Chanaz: das kleine Venedig Savoyens

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Chanaz am Canal de Savière. Foto: Hilke Maunder

Es hat sich gut versteckt, das mittelalterliche Dörfchen Chanaz. Zwischen der Rhône und dem Lac du Bourget säumt es den Canal de Savière. Die nur 4,5 Kilometer lange Nabelschnur zwischen den beiden Gewässern sorgt seit der ersten Besiedlung in der Steinzeit für geschäftiges Treiben und gutes Auskommen.

Wo einst Binnenschiffer Waren im Handel zwischen Frankreich und Savoyen umschlugen, starten heute Ausflugsfahrten auf dem Flüsschen, das im 19. und 20. Jahrhundert kanalisiert wurde.

Le Savoyard, eines der vielen Ausflugsschiffe von Chanaz. Foto: Hilke Maunder
Le Savoyard, eines der vielen Ausflugsschiffe von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

Der Lauf-Wechsel des Savière

Der kanalisierte Fluss ist ein Unikum. Bei Hochwassern der Rhône ändert er seine Fließrichtung. Dann fließt er nicht von seinem Quellgrund im Marais de Chautagne im Norden des Lac du Bourget in die Rhône. Sondern drücken die Fluten von Frankreichs stärkstem Fluss in Frankreichs größten Bergsee. Heute reguliert eine Schleuse bei Chanaz den Ab- und Zufluss an der Mündung.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Die Rhône bei der Einmündung des Canal de Savières

Eine Petite Cité de Caractère

Als Petite Venise de Savoie  und Mitglied der Petites Cités de Caractère ist Chanaz heute ein beliebtes Ausflugsziel, in dem es vor allem im Sommer ab zehn Uhr früh sehr voll wird.

Für die Fahrzeuge der jährlich rund 150.000 Besucher wurden kostenpflichtige Großparkplätze auf deren rechten Kanalseite direkt neben Campingplatz, Hafen und Radwanderstrecke ViaRhôna angelegt.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Die Fußgängerbrücke von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

Hinüber ins alte Chanaz führt in fünf Minuten eine hohe Bogenbrücke für Fußgänger, die Lehrer und Schüler des Gaspard-Monge-Gymnasiums in Chambéry entworfen und gebaut haben. 1989 wurde sie eingeweiht.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Direkt an der Fußgängerbrücke ist ein Lastkahn vertäut, auf dem ihr Honig erwerben könnt. Foto: Hilke Maunder

Kommt morgens!

Am schönsten ist Chanaz am Morgen. Vom Rad- und Spazierweg auf der anderen Kanalseite seht ihr, wie die Sonne langsam die Fassaden erobert und zum Leuchten bringt. Dann pilgern die Einheimischen zum Bäcker, versorgen sich mit Baguette, Croissant und Co. und tauschen den neueste Dorftratsch aus.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Stillleben aus den Gassen von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

Die Gastwirte stellen Stühle und Tische auf das Trottoir, und finden noch Zeit für einen Plausch. Friedlich wirkt Chanaz dann, ruhig, beschaulich und ursprünglich. Gegen Mittag wird es belebter.

Dann sind die Restaurants am Kai bis auf den letzten Platz besetzt, wird der erste Wein entkorkt. Und liegt trotz allen Trubels eine entspannte Zufriedenheit über dem Ort.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Das Erbe der Römer

Die Wurzeln von Chanaz liegen im gallorömischen Hafen Partout. Im 5. Jahrhundert hatten sich Töpfer dort am Ufer des Savière-Kanals niedergelassen.

Das Handwerk boomte damals – zumal die Handwerker des kleinen Ortes von einer erstklassigen Wasserstraße für den Transport direkt vor der Haustür profitierten. Doch der Klimawandel ließ das Wasser um mehr als vier Meter ansteigen und den kleinen Hafen untergehen.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Das Museum in der ehemaligen Kapelle und die Maison de Boigne. Foto: Hilke Maunder

Archäologische Ausgrabungen, die zwischen 1976 und 1988 durchgeführt wurden, brachten elf Tonnen gallorömischer Töpferwaren ans Tageslicht. Sie zeigt ein kleines Museum in der einstigen gotischen Kapelle Notre-Dame-de-Miséricorde aus dem 15. Jahrhundert.

