Goutibert. Foto: Krüger-Fore
Der Wanderweg Richtung Weiler Goutibert. Foto: Krüger-Fore

Wenn Sie das Zentrum (le Bourg) Richtung Mansle verlassen, nehmen Sie die Route de la Gare. Den winzigen Bahnhof von Cellefrouin finden Sie nach circa 20 Min. Fußmarsch, heute allein am Rande eines Wanderweges Richtung Weiler Les Pradelières gelegen. Er war damals die wichtigste Anbindung an den Städte Confolens und Angoulême, wo man seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse verkaufen konnte.

Le Chemin de fer économique (CFEC) trug den Namen des Abgeordneten Paul Mairat (1865–1924), der sich stark für den Bau einer Schmalspurenlinie eingesetzt hatte. Von Angoulême, über Cellefrouin nach Confolens brauchte man 1910 sechs Stunden für 84 Kilometer. Da man oft aussteigen musste, um die Eisenbahnwagen zu schieben, nannten ihn die Charentais Le tortillard (von tortiller= sich wie ein Wurm winden). 1945 wurde die Strecke geschlossen.

Die Gemeinden bekamen die Bahngebäude und die Grundstücke zurück. Die kleinen Bahnwärterhäuschen wurden rasch verkauft. Heute bilden die ehemaligen Trassen des Petit Mairat hübsche Wanderwege u.a. Richtung Weiler Les Pradelières und Weiler Goutibert.

Entlang der Strecke sind ehemalige Mühlen sichtbar und charmante kleine Brücken. Einige Mühlen sind jetzt Zweitwohnsitz oder Ferienwohnungen geworden. Manche sind nur noch Ruinen, von Efeu überwuchert.

Kleine Steinbrücke - Wanderstrecke nach Weiler Les Pradelière. Foto: Krüger-Fore
Kleine Steinbrücke an der Wanderstrecke zum Weiler Les Pradelières. Foto: Krüger-Fore

Besonderheit des Erbrechts und verborgene Schätze

Bis in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurden überflüssige Gebäude in Cellefrouin abgerissen, die Hauptstraße erweitert und erhöht und Teile von älteren Klostergebäuden zu Wohnhäusern umgewidmet. Auf einer Seite der Straße wurde dadurch das Erdgeschoss der ältesten Häuser zum Keller und das erste Stockwerk zum Erdgeschoss. Es ist auch daher nicht erstaunlich, dass manche Häuser gotische oder romanische Stilelemente aufweisen. Hinter dem dicken Putz, der gegen harte Winter schützen soll, bleiben oft Architekturschätze unentdeckt.

Der Grund liegt am Erbrecht: Im Südwesten Frankreichs herrschte nämlich sehr früh das römische Recht als juristische Basis. Während im Norden Frankreichs der älteste Sohn alles erbte, galt im Südwesten die gleichmäßige Verteilung der Erbmasse. War zum Beispiel im Südwesten nur ein Haus vorhanden, wurde es zwischen den Erben geteilt.

So verfügen heute noch in Cellefrouin drei Eigentümer über ein Drittel eines Turmes mit Treppe. Im Laufe der Jahrhunderte musste jede Erbfamilie ihre eigenen neuen Fenster und Eingänge bauen. Manch neuer Eigentümer entdeckt heute noch mit Begeisterung mittelalterliche Gewölbe oder Türen, welche vor Jahrhunderten zugemauert wurden.

Grundschule und Rathaus von Cellefrouin vor Renovierung 1990. Foto: Krüger-Fore
Die ehemalige Grundschule. Zustand im Jahr 1990. Heute im privatem Besitz. Foto: Krüger-Fore

Die Schule von Cellefrouin

Zwei Monumente dominieren den zentralen Dorfpllatz in Cellefrouin: die massive Kirche und die monumentale Schule gegenüber. Sie illustrieren optimal die Antagonismen zwischen Staat und Kirche. Diese Grundschule symbolisiert eine wichtige Wende im französischen Schulsystem. Erst ab 1881 und 1882 erklärt Jules Ferry (1832-1893), der damalige Bildungsminister, die Schule für kostenlos und obligatorisch für die Kinder von 6 bis 13 Jahren. Ab 1905 herrscht die Trennung vom Staat und Religion.

Die Architektur der neuen Schulen wurde sehr gepflegt, damit sie monumental wirkten: Steinmauer und Lehmdachziegel sollten die Landbevölkerung beeindrucken. Rathaus und Schule sind in Cellefrouin unter einem Dach.