Auch Schmuck, Alltagsgegenstände, Werkzeuge, Münzen und Amphoren erinnern an das tägliche Leben, das Handwerk und den Handel gegen Ende des Römischen Reiches.

Das stattlichste Haus im Ort

Infotafeln wie diese findet ihr vor allen sehenswerten Stätten von Chanaz. Foto: Hilke Maunder
Infotafeln wie diese findet ihr vor allen sehenswerten Stätten von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

Nach dieser Katastrophe wurde das Leben drei Kilometer entfernt wiederaufgebaut. Im Mittelalter wurde die kleine Stadt schnell zu einem wichtigen Politikum. Sie war Grenzposten zwischen Savoyen und Frankreich und Nadelöhr für den Flusshandel. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert war Chanaz eine savoyische châtellenie, die Flusszölle erhob.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Der Taubenturm von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

Ein Jahrhundert später verkaufte der Herzog von Savoyen dieses Lehen und seinen befestigen Grenzsitz von Chanaz an die Familie Mareste, Adlige aus der Chautagne. Nach der Französischen Revolution war es der Graf von Boigne, der das stattlichste Haus des Städtchens kaufte.

Neben dem Anwesen erhebt sich seit dem 13. Jahrhundert ein runder Taubenturm. Der pigeonnier wird heute nicht mehr genutzt. Wohl aber der four banal, der ebenfalls zum gräflichen Grundstück gehörte.

Auch das pain au chocolat kommt täglich frisch aus dem four banal. Foto: Hilke Maunder

Stolz verhaftet in der Tradition seiner Vorfahren, backt der Dorfbäcker bis heute jeden Tag Brot und Gebäck im Gemeinschaftsofen der Maison de Boigne.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Gegenüber vom Rathaus wohnt offensichtlich ein Autoliebhaber. Foto: Hilke Maunder

Wer weiter durch die Gassen flaniert, entdeckt bestimmt auch die Craft-Beer-Brauerei des Ortes, die eine Handvoll Stühle im Sommer in die Gasse stellt.

Weiter den Hang hinauf kommt ihr zur Kaffeerösterei, die Didier in einem einstigen Weinkeller eröffnete. Von dort bieten sich traumhafte Ausblicke den Rhônehafen und die amphibische Landschaft zu Füßen des Grand Colombier im Département Ain.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Chanaz: meine Reisetipps

Schlemmen & genießen

Auberge de Savières

Direkt am Kanal, direkt im alten Ort: Madame und Monsieur Franquine von der Auberge de Savières gelingt der Spagat zwischen schneller Urlaubsküche, ehrlicher Hausmannkost und modernen Essgewohnheiten. So gibt es brochet (Hecht) wie burger und Menüs mit oder ohne Fisch, Geflügel oder Fleisch.

Das Hauptgebäude war zu Beginn des Jahrhunderts eine Posthalterei, in der Reisende von Lyon nach Turin logierten. Seit 1904  ist die Auberge ein reines Restaurant. Beim Umbau erhielt die Gaststube einen zentralen Kamin, auf dem einst vor den Augen der Gäste Fleisch und Fisch gegrillt wurden.
• 545, Route du Canal, 73310 Chanaz, Tel. 04 79 54 56 16, https://savieres.com

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Der Blick auf Chanaz von der anderen Kanalseite mit der Auberge de Savières. Foto: Hilke Maunder

Verwöhnadresse (10 km südlich): Les Morainières

Zwei Sterne funkeln über der Küche von Michaël Arnoult. Seine Frau Ingrid und ihr Team servieren in einem aussichtsreichen Speisesaal. Berge, Rhône, Täler und Weinberge verschmelzen zu einer großartigen Landschaft. Direkt hier liegt auch die Heimat der AOC Roussette de Marestel. 