Die Aufschrift RF (République Française) signalisierte, dass die Grundschule Sache des Staates sei und dort sollten die republikanischen Werte weitergegeben werden. Wer die Fassade betrachtet, merkt, dass die Architekten den Gesundheitsregeln der Befürworter der Volkshygiene gefolgt sind: Die Schulräume haben eine hohe Decke, große Fenster lassen das Licht hinein.

Zu Recht waren die Einwohner auf diese neue Schule stolz. Über einen kleinen Weg hinter dem Dorfbrunnen kommt man zur ursprünglichen Schule des 19. Jahrhunderts im Weiler Les Elots, nah am Friedhof. Es handelt sich um eine kleine, bescheidene Kate mit ursprünglich einem Raum. Über der Schwelle kann man noch die Aufschrift École communale lesen. 1990 waren diese Gebäude noch in unverändertem Zustand.

Auf Bildung müssten die Mädchen im Allgemeinen länger warten: Cellefrouin mit seinen 1200 Einwohnern war unter den fortschrittlichen Gemeinden. Erst ab 1850 wurde dank der Loi Falloux die Gründung einer Mädchenschule in Gemeinden mit mehr als 800 Einwohnern Pflicht.

Die ehemalige Grundschule .Zustand im Jahr 1990. Heute im privatem Besitz. Foto: Krüger-Fore
Grundschule und Rathaus von Cellefrouin vor der Renovierung 1990. Foto: Krüger-Fore

Das Schloss Maine Salomon

Le Maine Salomon (Maine = Großes Haus) befindet sich unweit des Friedhofs und der ehemaligen Schule. Es ist ein Schloss, welches das Tal des Son und das Dorf Cellefrouin dominiert. Errichtet im 15. Jahrhundert, gehörte er dem adligen Geschlecht der de la Rochefoucauld. Spätere Eigentümer haben das Gebäude drastisch umgebaut. Heute gehört das Schloss einem renommierten Pariser Zeichner, Maler und Illustrator. Le Maine Salomon ist ein Privatanwesen und kann nicht besichtigt werden.

Die reformierte Kirche und le temple protestant

Cellefrouin verfügt über ein Zeugnis der früheren protestantischen Gemeinde: ein Gotteshaus, auf Französisch le temple protestant genannt. Es befindet sich an der D739 am Ausgang von Cellefrouin Richtung Mansle. Die Bezeichnung Tempel ist nicht despektierlich. Sie wurde von Calvin gewählt: Die Versammlung der Christen bildete für ihn das wahre Gotteshaus.

Da die Protestanten von Ludwig dem XIV. verfolgt wurden, versammelten sie sich oft in Scheunen. Erst im 19. Jahrhundert wurden größere Häuser gebaut. Üblicherweise wurden sie fern von der katholischen Kirche, am Eingang der Gemeinde, oft auf einer Anhöhe errichtet. Das Gotteshaus war nicht nach der aufgehenden Sonne orientiert. Diese Besonderheiten treffen in Cellefrouin zu.

Der temple protestant im Jahr 1990. Foto: Krüger-Fore
Der temple protestant im Jahr 1990. Foto: Krüger-Fore

Protestantische Tempel stechen im Allgemeinen durch die Schlichtheit der Inneneinrichtung hervor. In Cellefrouin (Baujahr vermutlich 1871) war sie besonders karg und der Bau in neoklassischer Form schlicht. Leider wurde diese Schlichtheit zum Verhängnis und der Tempel, der nicht zum Inventar der historischen Monumente zählt, steht jetzt in Ruinen.

In der Charente leben heute circa 800 protestantische Familien; sie gehören meistens der reformierten Religion nach Calvin an. In Frankreich zählen 3 % der Bevölkerung zum Protestantismus; es ist die dritte Religion nach dem Katholizismus und dem Islam. Die Gruppe der Lutheraner und Mitglieder der reformierten Kirche zählt insgesamt 600.000 Mitglieder.

Landschaft und Wanderwege

Die Landschaft des Tals um Cellefrouin hat eine radikale Veränderung durch die Landflucht der 70er-Jahre durchgemacht. Heute entwickelt sich zunehmend der sanfte Tourismus, und seit der Schöpfung des internationalen Comicfestivals von Angoulême entdecken immer mehr Künstler das besondere Licht und die Abgeschiedenheit des Tals. Während früher jede Parzelle akkurat bestellt war, stellt man heute fest, dass zahlreiche Wälder und Parzellen entlang des Flusses Son der Natur überlassen wurden. Nur noch vereinzelt existieren Landwirtschaftsunternehmen.

Auf den Kalkplateaus findet man noch zahlreiche Fossilien, u.a. Ammoniten, welche daran erinnern, dass zur Jurazeit die ganze Region ein Sumpf mit tropischer Vegetation war. Feuersteine findet man auch häufig, während Dolmen (Megalithen) fast vollständig verschwunden sind, weil sie der Landwirtschaft buchstäblich im Weg standen.

Das Gesetz zum Schutz der Dolmen kam leider meistens zu spät. Nur die Namen von manchen Weilern wie La Pierre Plantée (Wörtlich: der gesetzte Stein) nah am Weiler Chavagnac, über die D175 nach Saint-Claud, erinnert daran, dass dort Megalithen standen. Der jetzige Stein wurde von den Bewohnern des Ortes im 20. Jahrhundert aufgestellt.

Schachblume (Fritillaria meleagris ). Foto: Gerhard Krüger
Schachblume (Fritillaria meleagris). Foto: Gerhard Krüger

Zahlreiche Wege durch Wälder und Felder laden zum Spaziergang ein. Die liebliche Vegetation aus Hecken, kleinen Bächen und kleinen Hügeln bildet eine malerische Kulisse. Sonnenblumenfelder sind typisch für die Region und liefern zahlreiche Fotomotive. Auf den Nasswiesen entlang des Flusses ist es noch möglich, Schachblumen (fritillaria meleagris) und die wilden Schwertlilien (iris pseudacorus) ab April zu bewundern. Die Busch-Windröschen (anemosa nemorosa) wachsen im Walde so zahlreich, dass sie richtige Teppiche bilden.

Mit Glück werden Sie vielleicht einige Exemplare der gefährdeten alten Rasse der Baudet du Poitou (Poitou-Großesel) in Feldern sehen, da mehrere Familien beschlossen haben, diese Tiere wieder zu züchten.

Baudet du Poitou . Foto: Krüger-Fore
Baudet du Poitou . Foto: Krüger-Fore

Lokale Geschichte und Persönlichkeiten

Diese drei Persönlichkeiten sind eng mit Cellefrouin verbunden und haben das kollektive Gedächtnis der Gemeinde geprägt.

Abt Rousselot und die Dialekte in Cellefrouin

Cellefrouin steht in direktem Zusammenhang mit dem Phonetiker Abt Rousselot (1845 in Saint Claud geboren  – 1924 in Paris gestorben). 1879 startete er die Erforschung der gesprochenen Sprache in Cellefrouin, weil seine Eltern 5 km entfernt in Saint-Claud verschiedene französische Dialekte sprachen. Erst 1891 promovierte er mit einer Arbeit über die phonetischen Veränderungen einer Sprache unter dem Einfluss von Dialekten. Sein erstes Werk war Les modifications phonétiques du langage étudiées dans le patois d’une famille de Cellefrouin (Charente). Er gilt als Gründer der Phonetik in Frankreich.

Emile Béquet und das Glossar der Familiennamen von Cellefrouin

Emile Béquet, ein pensionierter Grundschullehrer von Cellefrouin, der eng in Kontakt mit Abt Rousselot war, arbeitete akkurat eine Liste der Familiennamen von Cellefrouin und ihres Ursprunges und veröffentlichte sie 1932. Diese Liste enthält neben Spitznamen aus dem Mittelalter zahlreiche Namen mit gallo-romanischem und einige mit germanischem Ursprung.

Marie-Louise Bosc Postleiterin – Erste Frau in leitender Position

In einem Land, wo die Rechte der Frauen Ende des 19. Jahrhunderts noch sehr eingeschränkt waren, wurde die Ernennung von Marie-Louise Bosc (1870 – 1933) zur Postleiterin des Ortes eine kleine Sensation.

Ab 1903 gab es 4000 Frauen in ganzen Frankreich (zum Vergleich, man zählte 1914 123 000 Postleiter), welche diese Prüfung bestanden hatten. Sie übten die gleiche Tätigkeit und trugen die gleiche Verantwortung, wurden aber weniger entlohnt. Marie-Louise Jean war in der Charente in Aunac geboren. Sie setzte sich in dieser sehr patriarchalen Gesellschaft durch und heiratete einen Wein- und Holzhändler.