Der Weinberg erstreckt sich über die breiten Hänge der Montagne du Chat. Ihre Böden aus Kalkstein und Geröll bieten den Rebstöcken oft kein Erdreich zum Wurzeln. Die Reben werden dann direkt in den Boden gepflanzt, manchmal sogar mit einem Presslufthammer. Die schlechte Beschaffenheit lässt keine Erträge zu (25 hl/ha). Die Produktion ist mit 1.000 hl/Jahr klein und fein.

Auch der Geschmack der Roussette ist einzigartig. Typisch sind ihre Aromen von getrockneten Früchten. Mitunter schmeckt es am Gaumen nach Birne, begleitet von einem minzigen Abgang. Köstlich! Sechs geräumige Gästezimmer mit modern wie edel interpretiertem Landhaus-Charme laden zur Nacht.
• 1400 route de Marestel, 73170 Jongieux, Tel. 04 79 44 09 39 , www.les-morainieres.com

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Craft Bier, hausgemacht in Chanaz. Foto Hilke Maunder

Bière du Biez

Pascal Moreau braut mit Leidenschaft Craft-Biere, die in der Flasche nachgären:  blond, weiß, bernsteinfarben, braun, IPA, schwarz, mit Edelraute (génépi)  sowie Saisonbiere.
• 136, route du Canal, 73310 Chanaz, Tel. 04 79 52 22 19, mobil 06 59 47 93 80, www.brasserie-de-chanaz.fr

Brûlerie

In einem alten Weinkeller aus dem 15. Jahrhundert röstet Didier Cornetti sortenrein sowie Hausmischungen und Kaffeespezialitäten aus Indien, Costa Rica, Kenia und Italien. Und packt seine Kaffees fein gemahlen auch in hauseigene Kapseln, die in Nespresso-Maschinen passen.
• 82, Montée du Fort, 73310 Chanaz,  Tel. 06 75 84 23 70, www.bruleriedechanaz.com

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Die brûlerie. Foto: Hilke Maunder

Moulin de Chanaz

Um 1868 drehten sich drei Wassermühlen in Chanaz. Zwei sind heute restauriert, doch nur eine erwachte nach mehr als 40 Jahren des Vergessens wieder zu  neuer Betriebsamkeit. Im Moulin de Chanaz dreht sich wieder ihr 6,30 Meter hohes Schöpfrad.

Ganz nachhaltig liefert es die Energie, mit der ein wuchtiges Kalksteinrad die Nüsse zerkleinert. Das Nussmus wird kurz erhitzt und wandert dann in die Presse. Heraus fließt goldgelb Walnuss- und Haselnussöl in Aromen, die nahezu verloren waren.
• Rue du Moulin, 73310 Chanaz, Tel. 07 86 70 78 69, www.moulindechanaz.com

Schlafen

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Auch in Ferienhäusern auf Stelzen könnt ihr in Chanaz Urlaub machen.

Camping des Îles

Zum städtischen Zweisterne-Campingplatz gehören auch Ferienhäuser auf Stelzen, die über dem Wasser schweben. Sie sind ausgelegt für vier Gäste.
• 681, Route de l’écluse, 73310 Chanaz, Tel. 04 79 54 58 51, www.campingdechanaz.com/hebergements/ilots-de-chanaz-4-pers

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Aktiv

Wandern

Der Jakobsweg berührt Chanaz ebenso wie der Weitwanderweg GR 65. Foto: Hilke Maunder
Der Jakobsweg berührt Chanaz ebenso wie der Weitwanderweg GR 65. Foto: Hilke Maunder

Chanaz ist Wanderland. Zu den schönsten Zielen, die ihr auf Tagestouren zu Fuß erreichen könnt, gehört dieses Trio.