Cellefrouin. Foto: Gerhard Krüger
Cellefrouin. Foto: Gerhard Krüger

Nach Cellefrouin reisen

Cellefrouin ist über die N141 47 km von Angoulême entfernt. Bis La Rochelle (Charente -Maritime) fährt man 150 km, bis Perigueux (Dordogne) 104 km und Poitiers (Vienne) 96 km. Von Paris nach Cellefrouin sind es 433,2 km über die Autobahn A10 Richtung Bordeaux. Diese günstige Lage zieht immer mehr Leute an, die gern in die Dordogne oder an den Atlantik fahren möchten, ohne die dort üblichen kräftigen Immobilienpreise für Feriendomizile bezahlen zu müssen.

Der dortige Flughafen Angoulême-Cognac befindet sich in der Stadt Champniers 12 km nordöstlich von Angoulême. Er ist für Privat- oder Geschäftsflüge reserviert. Die nächsten Flughäfen sind Bordeaux (direkte Verbindung mit dem Zug nach Angoulême 2:40 Stunden) Poitiers und Limoges.

Verpflegung und Unterbringungsmöglichkeiten in Cellefrouin

Cellefrouin hat kein Hotel, aber mehrere gîtes in der Nähe. Um aktuelle Angebote zu bekommen, tippen Sie einfach im Internet Gites à Cellefrouin code postal 16260. Eine ganze Reihe von Angeboten in einem Umkreis von 11 km wird aufgelistet. Zahlreiche Bed an Breakfast und Ferienwohnungen werden von englischen Mitbürgern geführt. Wenn Sie wandern möchten: Das Wetter ist am schönsten ab Mai bis Ende September.

Es gibt leider kein Café und keine Bäckerei mehr. Für Ihre Lebensmittelversorgung können Sie nach Saint-Claud (5 km entfernt) oder nach Chasseneuil/Bonnieure (10 km) fahren. Jeden Samstag findet dort ein kleiner Markt statt. In den beiden Städtchen finden Sie Restaurants, Bäcker und mehr.


Der Beitrag von Christine Krüger-Fore über Cellefrouin ist ein Gastartikel in einer Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ihr wollt mitmachen? Dann denkt bitte daran: 

• Keine PDFs.

• Text: per Mail in Word, Open Office oder per Mail. Denkt daran, euch mit ein, zwei Sätzen persönlich vorzustellen.

• Fotos: Bitte schickt nur eigene Bilder und jene möglichst im Querformat und immer in Originalgröße. Sendet sie gebündelt mit www.WeTransfer.com (kostenlos & top!)  – oder EINZELN ! – per Mail. Bitte denkt an ein Foto von euch – als Beitragsbild muss dies ein Querformat sein.

• Ganz wichtig: Euer Beitrag darf noch nicht woanders im Netz stehen. Double content straft Google rigoros ab. Danke für euer Verständnis.

Vor der Veröffentlichung erhaltet ihr euren Beitrag zur Voransicht für etwaige Korrekturen oder Ergänzungen. Erst, wenn ihr zufrieden seid, plane ich ihn für eine Veröffentlichung ein. Merci !

Ich freue mich auf eure Beiträge! Alle bisherigen Artikel dieser Reihe findet ihr hier.

2 Kommentare

  1. Ich freue mich riesig über diesen Beitrag!
    Heute – Pfingstsonntag 2024 – war ich gerade dabei, mein antiquarisch erworbenes Zoodiaque-Echter-Buch „Angoumois Roman“ (von 1961) zur Hand zu nehmen und zum ich-weiß-nicht-wievielten Male das Kapitel über Cellefrouin zu lesen bzw. die Bilder anzuschauen. Da kam mir die Idee, ich könnte Cellefrouin – einfach mal so, wahrscheinlich ohnehin vergebens – bei google eingeben; so kam ich also zu diesem Artikel.
    Persönlich war ich 2 Mal in Cellefrouin, 1987 (als assistante allemande am Lycée Marguerite de Valois in Angoulême) und 2 oder 3 Jahre später anlässlich eines Besuchs in der Charente. Mich hat es beide Male über alle Maßen beeindruckt und in eine ehrfurchtsvolle Stimmung angesichts dieses großartigen Zeugnisses der Romanik versetzt.
    Im übrigen habe ich die ganze Charente in mein Herz geschlossen und als Französischlehrerin hängt mein Herz natürlich auch an ganz Frankreich.
    Als Sprachwissenschaftlerin habe ich die Bemerkungen über Abt Rousselot mit Interesse gelesen. Aber im Angoumois sprach man meines Wissens noch nie okzitanisch. Es muss sich also um Dialekte des Französischen handeln. Wenn mir jemand weitere Hinweise auf diese Publikation geben könnte, wäre ich sehr dankbar.
    Herzlichen Dank für diesen schönen Beitrag!

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