Lac du Bourget

Er ist der größte (18 km) und der tiefste (145 m) der französischen Naturseen. Lamartine und die Romantiker machten den Ort in den Bergen zu einem Mekka der französischen Poesie. Bei starkem Wind tanzen Schaumkronen auf der Wasserfläche. Dann zieht es die Windsurfer auf die Wasserfläche, auf der Schwäne ruhig dahingleiten.

Der Lac du Bourget bei Châtillon. Foto: Hilke Maunder
Der Lac du Bourget bei Châtillon. Foto: Hilke Maunder

Abtei Hautecombe

Zisterziensermönche gründeten im Jahr 1139 die Abtei am See von Bourget, die in ihrer Abteiboutique Erzeugnisse aus dem eigenen und anderen Klöstern Frankreichs vertreibt. Bei Führungen könnt ihr das Innere der Anlage entdecken. Seit Graf Humbert III.  auf Hautecombe im Jahr 1189 begraben wurde, ist die Abtei die Begräbnisstätte des Hauses Savoyen.

Die Abtei von Hautecombe am Lac du Bourget. Foto: Hilke Maunder
Die Abtei von Hautecombe am Lac du Bourget. Foto: Hilke Maunder

Le Grand Colombier

1534 Meter hoch thront Le Grand Colombier über Culoz. Der letzte Gipfel des Juramassivs bietet ein unvergleichliches Panorama auf die nahen Alpen und drei Seen: Lac Léman, Lac d’Annecy und Lac du Bourget.Die steile Straße hinauf zum Gipfel begeistert Radsportler.

Die Rhône südlich von Chanaz. Foto: Hilke Maunder
Die Rhône südlich von Chanaz. Am Horizont erhebt sich Le Grand Colombier. Foto: Hilke Maunder

Radfahren

Dem Canal de Savière folgt ein Radweg; auch das Umland bietet viele Radwege und voies vertes, wenig befahrene Straßen abseits vom Verkehr. Die Radwanderroute ViaRhôna führt direkt am Ort vorbei.

Auf dem Wasser

An der base de loisir könnt ihr Kanus, Kajaks und Elektroboote ausleihen.

Der Bootshafen

Wer mit dem Boot anreist, findet hier Preise und Infos für Gastlieger. Beim Befahren des Canal de Savière gilt ein Tempolimit von 6 km/h.

Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Von den Liegeplätzen des Rhônehafens Chanaz blickt ihr auf das Bergmassiv des Grand Colombard. Foto: Hilke Maunder
Chanaz, Savoie. Foto: Hilke Maunder
Der Rhônehafen von Chanaz. Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Im Blog

Radwandern auf der ViaRhôna

Chanaz liegt direkt an der Radwanderroute ViaRhôna, die vom Genfer See ans Mittelmeer führt. Mehr zur wunderschönen Radroute und ihren Teilstrecken erfahrt ihr hier.

Radwandern: Unterwegs auf der ViaRhôna. Foto: Hilke Maunder
Unterwegs auf der ViaRhôna. Foto: Hilke Maunder

Im Buch

Das ganze Land

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Blumen auf der Leiter: ein blühender Hausschmuck in Chanaz. Foto: Hilke Maunder

 

 

 

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht, liebe Hilke. Da wir seit Jahren ganz in der Nähe leben, ist Chanaz, der Canal, der Lac und die weitere Umgebung mittlerweile wo etwas wie unser zweites Wohnzimmer, und beim Lesen deines Berichts fühle ich mich, als würde ich jeden Schritt mit dir gehen. Wie die schon sagst … Chanaz ist ein echtes Kleinod. Was ich noch ergänzen möchte : es lohnt sich in jedem Fall ein Boot zu mieten und den Canal bis auf den Lac du Bourget zu fahren. Bei der Einfahrt auf den See bietet sich ein wunderbarer, einzigartiger und unvergesslicher Blick über den See bis auf die meist noch schneebedeckten Gipfel der französischen Alpen.

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